Zur Europäischen Impfwoche

Gerüchte und Wahrheiten: Der Impf-Faktencheck klärt auf

Autor: 
dpa
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24. April 2019
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Mehr als 90 Prozent der deutschen Erstklässler sind gegen etliche schlimme Krankheiten geimpft. Der Piks ist freiwillig. Gesundheitsexperten empfehlen Eltern jedoch dringend, gegen gewisse Krankheiten zu impfen. Dazu gehören unter anderen Tetanus, Keuchhusten, Kinderlähmung und Masern. ©dpa - Fredrik von Erichsen

Soll ich mein Kind impfen? Viele Eltern sind durch Debatten im Netz oder in der Kita verunsichert. Hier sind einige Fakten für den Durchblick.

Impfen als Pflicht? Die Diskussion darüber hat sich auch an Masernausbrüchen in Schulen entzündet. Dort sind manchmal zu wenige Kinder immunisiert. Geht es ums Impfen, wird es schnell emotional. Argumente von Impfbefürworten treffen auf Äußerungen von Impfgegnern. Was stimmt und was stimmt nicht? Ein Faktencheck zur Europäischen Impfwoche vom 24. bis zum 30. April.

 

Behauptung: Es gibt immer mehr Impfgegner.

Das stimmt nicht.

Fakten: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung untersucht regelmäßig die Einstellung zum Impfen. Die jüngste Befragung von 2016 zeigt, dass der Anteil der Impfbefürworter gestiegen ist - von 69 Prozent im Jahr 2014 auf 77 Prozent 2016. Der Anteil der Befragten mit Vorbehalten gegen Impfungen ist dagegen deutlich gesunken, von 25 Prozent 2014 auf 18 Prozent 2016. Der Anteil der Befragten mit einer ablehnenden oder eher ablehnenden Haltung ist leicht gesunken, von 6 Prozent 2014 auf 5 Prozent 2016.

 

 

Behauptung: Wenn man sich impfen lässt, kann die Krankheit erst Recht ausbrechen.

Das ist falsch - mit extrem seltenen Ausnahmen.

Fakten: »Die meisten Impfstoffe heute sind Impfstoffe, in denen nur noch Teile des Erregers vorkommen«, erläutert Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). In diesen Mitteln seien also keine vermehrungsfähigen Erreger, die Krankheiten auslösen könnten. Im Unterschied dazu gebe es Lebendimpfstoffe, die abgeschwächte Varianten eines Erregers enthielten. Beispiele dafür sind Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln und Gelbfieber. »Diese Erreger können sich begrenzt vermehren«, sagt Cichutek. »Aber sie können die entsprechende Infektionskrankheit nicht mehr auslösen.«

Es gibt aber Ausnahmen: Im Ausland könne es auf drei bis vier Millionen mit Polio-Lebendimpfstoff - der in Deutschland nicht mehr gegeben wird - immunisierte Menschen im Schnitt bei einem Menschen zu Rückmutationen kommen, sagt Cichutek. Das heißt, dass dieser Mensch wirklich durch die Impfung Polio bekommt. Dieses sehr seltene Risiko werde aber toleriert, um Polio weltweit ausrotten zu können - und damit noch mehr Menschen vor dem Tod oder lebenslangen Behinderungen zu bewahren.

Bei den Masern gibt es zudem eine Besonderheit. So bekämen etwa 5 bis 15 Prozent der Geimpften besonders nach der ersten Masern-Immunisierung sogenannte »Impfmasern« mit mäßigem Fieber, flüchtigem Ausschlag und Symptomen im Bereich der Atemwege. Meist passiere das in der zweiten Woche nach der Impfung. Impfmasern seien aber nicht ansteckend und verursachten nur milde Symptome, die von selbst abklingen.

 

Behauptung: Sein Kind impfen zu lassen, hilft der Gesellschaft.

Das stimmt.

Fakten: Der Gemeinschaftsschutz, die sogenannte Herdenimmunität, ist nach Angaben auf den Internetseiten des Robert Koch-Instituts ein wichtiger Vorteil beim Impfen. Ein Mensch schütze mit der Impfung nicht nur sich selbst, sondern indirekt auch die anderen. Wenn ausreichend viele Menschen geimpft seien, könne sich ein Erreger nicht mehr in der Bevölkerung verbreiten. Erst dann seien auch Säuglinge oder Schwangere geschützt, die zum Beispiel nicht gegen Masern geimpft werden können.

 

Behauptung: Impfungen können Autismus, Allergien und Plötzlichen Kindstod verursachen.

