Zehnteilige Serie (5): Klimawandel in der Region

Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft

Autor: 
Markus Fix
Lesezeit 5 Minuten
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27. April 2017
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(Bild 1/2) Symbolbild ©Pixabay

Die Landwirtschaft in der Region gehört sowohl zu den Gewinnern als auch zu den Verlierern des Klimawandels. Zum Beispiel wird es einerseits möglich sein, auch in höheren Lagen Ackerbau zu betreiben und später reifende Rebsorten anzubauen. Andererseits können beispielsweise Schädlinge mehrmals jährlich auftreten, und bestimmte Pilzkrankheiten  gedeihen sehr viel besser. 
 

Die Landwirtschaft in Baden-Württemberg und besonders am Oberrhein  ist durch  den Obstbau, den Gemüsebau und den Weinbau geprägt. Wobei diese drei Bereiche zwar den größten Gewinn versprechen, aber auf das gesamte Bundesland gesehen nur wenig Fläche bedecken. 58 Prozent des Agrarlandes in Baden-Württemberg sind Ackerland, 38 Prozent Grünland. Auf nur vier Prozent wachsen Wein, Gemüse und Obst.

 Auf die verschiedenen Bereiche wird der Klimawandel in den kommenden Jahren verschiedene Auswirkungen haben. Der Maisanbau könnte beispielsweise noch zulegen. Denn in Höhen, in denen Mais bisher nicht gedeiht, wird es wärmer werden, so dass die Futter- und Energiepflanze auch dort wachsen kann. Der Winterweizenertrag wird hingegen sinken, da er mit dem Klimawandel nicht so gut zurechtkommen wird. Das sind zumindest die Aussichten, die Wissenschaftler des Verbundprojekts »Klimawandel – Auswirkungen, Risiken, Anpassung« (KLARA) veröffentlicht haben.

Darin ist aber unter anderem nicht der Düngeeffekt berücksichtigt, den höhere CO2-Werte bewirken könnten. Er könnte dafür sorgen, dass sich der Ertrag zwar verbessert, die Qualität aber wohl eher sinkt, da die Eiweißgehalte der Pflanzen abnehmen würden. Weil diese aber zum Beispiel beim Backweizen unentbehrlich sind, werden auch die Gewinne der Landwirte zurückgehen. Von daher würde es sich gar nicht lohnen, mache Pflanzen, die gut wachsen, vermehrt anzubauen. Was zudem von den Forschern nicht berücksichtigt wurde, ist die in Teil drei der Klimaserie der Mittelbadischen Presse beleuchtete Gefahr, dass der Klimawandel für eine Wasserknappheit in der Landwirtschaft sorgen könnte. Das würde auch den Mais betreffen.

Region gehört zu den wärmsten Gebieten Deutschlands

Sicher ist, dass die Landwirte in der Oberrheinebene, also auch in der Ortenau, sich besonders schnell an den Klimawandel anpassen werden müssen, da sich hohe Temperaturen in ohnehin schon warmen Gebieten umso stärker auswirken, wie die Erfahrungen aus Hitzesommern wie dem im Jahr 2003 zeigen. Mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von über neun Grad Celsius gehört die Region schon jetzt zu den wärmsten Gebieten Deutschlands und hat eine dadurch bedingte Vegetationsperiode von 170 Tagen. Durch den Klimawandel werden hier deshalb mehr Anstrengungen in der Pflanzenzüchtung und Anpassungen in Fruchtfolge, Aussaat, Düngung, Bodenbearbeitung und Pflanzenschutz nötig werden. Auch eine Bewässerung könnte verstärkt gefragt sein, womit wir schon wieder bei Teil drei dieser Serie wären.

