Interview des Tages

Freiburger Wissenschaftler kritisiert Bundeswehr-Liederbuch

Autor: 
Steve Przybilla
Lesezeit 6 Minuten
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12. Juli 2017

Das offizielle Liederbuch der Bundeswehr gibt es bereits seit Jahrzehnten. Die aktuelle Fassung (»Kameraden singt!«) stammt aus dem Jahr 1991; sie enthält 119 Lieder sowie Hinweise zur Begleitung mit Gitarre und Keyboard. Die Lieder zu singen, war in der Truppe bislang ausdrücklich erlaubt. Im Mai kündigte das Verteidigungsministerium an, die Ausgabe des Liederbuchs bis auf Weiteres zu stoppen. Die Inhalte müssten kritisch geprüft werden, sagte ein Ministeriumssprecher. Das sei aber keine Reaktion auf den rechtsextremen Soldaten Franco A., der sich monatelang als syrischer Flüchtling ausgegeben hatte. ©Steve Przybilla

Enthält das offizielle Liederbuch der Bundeswehr Texte mit Bezügen zum Dritten Reich? Das Verteidigungsministerium lässt das prüfen und hat die Ausgabe des Buches gestoppt – zu Recht, findet der Freiburger Literaturwissenschaftler Michael Fischer. Viele Lieder seien aus heutiger Sicht nicht mehr tragbar.

Herr Fischer, was ist überhaupt das Liederbuch der Bundeswehr?
Michael Fischer: Das Liederbuch wird seit 1991 vom Verteidigungsministerium herausgegeben, hat also einen offiziellen Charakter. Es wird jedem Angehörigen der Bundeswehr zur Verfügung gestellt. Was das in der Praxis heißt und ob daraus wirklich noch gesungen wird, kann ich nicht sagen. 

Was ist Ihnen bei Ihrer Analyse aufgefallen?
Fischer: Interessant ist, dass das Buch von Anfang an eine gewisse Selbstdistanzierung vornimmt. Es wird versucht, manche Texte durch historische Einordnungen zu entschärfen – das muss man fairerweise dazu sagen, bevor man in die Kritik einsteigt. Insgesamt handelt es sich vor allem um Lieder, die zum Marschieren gesungen werden oder aber beim Lagerfeuer, die also der Geselligkeit und der Unterhaltung dienen. 

Worum geht es inhaltlich?
Fischer: Sehr viel ums Soldatische, um den Kampf, um die Heimkehr nach der Schlacht. Es gibt aber auch pazifistische Texte,  zum Beispiel »We Shall Overcome«. Oder auch Lieder, die in Richtung Schlager gehen – also durchaus eine bunte Mischung.

Das klingt erst mal ziemlich harmlos. Was gibt es daran zu kritisieren?
Fischer: Vieles klingt vielleicht auf den ersten Blick harmlos, vor allem vor dem Hintergrund, dass das Buch ein Vierteljahrhundert alt ist. Aber es handelt sich eben nicht um eine private Veröffentlichung, sondern um das offizielle Liederbuch der Bundeswehr. Da darf man erwarten, dass es mit den Werten der Armee übereinstimmt: mit dem Grundgesetz, dem Traditionserlass der Bundeswehr, der Idee des »Staatsbürgers in Uniform«. Und da bin ich mir eben nicht so sicher.

Können Sie einige Beispiele nennen? Welche Lieder stören Sie konkret?
Fischer: Im Lied »Lebe wohl, mein Schatz« heißt es zum Beispiel: »Kehr’n wir abends ins Quartier zurück, müde, abgekämpft und nass, dann wissen wir, dass wir Kerle sind, und darum macht es uns Spaß.« Das kann man lustig finden – ich empfinde es eher als unpassend. Es scheint nichts mehr damit zu tun zu haben, wie wir heute Männlichkeit definieren. 

Und was ist mit den Frauen in der Bundeswehr?
Fischer: Die kommen gar nicht vor, allenfalls als Objekte, nicht als selbstständige Subjekte. 1991 gab es noch keine Soldatinnen in der Truppe. Als Wissenschaftler würde ich von einem männlich dominierten, hetero-normativen Blickwinkel sprechen. Da stehen Sätze wie: »Und zu Hause angekommen fängt ein neues Leben an. Eine Frau wird sich genommen, kleine Kinder bringt der Weihnachtsmann.« Das ist nicht nur unmodern, sondern entspricht hoffentlich nicht mehr den Idealen, die wir heute von zwischenmenschlichen Beziehungen haben.

Die Verteidigungsministerin lässt das Buch vor allem deshalb prüfen, weil sich Bezüge zur NS-Zeit darin finden könnten. Sind Sie darauf auch gestoßen?
Fischer: Genau. Würde es nur um veraltete Rollenbilder gehen, könnte man damit vielleicht noch leben. Aber es finden sich eben auch kolonialistische Lieder, zum Beispiel: »Wie oft sind wir geschritten auf schmalem Negerpfad«, mit dem Refrain »Heia, Safari«. Und es gibt auch handfeste NS-Bezüge, etwa bei einem Lied aus dem Ersten Weltkrieg, das die Formulierung enthält: »Die Reihen fest geschlossen« –  wortgleich wie im Horst-Wessel-Lied. Da hätte man auch 1991 merken können, dass so etwas nicht geht.

