Interview des Tages: Christopher Hermann

AOK-Boss beklagt Neider im Kassensystem

Autor: 
Christoph Rigling
Lesezeit 7 Minuten
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27. Januar 2016

"Man hat den ein oder anderen Neider. Auch im Krankenkassenmetier sind so manche unterwegs, die eine gewisse Behäbigkeit an den Tag legen." Christoph Hermann, AOK-Chef von Baden-Württemberg über die unflexiblen Konkurrenten. ©Ulrich Marx

Christopher Hermann ist der Boss der AOK-Baden-Württemberg. Der 61-Jährige gehört zu den erfolgreichsten Kassenmanager Deutschlands. Er rang der Pharmaindustrie Rabatte ab, konzipierte die hausarztzentrierte Versorgung und will jetzt mit den Kliniken Verträge aushandeln. Und dabei gehört die AOK im Südwesten zu den günstigsten Kassen. Im Interview mit der Mittelbadischen Presse verrät Hermann, warum ihm der Erfolg nicht nur Freunde beschwert hat.

Herr Hermann, Sie gelten als einer, wenn nicht sogar als der erfolgreichste, Kassenmanager Deutschlands. Stolz auf das Lob?
Hermann:
Also, wenn Sie das so sagen...

... dann nehmen Sie es mit, oder?
Hermann:
Ja klar gerne. Aber der Erfolg der AOK Baden-Württemberg entspringt keiner One-Man-Show, sondern ist im Team entstanden. Wir alle tun viel für den Erfolg. 

Was haben Sie so toll gemacht?
Hermann:
Wir sind sehr aktiv, glaubwürdig und verlässlich. Das ist unsere Marschrichtung in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird – wie manche empfinden. Eine Mitarbeiterin hat mich gerade gefragt, was sie sagen soll, wenn sie gefragt wird, ob wir den Beitragssatz bis Ende 2016 stabil halten. Meine Antwort ist klar und einfach: Ja natürlich. Denn wir haben solide gewirtschaftet und kalkuliert.

Wie steht die AOK Baden-Württemberg im Vergleich mit dem Rest der Branche da?
Hermann:
Wir sind der Platzhirsch. Unser Marktanteil liegt bei 43 Prozent und er wächst weiter. Im vergangenen Jahr wollten wir vier Millionnen Versicherte erreichen. Am 1. Juli hatten wir die vier Millionen schon geknackt. Und Sie müssen sich vorstellen, das sind die Nettoentwicklungen. 40 000 bis 45 000 Menschen versterben jährlich, die bei uns versichert sind. Das muss jedes Jahr zuerst kompensiert werden, und erst dann kann man wachsen. 

Wie sieht das Erfolgsrezept »Verlässlichkeit« konkret aus?
Hermann:
Wir sind mit 230 Kunden-Centern im Land vor Ort präsent wie keine andere Krankenkasse. Das mag manchem altmodisch klingen, weil die Konkurrenz zentralisiert und die Beratung über Callcenter abwickelt. Aber unsere Philosophie hat einen unschätzbaren Wert für die Versicherten, die intensive Gesundheitsberatung unter vier Augen allem anderen vorziehen. 

Kann Ihr angestrebter Mitgliederwachstum auch an Grenzen stoßen?
Hermann:
Wir müssen natürlich schauen, dass wir nicht behäbig werden oder Wasserköpfe aufbauen. Wir müssen erneuern, investieren, in Frage stellen und auf Entwicklungen reagieren. Aber ich sehe in der Grundstruktur einer Gesetzlichen Krankenkasse keine kritische Größe. 

Ist die Größe ein Vorteil?
Hermann:
Ja unbedingt. Wir können beispielsweise gegenüber der Pharmaindustrie bei den Rabattverträgen ganz anders auftreten als eine kleinere Kasse.

Wenn das alles so toll ist, warum musste dann der Beitrag am Anfang des Jahres steigen?
Hermann:
Die Bundesregierung hat eine Reihe von neuen Gesetzen auf den Weg gebracht, die viel Geld kosten. Ich will die Maßnahmen nicht schlecht reden. Wenn ich an den Palliativ- und Hospizsektor denke, dann war das nötig – kostet aber. Die Beitragserhöhung fiel übrigens im Vergleich zu anderen Kassen mit 0,1 Prozentpunkt sehr niedrig und unterhalb des Durchschnitts aus. Wir nehmen so viel, wie notwendig. Wir sind ja keine Sparkasse.

Bei der AOK Niedersachsen ist der Beitragssatz günstiger und der Zusatzbeitrag niedriger. Was machen die anders?
Hermann:
Im Details weiß ich das nicht. Aber die Versorgungslage in Niedersachen ist natürlich eine völlig andere. Baden-Württemberg gehört auch wirtschaftlich zur Topliga in Europa. Das gilt genauso fürs Gesundheitswesen. In anderen Teilen der Republik sind geringere Beträge etwa für den Betrieb einer Arztpraxis notwendig. Bei uns werden andere Gehälter bezahlt. Das muss finanziert werden. Wir können nie zu den günstigsten gehören, weil unser Gesundheitssystem in Baden-Württemberg zu den teuersten gehört.

