Wiesbaden/Frankfurt

Konjunkturdelle oder Ende des Aufschwungs?

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
14. November 2018
Die Exportnation Deutschland leidet unter schwächerer Nachfrage nach Produkten «Made in Germany». Vor allem die von den USA angeheizten Handelskonflikte schlagen zunehmend durch.

Die Exportnation Deutschland leidet unter schwächerer Nachfrage nach Produkten «Made in Germany». Vor allem die von den USA angeheizten Handelskonflikte schlagen zunehmend durch. ©dpa - Ina Fassbender

Der deutsche Daueraufschwung verliert in seinem neunten Jahr an Tempo. Im Sommer schrumpft die Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt sinkt nach vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes im dritten Quartal gegenüber dem zweiten Vierteljahr um 0,2 Prozent.

Warum verliert die deutsche Wirtschaft an Tempo?

Nach Einschätzung von Ökonomen hat vor allem die für Deutschland so wichtige Autoindustrie die Konjunktur von Juli bis September ausgebremst. «Die Automobilindustrie zieht wegen WLTP die Produktionsnotbremse und bringt den deutschen Konjunkturzug vorübergehend nicht nur zum Stillstand, er rollt sogar etwas rückwärts», erläutert KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner. Der neue Abgas-Prüfstandard (WLTP) gilt seit September in der EU. Deutsche Hersteller hatten das Prüfverfahren jedoch nicht rechtzeitig für alle Fahrzeugtypen durchlaufen, sie mussten daher die Produktion drosseln.

Was bremst Europas größte Volkswirtschaft noch?

Die Exportnation Deutschland leidet unter schwächerer Nachfrage nach Produkten «Made in Germany». Vor allem die von den USA angeheizten Handelskonflikte schlagen zunehmend durch. «Die Abkühlung der Exporte im dritten Quartal war fast greifbar», beschrieb der Präsident des Außenhandelsverbandes (BGA), Holger Bingmann, jüngst die Lage. Aus Sicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) drohen der Weltwirtschaft wegen der aggressiven Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump deutlich trübere Zeiten.

Droht jetzt eine Rezession?

Nach gängiger Definition ist von einer Rezession die Rede, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge sinkt. Mit einem derartigen Einbruch rechnen Ökonomen jedoch nicht. Schon im vierten Quartal dürfte der deutsche Konjunkturzug wieder Fahrt aufnehmen, «jedoch ohne das hohe Tempo der jüngeren Vergangenheit sobald wieder zu erreichen», sagt Zeuner voraus. Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), verweist auf die nach wie vor gut gefüllten Auftragsbücher der Unternehmen. «Für das Schlussquartal rechnen wir daher mit einem deutlichen Wiederanziehen der Wirtschaftsleistung.» Auch die «Wirtschaftsweisen» sehen keine «akute Gefahr» einer Rezession.

- Anzeige -

Was stützt die Konjunktur?

Die Konsumlust der Verbraucher hält nach Einschätzung von Ökonomen die deutsche Wirtschaft am Laufen. «Die Stimmung der Konsumenten ist nicht zuletzt wegen des exzellenten Arbeitsmarktes und deutlicher Lohnzuwächse weiterhin auf sehr hohem Niveau», argumentieren Ökonomen der Deutschen Bank. Zwar schwächelte der Privatkonsum im dritten Quartal. BayernLB-Experte Stefan Kipar führt dies aber auf die Probleme in der Autoindustrie zurück. «Die verminderte Auslieferung von Automobilen hat statistisch auch zu der Eintrübung des privaten Konsums geführt.» Kaufwillige Kunden hätten teilweise nicht die Möglichkeit gehabt, ihr Wunschauto zu bekommen und den Kauf verschoben.

Grundsätzlich scheinen die Verbraucher aber weiter in Konsumlaune. «Offenbar unbeeindruckt von externen Risiken wie Handelskonflikt und Brexit sind die Konsumenten bereit, ihr Geld auszugeben», heißt es in der jüngsten Konsumklimastudie des Nürnberger Marktforschers GfK. Denn Sparen sei angesichts extrem niedriger Zinsen nach wie vor keine attraktive Alternative.

