Landgericht Karlsruhe

7-Jährige erstochen: Erster Prozesstag um kaltblütigen Mord

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
07. November 2017
Mehr zum Thema

©dpa

Eine Frau will sich trennen und ihr Kind bezahlt dies mit dem Leben. Die Siebenjährige wird von ihrem Stiefvater erstochen. Im Mordprozess vor dem Landgericht Karlsruhe entfaltet sich eine Geschichte von Rache, Eifersucht und anderen Untiefen.

Das erste, was der Angeklagte am Dienstag vor dem Karlsruher Landgericht bekommt, ist ein Rüffel. »Nehmen Sie doch bitte mal die Kapuze ab«, sagt der Vorsitzende Richter etwas ungehalten. Der 29-Jährige hat Minuten zuvor in khakigrünem Parka und hochgeschlagener Kapuze auf der Anklagebank Platz genommen. Er tut wie geheißen, stützt das bärtige Gesicht in die linke Hand und hört mithilfe eines Französisch-Dolmetschers dem Staatsanwalt zu. Mord an seiner kleinen Stieftochter lautet der Vorwurf. Das erst sieben Jahre alte Kind soll der Mann im Mai brutal erstochen haben. Aus Wut und Rache, weil die Mutter des Mädchens sich von ihm trennen wollte.

Sechsmal von hinten eingestochen

Dafür, so die Anklage, fuhr er am Abend der Tat in die Wohnung einer Freundin der Mutter, die dort mitsamt der Tochter nach vorangegangenen Drohungen des Mannes Zuflucht gesucht hatte. Das Messer soll er schon mitgenommen und außerdem gewusst haben, dass das Mädchen mit den beiden Kindern der Freundin dann alleine in der Wohnung sein würde. Er tritt die Wohnungstür ein, zerrt gezielt seine Stieftochter aus der Wohnung, wirft sie auf den Bauch und sticht sechsmal von hinten auf das wehrlose Kind ein. Es stirbt nur Tage später. Stiche durch den Nacken sind ins Hirn eingedrungen. Das Messer bleibt verschwunden. Der Staatsanwalt beantragt, die besondere Schwere der Schuld anzuerkennen.

Im Zeugenstand weint die Mutter nur kurz. »Emilie lag da in ihrem Blut«, sagt die 38-Jährige und ihre Stimme versagt. Sie habe das Kind in den Arm genommen, Polizei und Rettungswagen waren schnell vor Ort. Mit ihrer Freundin war sie kurz vor der tödlichen Attacke in die eigene Wohnung gefahren, um ein paar Sachen einzupacken. Die drei Kinder lassen sie nur kurz zurück. Zu lang. Der achtjährige Sohn der Freundin ruft zweimal panisch auf dem Handy seiner Mutter an, als der Mann »Emilie holt«. Zu spät. Die beiden Frauen fahren so schnell sie können zurück. Vergeblich.

Die Freundin, vor deren Wohnung sich die Tat ereignet, sagt nach der Mutter aus. Gefasst zunächst, bis zum Moment, als sie von der Ankunft am Tatort erzählen soll. Als sie aus dem Auto steigen, zur Wohnung rennen, bei Emilie niederknien, habe das lebengefährlich verletzte Kind die Hand gehoben und gesagt: »Mama«. Die Geste des Kindes macht sie dabei in der Luft nach. Sie weint nun so sehr, dass man sie kaum mehr versteht.

- Anzeige -

Angeklagter sagt nur wenig vor Gericht

Was genau den Angeklagten, dessen Weg nach Deutschland über Spanien und ab 2011 als Asylbewerber nach Belgien führte, zur schrecklichen Tat trieb, wird nicht deutlich. Zwar entschuldigt er sich gleich zu Beginn der Verhandlung beim leiblichen Vater und bei seiner Frau, die er erst im März geheiratet hatte. Ansonsten kann sich der 29-Jährige nicht erinnern und sagt so gut wie nichts.

Gegenüber dem ebenfalls als Zeugen vernommenen Sachverständigen spricht er von einem »Blackout«, er hätte seinen Zorn nicht am Kind auslassen sollen. Der Angeklagte habe oft geweint in Gesprächen mit ihm, erklärt der Psychiater weiter. »Ich hatte keineswegs den Eindruck, dass ihn das Ganze kalt lässt.« Er habe sein späteres Opfer gemocht und sich auch gekümmert.

Urteil wird am Freitag erwartet

»Ich glaube, er ist ein schlechter Mensch«, sagt die Tante der getöteten Siebenjährigen am Vormittag in einer Prozesspause. Sie ist aus Frankreich angereist, um den Prozess zu verfolgen. Eine weitere Frau, die für sie dolmetscht, ist mit der Mutter des getöteten Mädchens befreundet. Die Mutter sei stark, sagt sie, es gehe ihr den Umständen entsprechend, sie habe ihre Tochter in Kamerun beerdigt. »Aber sie hat jetzt kein Kind mehr.« Das Urteil gegen den 29-Jährigen könnte am Freitag gefällt werden.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
  • 24.05.2019
    Biberach
    Mit zwei Kandidaten tritt die Alternative für Deutschland (AfD) am 26. Mai bei den Gemeinderatswahlen in Biberach an.
  • 13.05.2019
    »Schöne Zeit« – der zeitlose Weingenuss
    Fruchtig, farbenfroh und voller Lebensfreude – so zeigt sich der neue »Schöne Zeit«-Weißwein der Durbacher WG. Der Name ist Programm und steht für zeitlosen Genuss für jedes Alter – aus dem Herzen des Durbachtals.
  • 09.05.2019
    Experten von Steinhof Fitness in Oberkirch beraten
    80 Prozent der Deutschen haben Rückenschmerzen - viele sogar chronisch. Ursache dafür ist in den allermeisten Fällen eine mangelnde oder falsche Bewegung. Die Experten von Steinhof Fitness in Oberkirch zeigen, wie Rückenschmerzen künftig der Vergangenheit angehören können - und beraten kostenlos.
  • 07.05.2019
    Mitgliederversammlung
    Es war eine geheime Abstimmung beim SV Berghaupten. Doch danach stand fest: Die Führungsmannschaft bleibt bis 2021 im Amt. Robert Harter wurde erneut die SVB-Präsidentenwürde zuteil.  

