Interview des Tages

Manne Lucha: Vom Tatort-Darsteller zum Minister

Autor: 
Christoph A. Fischer
Lesezeit 7 Minuten
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09. Dezember 2016
Manfred »Manne« Lucha ist seit Mai Minister für Soziales und Integration in Baden-Württemberg. Zurzeit ist der 55-Jährige Vorsitzender der Sozialministerkonferenz der Länder. Im Interview mit der Mittelbadischen Presse spricht er über persönliche Erfahrungen und seine Ziele als Minister.

Manfred »Manne« Lucha ist seit Mai Minister für Soziales und Integration in Baden-Württemberg. Zurzeit ist der 55-Jährige Vorsitzender der Sozialministerkonferenz der Länder. Im Interview mit der Mittelbadischen Presse spricht er über persönliche Erfahrungen und seine Ziele als Minister. ©dpa

Manfred Lucha – meistens Manne genannt – ist baden-württembergischer Sozialminister. Und ein Mann aus der Praxis: Der Grüne ist gelernter Krankenpfleger und arbeitete lange in der Bodensee-Region im sozialpsychiatrischen Bereich. Auch im Fernseh-Krimi war er schon zu sehen.

Herr Lucha, Sie haben einen recht Minister-untypischen Lebenslauf: zuerst Gymnasium, dann Wechsel zur Hauptschule, dann Ausbildung, Zivildienst, Berufsaufbauschule, dann eine andere Ausbildung, schließlich Fachhochschulreife. Ist es gut, dass Sie so vieles kennengelernt haben?
Manfred Lucha: Natürlich! Wie Sie anhand dieser Biographie sehen können, war meine Juvenilität nicht gerade von Einfachheit geprägt. Es waren darin auch Brüche. Anschließend hat sich der junge Mann aber auf den Hosenboden gesetzt und nach und nach die Dinge gemacht, die er in jungen Jahren in dieser Form nicht gemacht hat. Ich wäre – im Nachhinein betrachtet – sicher der prototypische Gemeinschaftsschüler gewesen, der ein junger Wilder war und den das System Schule in den 70er-Jahren nicht so richtig erreicht hat.

Sollte es mehr Minister in Deutschland geben, die mehr als Gymnasium, Hochschule und Anwaltskanzlei kennengelernt haben?
Lucha: Bei uns sagt man zu solchen Karrieren ja manchmal spöttisch: Kreißsaal – Hörsaal – Plenarsaal. (lacht) Auch diese Kollegen bringen natürlich ihre Lebensbiographie, ihren Hintergrund mit. Ich finde es toll, dass ich 30 Jahre im Beruf tätig war. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie aus dem südostbayerischen Chemiedreieck und empfinde es als Privileg, erst mit 50 Jahren in die Berufspolitik gegangen zu sein. Kommunalpolitisch war ich freilich schon sehr lange engagiert, so war ich Gründungsmitglied der Altöttinger Grünen. Aber: Wenn man aus der Praxis kommt und die Nöte der Menschen kennt – nach fast 30 Jahren sozialer Arbeit kenne ich sie sehr gut –, dann hat man Demut und weiß, wovon man redet.

Ich glaube, die Öffentlichkeit war ziemlich überrascht, als Sie als Minister präsentiert wurden. Waren Sie genauso überrascht, als Sie gefragt wurden, ob Sie den Job übernehmen wollen?
Lucha: Nun, ich fühle mich bis heute sehr geehrt, dass Ministerpräsident Kretschmann mich ausgesucht hat. Aber ich hatte mich in der vergangenen Legislaturperiode ja auch für die Fraktion und in vielen überparteilichen Gremien sehr intensiv mit der Sozial- und Integrationspolitik beschäftigt.

