Thema des Tages
Dossier: 

Ein Schubs für den Luchs

Autor: 
Bastian André
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
16. Mai 2015
Verknüpfte Artikel ansehen

(Bild 1/4) ©Rüdiger Haase

Tierschützer sind sich einig: Im Gegensatz zum Wolf werde es der einst ausgerottete Luchs so bald nicht von alleine wieder nach Baden-Württemberg schaffen. Deshalb werben sie für eine aktive Wiederansiedlung der Wildkatze. Doch Jäger und Landwirte sind skeptisch, ob das Raubtier zurück in unsere Wälder soll. Klarheit soll nun ein mit einem GPS-Sender ausgestattetes Luchsmännchen schaffen: Ein Jahr lang wird beobachtet, welche Regionen es bevorzugt – und was es frisst.

Rund 250 Jahre ist es her, dass der letzte Schwarzwälder Luchs mit seinen buschigen Pfoten durch die hiesigen Wälder schlich. Sein schönes Fell und sein Fleisch, vor allem aber sein Jagdverhalten wurden ihm zum Verhängnis. Denn die Raubkatze schmälerte die Beute der Jäger. Sie verfolgten den Luchs, schossen ein Tier nach dem anderen. 1846 war der Vierbeiner in ganz Deutschland ausgerottet. Überlebt hat er nur in vom Menschen wenig besiedelten Gebieten, wie im Hochgebirge der Karpaten, in Russland und in Skandinavien.

»Man könnte sagen, wir stehen in einer ethischen Verantwortung, den Luchs wieder zurückzubringen«, sagt Valerie Bässler von der Luchs-Initiative Baden-Württemberg. Ihre Organisation setzt sich seit Mitte der 80er-Jahre dafür ein, die Wildkatze wieder im Schwarzwald anzusiedeln. Bereits in der Vergangenheit konnten durch das Auswildern von Karpaten-Luchsen unter anderem in Slowenien und der Schweiz neue Luchs-Populationen entstehen. Im Bayerischen Wald sind inzwischen sogar Tiere heimisch, die einst im tschechischen Böhmen ausgewildert wurden.

In Baden-Württemberg wurden in den vergangenen Jahren auch immer mal wieder vereinzelt Luchse gesichtet. Dabei soll es sich um Männchen auf Streifzug gehandelt haben. »Die Tiere sind wahrscheinlich aus dem Schweizer Jura rübergewandert«, sagt Valerie Bässler. Eine Population gibt es in Baden-Württemberg jedoch nicht, und – da sind sich die Experten einig – es wird sie so schnell auch nicht geben. Denn für die bestehende Population in der Schweiz gebe es keinen Druck, in ein anderes Gebiet abzuwandern. Außerdem stünden Straßen und dichte Wohngebiete in der Region den Luchsen im Weg. Es könnte Jahrzehnte dauern, bis die Raubkatze im Schwarzwald wieder heimisch wird. Für Bässler ist deshalb klar: Will man den Luchs wieder in Baden-Württemberg haben, komme man »um die Wiederansiedlung nicht herum«.

Trittsteinfunktion für Luchs-Populationen

Aber warum braucht es den Luchs überhaupt wieder im Schwarzwald? Bässler betont, dass zum Artenschutz auch die Wiederansiedlung von Tieren zähle, die der Mensch einst ausgerottet hat. »Früher war der Luchs im Schwarzwald heimisch. Und dort hat er auch heute noch ideale Lebensbedingungen.« Außerdem klaffe eine gefährliche Lücke zwischen den Luchsen in der Schweiz und denen in der Pfalz: »Die Tiere bleiben nur unter sich, Inzest könnte die Folge sein. Baden-Württemberg könnte also eine Trittsteinfunktion erfüllen, indem es dazu beiträgt, die Luchs-Populationen zu verbinden«, erklärt Bässler.

Ziel sei es, mit dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz einen Luchs-Managementplan auszuarbeiten, wie es ihn bereits für den Wolf gibt. Der Plan soll den Umgang mit der Raubkatze regeln und offene Fragen und Befürchtungen klären.

- Anzeige -

Zur Planerstellung helfen soll nun, was Mitte April geglückt ist: Wissenschaftler  der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg (FVA) konnten ein in Freiheit lebendes Luchsmännchen im Schwarzwald betäuben und ihm ein Halsband mit GPS-Sender anlegen. Jetzt schickt das Tier etwa fünf Mal am Tag seinen Aufenthaltsort ins Labor. Ein Jahr lang wird der Luchs beobachtet. Seine Route soll Aufschluss darüber geben, was er frisst, wo er frisst und in welcher Region er auffällig lange verweilt, erklärt FVA-Wildbiologe Michael Herdtfelder. »Wir gehen aber davon aus, dass er irgendwann wieder abwandern wird.« Denn da es in dieser Umgebung wohl kein Weibchen gibt, könne sich der Luchs nicht fortpflanzen.