Die Wärme könnte aber nicht nur den momentanen Anbauprodukten Probleme bereiten, sondern auch andere Pflanzen für die Landwirte interessant machen. Sonnenblumen könnten zum Beispiel auf größeren Flächen angebaut werden, Der Anbau von Gemüsesorten wie Paprika, Auberginen oder auch Artischocken liegt im Bereich des Möglichen und könnte Gewinne bringen. Soja boomt jetzt schon, auch in der Ortenau. Die Pflanze wird derzeit in Deutschland auf gerade einmal 17 000 Hektar Fläche angebaut und vor allem als Tierfutter verwertet. Die Nachfrage nach regionalen und gentechnikfreien Sojaprodukten als Ersatz für tierisches Eiweiß in der menschlichen Ernährung in Form von Tofu wächst aber deutlich.

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Zuckerrüben werden laut den KLARA-Forschern hingegen wohl an Anbaufläche verlieren, da sie mit dem Klimawandel nicht so gut zurechtkommen werden, und die Obstbauern werden in den kommenden Jahren unter mehr Schorfbefall ihres Obstes zu leiden haben, da die Infektionsgefahr mit Pilzsporen in den in Zukunft feuchteren Frühjahren deutlich zunimmt. Höhere Temperaturen sorgen zudem für das Auftreten mehrerer Generationen von Schädlingen in einem Jahr. 

Bio-Bauern könnten besonders betroffen sein

Insgesamt müssen die Landwirte wegen der erwarteten Zunahme von Schädlingen und Pflanzenkrankheiten mit höheren Kosten durch mehr Aufwand und das Versprühen von mehr Pflanzenschutzmitteln rechnen. Bio-Bauern könnten besonders betroffen sein, da sie keine chemisch-synthetischen Mittel einsetzen dürfen. Durch den Klimawandel werden auch immer mehr Schädlinge einwandern, wie beispielsweise der Maiswurzelbohrer und die Kirschessigfliege, die schon in den vergangenen Jahren für große Schäden gesorgt haben.

Pilzbefall und alte und neue Schädlinge dürften in Zukunft auch den Winzern immer mehr zu schaffen machen. Insgesamt gesehen ist der Weinbau aber wohl der Bereich in der Landwirtschaft, der am wenigsten vom Klimawandel betroffen sein wird. Er kann auf Rebsorten ausweichen, die mit der Wärme zurechtkommen. Der Wandel ist bereits da, auf den Weinbergen der Region wachsen schon lange  nicht mehr nur Riesling, Spätburgunder und Müller-Thurgau, sondern beispielsweise auch Tempranillo, Cabernet Sauvignon und Merlot.  Wegen des Klimawandels und der höheren Durchschnittstemperaturen ist deren Anbau mittlerweile möglich, seit den 1990er-Jahren ist ein stabiles Ertragsniveau mit vergleichsweise geringen Schwankungen zwischen den einzelnen Jahren zu verzeichnen.

Riesling wird Probleme bekommen
 
Der Riesling, eines der Aushängeschilder der Ortenau, wird hingegen Probleme bekommen. Die Rebsorte entwickelt ihre Fruchtaromen in dem Unterschied zwischen heißen Tagen und kühlen Nächten, und diese Unterschiede dürften in den kommenden Jahren immer mehr abnehmen.

Ob das eine gute Entwicklung ist, wird unter Weinexperten teilweise hitzig debattiert. Im Kern geht es um die Frage, ob sich der Weinstandort Baden-Württemberg treu bleiben soll mit seinem Schwerpunkt auf eher leichten, fruchtigen Weinen, die auch in kühleren Regionen gut reifen. Oder soll man versuchen, Merlot, Chardonnay und Cabernet Sauvignon so gut auszubauen, dass man mit den traditionellen Anbaugebieten dieser Weine in Konkurrenz treten kann? Die Zukunft und der Klimawandel werden zeigen, wohin der Weg für die Winzer der Region führen wird.
 