Das ist falsch.

Fakten: »Das Gerücht, insbesondere die Masernimpfung könne Autismus verursachen, geht auf eine Untersuchung an nur zwölf Kindern zurück«, sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. Die Studie eines britischen Arztes sei jedoch methodisch so fehlerhaft gewesen, dass das Fachmagazin »The Lancet« die Veröffentlichung aus dem Jahr 1998 im Jahr 2011 zurückgezogen habe. Der Autor hat seine Zulassung als Arzt in Großbritannien verloren. Unter anderem, weil ihm Interessenkonflikte nachgewiesen worden seien. »Es gibt keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Impfstoffen und Autismus«, betonte Cichutek.

Das gelte auch für Allergien. Als ein Beleg dafür gilt unter anderem, dass es in der DDR trotz Impfpflicht kaum Allergien gab. Es gebe sogar Hinweise darauf, dass Impfungen das Risiko für die Allergie-Entwicklung verringern können.

Auch beim plötzlichen Kindstod (SIDS) wurde kein Zusammenhang mit Impfungen nachgewiesen. Vielmehr gingen diese Todesfälle in Deutschland trotz neuer Kombinationsimpfungen zurück. So starben nach der Gesundheitsstatistik des Bundes 1991 etwa 1,5 Säuglinge pro 1000 Kinder am Plötzlichen Kindstod. Seit Einführung der Kombi-Impfstoffe 2002 sank die Zahl der Fälle bis zu den jüngsten Zahlen für 2013 auf 0,2 SIDS-Todesfälle pro 1000 Kinder. »SIDS tritt in der frühen Kindheit auf und in derselben Zeit ihres Lebens werden Kinder geimpft«, sagt Cichutek. Daher könne es rein zufällig zu Fällen von SIDS in zeitlichem Zusammenhang mit einer Impfung kommen.

 

Behauptung: Wenn Frauen vor einer Schwangerschaft geimpft sind, schützt das auch ihr Baby.

Das gilt zumindest für einige Impfungen.

Fakten: Vor der Geburt werden schützende Antikörper von der Mutter auf das Kind übertragen. Neugeborene haben damit laut Webseiten des Robert Koch-Instituts gegen diese Erreger einen gewissen Schutz. Stillen unterstütze diesen Nestschutz. Es gibt aber Unterschiede. Bei Krankheiten wie Masern stimuliere die Impfung das Immunsystem der Mutter weniger stark als eine frühere natürliche Infektion. Bei anderen Erkrankungen wie Tetanus oder Diphtherie bestehe nur bei Neugeborenen geimpfter Mütter ein Nestschutz, nicht bei Babys von Müttern, die eine Infektion durchgemacht haben. Bei einigen Infektionskrankheiten gibt es keinen Nestschutz, zum Beispiel bei Keuchhusten.

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Behauptung: Eine Impfung belastet das Immunsystem von kleinen Kindern viel zu stark, weil es noch nicht voll ausgereift ist.

Das ist falsch.

Fakten: »Das Immunsystem von kleinen Kindern ist dafür ausgerüstet, sich mit Krankheitserregern auseinanderzusetzen«, sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. Das Immunsystem des Menschen entwickele sich durch Training. »Dieses Training sollte so früh wie möglich beginnen, und zwar mit einem ungefährlichen Trainingspartner«, ergänzt er. Impfstoffe zählten dazu. Echte Krankheitserreger seien ohne ein trainiertes Immunsystem sehr gefährlich, zum Teil lebensgefährlich. »Sie können in jedem Alter zuschlagen«, ergänzt Cichutek.

 

Behauptung: Gegen Polio braucht man keine Impfung, weil es die Krankheit nicht mehr gibt.

Das stimmt nicht.

Fakten: Polio (Kinderlähmung) gilt in Deutschland nach der großen Schluckimpfungskampagne ab 1962 heute als ausgerottet. Die letzte in Deutschland erworbene Poliomyelitis wurde nach den Daten des Robert Koch-Instituts 1990 erfasst. Die letzten beiden importierten Fälle (aus Ägypten und Indien) wurden 1992 registriert. Trotz des weltweiten starken Rückgangs der Poliomyelitis könne aber eine Einschleppung von Polioviren nach Deutschland nicht vollständig ausgeschlossen werden. Die Impfung sei solange notwendig, bis nirgendwo auf der Welt mehr Polioviren zirkulierten.

