Impfungen in der Corona-Pandemie
Dossier: 

Gibt es so etwas wie Impfneid und Impfscham?

Autor: 
red/dpa
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
04. Mai 2021
Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen werden bei den Corona-Impfungen priorisiert. (Symbolbild)

Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen werden bei den Corona-Impfungen priorisiert. (Symbolbild) ©Foto: dpa/Jeff Pachoud

Wer noch keine Corona-Impfung hat, beneidet andere darum – und wer bereits geimpft ist, schämt sich manchmal dafür. Doch ist das tatsächlich so? Auf einer Spurensuche nach Impfneid und Impfscham.

Berlin - Im Berliner Frisiersalon läuft die Diskussion heiß. „Ich gönne jedem von Herzen seine Impfung. Aber wieso bekomme ich keine?“,fragt die Friseurin in die Runde. „Ist das hier keine körpernahe Dienstleistung?“ In einer Kleinstadt in Baden-Württemberg wagt ein junger Mann nicht zu sagen, dass er geimpft ist. Er fürchtet Neider. Oder Nachfragen. Über seine Krankheit möchte er aber nicht sprechen. Gibt es das in großem Stil - so etwas wie Impfneid und Impfscham?

Die sozialen Netzwerke sind voll mit Fotos von Oberarmen mit Pflaster oder Bildern von Impfpässen. Macht das etwas mit den Betrachtern? Liegt es am Charakter, ob ein Mensch sich mitfreut oder neidisch wird?

Neid als Form der Anerkennung

Philosophen, Ethiker und Kirchenmänner haben sich durch alle Zeiten mit dem Phänomen Neid auseinandergesetzt. Sie haben es als „Trauer über das Gut des anderen“ definiert, es zur Todsünde erklärt oder vor „gemeinschaftsschädigender Wirkung“ gewarnt. Sie entdeckten neben der böswilligen Variante auch konstruktive Züge, zum Beispiel einen Ehrgeizschub, um das zu erreichen, was der andere schon hat.

Einig sind sich viele Forscher heute: Der Vergleich mit anderen gehört zur menschlichen Evolution. In der Bibel beginnt es mit Kain und Abel und es geht nicht gut aus. „Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung“, schrieb dagegen der Humorist Wilhelm Busch.

„Dahinter steckt die Angst, dass man zu kurz kommt“

Doch gibt es so etwas wie Impfneid? „Ich würde das nicht so sehr als klassischen Neid bezeichnen“, sagt Isabella Heuser, Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité. Es sei mehr ein Gefühl von Zurücksetzung. „Dahinter steckt die Angst, dass man zu kurz kommt und an Covid erkrankt, auch schwer.“ Diese Angst werde noch befeuert, wenn ein Impfstoff rationiert werde - oder auch durch neue Mutanten.

Neid sei in dieser Situation vollkommen verständlich und sollte auch nicht tabuisiert werden, sagt dagegen der Psychoanalytiker Eckehard Pioch, Mitherausgeber des Buchs „Neid. Zwischen Sehnsucht und Zerstörung“ im Berliner Inforadio. „Ich brauche etwas dringend und habe es nicht. Ich sehe aber jemand anderen, der es bereits hat. Dann entsteht dieses Gefühl, diese Mischung aus Angst, Wut und Traurigkeit, die wir Neid nennen.“

Systemrelevant aber trotzdem nicht geimpft

Im Frisiersalon klingt das nicht ganz so akademisch. „Erst erklären sie uns für systemrelevant“, sagt die Friseurin wütend. „Obwohl ich jetzt echt nicht finde, dass ein Haarschnitt ein Menschenrecht ist.“ Und jetzt? Fühlt sie sich hängenlassen von der Politik, hat Briefe geschrieben an die Gesundheitssenatorin und den Bürgermeister. „Keine Antwort.“ Dass sie Angst hat, sich anzustecken, sagt sie leiser. Ja, jeder Kunde müsse einen Schnelltest mitbringen. „Aber die sind 24 Stunden gültig. Da kann viel passieren.“

Aus unserem Plus-Angebot: Baden-Württemberg – Auch Friseure bescheinigen jetzt den Corona-Test

- Anzeige -

Für Psychologin Heuser ist die hochemotionale Gemengelage eine Folge von Verfügbarkeit, wenn ein lebenswichtiges Gut wie Impfstoff knapp ist. „Da kommt der egozentrische Drang in jedem hoch: Ich will das aber auch.“

Wer bekommt eine Impfung?