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Rabattverträge, hausarztzentrierte Versorgung (HZV) sind Meilensteine. Sie sind jetzt 61. Was wollen Sie noch anpacken bei der AOK?
Hermann:
Wir wollen auch bei den innovativen, also den ganz neuen Medikamenten, mit den Pharmaunternehmen selbst verhandeln. Die Rabattverträge gelten ja vor allem für Nachahmermedikamente, die Generika. Dann wollen wir nicht nur mit den Hausärzten und Fachärzten intensiver zusammenarbeiten, sondern auch mit den Kliniken. Wir wollen die Versorgung noch qualifizierter gestalten.

Sie wollen im Krankenhaus auch mitregieren?
Hermann:
Die innovativen Häuser warten darauf, die Zusammenarbeit zu verstärken. 

Wie laufen die Verhandlungen mit den Kliniken an.
Hermann:
Da geht es nur um Abteilungen und nicht um ganze Kliniken. Wir wollen die Versorgungskette komplettieren. Das Entlassmanagement soll perfektioniert werden, welche Unterlagen bekommt der Patient für den Hausarzt mit und wie wird weiter behandelt. Wenn es da klare Strukturen gibt, steigt die Qualität der Versorgung und die Beiträge können effizienter eingesetzt werden. Darum geht es im Kern.

Wer war schlimmer, die Pharmaindustrie oder die Ärzte?
Hermann:
Die Pharmaindustrie natürlich. Das sind schon manchmal Schlitzohren. Wir können eine Topversorgung für unsere Versicherten nur erreichen, wenn Ärzte dafür auch gutes Geld bekommen. Bei uns erhält der Hausarzt jede Behandlung bezahlt. Da gibt es keinen Deckel. Und auch mit Fachärzten arbeiten wir mittlerweile hervorragend zusammen.

Nochmals zurück zu Ihrer erfolgreichen Arbeit. Hat das bei anderen Kassen und in anderen Bundesländern Schule gemacht? 
Hermann:
Man hat den ein oder anderen Neider. Auch im Krankenkassenmetier sind so manche unterwegs, die eine gewisse Behäbigkeit an den Tag legen. Wenn man eine andere Schlagzahl drauf hat, neue Wege geht und damit auch Erfolg hat, dann stellt dies für diese Leute eine anstrengende Herausforderung dar.

Also viele Fans haben Sie offensichtlich nicht.
Hermann:
Wenn sich der Erfolg einstellt, wie bei den Arzneimittel-Rabattverträgen, dann springen auch andere auf den Zug. Solche Verträge hat mittlerweile jede Kasse.

Ganz kurz: Wie sehe die Krankenversicherung nach Hermann aus, wenn man ihn machen ließe?
Hermann:
Ich würde die Strukturen deutlich wettbewerbsorientierter organisieren. Ich habe ein Grundvertrauen in die Menschen als mündige Bürger. Bei genügend Optionen sind sie auch im Gesundheitswesen in der Lage, die Kasse für sich auszusuchen, die für sie die beste ist. Die Kassen sollten Wettbewerb um gute Versorgung machen. Das ist anstrengend, nützt aber jedem Beteiligten. Ich würde die Schotten öffnen für die Versorgungsgestaltung. Der eine will mehr Prävention, der andere legt mehr Wert auf die innovativste Versorgung. 

Sind die zwei Versorgungssystem – also die gesetzliche und die private Krankenversicherung noch zeitgemäß?
Hermann:
Die Zweiteilung ist veraltet. Jeder darf für sich eine gute Grundversorgung beanspruchen. Und eine Veranstaltung, wo sie nur mit einem hohen Einkommen oder einem Beamtenstatus reinkommen, passt nicht mehr in die heutige Zeit. Eine PKV lebt davon, dass sie sich ihre Klientel zusammenschneidern darf. Von den ganzen Risiken einer Gesellschaft absorbiert sie sich. Keinen Flüchtling werden Sie in einer PKV antreffen. Irgendwann wird die Politik uns von der GKV bitten, die Privaten aufzunehmen.

Was macht Sie da so sicher?
Hermann:
Die PKV kann ihre Finanzierungslogik nicht mehr durchhalten. Durch die jahrelange Niedrigzinssituation können sie beispielsweise die Altersrückstellung nicht mehr ausreichend refinanzieren. Auch der demografische Faktor schlägt gerade bei der PKV deutlicher zu Buche. Die Mitglieder werden älter, die Kosten steigen und das führt alles zu enorm steigenden Beiträgen. 

Apropos Flüchtlinge. Wie bewältigt das beispielsweise die AOK?
Hermann:
Wir werden von dem Thema dann eingeholt, wenn die Asylbewerber einen gesicherten Aufenthaltsstatus haben. Dann werden sie sozialversichert. Die Zahlen der Mitglieder mit Flüchtlingshintergrund beginnen auch jetzt bei uns zu steigen. Das wird ab Mitte des Jahres deutlicher zu Tage treten. Aufgabe muss es sein, vor allem die Integration der Flüchtlinge voranzutreiben. Sie müssen schnell Deutsch lernen können und eine Ausbildung machen, um in Lohn und Brot zu kommen. Das ist was, wir brauchen.

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