Was belastet die Aussichten?

Sorgen bereiten die internationalen Handelskonflikte. Die Streitigkeiten zwischen den USA und China drücken bereits das Wachstum der wichtigen chinesischen Volkswirtschaft. Deutsche Exporteure, Autobauer und andere Investoren müssen sich auf magerere Zeiten im Reich der Mitte einstellen. China ist ein wichtiger Markt für Waren «Made in Germany». Hinzu kommen die Unwägbarkeiten des Brexits sowie die Schuldenpolitik des Eurolandes Italien, die zu Turbulenzen an den Finanzmärkten führen könnte.

Wie geht es weiter?

Das hohe Tempo des Boomjahres 2017 wird Europas größte Volkswirtschaft wohl nicht halten können. «Wirtschaftsweise» Wirtschaftsforschungsinstitute, internationale Organisationen sowie die Bundesregierung senkten zuletzt ihre Konjunkturprognosen für dieses und das kommende Jahr auf teilweise deutlich unter zwei Prozent. 2017 war die deutsche Wirtschaft noch um 2,2 Prozent gewachsen. «Unserer Einschätzung nach wird es weiterhin beim Aufschwung bleiben, aber mit vermindertem Wachstumstempo», sagte Christoph M. Schmidt, Chef des Beratergremiums der Bundesregierung, jüngst. Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank Gruppe argumentiert, die aktuelle Konjunkturschwäche passe in das übliche Muster von Phasen steigender und fallender Wachstumsraten. «Um es einmal positiv auszudrücken: Ab und an eine kalte Dusche verhindert eine Überhitzung und macht einen Aufschwung länger haltbar.»

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
  • 15.02.2019
    Bars, Musik, Kostümprämierung
    Schon siebenmal fand der Gammlerball in Kehl bislang am Schmutzigen Donnerstag statt. In diesem Jahr ist das anders. Erstmals wird in der Stadthalle am Fasnachtssamstag gefeiert. Neben DJ Vuko sorgen verschiedene Narrenzünfte und die Gammlerbänd Willstätt für die Musik. Mit der Terminänderung aufs...
  • 13.02.2019
    Manufaktur für orthopädische Leistungen
    Sie tragen uns im Laufe unseres Lebens durchschnittlich 180.000 Kilometer – unsere Füße. FUSS ArT, die Manufaktur für orthopädische Leistungen rund um den Fuß, ist seit Anfang Februar 2019 in der Moltkestraße 30-32 in Offenburg am Start und bietet ihren Kunden ein umfassendes Leistungsspektrum und...
  • 04.02.2019
    Offenburg
    Das Braun Möbel-Center bietet Wohnmöbel in vielen Formen, Farben und Materialien. Vom 7. bis zum 9. Februar findet auf dem Gelände die dreitägige Möbelmesse statt. Hier können die Kunden in verschiedenen Themenwelten die aktuellsten Wohntrends entdecken. Neben einem großen Sonderverkauf gibt es...
  • 03.01.2019
    Die eigene Firma zu gründen ist auch dank der Digitalisierung heute nicht mehr schwer – aber wie geht es dann weiter? Wie kleine und mittelständische Firmen erfolgreich werden, zeigen zwei Jungunternehmer bei einem Vortrag am 26. Januar in der Offenburger Oberrheinhalle.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