Heute wird in Deutschland keine Schluckimpfung mit Lebendimpfstoff mehr gegeben, sondern inaktiver Impfstoff gespritzt. Damit gibt es kein Risiko einer Erkrankung durch diesen Impfstoff. In Ländern mit hohem Polio-Risiko setzt die Weltgesundheitsorganisation WHO jedoch nach wie vor auf die Schluckimpfung. Sie habe den Vorteil, durch das Ausscheiden abgeschwächter Impfviren die Umgebung mit zu immunisieren, sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts.

 

Behauptung: Masern muss man durchmachen, das stärkt auch den Körper.

Das ist falsch.

Fakten: Masern sind keinesfalls harmlos. Ein Drittel bis zur Hälfte der Fälle, die bisher an das Robert Koch-Institut gemeldet wurden, mussten im Krankenhaus behandelt werden. Denn Masernviren unterdrücken die Immunabwehr, so dass andere Krankheitserreger zum Zug kommen und zum Beispiel eine Lungenentzündung verursachen können. Pro Jahr werden in Deutschland laut Gesundheitsberichterstattung durchschnittlich 4 bis 7 Todesfälle registriert, die auf eine Maserninfektion zurückzuführen sind. Vor Einführung der Impfung wurden in Deutschland um die 100 Todesfälle pro Jahr registriert.

 

Behauptung: Einige Impfungen können auch vor bestimmten anderen Krankheiten oder Folgeerscheinungen schützen.

Das ist richtig.

Fakten: Impfungen können nach den Erkenntnissen des Robert Koch-Instituts nicht nur vor der Erkrankung selbst, sondern auf vor Komplikationen und Folgeerscheinungen schützen. Bei Masern zum Beispiel werden Hirnhautentzündungen vermieden, die durch Masernviren ausgelöst werden. Oder Lungenentzündungen, die entstehen können, wenn Masernviren das Immunsystem für eine gewisse Zeit schwächen.

Die Impfung gegen Influenza verringert zum Beispiel das Risiko einer bakteriellen Lungenentzündung oder auch von Herzinfarkt und Schlaganfall, die als Komplikation nach einer Influenzainfektion auftreten können. Die im Kindesalter gegebene Impfung gegen Windpocken schützt indirekt auch vor Gürtelrose. Ohne Impfung bleiben Windpocken-Viren nach einer Infektion im Körper und könnten nach Jahrzehnten die sehr schmerzhafte Gürtelrose verursachen.

 

Behauptung: Es ist schwierig, Nebenwirkungen von Impfungen zu melden. Darum sind sie in vielen Fällen noch gar nicht richtig bekannt.

Das ist falsch.

Fakten: Bevor ein Impfstoff zugelassen wird, müssen Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts in klinischen Prüfungen nachgewiesen werden. Auch nach der Zulassung müssen Verdachtsfälle auf Nebenwirkungen und Impfkomplikationen an das PEI gemeldet werden. Für die Meldung von Verdachtsfällen gibt es seit 2001 auch für Angehörige der Heilberufe eine Verpflichtung nach Infektionsschutzgesetz, wie sie für Pharmaunternehmen nach Arzneimittelgesetz schon immer besteht.

Seit 2012 können auch Betroffene selbst den Verdacht auf Komplikationen melden. Alle Meldungen werden an die Europäische Arzneimittelagentur EMA weitergeleitet. Ein Beispiel für Konsequenzen aus diesem vielschichtigen Überwachungs- und Alarmsystem ist eine Impfung gegen eine bestimmte Form der Hirnhautentzündung (FSME), die durch Zeckenstiche übertragen werden kann. Nach Meldungen über sehr hohes Fieber als Impfreaktion wurde dieser Impfstoff 2001 vom Markt genommen. Der Impfstoff wurde danach modifiziert und neu zugelassen.

 

Behauptung: Pharmafirmen verdienen an Impfstoffen extrem viel Geld.

Das kann man so pauschal nicht sagen.

Fakten: Die Impfstoff-Herstellung gilt in der Branche als weit weniger lukrativ als die Entwicklung manch anderer Medikamente. Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts gibt es weltweit nur noch wenige Firmen, die Impfstoffe überhaupt produzieren. Die Herstellung sei extrem aufwendig, dauere je nach Impfstoff zwischen einigen Monaten bis zu zwei Jahren und erfordere Spezialisten. Zusätzlich zu Qualitätsprüfungen und Kontrollen beim Herstellungsprozess gebe es bei Impfstoffen eine staatliche Chargenprüfung. Erfülle eine Charge nicht alle geforderten Kriterien, müsse sie verworfen werden. Das könne sehr große Mengen betreffen - und einen entsprechenden Verlust für die Pharmafirma.

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