Sie sind noch nicht sehr lange Minister. Würden Sie dennoch sagen, dass der Job Sie verändert hat?
Lucha: Der Job verändert dich insofern, als du jeden Tag neue tolle Erfahrungen sammelst, neue Leute kennenlernst und neue Aufgaben kommen. Das Arbeitspensum verdichtet sich, Entscheidungstiefen werden größer. Jede neue Erfahrung bringt einen weiter. Insofern gibt es eine Veränderung. Aber ansonsten bin ich mit Mitte 50 eine so gefestigte Persönlichkeit – die wird sich höchstens zum Guten weiterentwickeln.

Von 2014 bis Anfang 2016 waren Sie stellvertretender Vorsitzender der damaligen Landtags-Enquetekommission »Pflege«. Mal ganz ehrlich: War die Arbeit der Kommission ein Erfolg? 
Lucha: Ich glaube, die Tagungen dieser Enquetekommission waren Sternstunden der vergangenen Legislaturperiode. Weil sie in einer extrem akribischen Arbeit, allumfassend und mit einem nie dagewesenen Beteiligungsprozess auf 1000 Seiten 600 Handlungsempfehlungen hervorgebracht hat. Es gab einen einzigen Dissens in der Schlussbewertung: Da ging es um die Frage der Einführung einer Bürgerversicherung, in die alle einzahlen würden. Bei allen anderen Empfehlungen herrschte Einvernehmen aller Fraktionen.

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600 Handlungsempfehlungen – das sind unglaublich viele. Können die alle umgesetzt werden?
Lucha: Natürlich nicht alle auf einmal. Aber wir haben jetzt gerade für den Ausschuss für Soziales und Integration die Handlungsempfehlungen auf 250 Seiten heruntergebrochen. Dann legen wir gemeinsam mit dem Ausschuss das Arbeitsprogramm der nächsten fünf Jahre fest. Mein Ministerium hat aber bereits für die kommenden Haushaltsjahre einen zentralen Bereich »herausgepickt«: die Förderung von Stadtquartieren und Dörfern, also die Stärkung von Kommunen sowie lokalen Bündnissen und Strukturen, damit Menschen mit Unterstützungsbedarf so lange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld selbstbestimmt leben können. Dafür werden wir Gelder bereitstellen.
 
Vor gut einem Jahr sprachen Sie bei einem Besuch beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) in Lahr von einer »granatenmäßig schlechten Stimmung« unter den Pflegekräften. Die Gründe: hohe Arbeitsbelastung, schlechte Bezahlung, zu viel Verwaltungs- und Dokumentationsarbeit… Wird sich die Situation jemals grundlegend verbessern?
Lucha: Wir arbeiten daran, indem wir große Teile der Enquete-Empfehlungen umzusetzen versuchen. Wir wollen die äußeren Bedingungen verbessern, außerdem das Miteinander von Pflegediensten, Kranken- und Pflegekassen und MDK. Die Dokumentationspflichten sollen auf das wirklich Wichtige reduziert werden. Und was die Bezahlung angeht: Nicht zuletzt dank der guten Zusammenarbeit in der Enquetekommission benötigte die Vertragskommission beim letzten Mal keinen Schiedsspruch, und bei den Pflegekräften in Unikliniken haben wir einen Tarifabschluss, der etwas über normal liegt. Im Moment erlebe ich bereits eine verbesserte Stimmung. Es tut sich was!

Vor einigen Monaten gab es Berichte über eine Pflegemafia – organisierte Banden, überwiegend aus Russland, die sich in Deutschland mit minderwertigen Pflegediensten oder mit simulierter Pflegebedürftigkeit Geld ergaunern. Ein Problem auch in Baden-Württemberg?
Lucha: In Baden-Württemberg gab es null Anzeigen, null Fälle. Im Gegensatz zu anderen Ländern prüft der MDK bei uns seit Jahren regelmäßig die Abrechnungen der ambulanten Pflegedienste. Das Tolle an Baden-Württemberg ist, dass wir traditionell eine sehr gute Struktur haben: kirchlich-wohlfahrtspflegerisch – auf Basis der Sozialstationen – und mit privaten Pflegediensten. Häufig einhergehend mit viel Ehrenamt und bürgerschaftlichem Engagement. Wir fördern übrigens weiterhin ehrenamtliche Pflege-Innovationen mit acht Millionen Euro jährlich.

