Startseite > Nachrichten > Nachrichten regional > Interview mit Historiker Gerd Krumeich: Traumtänzer
Dossier: 
100 Jahre Erster Weltkrieg

Interview mit Historiker Gerd Krumeich: Traumtänzer

Historiker Gerd Krumeich im Gespräch über die Hintergründe des Ersten Weltkriegs
26. Juni 2014
&copy Collage Christel Stetter

Der Weltkrieg von 1914 bis 1918 war der erste totale Krieg in der Geschichte der Menschheit. Der Freiburger Historiker Gerd Krumeich sprach mit der Mittelbadischen Presse über die Ursachen des Ersten Weltkriegs, die Schuldigen und den Übergang zum totalen Krieg.

Im Sommer 1914 schien kein Krieg in Sicht zu sein. Warum brach der Erste Weltkrieg dann doch aus?
Gerd Krumeich: Im Sommer 1914 glaubte man eine Ruhepause zu haben. Aber die ganzen Jahre vorher waren voller Kriegsnachrichten, Kriegsfurcht, Kriegspsychosen und voller Rüstung. 1911 gab es die schwere deutsch-französische Krise betreffend  Marokko. 1912 und 1913 waren die beiden Balkankriege und 1913 kam es zu einem massiven Wettrüsten zwischen Frankreich und Deutschland. Alle glaubten, der Krieg steht vor der Tür. Ende 1913 beruhigten sich die Situation zwischen Frankreich und Deutschland ein wenig, weil in Frankreich eine weniger nationalistische Regierung ans Ruder kam. Dafür hatte Deutschland erheblichen Ärger mit Russland, das mit französischer Hilfe seine Rüstung ausbaute. Im Frühjahr 1914 titelten die Zeitungen, dass der Krieg in Sicht ist.

Wie ging es dann weiter?
Krumeich: Es gab einen regelrechten Schlagabtausch in der Presse zwischen Russland und Deutschland. Im Mai 1914 erfuhren die Deutschen über einen Spion, den sie in der englischen Botschaft in London hatten, dass die Russen mit den Engländern über eine Marinekonvention verhandelten. Das waren für General Helmuth von Moltke Grund genug, dem Kaiser vorzuschlagen, endlich einen Krieg mit Russland zu beginnen, denn »je eher, desto besser«. Das war noch vor dem Attentat von Sarajevo.

Dann stimmt die These des australischen Historikers Christopher Clark nicht, der schreibt, dass Europas Politiker 1914 als »Schlafwandler« in den Ersten Weltkrieg hineinschlitterten, oder?
Krumeich: Diese These ist in der Tat falsch. Europas Politiker waren keine Schlafwandler, sondern Traumtänzer. Alle gingen von einem Krieg aus, der machbar war, aber nicht von einem Krieg, wie er dann wirklich wurde. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und General Moltke hätten wohl in der Julikrise von 1914 nicht den Kriegskurs forciert, wenn sie gewusst hätten, was etwa 1916 mit den Schlachten von Verdun oder an der Somme auf die Menschheit zukam. Man sprach vor 1914 von maximal 2 Millionen Soldaten, die im Krieg würden eingesetzt werden müssen, was ja auch im Westen 1914 tatsächlich der Fall war. Aber die 6 Millionen deutsche Soldaten, die bis 1916 »im Felde« standen, die 8 Millionen bis 1918? Die mehr als 10 Millionen Kriegsgefallenen. Damit hatten die Entscheider von 1914 in keiner Weise gerechnet.

Hätte der Krieg noch verhindert werden können?
Krumeich: Bis zum 31. Juli 1914 hätte er noch verhindert werden können.

War demnach der Nationalismus der Hauptgrund des Krieges?
Krumeich: Nein. Hauptgrund war die Angst, von den anderen Mächten überrüstet zu werden. Die Deutschen haben den Mord an den österreich-ungarischen Thronfolger dazu genutzt, um die Kriegsbereitschaft der Russen zu testen, nach dem Motto: »Lieber jetzt Krieg als in zwei Jahren, wenn die Russen fertig gerüstet haben«, wie Moltke sagte.

