Interview des Tages mit Alexander Bonde

»Die Natur passt immer in die Zeit«

Autor: 
Christoph Rigling
Lesezeit 7 Minuten
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29. Januar 2014
Alexander Bonde (39) ist für die Grünen Landesminister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg. Von 2002 bis 2011 war Bonde Mitglied des Deutschen Bundestages für den Wahlkreis Lahr/Emmendingen. Hier war er zuletzt Mitglied im Haushaltsausschuss und Fraktionssprecher und Obmann der Grünen für Haushaltspolitik. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Alexander Bonde (39) ist für die Grünen Landesminister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg. Von 2002 bis 2011 war Bonde Mitglied des Deutschen Bundestages für den Wahlkreis Lahr/Emmendingen. Hier war er zuletzt Mitglied im Haushaltsausschuss und Fraktionssprecher und Obmann der Grünen für Haushaltspolitik. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. ©Stephan Hund

Alexander Bonde (39) ist Mister Nationalpark. Der Landwirtschaftsminister hat das Prestige-Projekt der grün-roten Landesregierung auf den Weg gebracht. Jetzt warten drei weitere Herausforderungen auf den grünen Politiker. Was passiert, wenn der Wolf wieder in Baden-Württemberg heimisch wird? Das Kartellamt will die Holzvermarktung im Südwesten über den Haufen werfen. Bonde schmiedet eine Allianz mit der Holzwirtschaft. Und auch bei seinem Kampf gegen die Einführung von Genmais sucht er Verbündete gegen die Europäische Union. Ein Interview der Mittelbadischen Presse.

Herr Bonde, Sie haben ja auch Kinder und wohnen im tiefen Schwarzwald. Lust auf einen Wolf im Garten?
Bonde: (lacht).
Das ist keine Frage der Lust.

Sondern?
Bonde:
Es gibt eine Reihe von Tieren, die hier heimisch waren, aber aus Deutschland verschwunden sind. Manche kommen jetzt wieder zurück, weil sie wieder Lebensperspektiven bei uns haben. Der Wolf ist nach Europäischem Recht und dem Bundesnaturschutzgesetz eine streng geschützte Tierart – das heißt: Jagd und Vertreibung sind streng verboten. Die Experten gehen davon aus, dass die Population in der Schweiz irgendwann so hoch sein wird, dass der Wolf auch bei uns wieder Einzug halten wird. Falls der Wolf zurückkommt, ist Baden-Württemberg gut vorbereitet. Gemeinsam mit den Naturschutzverbänden, der Jägerschaft und den Landnutzerverbänden und unseren Experten haben wir den Handlungsleitfaden Wolf entwickelt.

Und wie sieht das aus?
Bonde:
Der Leitfaden regelt Abläufe und Zuständigkeiten, wenn einzelne Wölfe im Land auftreten. Was ist zu tun, wenn ein Wolf gesichtet wird? Das ist im Handlungsleitfaden klar festgelegt. Außerdem gibt es jetzt einen Fonds, über den Nutztierhalter entschädigt werden können. Der Wolf ernährt sich zwar von Tieren aus dem Wald, aber wir können nicht ausschließen, dass auch mal ein Schaf gerissen wird. Der Wolf hat ja seit den Brüdern Grimm einen schlechten Ruf, obwohl der sachlich nicht begründet ist. Er fällt weder Menschen an, noch ist er auf Nutztiere spezialisiert.

Das hört sich alles vernünftig an. Aber wenn mal ein paar Schafe sterben müssen, wird doch gleich zur Jagd geblasen?
Bonde:
Das lassen EU-Recht und Bundesnaturschutzgesetz nicht zu. Im Handlungsleitfaden ist auch der Umgang mit solchen Fällen geregelt. Wir sind vorbereitet darauf, wenn der Wolf zuwandert. Wir betreiben als Landesregierung keine aktive Ansiedelung. Aber wenn er kommt, dann sind die Grundlagen, wie Behörden und Landnutzer damit umgehen, dafür gelegt. Wir müssen uns dann mit dem Wolf arrangieren.

Passt der Wolf in unsere Zeit?
Bonde:
Die Natur passt immer in die Zeit.

Wo der Wolf prima hineinpasst, ist der Nationalpark. Sind Sie froh, dass das Projekt in trockenen Tüchern ist?
Bonde: Mit dem Nationalpark hat der Wolf nichts zu tun. Die Einrichtung eines Nationalparks war ein wichtiger Schritt für Baden-Württemberg. Wir übernehmen hier Verantwortung für den Naturschutz. Natürliche Prozesse können jetzt ungestört ablaufen. Für uns Menschen ist das auch eine riesige Chance. Wir greifen zwar nicht mehr ein, aber wir können beobachten wie sich die Natur allein entwickelt. Das Interesse daran ist groß. In den Gemeinden beginnen Diskussionen, wie der Nationalpark genutzt werden kann. Tourismus und Dienstleistungen werden profitieren.

Wird der Nationalpark ähnlich groß aufgezogen wie der im Bayerischen Wald?
Bonde:
Unser Nationalpark, den es seit 1. Januar gibt, entwickelt sich. Es wird spannend. Im Februar wird das erste Veranstaltungsprogramm vorgestellt. Die Menschen sollen den Park erleben können. Wie dieser letztlich aussehen wird, das entwickeln wir im Dialog mit dem Nationalpark-Rat und allen Beteiligten.

