Franzosen streiken

In Straßburg geht am Donnerstag fast nichts mehr

Autor: 
Robert Schmidt
Lesezeit 3 Minuten
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06. Dezember 2019

Demo auf dem Place de la Bourse in Straßburg. ©Robert Schmidt

Ganz Frankreich streikt wegen der Politik von Präsident Macron. Und auch in Straßburg gehen die Menschen vor allem aus einem Grund auf die Straße. 

Ein fast leerer Bahnhof, völlig überfüllte Trams und viel Platz auf dem sonst so beliebten Weihnachtsmarkt: Der frankreichweite Generalstreik gegen die geplante Rentenreform hat sich gestern deutlich auch im Straßburger Alltag bemerkbar gemacht. 
Die einzige Straßburger Tram-Linie, die gestern fuhr, war heillos überfüllt. Entsprechend aufgeheizt war teils die Stimmung. Passanten verhinderten in einem Fall nur mit Mühe, dass ein Disput auch zu einer Schlägerei ausartete. 

Alle Verbindungen annulliert

In den Straßburger Bahnhof hatten sich dagegen nur wenige Menschen verirrt. Auf den Infotafeln war zu lesen, dass, wie angekündigt, nahezu alle Verbindungen annulliert wurden. „Wir raten Ihnen, wenn möglich, Ihre Zugreise zu verschieben“, hieß es auf den Bildschirmen. Täglich um 17 Uhr will das Unternehmen nun informieren, welche Züge am Folgetag fahren sollen. Wie lange insbesondere der Lokführer-Streik dauern wird, ist derzeit ungewiss. Zumindest der ÖPNV in Straßburg soll heute wieder fahren.

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Doch auch in anderen Bereichen begannen gestern großflächige Streiks. Wie im restlichen Frankreich blieben auch im Elsass gestern zahlreiche Behörden und weitere öffentliche Einrichtungen geschlossen. Laut der Straßburger Schulbehörde beteiligte sich im Departement Bas-Rhin, je nach Schulform, teils jeder zweite Lehrer, 82 Prozent der Schulen seien allerdings offen geblieben. Die wohl größte Demo traf sich am frühen Nachmittag auf dem „Place de la Bourse“. Lokführer und Lehrer stellten augenscheinlich das Gros der Teilnehmer. Die Stimmung des Demonstrationszugs quer durch die Innenstadt war ausgelassen. Im offenen Kofferraum eines Autos war ein Ghettoblaster platziert und spielte Lieder der gesellschaftskritischen Reggae-Band Tryo. Immer wieder ertönten „Macron démission“-Sprechchöre, „Macron, tritt zurück!“. Auf einem Schild stand: „Kleine Gehälter = Kleine Rente?“ 

„Wir wollen, dass die Regierung die Reform zurücknimmt“, sagte Alex, ein streikender Lokführer mit Monstermaske vorm Gesicht und rosafarbener Leuchtfackel in der Hand. Die Rente reiche schon jetzt kaum zum Leben. 

Macron in der Kritik

„Ich gehe für die anderen auf die Straße, nicht für mich“, erzählte eine Sozialarbeiterin. „Vor allem Arme, Kranke und Migranten wird es treffen, für sie streike ich.“ Sie wolle nicht, dass die Verarmung der Gesellschaft weiter um sich greife, sagte die Frau. „Ich habe lange eine schlecht bezahlte Arbeit ausgeführt“, sagte ein Lehrer, der vorher als Wachmann tätig war. „Wenn ich mir heute meine Rente ausrechne, wird mir angst und bange.“ Während in Deutschland Gesetze vorab diskutiert würden, gebe es in Frankreich keine echte Beteiligung: „Macron lädt Gewerkschafter zum Kaffee und zieht dann trotzdem sein Ding durch.“ Für ihn sei deshalb klar gewesen, dass es „jetzt mal knallen muss“. 
Wenn seine Gewerkschaft ihn lasse, wolle er den nächsten Tag wieder streiken, so der Lehrer.

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