Mexiko-Stadt

Morales wirft Nachfolgerin Menschenrechtsverletzungen vor

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
19. November 2019
Evo Morales, Ex-Präsident von Bolivien, im dpa-Interview.

Evo Morales, Ex-Präsident von Bolivien, im dpa-Interview. ©dpa - Jair Cabrera Torres/dpa

Anhänger von Evo Morales blockieren Boliviens Großstädte - und der Ex-Präsident stellt aus dem Exil Bedingungen für ein Ende der Proteste.

Erstens müsse seine Sicherheit und die seiner Mitstreiter garantiert sein, sagte Morales im Interview der Deutschen Presse-Agentur in Mexiko-Stadt. Zweitens müssten die Todesfälle der vergangenen Tage aufgearbeitet werden.

Am Wochenende mussten wichtige bolivianische Städte wie La Paz, El Alto, Sucre und Cochabamba auf dem Luftweg mit Lebensmitteln versorgt werden, weil Kokabauern, die Morales unterstützen, Fernstraßen blockierten. Anhänger des linken Ex-Staatschefs stellten der konservativen Übergangspräsidentin Jeanine Áñez in der Nacht zum Sonntag (Ortszeit) ein Ultimatum, binnen 48 Stunden zurückzutreten. Andernfalls würden sie weitere Straßensperren errichten. «Wenn sie zurücktreten würde, täte sie der Demokratie einen großen Gefallen», sagte Morales über Áñez.

Sicherheitskräfte hatten den Kokabauern am Freitag gewaltsam den Weg zum Regierungssitz La Paz versperrt. Dabei waren neun Demonstranten getötet und Dutzende verletzt worden. Nach Angaben der Interamerikanischen Menschenrechtskommission starben seit Beginn der Unruhen in Bolivien mindestens 23 Menschen. 715 wurden verletzt.

Massaker

Morales sprach von einem Massaker und von Menschenrechtsverletzungen der «De-fakto-Regierung». Der 60-Jährige war am 10. November unter dem Druck von Militär und Polizei zurückgetreten. Drei Wochen zuvor hatte es eine Präsidentenwahl gegeben, nach der sich Morales zum Sieger in der ersten Runde erklärte. Die Opposition warf ihm Wahlbetrug vor, und internationale Beobachter stellten Manipulationen bei der Wahl fest. Morales bestreitet das.

Er spricht von einem Putsch, bei dem das US-«Imperium» die Finger im Spiel habe. Sein einziges Verbrechen, betont der Sozialist, sei es, als Indigener und Antiimperialist an die Macht gekommen zu sein. Das akzeptierten die rassistischen Oligarchen nicht. Weil sein Rücktritt bislang nicht vom Parlament bestätigt wurde, erkennt Morales die Übergangsregierung nicht an. Diese muss innerhalb von 90 Tagen eine Neuwahl durchführen.

- Anzeige -

Áñez empfing am Samstag den Sonderbeauftragten von UN-Generalsekretär António Guterres, Jean Arnault. Der französische Diplomat hat den Auftrag, einen Dialog mit allen Beteiligten zur Befriedung des Andenlandes zu führen. Mit ihm habe Arnault bisher keinen Kontakt aufgenommen, erzählte Morales.

Der frühere Kokabauer bedankte sich bei der mexikanischen Regierung von Präsident Andrés Manuel López Obrador, die ihm das Leben gerettet habe. Dass er am Dienstag vergangener Woche nach Mexiko geflogen sei und nicht nach Venezuela, Kuba oder Nicaragua, wo ihm ideologisch näher stehende Regierungen herrschen, erklärte Morales schlicht damit, dass Mexiko neben Paraguay ihm als erstes Land Schutz angeboten habe.

Seinen Rücktritt bereue er nicht, betonte er. «Ich bereue es, die Armee so gut ausgerüstet zu haben.» Er sei bereit, nach Bolivien zurückzukehren, wenn er irgendwie zur Befriedung beitragen könne, erklärte Morales. Er verzichte dafür auch auf eine Kandidatur bei einer Neuwahl.

Morales war im Januar 2006, genau zwei Monate nach Angela Merkel, an die Macht gekommen. Dass die Bundeskanzlerin so lange im Amt bleibt, störe niemanden, hieß es kürzlich in einem Tweet der Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt, Claudia Sheinbaum. Nur weil Bolivien ein Entwicklungsland sei, werde Morales nun Diktator genannt. «Nach unserer Erfahrung ist die Kontinuität hilfreich», sagte dieser. «Und ich hatte einen schönen Plan mit Blick auf die Zweihundertjahrfeier.»

Politische Stabilität

Als erster indigener Präsident hatte Morales dem Armenhaus Südamerikas eine lange Zeit der politischen Stabilität und der wirtschaftlichen Entwicklung beschert. Um sich seinen Traum zu erfüllen und bis zur 200-Jahr-Feier der Unabhängigkeit 2025 im Amt zu bleiben, überspannte er den Bogen allerdings nach Meinung vieler. Im Oktober stellte er sich zum dritten Mal zur Wiederwahl, obwohl die Verfassung höchstens eine Wiederwahl vorsieht. Morales überwand diese Hürde mit Hilfe der ihm gewogenen Justiz, die die Begrenzung der Amtszeiten als Verletzung seiner Menschenrechte bezeichnete.