Dann gab es keinen Hauptschuldigen an der Auslösung des Ersten Weltkriegs oder war Deutschland verantwortlich an der Eskalation der Juli-Krise 1914?
Krumeich: In der Juli-Krise und deren Eskalation liegen eindeutig eine österreichische und dann eine deutsche Hauptverantwortlichkeit vor.

Und wer trägt im deutschen Lager die Hauptschuld: der Reichskanzler oder der Kaiser?
Krumeich: Der Kaiser war ebenso impulsiv wie unbedacht. Über die Macht von Wilhelm II. ist viel spekuliert worden. Letztlich war es das einmalige Einverständnis zwischen Generalstabschef, Kanzler und Kaiser. Allen ging es um die bedingungslose Unterstützung von Österreich-Ungarn, um auszuloten, was die Russen machen würden. Wenn die Russen eingriffen, um die Serben zu schützen, dann wollte das deutsche Kaiserreich lieber jetzt als später den Krieg mit Russland.

Hielten sich die Deutschen für die stärkste Militärmacht auf dem Kontinent, um es mit anderen Nation aufzunehmen?
Krumeich: Ja. Die Deutschen waren die stärkste Kontinentalmacht und hatten sich ausgerechnet, dass nach dem Schlieffen-Plan zuerst Frankreich und dann Russland besiegt werden könnte. Man hielt die französische Armee für schwach und das war ein Fehler. Denn nach dem Kriegsplan hätten die Franzosen und Belgier wie Hasen davon laufen müssen, damit die deutschen Truppen innerhalb von fünf Wochen Paris umkreist und Frankreich lahmgelegt hätten, wie es der Schlieffenplan vorsah.

Die Deutschen sahen sich im Zangengriff von Frankreich und Russland. Gab es Alternativen für die Deutschen vor Ausbruch des Krieges?
Krumeich: Eine Alternative, um den Frieden zu bewahren, gab es im Sommer 1914 von deutscher Seite keine. Briten, Franzosen und Russen wollten bis zum Schluss verhandeln. Aber die Deutschen verlangten von den anderen Mächten, einfach nur zuzusehen, wie Österreich-Ungarn Serbien zerschlug. Das war aber für Russland ganz unmöglich. Und dazu kam eben das schon erwähnte Kalkül: wenn Russland den Serben gegen Österreich-Ungarn hilft, dann ist halt Krieg auch zwischen Deutschland und Russland, weil Deutschland mit Österreich-Ungarn alliiert ist. Und für diesen Fall galt eindeutig die Devise: wenn schon Krieg mit Russland, dann lieber jetzt als später.

Was waren die deutschen Kriegsziele?
Krumeich: Die Deutschen hatten im August 1914 keine territorialen Kriegsziele. Es war kein Krieg, der wegen irgendwelcher Annexionen geführt wurde. Es gab zu Beginn des Krieges keine offiziellen Äußerungen über Annexionen.

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. und der russische Zar Nikolaus II. waren Cousins – trotzdem bekriegten sie sich. Haben sie sich nicht verstanden?
Krumeich: Wilhelm II. war auch mit dem englischen Königshaus verwandt. Untereinander haben die sich gut verstanden. Sie haben sich mit »lieber Willi« und »lieber Niki« angeschrieben, aber sie hatten die Interessen ihrer Länder zu wahren. Das machte der immer miteinander versippte europäische Adel seit 500 Jahren so.

Warum konnte der Balkan, damals eine unterentwickelte und wirtschaftlich uninteressante Gegend, überhaupt zum Auslöser für einen Krieg werden?
Krumeich: Mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches haben sich die Balkanländer gegen die Türken zusammengeschlossen. Die Russen waren das Väterchen der Balkanvölker. Der Balkan war eine unterentwickelte, aber auch zukunftsträchtige Region wegen seiner Bodenschätze und seiner
Kornkammern.