Immer noch sind sehr viele Fragen ungeklärt. Die Einschätzung des BGH betrifft zunächst nur Käufer von Neuwagen, die mit ihrem Händler um Ersatzlieferung streiten.
vor 6 Stunden
Karlsruhe
Im vierten Jahr des Dieselskandals sind die vielen Tausend Gerichtsentscheidungen kaum noch zu überblicken. Was fehlt, sind Grundsatz-Urteile. Die Autokonzerne sind sehr geschickt darin, Klägern das Aufgeben schmackhaft zu machen.
vor 7 Stunden
Psychische Ausnahmesituation
Zu einem spektakulären Unfall ist es am Freitagmittag in Rastatt gekommen. Ein 60-jähriger Porsche-Fahrer hat sich wohl aufgrund eines psychischen Ausnahmezustandes selbst aus einer Klinik entlassen - hinterließ bei seiner fluchtartigen Fahrt durch die Innenstadt aber eine Schneise der Verwüstung....
vor 8 Stunden
Nachrichten
Dieselkäufer warten dringend auf ein Grundsatz-Urteil zu ihren Ansprüchen im Abgasskandal. Jetzt hat VW schon wieder mit einem Vergleich eine wichtige BGH-Entscheidung verhindert. Die Richter finden trotzdem einen Weg, den Klägern den Rücken zu stärken.
Theresa May im Unterhaus: Kommende Woche will die Premierministerin eine Erklärung abgeben. Einen Tag später stimmt das Unterhaus über die weiteren Schritte im Brexit-Prozess ab.
vor 8 Stunden
London/Brüssel
Wenige Tage vor der nächsten Abstimmungsrunde im britischen Parlament über die nächsten Brexit-Schritte wächst massiv der Druck auf Premierministerin Theresa May.
vor 8 Stunden
Wetter
Für Meteorologen ist der Frühling nicht mehr weit, für sie endet der Winter schon mit dem Februar. Dazu passt, dass es in Teilen Deutschlands mild und sonnig bleibt. Für den Winter insgesamt haben die Wetterkundler wieder Ausreißerwerte errechnet.
Bei strahlendem Sonnenschein sind zwei Jogger an der Spree in Berlin unterwegs.
vor 9 Stunden
Offenbach
Das Hoch «Frauke» bringt am Wochenende viel Sonnenschein und blauen Himmel nach Deutschland. Frühlingshaft - mit Temperaturen im zweistelligen Bereich - wird es vor allem im Westen und Südwesten, wo das Thermometer am Samstag bis zu 13 Grad anzeigen könnte.
Im Untersuchungsausschuss war auch über Aufnahmen vom Tatort an der Gedächtniskirche gesprochen worden, auf denen angeblich Bilal B.A. zu sehen sein soll.
vor 10 Stunden
Berlin
Der Untersuchungsausschuss des Bundestages zum Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlag will einen Bekannten des Attentäters Anis Amri als Zeugen vernehmen, der kurz nach der Tat nach Tunesien abgeschoben worden war.
Bei der Versteigerung von 5G-Mobilfunkfrequenzen haben die Klagen von Netzbetreibern aus Sicht eines Experten kaum Chancen auf Erfolg.
vor 10 Stunden
Bonn
Für die umstrittene Auktion der 5G-Mobilfunkfrequenzen hat die Bundesnetzagentur einen vorläufigen Termin bekanntgegeben.
Andrea Nahles, SPD-Vorsitzende und Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, bei der 83. Sitzung des Bundestags.
vor 10 Stunden
Berlin
Die SPD bleibt trotz breiter Zustimmung zu ihrer sozialpolitischen Offensive im Umfragetief.
Auf 58 Milliarden Euro summierte sich 2018 der Überschuss von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen nach aktualisierten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes.
vor 10 Stunden
Frankfurt/Main
Straßen, Schulen, schnelles Internet - Möglichkeiten zum Investieren hätte der deutsche Staat reichlich.
Muhammadu Buhari (M), Präsident von Nigeria, verlässt die Parteizentrale seiner Partei All Progressive Congress (APC) nach einer Notsitzung mit hochrangingen Mitgliedern.
vor 15 Stunden
Abuja
Mit einer Woche Verspätung wählt Afrikas Land der Superlative am Samstag einen neuen Präsidenten. Experten rechnen mit einem Kopf-an-Kopf Rennen zwischen dem konservativen Amtsinhaber Muhammadu Buhari (76) und dem liberalen Oppositionskandidaten Atiku Abubakar (72).
Alexander Karl, Laboringenieur der Fachhochschule Kempten, zeigt in einer Forschungswohnung ein digitales Steuerelement.
vor 15 Stunden
Kempten
Die Schranktüren öffnen sich automatisch, Kleiderstangen mit Hemden fahren heraus. In Seniorenwohnungen der Zukunft soll die Technik das Leben im Alter unterstützen und Pfleger entlasten. In der Küche sind Herd, Arbeitsfläche, Spüle und Schränke höhenverstellbar.