Dialog im Salmen

»1989 überrollte die Realität die Fantasie«

Autor: 
Bastian André
Lesezeit 3 Minuten
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14. April 2015

Wolfgang Schäuble (CDU, links) und Werner Schulz (Grüne, rechts) sprachen am Montagabend im Salmen über die Entwicklungen und Veränderungen seit der Einheit. Moderiert wurde der Abend von Markus Knoll (Hitradio Ohr). ©Ulrich Marx

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Ex-DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz blickten am Montagabend im Salmen auf den Mauerfall zurück. Beide Politiker erlebten die Ereignisse aus jeweils anderer Sicht, West und Ost. Einig waren sie sich, dass Deutschland viel aus der Spaltung gelernt habe – und nichts davon verlernen dürfe.

Unter dem Motto »25 Jahre friedliche Revolution und deutsche Einheit« hatte die CDU Offenburg am Montagabend Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Ex-DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz (Grüne) in den Offenburger Salmen eingeladen, um über die Ereignisse zwischen 1989 und 1990 zu sprechen. Beide waren zur Zeit des Mauerfalls wichtige Protagonisten: Schäuble als Innenminister der damaligen Bundesregierung in Westdeutschland, und Schulz unter anderem als Mitglied am Runden Tisch in der DDR während des Übergangs von SED-Diktatur zur Demokratie.

Bis auf ihre Initialen hätten die beiden Politiker wenig gemeinsam, scherzte Moderator Markus Knoll (Hitradio Ohr) zu Beginn des Abends. »Da treffen verschiedene Sichtweisen von Ost und West aufeinander«. Tatsächlich erlebten beide die Monate vor dem Mauerfall unterschiedlich. »Ein halbes Jahr zuvor konnte man es noch nicht glauben, dass die Mauer aufgeht«, sagte Schäuble.

Schulz hingegen, der bis zur Wende in der DDR lebte, habe schon damals beobachtet, wie das Gerüst der Volksrepublik bröselte: »Es gab 300.000 bis 500.000 Jugendliche, die keine Perspektive mehr sahen, die raus wollten«, so Schulz. »Das war eine reine Mangelgesellschaft, die nichts eigenes entwickeln konnte. Kreativität wurde unterbunden, niemand konnte sein Potential entwickeln. Das tötet die Leute.« Als Schulz im Mai 1989 mit weiteren Bürgerrechtlern gefälschte Kommunalwahlen nachweisen konnte, führte dies verstärkt zu Protesten. Für ihn sei eine gewaltsame Revolution jedoch nie infrage gekommen. »Wir wussten, dass wir freie Wahlen erreichen müssen.« An wirkliche Reformen glaubte er nicht. »Wer mehr gewagt hätte wäre chancenlos gewesen. Wir haben auch nicht erwartet, die Gefängnisstäbe aufbrechen zu können – aber einfach mehr Platz in der Zelle zu schaffen.« Mit der Wende kam dann bekanntlich alles ganz schnell anders. Schulz: »1989 überrollte die Realität die Fantasie. Da waren plötzlich Dinge möglich, die vorher nicht vorstellbar waren.«

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Wolfgang Schäuble erinnerte sich an logistische Herausforderungen: »Die Mauer fiel an einem Donnerstag. Und wir wussten, dass am Wochenende sehr viel los sein würde«, sagte er. »Wir mussten für ausreichend Begrüßungsgeld und freie Parkplätze sorgen. Und was macht man mit einem Trabi, der im Westen auf der Autobahn keinen Sprit mehr hat?« Geeignete Zapfsäulen mit Gemisch für die Zweitakter gab es schließlich keine.

Kein Alleingang

Einig zeigten sich beide Politiker darin, dass sich das vereinte Deutschland bewährt habe. »Wir haben eine Führungsrolle in Europa«, so Schulz. »Wer hätte das vor 25 Jahren gedacht?« Schäuble bekräftigte, dass der Weg vom Nachkriegsdeutschland bis zur Einheit kein Alleingang war: »Wir haben mehr von anderen Ländern bekommen als wir je zurückgeben können.«

Deutschland stehe daher jetzt in der Verantwortung für Stabilität in der EU zu sorgen – und eine gute Flüchtlingspolitik zu leisten. »Damit müssen wir fertig werden und dürfen davor keine Angst haben.« Das sei die Lehre aus der Einheit: Demokratie durch Teilen erreichen.

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