Hintergrund

Schädlinge und der Huglin-Index

Auf die Gefahren reagieren

Der Klimawandel sorgt immer früher im Jahr für milde Temperaturen, wodurch die Natur auch immer früher erblüht. Ein oder zwei Nächte mit Minusgraden können da schnell für große Schäden in der Landwirtschaft sorgen, wie auch die Ortenau kurz nach Ostern erleben musste. Neben dem Frost sind auch starke Regenfälle und Hagelschlag immer öfters eine Gefahr. Vor dem Hintergrund des Klimawandels setzen deshalb immer mehr Produzenten inzwischen auf Schutzmaßnahmen, etwa Hagelschutznetze für Kernobst, Verfrühungstunnel für Spargel und Erdbeeren, Überdachungen für Kirschbäume oder Gewächshäuser für Gemüse.  

Kirschessigfliege

Die aus Asien stammende Kirschessigfliege (lat. Drosophila suzukii) wurde 2011 zum ersten Mal in Deutschland nachgewiesen, 2014 wurde sie zum massiven Problem auch auf Weinbergen. Auch in der Ortenau ist sie inzwischen ein Problem. Die weiblichen Tiere ritzen Löcher in gesunde, reifende Früchte und legen bis zu 400 Eier ab. Die Larven fressen die Früchte innerhalb kurzer Zeit kaputt. Nach Angaben des 
Julius Kühn-Instituts, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, können pro Jahr zahlreiche Generationen gebildet werden, die Insekten können mehrere Monate alt werden. Sie befallen überwiegend weichschalige und rote Obstsorten.   

Der Huglin-Index

Der nach Pierre Huglin benannte Huglin-Index zeigt an, welche Weinsorten wo gedeihen können. Er berechnet die Wärmesumme über Tagesmittel und Tagesmaximumwerte im Zeitraum von April bis September. Je höher die Temperatursumme ist, desto mehr und spät reifende Weinsorten können die Winzer anbauen. Beispiel: Während der Müller Thurgau bereits mit einem Huglin-Index von 1500 und der Riesling von 1700 auskommt, braucht ein Merlot 1900 und ein Syrah, der beispielsweise bereits heute am Kaiserstuhl angebaut wird, einen Huglin-Index von 2200. In den nächsten Jahrzehnten wird der Huglin-Index aufgrund des Klimawandels weiter ansteigen.        

Piwis 

Was wie ein wissenschaftliches Experiment klingt, ist ein in der deutschen Weinbranche keineswegs seltenes Vorhaben. Es geht um sogenannte Piwis, das Kürzel für pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Hierbei werden europäische Pflanzen mit Reben aus Amerika oder Asien gekreuzt. Dabei wird die natürliche Widerstandsfähigkeit der fremden Arten übernommen. Später werden die Sorten mehrfach mit anderen europäischen Reben gekreuzt, damit sie geschmacklich nah beim heimischen Ursprung sind – die Pilz-Widerstandsfähigkeit bleibt trotz Rückkreuzungen drin. Der Vorteil: Die Winzer müssen deutlich weniger spritzen.   

Info

Alle Folgen der Klimaserie im Überblick

Teil 1: Übersicht über die globale Entwicklung und die Auswirkungen auf Baden-Württemberg.

Teil 2: Auswirkungen des Klimawandels und des damit verbundenen Gesundheitsrisiken auf die Menschen in der Region.

Teil 3: Auswirkungen des Klimawandels auf die Wassersituation und damit verbundene Probleme in der Region.

Teil 4: Auswirkungen des Klimawandels auf die Beschaffenheit und die Ertragfähigkeit der Böden in der Region.

Teil 5: Auswirkungen des Klimawandels auf die Arbeit in der Landwirtschaft in der Region.

Teil 6: Auswirkungen des Klimawandels auf die Forstwirtschaft und die Arbeit im Wald in der Region.

Teil 7: Auswirkungen des Klimawandels auf die Natur und den Artenschutz in der Region.

Teil 8: Auswirkungen des Klimawandels auf den Sommer und Wintertourismus in der Region.

Teil 9: Auswirkungen des Klimawandels auf die Wirtschaft und die Arbeitsverhältnisse in der Region.

Teil 10: Interview mit einem Klimaexperten, wie es aufgrund des Klimawandels 2050 in der Region aussehen könnte.

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