Werden Sie eine Ombudsstelle für Armutsfragen einrichten, wie die Landesarmutskonferenz gefordert hat?
Lucha: Nein, denn die wichtigste Ombudsstelle sind das Ministerium für Soziales und Integration und der Minister selbst. Mein Haus war ja am vor einem Jahr vorgestellten ersten Armuts- und Reichtumsbericht des Landes federführend beteiligt. Wir werden aus diesem Bericht konkrete Maßnahmen identifizieren und umsetzen. Ein Schwerpunkt ist die Vermeidung von Armutsbiographien bei Kindern und Jugendlichen. Wir haben Projekte aufgelegt, damit Familien, die jahrelang auf Transferleistungen angewiesen waren, dies künftig nicht mehr sein werden. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Wechselwirkung von Armut und Krankheit. Wer gesundheitlich angeschlagen ist, ist eher armutsgefährdet. Auch deshalb ist Gesundheitsversorgung so wichtig. Das Land ist aber bereits gut aufgestellt: bei der Ganztagsbetreuung, bei der Betreuung der Unter-Dreijährigen, bei der Schulsozialarbeit und Konfliktberatungsunterstützung. Wir sind das Bundesland, das bundesweit neben Bayern den geringsten Anstieg bei der Abhängigkeit von Hartz IV bei Kindern und Jugendlichen hat. Woanders geht es signifikant nach oben.

Was sind denn die sogenannten Leuchtturmprojekte Ihres Ministeriums für die kommenden Jahre?
Lucha: Es gibt vier. Das eine ist die erwähnte Quartiersentwicklung als Umsetzung aus der Pflege-Kommission. Das nächste ist der »Pakt für Integration« mit den Kommunen: Wir unterstützen die Kommunen, damit aus Untergebrachten Mitbürger werden. Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung sollen qualifiziert betreut und begleitet werden. Der dritte »Leuchtturm« ist der Aufbau einer sektorenübergreifenden Gesundheitsversorgung und die Weiterentwicklung der Krankenhauslandschaft. Und der vierte ist, aus dem Zukunftsplan Jugend einen Masterplan Jugend zu machen. Mit den Akteuren der Jugendverbände werden wir schauen, dass wir junge Menschen, die bisher nicht im Fokus standen, besser erreichen, damit sie sich nicht abgehängt fühlen. 

Können Sie den dritten »Leuchtturm« noch näher erläutern?
Lucha: In den Landkreisen Reutlingen, Biberach und Ravensburg läuft bereits ein Modellprojekt »Sektorenübergreifende Versorgung«. Dort wollen wir beispielhaft herausfinden, an welchen Orten und in welcher Zusammensetzung die jeweils beste und passgenau Hilfe angeboten werden kann – landkreisübergreifend und berufsgruppenübergreifend.

Zur Person

Manfred Lucha

Geboren am 13. März 1961 in Hart an der Alz (Südostbayern). Nach dem Hauptschulabschluss Ausbildung und Beschäftigung als Chemiewerker. Der anschließende Zivildienst führte Lucha nach Ravensburg. 1985 bis 1988 Ausbildung zum Krankenpfleger, 1993 bis 1996 sowie 2002/2003 Studium im Bereich Sozial- und Gesundheitswesen an der Fachhochschule Ravensburg-Weingarten. Mehr als zwei Jahrzehnte war er in der psychiatrischen Versorgung tätig.
Lange Mitglied im Ravensburger Gemeinderat und Kreistag. Seit 2011 im Landtag, zuletzt mit Direktmandat. Im Konstanzer »Tatort« spielte Lucha kleine Nebenrollen. (caf)

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