Halle

Nach dem Anschlag: Wie Halle den Schock verarbeitet

Autor: 
dpa
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
10. Oktober 2019
Absperrband der Polizei hängt vor dem Dönerladen in Halle.

Absperrband der Polizei hängt vor dem Dönerladen in Halle. ©dpa - Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Im Minutentakt kommen Menschen und legen Blumen vor die Synagoge in Halle. Einige weinen, alle halten inne und wirken bedrückt.

Anwohner hängen am Donnerstag spontan ein selbstgemaltes Transparent an ihr Fenster: «Humboldstr gegen Antisemitismus + Hass» steht darauf. Die Hausgemeinschaft habe ein Zeichen setzen wollen gegen das Anliegen des 27 Jahre alten Mannes, der für den Anschlag auf die Synagoge und zwei Tote und mehrere Verletzte verantwortlich sein soll, sagt Benjamin Leins (32). Die Gedanken hinter der Tat, der Hass, er sei bei vielen Leuten präsent. «Und deswegen finden wir es wichtig, dass man auf die Schnelle ein Zeichen dagegen setzt.»

Dieses Zeichen wollen am Tag nach dem weltweit registrierten Anschlag viele setzen. Auf dem Marktplatz von Halle entsteht ein Kerzen- und Blumenmeer, ebenso direkt an den Tatorten vor der Synagoge und an einem nahen Dönerladen. «Unfassbar», «grausam», «einfach nur schlimm» murmeln die Menschen, die an den Orten um die Opfer trauern.

«Ich bin hier, weil ich die Tat als Angriff auf die Freiheit sehe», sagt Laura, eine 30-jährige Studentin aus der Stadt. «Das ist schon krass, weil wir uns an den Frieden gewöhnt haben, jetzt reicht ein Mensch, um ihn zu zerstören.»
Neben den Polizisten sind auch Journalisten sehr präsent. Vor der Synagoge beantworten einige Jüdinnen und Juden, die während des Anschlags in dem Gotteshaus waren, geduldig Fragen. Unter ihnen ist Christina Feist (29), die aus Wien stammt und in Berlin wohnt. Sie wollte «fern des Großstadttrubels» mit anderen Gläubigen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in Halle begehen.

Schock war Kamera

Der größte Schock für sie sei gewesen, dass sie auf dem Bildschirm der Überwachungskamera sehen konnten, wie der Täter direkt vor der Synagoge eine Frau erschoss. «Wir konnten schlecht rausgehen», sagt Feist. Sie hätten mehr als 15 Minuten die am Boden liegende Frau gesehen, nicht wissend, ob sie lebt oder nicht. Erst dann sei die Polizei gekommen. In der Synagoge habe keine Panik geherrscht, aber Anspannung. «Wir haben gesungen, wir haben gebetet», sagt Feist. Sie seien dankbar gewesen, dass sie noch lebten.

Doch zwei Menschen überleben den Anschlag nicht. Zu den vielen erschütterten und trauernden Hallensern gesellen sich im Laufe des Tages viele Spitzenpolitiker: Schon am späten Vormittag kommt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an. Er spricht von einem «feigen Anschlag» und von einem «Tag der Scham und der Schande».

- Anzeige -

Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ist vor Ort, zusammen mit dem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), dessen Amtskollegen aus dem Land, Holger Stahlknecht (CDU), und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, besucht er die Synagoge und den Tatort am Döner.

Sie alle strömen ins Paulusviertel, am Rand der Innenstadt. Es ist eine der begehrtesten Wohngegenden. Viele Familien leben hier - und Studierende in Wohngemeinschaften. Die Ludwig-Wucherer-Straße, an der der Dönerladen liegt, in dem der Attentäter einen Mann erschoss, hat sich zu einem belebten Viertel mit Cafés und Ateliers entwickelt.

Stadt profitierte

Damit steht es sinnbildlich für die Entwicklung der ganzen Stadt. Sie profitierte in den vergangenen Jahren auch vom Boom der sächsischen Nachbarstadt Leipzig. Wegen steigender Mietpreise dort wohnen inzwischen viele Studierende in Halle. Die Stadt an der Saale hat selbst eine Uni und eine Kunsthochschule, ist Sitz der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Seit Kurzem hat Halle mit seinen mehr als 239 000 Bewohnern die ebenfalls wachsende Landeshauptstadt Magdeburg überholt und ist die größte Stadt im Land.

