Der Theologe Norbert Scholl über die Synode in Rom und die Reformierbarkeit der katholischen Kirche

"Ich erwarte eine gewisse Öffnung"

Autor: 
Reinhard Reck
Lesezeit 6 Minuten
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23. Oktober 2015

An diesem Wochenende wird in Rom die Bischofssynode zu den Themen Ehe und Familie zu Ende gehen. Norbert Scholl, emeritierter Professor für katholische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, hofft zwar auf neue Impulse für die Kirche. Er bezweifelt aber, dass Chancen für grundlegende Reformen bestehen – etwa zur Bewertung der Sakramentalität, zu einem veränderten Verständnis der Ehe, zu einer Stärkung der Laien. Scholl engagiert sich für die kritische Laienorganisation »Wir sind Kirche«.

Herr Scholl, Bischöfe aus der ganzen Welt berieten auf der jetzt zu Ende gehenden Synode in Rom drei Wochen über die Themen Ehe und Familie. Sogar ein »normales« Ehepaar vom Niederrhein durfte mitreden, zwei Jahre zuvor waren per Internet auch Laien befragt worden. Ist die Synode nicht ein verheißungsvolles Signal für eine Modernisierung der Kirche?

Norbert Scholl: Es ist sicher ein Hoffnung gebendes Zeichen. Bei einer vorausgehenden Befragung von Laien wurde deutlich, dass sehr oft die Praxis der Gläubigen nicht mit der  offiziellen Lehre der Kirche übereinstimmt. Gleichwohl haben natürlich bei der Synode die Bischöfe das Sagen – trotz Beteiligung einiger weniger Laien.

Sie hegen also doch Zweifel?
Scholl: Es hat sich im Vergleich zu früheren Synoden sicher einiges verbessert. Es wird freier diskutiert, Differenzen werden offen zugegeben. Aber vieles wird ausgeblendet. Ich denke da an die Brüche in den Familien, an Frauen, die von ihren Männern geschlagen wurden, an misshandelte Kinder: All das gehört ja zum Thema »Familie« dazu.

Manche behaupten, gerade diese Synode sei von zukunftsweisender Bedeutung. Sehen Sie das auch so oder glauben Sie, dass sich nicht viel ändern wird?
Scholl: Ich denke schon, dass die Synode in Bezug auf das allgemeine Klima in der Kirche von großer Bedeutung ist. Es ist eine hohe Erwartungshaltung vorhanden, die auch durch Papst Franziskus gestärkt wurde. Es kam viel über die Auseinandersetzungen zwischen reformresistenten und reformoffenen Bischöfen ans Tageslicht. Erfreulicherweise werden diese Auseinandersetzungen nicht unter den Teppich gekehrt. Ein Journalist von der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) hat das sehr schön ausgedrückt: Die Bischöfe befinden sich jetzt im »Nahkampf«. Auf der einen Seite Bischöfe wie die Kardinäle Walter Kasper oder Reinhard Marx, auf der anderen Seite Gerhard Ludwig Müller oder George Pell aus Australien.

Viele hoffen, dass es bei der Kommunion geschiedener Ehepartner und bei der Anerkennung der Homosexualität Fortschritte gibt. Wird sich die Kirche da bewegen?
Scholl: Wir dürfen sicher nicht erwarten, dass auf der Synode verkündet wird: In Zukunft gibt es in der katholischen Kirche die Möglichkeit, nach einer Scheidung eine zweite oder gar dritte Ehe zu schließen. Auch einen offeneren Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften halte ich für ausgeschlossen. Aber trotzdem setzt sich offensichtlich gegen den anfänglichen ganz harten Widerstand der Reformunwilligen, die keinerlei Abweichen von der offiziellen Doktrin zugestehen wollen, eine pastoral orientierte Linie durch, die die Lebenswelt der Gläubigen mehr berücksichtigt. Die deutschen Bischöfe fordern, dass man die »Grundprinzipien der kirchlichen Ehe mit Klugheit und Weisheit auf die jeweilige, oft komplexe Situation« anwenden“ solle.

Das klingt aber extrem verklausuliert.
Scholl: Sicher. Man will auf der einen Seite die Doktrin von der Unauflöslichkeit der Ehe nicht zur Disposition stellen. Gleichzeitig soll sie in die konkrete pastorale Praxis hineingebettet werden und zu einer an den Menschen orientierten Seelsorge führen. Dieses Teils – Teils kann auf Dauer nicht gut gehen. Es müssen auch klare kirchenrechtliche Konsequenzen gezogen werden.

