Baden-Württemberg

Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird 70

Autor: 
dpa
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17. Mai 2018

Winfried Kretschmann. ©dpa

Grünen-Gründungsmitglied, langjähriger Oppositionsführer in Stuttgart und seit 2011 Ministerpräsident in Baden-Württemberg: Die politische Karriere von Winfried Kretschmann beinhaltet einige Auf und Abs. Zum 70. Geburtstag am Donnerstag kommt es für ihn ganz dicke.

Für die Grünen in Baden-Württemberg hat der Mai zwei markante Daten: Die grün-schwarze Landesregierung ist genau zwei Jahre im Amt (12. Mai), und Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird 70 Jahre alt (17. Mai). Eine Regierungskrise trübt die Feiern. Gerüchten zufolge sägen einige in der CDU-Landtagsfraktion an Kretschmanns Stuhl und wollen ihn am liebsten stürzten, um mithilfe von SPD und FDP einen CDU-Regierungschef zu wählen. Noch ist das pure Spekulation, aber Kretschmanns Sorgenfalten sind in diesen Tagen noch tiefer geworden.

Er hat es in der Politik nie wirklich einfach gehabt. Viele Jahre führte der gebürtige Schwabe die damals noch oppositionellen Grünen im Landtag als Fraktionschef. Er hat sich bei den Grünen für vieles verkämpft. Zeitweise entfremdete sich Kretschmann von seiner Partei - und sie sich von ihm. Das Regierungsamt trauten ihm selbst die eigenen Leute erst nicht so recht zu. Im Landtagswahlkampf 2011 stellten sie ihrem Spitzenmann noch ein »Spitzenteam« zur Seite.

Überraschende Wahl und Wiederwahl

Der Konflikt um das Bahnprojekt Stuttgart 21, die Atomreaktorkatastrophe in Japan und das Versagen des damaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) gelten als Gründe dafür, dass Kretschmann 2011 unerwartet Regierungschef wurde. Überraschend war für viele auch seine Wiederwahl 2016 - die Grünen wurden erstmals in einem Bundesland überhaupt stärkste Kraft.

Als Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im Herbst 2016 einen Nachfolger für Bundespräsident Joachim Gauck suchte, hielten sich Gerüchte, sie wolle am liebsten Kretschmann vorschlagen. Das soll die CSU verhindert haben. Kretschmann fühlte sich zumindest geschmeichelt. Es blieb aber sein Geheimnis, ob er das politisch recht kuschelige Baden-Württemberg und die Villa Reitzenstein tatsächlich gegen das raue Berlin und das Schloss Bellevue eingetauscht hätte.

Bürger mögen seine Bodenständigkeit

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Was schätzen die Bürger an ihm? Vielleicht, dass er trotz seiner Karriere wie einer von ihnen erscheint. Dass er hemmungslos schwäbelt, stundenlang mit seiner Frau durch die Natur wandert und sich gern an der Werkbank verausgabt. Er gibt sich bedächtig, zuweilen auch knorrig und stur. Dabei kann Kretschmann, wenn er sich aufregt, durchaus sehr emotional, laut und auch patzig werden. Aber er verschreckt die Menschen nicht mit politischen Experimenten und stellt seine Überzeugung im Zweifel über die eigene Parteilinie.

Das wiederum bringt seine Kritiker auf die Palme. So empfanden es viele Grüne als Tabubruch, als Kretschmann 2014 im Bundesrat dem CDU-Projekt der Ausweitung sicherer Herkunftsländer auf Balkanstaaten zustimmte. Für viele grüne Parteilinke ist Kretschmann ein rotes Tuch. Sie halten dem Realpolitiker vor, opportunistisch zu handeln und grüne Ideale leichtfertig aufzugeben. Kretschmannsagt hingegen, er sei Politiker, um Probleme zu lösen. »In der Regel müssen wir alle Dinge abwägen, und da gibt es nicht einfach Ja oder Nein.«

Ein Traum blieb offen

Ein politischer Traum ging für Kretschmann nicht in Erfüllung: der einer schwarz geführten Bundesregierung mit grüner Beteiligung. 2013 scheiterte Schwarz-Grün im Bund noch an den Grünen selbst. 2017 waren es FDP und CSU, die einer Jamaika-Koalition eine Absage erteilten.

In Kretschmanns grün-schwarzer Landesregierung kriselt es seit Januar. Ein Streit um eine Reform des Landtagswahlrechts stellte das Bündnis auf eine schwere Probe. Der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) wurde nach 16 Jahren abgewählt, obwohl Kretschmann sich für ihn ins Zeug gelegt hatte. Die Opposition sieht das als Anfang vom Ende des grünen Höhenflugs im Ländle - Kretschmann selbst misst der Abwahl nach eigenem Bekunden keine landespolitische Bedeutung zu.

Die Grünen wären froh, wenn Kretschmann es für sie bei der Wahl 2021 noch einmal reißen würde. CDU und SPD hingegen fürchten eine erneute Kandidatur, genießt Kretschmann doch parteiübergreifend eine hohe Beliebtheit im Land. Er selbst gibt sich noch bedeckt, auch wenn er manchmal mit leuchtenden Augen erzählt, wie sehr ihn seine beiden Enkel faszinieren. Kretschmann ließ sich bislang nur zu diesem Satz hinreißen: »Sie müssen damit rechnen, dass ich noch mal antrete.«

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