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Die große Debatte um die »Igel«-Leistungen

An den ärztlichen Selbstzahler-Leistungen scheiden sich die Geister / Die Mittelbadische Presse beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema
01. März 2017
&copy dpa

Mit dem Wort »Igel« verbindet man eigentlich Positives: Als Vertilger von Insekten und deren Larven sind die putzigen Tierchen bei Gärtnern beliebt. Die namensgleichen »Igel«-Leistungen von Ärzten sind dagegen in Verruf geraten. Sie schaden mehr, als dass sie nützen, sagen manche Kritiker. Was ist dran an dieser Behauptung?

Was sind »Igel«? 
»Igel« (alternative Schreibweise: »IGeL«) steht für »Individuelle Gesundheitsleistungen«: Dies sind ärztliche Leistungen und Behandlungen, für die die Krankenkasse des Patienten nicht aufkommt, weshalb er das Geld dafür dem Arzt privat zahlen muss. Bekannte »Igel« sind die Augen­innendruckmessung zur Früh­erkennung eines Grünen Stars (Glaukom; Kosten: 10-25 Euro – die Krankenkasse zahlt nur bei konkretem Glaukomverdacht), der Ultraschall der weiblichen Brust zur Krebsfrüherkennung (26-60 Euro), die professionelle Zahnreinigung (35-120 Euro) oder auch der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs (25-35 Euro; PSA ist die Abkürzung für »prostataspezifisches Antigen«, ein Enzym). Den Test bezahlen Krankenkassen nur bei konkretem Krebsverdacht (zum Beispiel wegen eines tastbaren Knotens) sowie zur Verlaufskon­trolle bei Prostatakrebs.

Wer legt fest, was die Krankenkasse bezahlt?
Im Sozialgesetzbuch, fünftes Buch, sind die Kriterien für Pflichtleistungen der gesetzlichen Krankenkassen festgelegt: Sie müssen »ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich« sein, und »sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten«. Welche Leistungen diese Bedingungen erfüllen, entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss. Stimmberechtigt sind dort fünf Vertreter des Krankenkassen-Spitzenverbands, fünf Vertreter der Ärzteschaft und von Krankenhäusern sowie drei unabhängige Mitglieder.
Darüber hinaus gehende Untersuchungen sind »Igel«-Leistungen. Jede Kasse legt selbst fest, welche Behandlungen sie über die gesetzlichen Verpflichtungen hinaus ihren Patienten bezahlt – eventuell auch nur in einer privaten Zusatzversicherung. Wer privat (voll)versichert ist, bekommt »Igel« in der Regel erstattet.

Was sagen die »Igel«-Kritiker?
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fährt schwere Geschütze auf. »Bei Igel geht es ums Geldverdienen, selbst wenn es dem Patienten schadet. Dabei gehören Überrumpeln und Ängsteschüren zum Geschäftsmodell. So darf es nicht weitergehen«, meint Eugen Brysch, der Vorstand der Stiftung, die sich um Schwerstkranke, Schwerstpflegebedürftige und Sterbende kümmert.

Was ist der »Igel-Monitor« und was sagt er aus?
Seit fünf Jahren gibt es die Internetseite www.igel-monitor.de. Sie wird betrieben vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (MDS). Die Seite bietet zahlreiche Informationen zum Thema »Igel«. 39 Selbstzahler-Leistungen werden zurzeit auf der Webseite bewertet – stets geht es um die Frage: Überwiegt der Schaden oder der Nutzen? Zugrunde liegen wissenschaftliche Studien. Auch werden die Alternativen aus der gesetzlichen Krankenversicherung aufgeführt.
Keine »Igel« bekommt die Einschätzung »positiv«. Dieses Urteil würde bedeuten: »Unserer Ansicht nach wiegt der Nutzen der Igel deutlich schwerer als ihr Schaden.« Drei sind immerhin als »tendenziell positiv« eingeschätzt: die Akupunktur zur Migräneprophylaxe, die Lichttherapie bei saisonal depressiver Störung (»Winterdepression«) und die Stoßwellentherapie bei Fersenschmerz. Bei diesen Leistungen wiege der Nutzen »geringfügig schwerer« als der Schaden. 
Bei einem Drittel der Leistungen ist das Nutzen-Schaden-Verhältnis »unklar«. 17 sind »tendenziell negativ«, vier »negativ«: die Colon-Hydro-Therapie (eine spezielle Form der Darmspülung), die durchblutungsfördernde Infusionstherapie beim Hörsturz, die Immun­globlin-G-Bestimmung zur Diagnose einer Nahrungsmittelallergie und der Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung.

Mit »Schaden« ist im »Igel-Monitor« gemeint, ob und wie sehr ein Test oder eine Behandlungsmethode Patienten schadet, indem etwa die Lebensqualität der Patienten verringert oder deren Leben gar verkürzt wird. Zudem steht auf der Monitor-Seite: »Bei Vorsorge- und Früherkennungsmaßnahmen sowie bei invasiven Behandlungen gehen wir (...) grundsätzlich von Hinweisen auf einen geringen Schaden aus.« Denn Früherkennungstests führen laut MDS häufig zu belastenden zusätzlichen Tests und »Überdiagnosen«: Dies bedeutet, dass eine Krankheit richtig erkannt wurde, sie aber nicht auffällig und problematisch geworden wäre, wenn man nicht nach ihr gesucht hätte. Manche Ärzte raten zum Beispiel selbst nach einem positiven PSA-Test von einer Behandlung der Prostata ab. So vermeide man es, den ungewissen Erfolg einer frühzeitigen Behandlung mit wahrscheinlichen Folgeschäden zu erkaufen. Manchen Prostatakrebs-Patienten geht es ohne Operation und Bestrahlung auch nach vielen Jahren gut. Aber die wenigsten können mit einer solchen Diagnose einfach ruhig weiterleben.