Eigentlich klingen Ihre Äußerungen über die Veränderbarkeit der Kirche ziemlich optimistisch. Oder täuscht der Eindruck?
Scholl: Optimistisch insofern, als sich an der Basis viel getan hat. Heute stehen die Gläubigen nicht mehr stramm, wenn es Weisungen von einem Bischof gibt.  Viele – auch Priester – sagen: Lasst die doch in Rom reden, wir machen es anders. Ich möchte nur an die Freiburger Initiative von Pfarrern vor drei Jahren erinnern. Über 200 Geistliche erklärten dem Bischof: Wir lassen in unseren Kirchen Wiederverheiratete und Geschiedene zu den Sakramenten zu. Und der Bischof hat keinen von diesen Pfarrern abgesetzt.

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Wie könnten denn konkrete Reformen aussehen?
Scholl: Ich erwarte eine gewisse Öffnung und eine Relativierung der starren Doktrin. Ich hoffe, dass die örtlichen Bischofskonferenzen mehr Kompetenz bekommen, um zu sagen: Wir haben für unseren Kulturraum eine andere Sicht als anderswo – gerade in Bezug auf die Unauflöslichkeit der Ehe.

Könnte es also eine Lösung sein, den Kirchen in den einzelnen Ländern mehr Freiraum zu geben?
Scholl: Das hoffe ich. Das könnte dahin gehen, dass man sagt: In gewissen Einzelfällen dürfen Pfarrer nach Prüfung der Situation sagen: Wir erkennen die Zweitehe an.

Was halten Sie allgemein vom Familienbild der Kirche, wie es sich jetzt darstellt?
Scholl: Das Ideal ist sicher gut: Treue, Verlässlichkeit, Dauer. Das ist auch das, was viele und gerade junge Menschen heute wünschen.  Ich halte es durchaus für richtig, dieses Ideal hochzuhalten. Aber es gibt einfach Situationen, in denen dieses Ideal zerbricht. Was macht denn eine Frau, wenn der Mann dauernd betrunken ist und sie verprügelt? Da ist es auch um der Kinder willen wichtig zu sagen: Das muss beendet werden. Sogar Papst Franziskus spricht hier von einer »moralischen Notwendigkeit« der Trennung.

Viele monieren, dass in der katholischen Kirche die Priester und Bischöfe, die geweihten Amtsträger, das Machtmonopol haben. Die Laien hätten, so heißt es, viel zu wenig Einfluss – besonders Frauen. Stimmt das?
Scholl: Auch da hat sich manches geändert.  Früher war es beispielsweise für Frauen unmöglich, eine Professur für Theologie zu erhalten. Es gab schon Verwunderung, wenn eine Religionslehrerin am Gymnasium auftauchte. Das ist heute ganz anders. Eine meiner früheren Heidelberger Studentinnen ist im Bistum Magdeburg Ordinariatsrätin geworden. Sie leitet dort das Seelsorgeamt. Das gibt es. Nur die letzte Verantwortung und damit die Entscheidungsbefugnis – die ist eben den Frauen noch nicht gegeben. Sie dürfen mitreden, aber nicht mitbestimmen und mitentscheiden. Das muss sich ändern.

Der Papst erfreut sich großer Popularität und will offenbar vieles erneuern. Kann er sich im Vatikan, diesem riesigen Behördenapparat, durchsetzen?
Scholl: Ich bewundere ihn wegen seines Bestrebens, in großer Lauterkeit das Evangelium zu leben.  Auch seine Anspruchslosigkeit und Schlichtheit beeindrucken mich. Da hat er sicher ganz neue Akzente gesetzt. Ich weiß aber noch nicht, wie er theologisch orientiert ist. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf sagte kürzlich: »Der Papst muss jetzt liefern.« Er meint damit, dass der Papst Farbe bekennen muss, wohin er theologisch die Kirche führen will. 

Wird der Papst scheitern?
Scholl: Der Papst steht leider einer aggressiven Gruppe von ziemlich aggressiven Reformgegnern gegenüber. Diese pochen auf ihre angestammten Rechte und bilden einen regelrechten Klüngel. Es ist für einen Einzelnen schier unmöglich, gegen dieses mafiöse System anzukommen. Franziskus könnte deswegen scheitern. Vielleicht fehlt ihm mit seinen fast 79 Jahren auch manchmal die Kraft.

Was will der Papst?
Scholl: Ich glaube, der Papst will die Kirche in der Nachfolge Jesu zu einer Kirche des Dienens und des Helfens führen. Dazu müsste aber auch der theologische Überbau modernisiert werden. Wie der Papst das leisten kann und ob er es überhaupt will, das weiß ich nicht. Franziskus hat kluge Gedanken, aber hat er auch einen Plan?

Von Norbert Scholl ist kürzlich das Buch »Wozu noch Christentum?« im Publik-Forum-Verlag Oberursel erschienen.

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