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Gibt es weitere Beispiele?
Fischer: Ja. »Das Leben ist ein Würfelspiel, wir würfeln alle Tage« ist ein Lied von 1943. Es fängt an mit der Zeile »Wir kämpfen für das Vaterland und glauben, dass wir siegen.« Das ist höchst befremdlich, wenn man sich die Zeit vor Augen hält, in der solche Lieder entstanden sind. Es gibt auch ein Refrain, in dem es heißt: »Wir sind die Herren der Welt, die Könige auf dem Meer.« Einmal ist die Rede von »unsrer Flagge, so rot wie das Blut«. Welche Fahne kann damit wohl gemeint sein? Sicher nicht Schwarz-Rot-Gold. 

Sind bei aller Kritik auch Lieder dabei, die Ihnen gefallen?
Fischer: Es ist ein ganz schwieriges Unterfangen ein Buch zu machen, das einerseits den Werten der Bundeswehr entspricht, andererseits aber auch unterhaltsam ist. Mir ist schon klar, dass man nicht nur pazifistische Lieder in einem solchen Buch abdrucken kann. Und doch finde ich »We Shall Overcome« einen gelungenen Beitrag.

In einem Soldatenbuch?
Fischer: Ja, warum nicht? Ich kann allerdings auch keine gute Lösung des Problems anbieten. Es geht doch darum, was mit einem solchen Buch der Truppe vermittelt wird. Auf dem Cover sieht man Soldaten beim Lagerfeuer, beim Klettern, beim Camping, ein richtiges Abenteuer. Das wird der Realität nicht gerecht. Wir sprechen von Auslandseinsätzen, die gefährlich sind und den Soldaten viel Verantwortung abverlangen. Aber natürlich braucht es auch Ablenkung, und da kann Geselligkeit und Singen ein wichtiges Mittel sein.

Herrscht in Deutschland vielleicht ein zu verkrampfter Umgang mit Soldatenliedern? In den USA wurde bei Trumps Amtseinführung sogar Marschmusik gespielt …
Fischer: Das Verhältnis ist ein anderes, was der deutschen Geschichte geschuldet ist. Die Bundeswehr nimmt für sich in Anspruch, nicht in der Tradition vor 1945 zu stehen. Das unterscheidet uns von anderen Ländern – und das ist auch richtig so.

Soll es also gar kein offizielles Liederbuch mehr geben und jeder singt einfach, was er will?
Fischer: Man kann die Texte historisch einordnen und mit Erklärungen versehen, aber das ist vielfach auch unbefriedigend. Vielleicht ist es besser, man verzichtet komplett auf ein neues Liederbuch. Wir sehen in der Schweiz, dass so etwas gut funktionieren kann. 

Besteht aber dann nicht gerade die Gefahr, dass auch problematische Lieder gesungen werden?
Fischer: Diese Gefahr besteht natürlich, aber jetzt ist die Lage ja nicht besser. Wenn in einem offiziellen Liederbuch ein Lied des NS-Musikers Gottfried Wolters steht, kann etwas nicht stimmen. Da heißt es »Wir werden noch fahren in Tausend Jahren«, eine Anspielung auf das »Tausendjährige Reich«.  Solche Texte haben in einem Bundeswehr-Liederbuch keinen Platz.

Haben Sie schon mit Soldaten über Ihre Kritik gesprochen?
Fischer: Mein Ausgangspunkt war die Ankündigung des Verteidigungsministeriums, das Liederbuch überarbeiten zu lassen.  Also habe ich mir die aktuellen Inhalte einmal näher angeschaut, und zwar aus der Sicht des Literaturwissenschaftlers. Mit aktiven Bundeswehrangehörigen habe ich nicht gesprochen.

Die Uni hat Ihre Position in einer Pressemitteilung verbreitet, mehrere Medien haben daraufhin berichtet. Gab es Reaktionen?
Fischer: Ich habe eine ganze Reihe von E-Mails erhalten, die teilweise in sehr drastischen Worten formuliert waren. Oft wurden dabei Themen angeschnitten, mit denen ich mich gar nicht befasst habe – etwa mit der Frage, ob Soldaten generell zum Rechtsextremismus neigen. Überrascht hat mich die Aggressivität der Reaktionen. Viele, vor allem Männer, nehmen sich jegliche Kritik an der Bundeswehr offenbar sehr zu Herzen.

Zur Person

Michael Fischer

Michael Fischer (48) arbeitet als geschäftsführender Direktor am Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg. Das Zentrum existierte bis 2014 als eigenständiges Deutsches Volksliedarchiv, bevor es in die Universität eingegliedert wurde. Fischer ist promovierter Literaturwissenschaftler und Theologe. Er selbst war nie bei der Bundeswehr, sondern hat seinen Zivildienst bei den Maltesern absolviert. 

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