Doch auch die rechtsextreme Szene ist in der Stadt präsent. Montags hält ein bekannter Rechtsextremist regelmäßig Demos ab. Nur wenige Minuten Fußweg von der Synagoge entfernt gibt es eine Immobilie, die der vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsextremen Identitären Bewegung gehört. Der AfD-Landtagsabgeordnete und frühere Chef der Rechtsaußen-Strömung «Patriotische Plattform», Hans-Thomas Tillschneider, hatte dort zwischenzeitlich sein Büro.

Die Stadt gehe konsequent gegen Rechts vor, beteuert Stadtchef Bernd Wiegand im Fernsehen. Der parteilose Politiker hofft, bei der anstehenden Oberbürgermeisterwahl wiedergewählt zu werden. Die erste Runde ist an diesem Sonntag. Ihm werden gute Chancen auf eine Wiederwahl eingeräumt. Wiegand verwies darauf, dass Rechtsextremismus wie Antisemitismus gesamtgesellschaftliche Probleme seien. «Wir waren bedauerlicherweise Ort des Terrorismus an diesem Tag, aber insgesamt müssen die gesellschaftlichen Anstrengungen weitestgehend und vielfältig erhöht werden.»

Am Tag danach versucht Halle neben all dem Trauern und dem Großaufgebot an Politikern zur Normalität zurückzufinden. Auch am Hauptbahnhof, der während des Anschlags sicherheitshalber stundenlang gesperrt war, ist das zu beobachten. Die Menschen seien verhaltener als sonst, sagt eine Verkäuferin an einem Zeitungskiosk. Sie gebe deswegen allen Kunden den Wunsch für «einen ruhigen Tag» mit. Und wenn die Blumen und Politiker weg sind - wird Halle dann enger zusammenstehen? Der Anwohner Leins, der das Transparent ans Fenster hängte, ist sich nicht sicher. «Das wird sich zeigen.»

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

22.05.2020
Nachrichten
Eine 16-Jährige, die aus dem Großraum Offenburg stammt, ist in der Südwestpfalz von einem Kletterfelsen gestürzt und hat sich dabei schwer verletzt.
12.05.2020
Nachrichten
Die „Coronakrise erweist sich wohl als Fehlalarm“, schreibt ein Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums in einem Papier, das an die Öffentlichkeit gelangt ist. Nun wurde gegen ihn ein „Verbot zur Führung der Dienstgeschäfte“ verhängt.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Mehr als 50 Attraktionen erwartet die Besucher bei Funny World in Kappel-Grafenhausen.
    29.05.2020
    KInderspielparadies in Kappel-Grafenhausen öffnet ab Freitag, 29. Mai, wieder / Tickets vorab reservieren
    Das In- & Outdoor Spieleparadies in Kappel-Grafenhausen öffnet ab Freitag, 29. Mai, wieder seine Tore für seine großen und kleinen Besucher. Ein besonderes Highlight zur Wiedereröffnung ist die neue Attraktion „mexikanischer Adler Flug“. 
  • Eine reduzierte Formensprache, robuste Materialien und eine seriöse Optik zeichnen Möbel von Musterring aus.
    25.05.2020
    Möbel RiVo in Achern: Wohnwelt auf 8000 Quadratmetern
    Bei der Einrichtung zählt einzig und allein der persönliche Geschmack. Und Geschmack ist bekanntlich vielseitig. Gerade deshalb bietet das Einrichtungshaus Möbel RiVo in Achern-Fautenbach eine riesige Auswahl an Markenkollektionen von Top-Designern und -Herstellern wie Musterring.
  • Schöne Outdoor-Möbel bringen Farbe in den Garten.
    18.05.2020
    Mit Bühler Einrichtungen "Freiräume" nach Wunsch gestalten
    Kaum blitzt im Frühling die Sonne noch etwas schüchtern durch die Wolken, freuen sich Garten- und Terrassenbesitzer darauf, schon bald wieder ihr Outdoor-Wohnzimmer nutzen zu können. Für Ihre grüne Oase sind Sie noch auf der Suche nach schicken und eventuell nicht ganz alltäglichen Hinguckern? Dann...
  • Schulabschluss in der Tasche - und was nun? IHK und Wirtschaftsjunioren Ortenau helfen bei der Orientierung.
    14.05.2020
    Mit IHK und Wirtschaftsjunioren: Die Zukunft beginnt jetzt!
    Ausbildung? Weiterführende Schule? Ein Studium - oder vielleicht eine tolle Kombi zwischen Theorie und Praxis? Die letzten Schulwochen sind angebrochen und du hast noch keinen blassen Schimmer, wie es weitergehen soll? Dann probier’ doch einfach aus, was dir Spaß macht! Mit der Beratung der...