Wiederansiedlung könnte zu Schuldzuweisungen führen

Die Patenschaft für das GPS-Projekt hat der Landesjagdverband (LJV) übernommen. Dort erhofft man sich, mit den Erkenntnissen bei Jägern und Landwirten Bedenken gegen die Wildkatze zu verringern. »Mit dem GPS-Projekt sehen wir, ob der Luchs tatsächlich eine Gefahr für Nutztiere ist und in welchen Territorien er sich aufhält«, erklärt Klaus Lachenmaier vom LJV. Pro Woche benötige der Luchs etwa ein Reh. »Und da er normalerweise nie lange an einem Ort bleibt, sollte er nur wenig Auswirkungen auf Rehbestand und Nutztierhaltung haben«, so Lachenmaier. Dies sei aber ein Bedenken vieler Jäger und Landwirte. »Genau das können wir nun beobachten und die Ergebnisse offen und transparent weitergeben.« Lachenmaier ist zuversichtlich, dass der Luchs nicht als Störenfried auffallen wird.

Eine aktive Wiederansiedlung will er aber trotzdem lieber nicht: »Wenn der Luchs dann Nutztiere reißt, fällt die Schuld auf die Naturschützer, die ihn ausgewildert haben«, befürchtet Lachenmaier. Das könnte schlechte Stimmung gegen die Raubkatze und ihre Befürworter schaffen. »Die Luchse aus der Schweiz beweisen, dass das Tier auch von alleine den Weg in den Schwarzwald findet. Wir brauchen nur etwas Geduld.«

Ein eigens eingerichteter Fonds entschädigt bereits Bauern, deren Tiere von einem Luchs gerissen wurden. Michael Nödl, Vize-Geschäftsführer des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV), begrüßt das, erwartet aber weitere Zugeständnisse: »Eine Luchs-Population darf kein Argument dafür sein, dass in dem Gebiet kein Baum mehr gefällt werden darf«, führt er beispielhaft auf. Für Landwirte dürfe der Luchs keine finanziellen Nachteile bedeuten.

Platz an der Seite des Menschen

Valerie Bässler kennt diese Bedenken. Sie sollen beim Managementplan berücksichtigt werden. Jedoch plädiert sie für grundsätzlich mehr Bereitschaft, die Natur mit anderen Bewohnern zu teilen. »Der Mensch muss dem Luchs einen Platz an seiner Seite zugestehen.« Das allein entscheide darüber, ob die Wildkatze zurückkehren kann.

Hintergrund

Raubkatze, Einzelgänger, Heimlichtuer

Der eurasische Luchs (Lynx lynx) ist die größte europäische Wildkatze. Ausgewachsen erreicht er mit einer Schulterhöhe von 50 bis 70 Zentimetern etwa die Größe eines Schäferhundes. Sobald sie drei Jahre alt sind, werden Luchse geschlechtsreif. Nach der winterlichen Paarungszeit bringt das Weibchen im Mai oder im Juni ein bis drei Junge zur Welt. Bis zum Alter von zehn Monaten bleiben sie bei ihrer Mutter, danach müssen sie sich ein eigenes Jagdgebiet suchen. Luchse im Freiland werden bis zu 15 Jahre alt.

Beheimatet sind die Wildkatzen in Europa und in Asien nördlich des Himalaja. Der Luchs bevorzugt große, mit Felsen durchsetzte Waldgebiete. Er ist ein spezialisierter Jäger und lauert auf seine Beute im Unterwuchs. Er gilt als Überraschungsjäger und läuft seiner Beute nicht lange nach. Dennoch erreicht sein Revier eine Größe von bis zu 200 Quadratkilometern.

Luchse sind ausgeprägte Einzelgänger. Über Duftnoten bleiben sie mit Artgenossen in Kontakt, wobei sich für gewöhnlich nur die Reviergebiete von Männchen und Weibchen überschneiden. Für den Menschen ist der Luchs ungefährlich. Die Nähe zum Menschen meidet er zwar nicht, doch der Luchs ist ein Heimlichtuer. Ihn zu Gesicht zu bekommen, gilt auch unter Jägern und Förstern als absolute Seltenheit.