In einer Berliner Hausarztpraxis regt sich der Doktor auf, dass er gerade einen kerngesunden Steuerfahnder impfen musste. „Priorisiert“, sagt er. „Ich krieg pro Woche zwei Fläschen Impfstoff für die ganze Praxis.“ Und beim Nierenspezialisten nebenan seien die Organtransplantierten noch immer nicht immunisiert. „Da haut doch irgendwas nicht hin.“

Auch Charité-Ärztin Heuser kennt solche Stimmungen. „Es ist das Misstrauen, ob allen Geimpften ihre Immunisierung auch zusteht“, sagt sie. Sie selbst habe erlebt, dass zwei Menschen, die weder vom Alter noch von ihrer Gesundheit her berechtigt gewesen seien, eine Impf-Bescheinigung von ihrem Arzt bekommen hätten. „Ich finde das moralisch verwerflich, auch von dem Arzt“, urteilt sie. „Die beiden haben das triumphierend erzählt. Das ist dann noch ein Stück widerlicher.“

Bei Impfscham: nicht in die Einzelheiten gehen

Gibt es auch das Gegenteil? Impfscham, also die Sorge berechtigter Menschen über ihre Piks zu reden? „Muss man ja nicht“, sagt Heuser. „Aber wenn, würde ich jedem Berechtigten raten, eine Erklärung dazuzusagen.“ Niemand müsse dabei jedoch in Einzelheiten gehen und zum Beispiel eine chronische Krankheit offenbaren. „Die Reaktionen werden ja deshalb gefürchtet, weil man unter dem Verdacht steht, dass man sich unberechtigterweise vorgedrängelt hat.“ In einer Situation, in der es ohnehin genug gesellschaftliche Konflikte gebe, sei es durchaus sinnvoll, Spannung herauszunehmen.

Doch der Druck wächst, vor allem mitten in der Debatte, welche Freiheiten Geimpfte zurückbekommen könnten. „Dass ihnen Freiheiten, die ihnen zustehen, wieder zurückgegeben werden, das finde ich richtig“, sagt Heuser spontan. Aber genau das könne natürlich den Drang nach der Impfung noch immens vergrößern. Und damit auch die Emotionalität bei diesem Thema.

Auf den Ethikrat ist die Psychologin bei Freiheitsfragen weniger gut zu sprechen. „Er entwickelt meiner Meinung nach keine wirklich pragmatischen Lösungen.“ Sie finde es gut, wenn sich ein Land auf eine Priorisierung verständige - welche auch immer. „Dann muss man sie aber auch mit allen Folgen vertreten. Auch wenn es dabei Enttäuschungen bei den Teilen der Bevölkerung gibt, die noch nicht mit der Impfung dran sind.“

Psychoanalytiker Pioch sieht die Bundesbürger nicht hilflos ihren Emotionen ausgeliefert. Gut sei es, konstruktiv auf Neidgefühle zu reagieren, rät er im Inforadio. Das beginne damit, sie sich einzugestehen. Beim Warten auf die Impfung helfe es, sich bewusst zu machen, dass es eine Reihenfolge nach Bedürftigkeit gebe. Das könne trösten. Denn es sei auch etwas zutiefst Humanes, sich zuerst um die Schwachen zu kümmern.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