Christian Weymayr, Medizinjournalist und Projektleiter des »Igel-Monitors«, gibt zu, dass alle Krebsvorsorge-Methoden – mal mehr, mal weniger – zu einem Schaden im oben beschriebenen Sinne führten – daher sei die gesetzliche Krankenversicherung auch mittlerweile von den Vorsorgekampagnen abgerückt. Manche Untersuchungen seien aber schlicht genauer und zuverlässiger und würden daher von den Kassen bezahlt. 
Anlässlich »Fünf Jahre Igel-Monitor« kritisierte der Spitzenverband MDS Mitte Februar zudem, dass Patienten häufig zu wenige Informationen zu »Igel« von ihren Ärzten erhielten und teilweise unter Druck gesetzt würden, sich schnell zu entscheiden.

Wie verteidigt sich die Kassenärztliche Vereinigung?
Norbert Metke, der Vorstandschef der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), sieht in den »Igel«-Leistungen eine »von den Patienten gewünschte unverzichtbare Ergänzung zum Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung«. Deren Leistungen seien nun mal begrenzt, insbesondere im Bereich der Alternativmedizin.
Metke verweist in der Diskussion um die Nützlichkeit der »Igel« darauf, dass etwa das Hautkrebs-Screening früher von den Patienten bezahlt werden musste. Auf Anraten ihrer Ärzte hätten »Patienten jahrelang das Screening bezahlt und mit einer frühzeitigen Diagnose der Krebserkrankung sich selbst Leid und der Krankenkasse hohe Therapiekosten erspart«. Mittlerweile werde diese Untersuchung der Haut von den Krankenkassen übernommen.
Zudem gebe es einen »Igel-Kodex« mit zehn Verhaltensregeln, dem sich rund 1000 Praxen in Baden-Württemberg angeschlossen hätten (siehe »Stichwort«). Nach Angaben der KVBW gibt es circa 14 000 Arztpraxen in Baden-Württemberg; nicht jede biete aber Igel-Leistungen an.
Ausführliche Informationen zu »Igel« stellen auch die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung unter www.igel-check.de zur Verfügung.

Was sagen Ortenauer Ärzte?
Der Offenburger Hausarzt Ulrich Geiger ist Vorsitzender des Ärztlichen Kreisvereins Ortenau (Kreisärzteschaft), der der Landesärztekammer Baden-Württemberg angehört. Geiger verteidigte die Ärztezunft schon vor Jahren in der Mittelbadischen Presse: »Wir wollen nicht abzocken«, sagte er damals. »Selbstverständlich gibt es auch in der Ärzteschaft schwarze Schafe, die den Patienten unnötige Untersuchungen aufschwatzen. Aber die große Mehrheit meiner Kollegen will helfen und heilen.« Er verteidigte zum Beispiel die Bestimmung des PSA-Wertes zur Prostatakrebs-Früherkennung bei Männern zwischen 40 und 50: Wenn der Wert erhöht sei, sei das ein Ansatzpunkt für weitere Diagnostik.
Johannes Huber, Augenarzt aus Oberkirch, ist erbost über den »Igel-Monitor«. Der Artikel zur Augeninnendruckmessung (mit der Bewertung »tendenziell negativ«) sei sachlich grob falsch und »fachärztlich unvertretbar«. »Der Augendruck ist ein dominierender Faktor bei der Entstehung von Glaukomen, und die Augendruck-Messung ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Vorsorge.« Igel-Angebote würden in seiner Praxis nie aggressiv beworben. »Niemand zwingt die Patienten, die Leistungen anzunehmen. Sie sollen sie nur annehmen, wenn sie davon überzeugt sind.« Es wäre nicht korrekt, sagt Huber, den Patienten die aktuellsten Vorsorge- und Behandlungsmöglichkeiten vorzuenthalten. »Leider wird die Vorsorge von den gesetzlichen Kassen vernachlässigt.« Andererseits gebe es durchaus auch überflüssige »Igel«-Leistungen.

Neben den genannten Internsetseiten bietet auch diese Seite Informationen zu »Igel«: www.verbraucherzentrale.de/igel-aerger

Autor:
Christoph A. Fischer

Stichwort

Der »Igel-Kodex« der Ärzte

1. Wir informieren Sie sachlich über mögliche IGeL-Leistungen.
2. Wir erklären Ihnen, weshalb die IGeL-Leistung sinnvoll ist.
3. Wir bieten gegebenenfalls weiterführende Informationen und Entscheidungshilfen an.
4. Wir beraten Sie zu Nutzen und, falls vorhanden, eventuellen Risiken.
5. Wir informieren Sie bei aufwendigen Leistungen auf Wunsch über wissenschaftliche Belege.
6. Wir stellen Ihnen frei, sich für oder gegen die Leistung zu entscheiden.
7. Wir geben Ihnen für diese Entscheidung eine angemessene Bedenkzeit.
8. Wir informieren Sie, dass Sie bei besonderen IGeL-Leistungen eine Zweitmeinung einholen können.
9. Wir halten Ihre geplante IGeL-Leistung und deren voraussichtliche Kosten schriftlich fest.
10. Wir stellen nach der Behandlung eine nachvollziehbare Rechnung/Quittung aus.
Quelle: Kassenärztliche Vereinigung BW

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