Warum hat es so reibungslos geklappt?
Bonde:
Wir haben lange intensiv diskutiert. Wir hatten über 150 Diskussionsveranstaltungen in zweieinhalb Jahren. Unser Gutachten hat all die Befürchtungen der Gegner unabhängig untersucht. In dem langen, anstrengenden Prozess konnte sich jeder äußern, jeder wurde ernst genommen, um ein optimales Konzept zu finden. Ohne die Beteiligung hätte das Konzept nicht so gut werden können, wie es jetzt ist.

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Erwarten Sie noch Klagen gegen den Park?
Bonde:
Der Landtag hat das Gesetz zur Einrichtung des Nationalparks verabschiedet und damit ist dieser zum 1. Januar gestartet. Der Nationalpark läuft jetzt. Ich setze darauf, dass wir mit der Arbeit des Parks auch diejenigen erreichen, die bisher skeptisch waren, und sie überzeugen können. Die Leute spüren, dass da etwas Positives entsteht.

Wo wir gerade beim Klagen sind. Vom Kartellamt droht Ungemach. Der zentrale Holzverkauf von Baden-Württemberg ist den Wettbewerbshütern ein Dorn im Auge. Und auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte die Behörde recht, oder?
Bonde:
Wir haben in Baden-Württemberg einen gut funktionierenden Forst. Das Einheitsforstamt kann den Staatswald, die Gemeinden und die Privatwaldbesitzer gut unterstützen. Das kommt auch der Holzwirtschaft zugute. Das Kartellamt hat uns nun weitreichende Eingriffe angekündigt. Die würden eine dramatische Veränderung in der Holzwirtschaft nach sich ziehen.

Wie geht es weiter?
Bonde: Wir haben jetzt bis Ende März Zeit, auf die Forderungen zu reagieren. Wir prüfen in einer Arbeitsgruppe auch mit den kommunalen Spitzenverbänden das Ansinnen rechtlich und klären, wie wir damit umgehen können.

Was will das Kartellamt?
Bonde:
Das Kartellamt ist der Meinung, dass der Staatsforst nur sein eigenes Holz vermarkten soll. Der Kommunalwald und der Privatwald ab 100 Hektar müssten in eine eigene Vermarktungsstruktur. Waldbesitzarten übergreifende Reviere könnte es dann nicht mehr geben. Und damit stünde die gesamte Forststruktur von Baden-Württemberg auf dem Spiel. Das wäre nicht gut. Davon wird niemand profitieren.

Private, Kommunen und das Land schließen sich zusammen, um bessere Preise beim Holzverkauf zu erzielen. Der Dumme ist dann der Verbraucher, weil dem der höhere Preis weitergegeben wird. Gefällt Ihnen das als Verbraucherminister?
Bonde
: Diese Analyse ist falsch. Der Holzmarkt in Baden-Württemberg ist dadurch geprägt, dass die Nachfrage weitaus höher ist als das Angebot. Durch eine gemeinsame Beförsterung tragen wir auch dazu bei, dass Kommunal- und Privatwald optimal betreut werden. So können wir in der Fläche die Nachhaltigkeit gewährleisten. Diese Dienstleistung ist auch für die Sägewirtschaft von großer Bedeutung. Ob das alles ein zersplitterter Markt optimal regeln kann und dann jemand im Markt besser stehen wird, halte ich für fraglich. Auch in der Holzindustrie ist kein Jubel ausgebrochen.

Beim Thema Genmais haben Sie die Verbraucher mehr im Blick. Was ist jetzt am Genmais so schlimm?
Bonde:
90 Prozent der Verbraucher wollen keine Gentechnik in Lebensmitteln. Es bleibt eine Risikotechnologie. Weltweit werden wegen Genmais sogar mehr Pestizide eingesetzt. Die Technologie führt dazu, dass unsere Mittelständler in der Saatgutherstellung massiv unter Druck geraten. Die Technologie nutzt wenigen Monopolisten, die weltweit agieren. Außerdem ist sie nicht mehr rückholbar, weil sie sich durch Auskreuzungen verselbständigt. Die Bundesregierung muss handeln und die Zulassung für den nächsten Genmais in Brüssel verhindern.

Mal ganz konkret, warum ist der Genmais so gefährlich?
Bonde:
Er produziert ein Insektengift, das zum Beispiel für Schmetterlinge hochgiftig ist. Diese Risikotechnologie, die unsere Verbraucher und Landwirte nicht wollen, muss verhindert werden. Da ist jetzt die  Bundesregierung gefordert.

Wird sie helfen?
Bonde:
Ich erwarte von der Bundeskanzlerin, dass die kritischen Äußerungen aus der Bundesregierung zu einem Nein führen und Deutschland in Brüssel nicht durch eine Enthaltung den Weg für Genmais freimachen wird.

Was nützt es, wenn Deutschland keinen Genmais anbaut und der Rest der Welt tut es?
Bonde
: Wenn ich mir die Situation in Südamerika anschaue, dann hat der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln massiv zugenommen, wo Gentechnologie zur Anwendung kommt. Agrogentechnik stillt keinen Hunger. Nur einige Unternehmen profitieren vom Einsatz. Es ist letztlich auch eine ethische Fragestellung. Der Mensch darf nicht alles tun, was er kann, weil er es zum Schluss doch nicht in der Hand hat. Hier wird mit dem Feuer gespielt. Das dürfen wir in Deutschland nicht zulassen. Das sind wir auch den Verbraucherinnen und Verbrauchern schuldig.

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