Wie hier in Nyon am Genfer See genießen es die Schweizer, sich im Café in der Sonne bedienen zu lassen.
07.05.2021
Nachrichten
In der Schweiz dürfen Restaurantterrassen, Kinos und Theater öffnen – derweil gilt in Deutschland fast überall eine nächtliche Ausgangssperre
Für vollständig Geimpfte und von Corona Genesene werden die Pandemie-Regeln gelockert.
07.05.2021
Überblick
Am Wochenende fallen die Grundrechtseinschränkungen für Geimpfte und Genesene in der Corona-Pandemie. Eine entsprechende Verordnung könne am Sonntag in Kraft treten, kündigt die Bundesjustizministerin an. Was bedeutet das? Ein Überblick.
06.05.2021
Nachrichten
Es geht voran beim Impfen. Noch können aber nicht alle die schützende Spritze bekommen. Für den umstrittenen Impfstoff von Astrazeneca ändert sich das jetzt. Aussichten auf Impfungen gibt es auch für Jugendliche.
Der deutsche Bakteriologe Robert Koch (undatierte Aufnahme) entdeckte vor 120 Jahren das Tuberkulosebakterium und ein Jahr später den Erreger der Cholera.
06.05.2021
Corona-Pandemie
Wie sich das Land vor rund 120 Jahren dieses Prädikat erwarb – und es mit den Weltkriegen wieder verlor
Protest von Eltern gegen die erneute Schulschließung in einigen sächsischen Landkreisen.
04.05.2021
Corona
Wissenschaftliche Erkenntnisse sind ihrer Natur nach keine ewigen Wahrheiten. Sie lassen sich auch nicht in Gut und Böse einteilen. Moralisch qualifiziert werden können nur die politischen Schlussfolgerungen, die aus ihnen gezogen werden.
 Foto: Frank Rumpenhorst/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
03.05.2021
Nachrichten
Wer im Netz surft, schnappt krude Thesen über die Corona-Impfungen auf: etwa dass sie unfruchtbar machen oder ins Erbgut eingreifen. Ein Blick auf seriöse Daten und Fakten aber gibt Entwarnung.
„Den Parteien“ vertrauen laut einer Umfrage rund 80 Prozent der Deutschen nur noch wenig oder gar nicht mehr. Hier ist die Reichstagskuppel in Berlin zu sehen.
03.05.2021
Erosion der Parteienlandschaft
Ein in parteiinternen Zwist verstrickter CDU-Spitzenkandidat, ein SPD-Kanzleranwärter und quasi geborener Merkel-Erbe und eine Grünen-Kanzlerkandidatin für CDU-Wähler: Das deutsche Superwahljahr zeigt den Schaden am politischen System.
30.04.2021
Inzidenz bald unter 50?
Vier Corona-Experten haben dem Bundestag erläutert, wie es weitergeht. Die Auskünfte klingen ermutigend – Deutschland könne bald unter die 50er-Marke rutschen. Allerdings nicht wegen des Lockdowns.
Das Bundeskanzleramt in Berlin soll jetzt noch größer werden  personell und baulich.
29.04.2021
Bürokratie
Unter Merkels Führung sind Tausende Stellen in den Ministerien geschaffen worden. Und im Kanzleramt träumt man von weiteren Ressorts.
Die Popularität der Regierung hat massiv abgenommen, darunter leidet vor allem die Union.
27.04.2021
Corona-Pandemie
Der Machtkampf in der Union und die schwerfällige Pandemiepolitik folgen demselben Muster. In beiden Fällen triumphiert das Weiter-so-wie-bisher über Wandel und Agilität.
Blick in den Archivfundus der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin.
26.04.2021
Im Ausland bewundert
Deutschland hat vorgemacht, dass man Akten einer Geheimpolizei nicht Jahrzehnte unter Verschluss halten muss
Wie effizient helfen regenerative Energiequellen in einzelnen Ländern tatsächlich, die Lösung des globalen Klimaproblems wirksam anzugehen?
22.04.2021
Globaler Ansatz fehlt
Der Klimaschutz wird zur „Überlebensfrage der Menschheit“ hochstilisiert. Kritiker der Klimapolitik werden mundtot gemacht. Dabei wäre eine Debatte über Ineffizienz dringend nötig.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • "Es bereitet mir jeden Tag Freude, wenn ich sehe, wie erleichtert, weil schmerzfrei, die Kunden durch meine Arbeit sind", sagt Jan Lerch, der bei Stinus Orthopädie seine Ausbildung durchlaufen hat. Heute ist er Filialleiter in Offenburg mit der Meisterprüfung in der Tasche.
    vor 4 Stunden
    Freude am Helfen: Stinus Orthopädie sucht Azubis
    Wer gut geht, dem geht es gut! Philosophie des Spezialisten für Orthopädie mit Stammsitz in Achern seit der Gründung im Jahr 1905. Das Unternehmen expandiert weiter und sucht natürlich engagierten Nachwuchs.
  • Die Winzergenossenschaft Durbach überrascht mit vielen neuen Tropfen, die sich hervorragend für den Sommergenuss eignen.
    07.05.2021
    Die Durbacher Steillagen-Spezialisten empfehlen:
    Strahlende Sonne und heiße Temperaturen: Nicht nur im Ausland lässt sich die Sonne genießen, auch zu Hause im Garten geht das richtig gut: „Dolce Vita Feeling“ kommt mit den exzellenten Erzeugnissen der Winzergenossenschaft auf.
  • Präzision ist bei der Philipp Kirsch GmbH das A und O: Hier wird beispielsweise vermessen, ob das Gerät die eingestellte Temperatur auf lange Sicht exakt hält. 
    07.05.2021
    Philipp Kirsch GmbH: Kühlung in Kliniken und Apotheken
    Wenn es darum geht, Empfindliches im exakten Kühlbereich zu lagern, sind die Produkte der Philipp Kirsch GmbH gefragt. Das Unternehmen ist weltweit agierender Hersteller von professionellen Kühl- und Gefrierschränken für das Gesundheitswesen. Der Spezialist stellt ein!
  • So bleibt Zeit für die Trauer: Das Bestattungshaus Heizmann nimmt den Hinterbliebenen gerne alle Formalitäten ab. 
    05.05.2021
    Bestattungshaus Heizmann ermöglicht digitales Abschiednehmen
    Das Bestattungshaus Heizmann geht mit eigenem Online-Gedenkportal neue Wege in der Trauerkultur. Ziel ist es, den Hinterbliebenen die Möglichkeit zu geben, sich an den Verstorbenen zu erinnern - auch in Zeiten von Corona.