Serie "Forschung in der Region"

Forschung für den Weinbau der Zukunft

Autor: 
Andreas Braun
Lesezeit 4 Minuten
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21. Juli 2015
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(Bild 1/2) Direktor Rolf Steiner im Weinarchiv des Instituts mit der ältesten dort aufbewahrten Weinflasche, einem Laufener Gutedel von 1865. ©Andreas Braun

Am Staatlichen Weinbauinstitut in Freiburg wird interdisziplinär geforscht, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit des heimischen Weinbaus weiter auszubauen und erfolgreich mitzugestalten. Pflanzenschutz, Bodenkunde und Resistenzzüchtung sind nur einige der Themen, die an dem Institut behandelt werden.

Rolf Steiner, Direktor des Staatlichen Weinbauinstituts (WBI) in Freiburg, verfügt über einen Weinkeller, um den ihn sicherlich viele beneiden. Im Untergeschoss der seit elf Jahren von ihm geleiteten Einrichtung lagern nämlich etliche seltene Tropfen, der älteste datiert sogar aus dem Jahr 1865: »Ein Laufener Markgräfler Gutedel, der im Grundstein des Freiburger Rotteck-Gymnasiums gefunden wurde«, erläutert der promovierte Agraringenieur. Verköstigungen sind allerdings eher selten, denn in erster Linie dient dieser Wein wissenschaftlichen Zwecken: etwa, um mit Hilfe modernster Labortechnik zu analysieren, wie sich die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe über die Jahre hinweg verändert hat.

Wein vom Staatsweingut

Daher handelt es sich auch nicht um einen Weinkeller im herkömmlichen Sinn, sondern vielmehr um ein Weinarchiv. Und zwei Stockwerke höher wird sogar der Geruch mancher Weininhaltsstoffe bewertet, nachdem diese durch biochemische Verfahren extrahiert und voneinander getrennt worden sind: mithilfe eines besonderen »Schnüffelapparats«, an dem stets die gleichen Leute riechen, denn nur so lassen sich verwertbare Ergebnisse erzielen.

Das Weinbauinstitut hat seine Existenz einem Beschluss des Badischen Landtags vom 12. Mai 1919 zu verdanken und hat sich seitdem zu einem international anerkannten Kompetenzzentrum entwickelt, das praxisorientierte Forschungen in verschiedenen Disziplinen rund um das Thema Weinbau betreibt: Pflanzenschutz, Bodenkunde und Ökologie gehören ebenso dazu wie Resistenzzüchtung, Oenologie (Kellerwirtschaft) sowie Fragen zum betrieblichen Management und Marketing – etwa, wie die Akzeptanz neuer, pilzwiderstandsfähiger Sorten (sogenannter »Piwis«) weiter erhöht werden kann. Probieren kann man solche Weine übrigens beim Staatsweingut Freiburg, das Bestandteil des Weinbauinstituts ist und verschiedene Produkte von dessen Rebflächen vermarktet.

Eines von mehreren derzeit laufenden Projekten beschäftigt sich mit der Kirschessigfliege, einem neuen Schädling, und zwar auf mehrfache Weise: Zum einen wird seit 2012 ein umfangreiches Monitoring mithilfe von Becherfallen betrieben, um auf diese Weise die Ausbreitung des Schädlings zu verfolgen und seine Populationsentwicklung prognostizieren zu können. »Rund 20 von insgesamt etwa 100 solcher Fallen befinden sich in der Ortenau, etwa bei Sasbachwalden und Oberkirch«, erläutert Anna-Maria Baumann. Die Biologin wertet die Fallenfänge aus und wird dabei von der Studentin Sophia Sickmann unterstützt: Es gilt, in mühevoller Kleinarbeit den Inhalt der in der Regel wöchentlich geleerten Plastikbecher zu sichten und die kleinen Tierchen zu bestimmen. Darüber hinaus wird die Kirschessigfliege aber auch im Labor gezüchtet: unter anderem, um herauszufinden, welche natürlichen Gegenspieler – in Frage kommen zum Beispiel Schlupfwespen – dabei helfen könnten, sie zukünftig in Schach zu halten.

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Tipps zur Bekämpfung

»Bislang haben wir da allerdings noch nichts Durchschlagendes gefunden«, sagt Direktor Rolf Steiner. Gleichwohl hat sein Team bereits ein vor allem an praktischen Gesichtspunkten orientiertes Maßnahmenbündel gegen die Kirschessigfliege erarbeitet: So sollten die Trauben nicht zu dicht hängen und außerdem in gefährdeten Anlagen die Vegetation niedrig gehalten werden – beide Dinge zielen darauf ab, ein warm-feuchtes Mikroklima, wie es die Kirschessigfliege mag, zu verhindern. Außerdem sollten die abgeschnittenen Trauben nach dem Ausdünnen entfernt werden, damit sie nicht einfach auf dem Boden vor sich hinfaulen und die Fliege anlocken. Empfehlenswert sei zudem, kein Brombeergestrüpp in der Nachbarschaft von Rebparzellen aufkommen zu lassen – weil sich der Schädling auch in Brombeeren entwickelt und deshalb in solchem Gestrüpp ein Reservoir aufbauen kann, von dem zu einem späteren Zeitpunkt ein Befall auf benachbarte Weinreben ausgehen kann.

Frühe Sorten gefährdeter

Ferner ist auch die Sortensensibilität ein Thema – also die Frage, ob die Kirschessigfliege eine Vorliebe für bestimmte Rebsorten hat: »Große Probleme gibt es nach unseren Erfahrungen vor allem bei den frühen roten Sorten wie zum Beispiel dem Cabernet Dorsa, der auch in der Ortenau angebaut wird«, erläutert Steiner. Späte Sorten wie etwa der Spätburgunder seien hingegen vergleichsweise wenig befallen. »Gleichwohl werden wir in diesem Jahr noch keine Sortenempfehlung für zukünftige Pflanzungen herausgeben, dazu ist es noch zu früh«, betont der Institutsdirektor.

Insgesamt bewertet er die Situation als angespannt, jedoch nicht als aussichtslos: »Totalausfälle sind wegen der Kirschessigfliege nicht zu erwarten.« Der weitere Verlauf würde von mehreren Faktoren abhängen, beispielsweise vom Verlauf der Witterung: »Warm-feuchtes Wetter wie im letzten Sommer kommt der Kirschessigfliege nämlich entgegen, Trockenheit mag sie indes gar nicht«, so der Agraringenieur. Eine weitere Rolle würde zudem spielen, wie lange es noch geht, bis sich die Natur auf den neuen Schädling eingestellt hat.

Hintergrund

Das Staatliche Weinbauinstitut

Das Staatliche Weinbauinstitut (WBI) ist eine Einrichtung des Landes Baden-Württemberg. Dienstsitz ist seit 1961 das Hauptgebäude an der Merzhauser Straße 119 in Freiburg, wo zudem 13 Hektar an Rebflächen zur Verfügung stehen. 24 Hektar umfasst das Versuchs- und Lehrgut Blankenhornsberg bei Ihringen am Kaiserstuhl, das ebenfalls zum WBI gehört. Am WBI sind zirka 100 Personen beschäftigt, jährlich werden bis zu 20 Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt – etwa in den Berufen Winzer und Weinküfer. (ab)

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