Was macht den Ersten Weltkrieg zum modernen Krieg? Wie unterschied sich der Krieg von den vorhergehenden Kriegen?
Krumeich: Es wurden zehnmal so viele Soldaten mobilisiert. Wir haben in Europa nach dem 1870er-Krieg eine langsame Entwicklung der allgemeinen Wehrpflicht. Die Heere, die 1870 kämpften waren eine Mischung aus Eingezogenen und Berufssoldaten. 1914 kämpften fast nur noch Zivilisten in Uniform, nämlich Soldaten, die gestern noch Zivilkleidung trugen und heute Uniform.  Es galt also, diese Soldaten und die Zivilbevölkerung von der Rechtmäßigkeit ihres kriegerischen Einsatzes zu überzeugen. Dafür entstanden überall, bei den Alliierten mehr als in Deutschland riesige Propaganda-Apparate, wodurch dieser Krieg auch ein »heiliger Krieg« wurde, ein Krieg, indem jede Seite behauptete, »mit Gott« zu sein und den Teufel zu bekriegen

Bereits 1916 gab es Millionen Tote. Gab es in der Bevölkerung keine Kriegsmüdigkeit?
Krumeich: Die Bevölkerung erfuhr die hohen Verluste nicht. Die Propaganda schürte den Glauben, dass der Krieg auf jeden Fall gewonnen werde. Plakate zeigen den »letzten Hieb«. Hinzu kommt, dass der Krieg nicht auf deutschem Boden stattfand und deshalb für die Menschen in Deutschland trotz Hungers und Leids irgendwie weit entfernt blieb. Das hat die Kriegsmüdigkeit auf Dauer sehr gestärkt.

Was war für den Ausgang des Krieges entscheidend: Die Moral oder das Material?
Krumeich: Das Material. Der Krieg wurde in den Fabriken entschieden. Die Deutschen dachten, dass bevor die Amerikaner in den Krieg eintreten würden, England durch die deutschen U-Boote längst aus dem Krieg gebombt worden sei.  Aber das war nicht der Fall. Die materielle Überlegenheit der Westmächte war letztlich  zu deutlich. Deshalb sind ab dem Sommer 1918 die deutschen Soldaten massenhaft von der Front weggelaufen. Es gab tatsächlich eine Art »verdeckten Militärstreik« der deutschen Soldaten, wie der Freiburger Historiker Wilhelm Deist einmal gesagt hat.

Autor:
Michael Haß

Stichwort

Gerd Krumeich

Der Historiker Prof. Dr. Gerd Krumeich (Jahrgang 1945) war von 1990 bis 1997 Professor für Geschichte des Romanischen Westeuropas an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Von 1997 bis 2010 war er Lehrstuhlinhaber für Neuere Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Gerd Krumeich gilt als einer der besten deutschen Kenner der Vorgeschichte und Geschichte des Ersten Weltkrieges.  Neu erschienen sind drei Bücher: Deutschland im Ersten Weltkrieg im Fischer Verlag; Juli 1914. Eine Bilanz, Schoeningh-Verlag; 101 Fragen Erster Weltkrieg,  Beck-Verlag.

Videos

Eröffnung vom Freizeitbad Stegermatt in Offenburg

Eröffnung vom Freizeitbad Stegermatt in Offenburg

  • Baden-Württembergische Meisterschaften 2017 in Schutterwald

    Baden-Württembergische Meisterschaften 2017 in Schutterwald

  • Dachstuhlbrand nach Blitzeinschlag in Wolfach schnell unter Kontrolle

    Dachstuhlbrand nach Blitzeinschlag in Wolfach schnell unter Kontrolle

  • Motorrad-Prävention an der Schwarzwaldhochstraße

    Motorrad-Prävention an der Schwarzwaldhochstraße

  • Flyball Turnier in Ebersweier

    Flyball Turnier in Ebersweier