Im Volksmund wird der Luchs auch »Pinselohr« genannt. Diesen Spitznamen verdankt er seinen charakteristischen schwarzen Ohr-spitzen, die ihm beim besseren Hören helfen. (red/ba)

www.luchs-bw.de

Mehr zum Thema

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

Stuttgart
vor 7 Stunden
Quacksalber statt Achterbahn, Volksmusik statt Schlager, Spätzle mit Soß' statt Pommes. Und das Bier im Halbliter-Steinkrug. Auf dem Stuttgarter Schlossplatz gibt's den Wasen von anno dazumal.
Baden-Württemberg
vor 10 Stunden
Lange Schlangen bei der Wohnungsbesichtigung, umfängliche Bewerbungsmappen und freundliche Worte für den Makler. Gute Wohnungen sind vielerorts knapp und teuer, und wer eine will, muss sich ins Zeug legen. Die Politik sucht Antworten auf das Problem.
»Ich bin kein Mensch, der den Kopf in den Sand steckt.« Luisa Boos ist seit zwei Jahren SPD-Generalsekretärin von Baden-Württemberg. Die Partei liegt in Umfragen im Südwesten nur noch bei elf Prozent.
Interview des Tages Luisa Boos
vor 13 Stunden
Sozialdemokrat zu sein, ist zurzeit schwierig. Von der AfD in Umfragen bundesweit überholt zu werden, ist bitter. Luisa Boos, Generalsekretärin der SPD in Baden-Württemberg, blickt trotzdem nach vorne. Die Kommunal- und Europawahl im kommenden Jahr sollen Meilensteine für die SPD zurück zu alter...
Berlin
vor 19 Stunden
Die Empörung in der SPD über den Fall Maaßen ist weiter groß. Am Montag  kommt der Parteivorstand zusammen, um über Möglichkeiten zu beraten, wie der Aufstieg des Verfassungsschutzpräsidenten zum Innenstaatssekretär noch verhindert werden kann. Der  Parteienforscher Oskar Niedermayer sieht die...
Pro & Kontra
vor 19 Stunden
Zwei Redakteure, zwei Meinungen. Jeden Samstag stellt die Mittelbadische Presse in der Reihe Pro & Kontra zu einem kontroversen Thema zwei Positionen gegenüber. Heute lesen Sie Beiträge von Tobias Symanski und Christoph Rigling zur Frage: Ist Andrea Nahles die Falsche an der SPD-Spitze?
Nachrichten
21.09.2018
Es klingt fast schon wie ein Hilferuf: »Wir haben uns geirrt.« Die Causa Maaßen müsse nochmals aufgerollt werden, sagt SPD-Chefin Nahles - und hofft auf Verständnis bei CSU-Chef Seehofer. Die Kanzlerin will nun eine schnelle Lösung.
Viele Limos und Energydrinks enthalten hochgradig viel Zucker (Illustration).
Berlin
21.09.2018
Viele Erfrischungsgetränke aus Supermärkten wie Cola und Brause haben laut der Verbraucherorganisation Foodwatch immer noch einen erhöhten Zuckergehalt.
Berlin
21.09.2018
Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles will nach dem massiven Widerstand in ihrer Partei die geplante Beförderung des bisherigen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen neu mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und CSU-Chef Horst Seehofer verhandeln. Die Bundeskanzlerin zeigte sich dazu bereit.
Ein nach einem Wildunfall verendeter Fuchs liegt am Rand einer Bundesstraße.
Potsdam/Berlin
21.09.2018
Wildunfälle werden nicht nur durch Zusammenstöße mit Rehen oder Wildschweinen verursacht. Auch für kleine Wildtiere wie Feldhase, Fuchs, Dachs, Fischotter oder Marder ist der Straßenverkehr eine tödliche Gefahr.
Der Victoriasee liegt in Tansania, Uganda und Kenia. Tödliche Unfälle kommen auf dem See sowie vor der Küste immer wieder vor. Grafik: dpa-infografik
Daressalam
21.09.2018
Bei einem Fährenunglück auf dem Victoriasee in Tansania sind nach Angaben der Behörden mindestens 97 Menschen ums Leben gekommen. Das brechend volle Schiff war am Donnerstag auf dem größten See Afrikas von Bugolora auf der Insel Ukerewe zur Nachbarinsel Ukara unterwegs.
Ein in Russland gefundenes Fossil von Dickinsonia.
Bremen
21.09.2018
Es waren seltsame Kreaturen, die vor 558 Millionen Jahren unsere Erde bevölkerten. Sie hatten ovale Körper, die von oben bis unten in rippenähnliche Segmente unterteilt waren.
Amazon-Manager David Limp kündigt einen vernetzten Subwoofer mit der digitalen Assistentin Alexa an Bord an.
Seattle
21.09.2018
Amazon setzt mit neuen Geräten und Diensten für seine Assistenzsoftware Alexa zur Dominanz im vernetzten Zuhause an. So wird der Online-Händler Herstellern von Hausgeräten künftig günstige Einbau-Module anbieten, mit denen sie Alexa in ihre Technik integrieren können.