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

Kommentator Hagen Strauß rät dazu, wählen zu gehen.
vor 3 Minuten
Kommentar des Tages
Am Sonntag steht die Europawahl an. Es geht um Europa. Es geht um die Zukunft der Europäer. Unser Kommentator plädiert dafür, wählen zu gehen, um mit einem starken Europa, Nationalismus und Populismus Einhalt zu gewähren.
Ein Banner mit der Aufschrift «Ehrenamt»: Die Länder-Finanzminister wollen mehr Anreize für ehrenamtliches Engagement schaffen.
vor 14 Stunden
Berlin
Die Länder-Finanzminister wollen mehr Anreize für ehrenamtliches Engagement schaffen. Sie sprachen sich am Freitag bei einem Treffen in Berlin dafür aus, die Übungsleiterpauschale um 600 auf jährlich 3000 Euro sowie die Ehrenamtspauschale um 120 auf 840 Euro zu erhöhen.
vor 14 Stunden
Nachrichten
Noch bis Sonntag läuft der NL-Contest in Straßburg. Dabei treffen sich seit Freitag Skateboarder, BMX-Fahrer, Inline-Skater und Break-Dancer zu einem großen Fest der Street-Sportarten im Skatepark Rotonde.
Eine Falcon 9 SpaceX-Rakete mit einer Nutzlast von 60 Satelliten für das Starlink-Breitbandnetz von SpaceX startet vom Luftwaffenstützpunkt Cape Canaveral.
vor 14 Stunden
Cape Canaveral
Die private US-Raumfahrtfirma SpaceX hat die 60 ersten Satelliten für ihr geplantes weltumspannendes Internet-Netz im All ausgesetzt. Eine «Falcon 9»-Rakete von SpaceX brachte sie in der Nacht in die Umlaufbahn, wie das Unternehmen von Tech-Milliardär Elon Musk mitteilte.
Premierministerin Theresa May geht nach ihrer Presseerklärung zurück in die 10 Downing Street. Sie will ihr Amt als Parteichefin am 7. Juni abgeben.
vor 15 Stunden
London
Unter Tränen hat die britische Premierministerin Theresa May ihren Abschied angekündigt. «Ich werde in Kürze die Aufgabe abgeben, die für mich die größte Ehre meines Lebens bedeutete», sagte sie sichtlich gezeichnet vor ihrem Amtssitz in der Downing Street 10 in London.
Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat den vor mehr als 130 Jahren verurteilten Häuptling, Chief Poundmaker, posthum von allen Vorwürfen entlastet.
vor 15 Stunden
Montreal
Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat einen vor mehr als 130 Jahren verurteilten Häuptling posthum von allen Vorwürfen entlastet.
vor 16 Stunden
London
Theresa May hat keinen Ausweg aus der Brexit-Sackgasse gefunden. Nun muss sie Platz machen für einen Nachfolger. Doch die Zeit bis zum geplanten EU-Austritt am 31. Oktober ist knapp.
Julian Assange, Mitbegründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks, verlässt ein Gericht in London.
vor 17 Stunden
London
Julian Assange gilt als maßgeblicher Mitgründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, die Einblick in unethisches Verhalten von Regierungen und Unternehmen verspricht.
Es soll ein Armband mit der Assistenzsoftware Alexa entwickelt werden, das Emotionen von Nutzern erkennen und auf sie eingehen kann.
vor 18 Stunden
Seattle
Amazon entwickelt laut einem Medienbericht ein Armband mit seiner Assistenzsoftware Alexa, das Emotionen von Nutzern erkennen und auf sie eingehen kann.
Basstölpel sitzen auf ihren Nestern auf der Nordseeinsel Helgoland.
vor 18 Stunden
Helgoland
Das Problem ist von Weitem sichtbar. Orange und blau leuchtet es aus den Basstölpelnestern an Helgolands Felsenküste. Die Nester im Naturschutzgebiet Lummenfelsen sind durchsetzt mit Plastik.
Im französischen Montereau gibt es nicht genügend Kinder, um künftig alle Schulklassen zu füllen. Bürgermeister Debouzy will nun in der Gemeinde die Potenzpille Viagra verteilen lassen.
vor 19 Stunden
Montereau
Der Bürgermeister eines Dorfes in Frankreich will drohendem Bevölkerungsschwund mit ganz besonderen Methoden entgegenwirken. Er habe vorgeschlagen, in der Gemeinde die Potenzpille Viagra verteilen zu lassen, erklärte der Bürgermeister von Montereau, Jean Debouzy, der dpa.
Versiegelter Campingwagen des mutmaßlichen Täters auf einem Campingplatz in Lügde.
vor 19 Stunden
Düsseldorf
Der Bürgermeister von Lügde berichtet von Hunderten Hassmails und Drohanrufen seit Bekanntwerden des Falls von massenhaftem Kindesmissbrauch in seiner Stadt.