Sein großer Wunsch sei es, nach Ende seiner politischen Laufbahn in seiner Heimatregion Cochabamba ein Restaurant zu eröffnen und dort den Süßwasserfisch Schwarzer Pacu zu servieren, erzählte Morales. Der sei derzeit in Mode. Er wolle dort kellnern - «bei den Leuten sein». Scherzend fügte er hinzu: Ein Foto mit dem Ex-Präsidenten werde mehr kosten als der Fisch. Das Restaurant wird warten müssen - Morales ist nun erstmal rund 5000 Kilometer von zu Hause entfernt im Exil.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

vor 19 Minuten
Nachrichten
Vor dem Derby des VfB Stuttgart gegen den Karlsruher SC kesselt die Polizei hunderte Fußballfans der Gäste ein. Nach Sichtung von Videomaterial herrscht parteiübergreifend Einigkeit: Der Einsatz war gerechtfertigt. KSC-Sportdirektor Kreuzer spricht von «Willkür».
11.12.2019
Nachrichten
Rauchen schadet der Gesundheit. Experten fordern daher schon seit Jahren, Reklame auch auf Litfaßsäulen und Co. zu unterbinden. Die Koalition peilt das nun an - allerdings nicht auf einen Schlag.
11.12.2019
Expositionstherapie hilft fast immer
Es gibt unzählige Dinge, die Menschen große Furcht einflößen können. Die Freiburger Angstforscherin Katharina Domschke erklärt, wie Phobien entstehen und was man dagegen unternehmen kann.
11.12.2019
Straßburg
Genau ein Jahr ist es her, dass in der Straßburger Innenstadt fünf Passanten ihr Leben ließen. Heute, Mittwoch, soll ihnen gedacht werden. Der Terror-Angriff auf dem Weihnachtsmarkt hat viele Spuren hinterlassen.
11.12.2019
Nachrichten
Der KSC hat den Rechtsstreit mit der Stadt Karlsruhe um Informationsanspruch über den Stadionvertrag gewonnen.
10.12.2019
Nachrichten
Nach dem gewaltsamen Tod einer 20-Jährigen in Bühlertal im September ist nun der 24-Jährige Ex-Freund der jungen Frau wegen Mordes angeklagt. Laut Staatsanwaltschaft hat der Mann die Ex kurz nach der Trennung unter einem Vorwand in seine Wohnung gelockt.
10.12.2019
Nachrichten
Nach dreiwöchiger Pause wurde der Prozess zur mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung fortgesetzt. Ein Zeuge nahm dabei einen der Angeklagten in Schutz, verstrickte sich aber in Widersprüche.
10.12.2019
Verfahren abgeschlossen
Ein Mann hat versucht, mit 400 Goldmünzen und 517.000 Euro Bargeld über den Grenzübergang bei Rheinfelden zu gelangen. Doch der Bargeldschmuggler flog auf und muss jetzt mit den Konsequenzen zurecht kommen. 
Das Gefühl, ständig erreichbar zu sein, setzt viele Eltern unter Stress.
10.12.2019
Hannover
Fast 40 Prozent der Eltern mit minderjährigen Kindern fühlen sich gestresst. Die Gründe sind unterschiedlich. Einer davon ist das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen. Das hat teils schwerwiegende Folgen.
09.12.2019
Nachrichten
Ein Mann betritt die Wohnung seiner Nachbarin in Lörrach und sticht unvermittelt auf sie ein. Die Frau stirbt an ihren Verletzungen. Der mutmaßliche Täter gilt als gefährlich und befand sich womöglich krankheitsbedingt im Zustand der Schuldfähigkeit.
09.12.2019
Nachrichten
Neues Urteil nach dem Staufener Missbrauchsfall: Ein Bundeswehrsoldat hat in einem Revisionsprozess vor dem Freiburger Landgericht siebeneinhalb Jahre Gefängnis bekommen – im ersten Prozess letzten Mai waren es acht Jahre.
09.12.2019
Stuttgart
Scheinbar grundlos ist eine Passantin in Stuttgart auf offener Straße erstochen worden. Die Polizei hat einen Tatverdächtigen und sucht nun nach dem Motiv.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • vor 23 Stunden
    KF Kinzigtaler Fenster GmbH - Der Experte in Gengenbach
    Winter – die Tage werden wieder kürzer und dunkler, die beste Saison für Einbrecher. Gut, wer da sichere Türen und Fenster hat. Die KF Kinzigtaler Fenster GmbH in Gengenbach hat sich genau darauf spezialisiert und ist in der Region Experte für die Sicherheit zu Hause.
  • 10.12.2019
    Triberger Weihnachtszauber 2019
    Wenn die Weihnachtsmärkte schon abgebaut sind, lädt der „Triberger Weihnachtszauber“ vom 25. bis 30. Dezember zu einem romantischen Weihnachtsspektakel ein. Mehr als eine Million Lichter verwandeln den Schwarzwald an Deutschlands höchsten Wasserfällen in ein funkelndes Wintermärchen!
  • 09.12.2019
    Gravuren, Reparaturen, Anfertigungen
    Bei Juwelier Spinner dreht sich alles um Schmuck und Uhren. Aber nicht nur edle Accessoires lassen sich hier finden – es gibt auch einen ausgezeichneten Service mit vielen weiteren Dienstleistungen.
  • 06.12.2019
    Durbach
    Vorspeise, Hauptspeise, Dessert – das kann jeder. Das Hotel Ritter in Durbach geht dagegen andere Wege. Mit [maki:‘dan] haben die Hoteleigentümer Ilka und Dominic Müller nichts anderes als die Revolution im Ritter eingeleitet. Was dahintersteckt.