Selbstversuch
Dossier: 

Meine Traumfrau aus dem Netz

Autor: 
Christian Schellenberger
Lesezeit 5 Minuten
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16. August 2014
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©Redaktion

Der Markt für die Partnersuche im Internet boomt. Doch ist der Weg zur Traumfrau aus dem Netz
wirklich so einfach, wie die Fernseh­werbung verspricht? Ein Selbstversuch im Online-Dating-Dschungel.

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Porträt über ein Pärchen stehen, das sich über eine dieser Singlebörsen im Internet kennengelernt hat. Acht Millionen Deutsche, die regelmäßig auf Dating-Portalen unterwegs sind – da sollte sich doch jemand aus der Region finden lassen, der darüber erzählen möchte. Tatsächlich trudeln wenige Tage nach unserem Aufruf einige vielversprechende  Nachrichten in meinem Postfach ein.

Aber zu einem längeren Gespräch kommt es dann doch nicht. Obwohl Online-Dating mittlerweile so weit verbreitet ist – in der Zeitung darüber sprechen? Da bekommt so mancher kalte Füße.

Also begebe ich mich selbst auf Partnerschaftssuche im Internet. Doch wo anfangen? Mit zwei, drei Klicks steure ich friendscout24.de an – das kenne ich von den blinkenden Werbebannern anderer Webseiten. Wenig später habe ich ein Profil angelegt – ein halbwegs ansprechendes Foto, ein paar Angaben zu Hobbys, Größe und Beruf. Dann noch der Partnerschaftstest: Was mir an einer potenziellen Partnerin besonders wichtig ist, will das Programm wissen. Am Ende werden mir ein paar Profile vorgestellt, die angeblich besonders gut zu mir passen sollen. Es kann losgehen!

Ich will mehr über sie wissen – und muss bezahlen

Ganz oben in der Liste eine etwas schüchtern lächelnde junge Frau – zu 77 Prozent sollen unsere Ansichten übereinstimmen, hat das Programm ausgerechnet. Na dann mal los, die will ich kennenlernen! Doch nach einem Klick auf die gleichnamige Schaltfläche – Ernüchterung. »Jetzt Angebot nutzen und Geld sparen« steht in großen Lettern auf der Seite, dazu drei Angebote für Premiumzugänge zwischen 19,90 und 39,90 Euro pro Monat. Doch bezahlen möchte ich erstmal nichts.

Plötzlich blinkt ein Herz mit Nachricht »Will mich treffen« auf. Einmal. Zweimal. Dreimal. Ist da vielleicht schon meine  Traumfrau dabei? Wohl nicht – auch hier erfahre ich erst mehr, wenn ich eine kostenpflichtige Mitgliedschaft abschließe.

Ein paar Mal schaue ich in den folgenden Tagen noch bei Friendscout rein, dann ist meine Begeisterung verflogen. Das angebliche Interesse der weiblichen Mitglieder ist verflogen. In meinem virtuellen Postfach häufen sich die Mails von Friendscout,  doch bitte ein Abo abzuschließen – exklusiv für mich natürlich zum Schnäppchenpreis.

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Nach Feierabend heißt es für mich: Dating statt Glotze

Mein Glück versuche ich auf einer kostenlosen Singlebörse – finya.de. Auch hier lege ich ein Profil an, kann aber etwas freier  über mich schreiben. In den folgenden Wochen bin ich dort regelmäßig online. Dating statt Glotze lautet mein Motto nach Feierabend. Ich gebe mir wirklich Mühe, wenn ich ein ansprechendes Profil entdeckt habe. Keine schmierigen Einzeiler, wie sie Frauen tagtäglich zu Hunderten in solchen Singlebörsen bekommen. Die Resonanz ist kläglich. Womöglich ist meine Nachricht unter all den Mails von »hotboy81« oder »SüßerBär75« verloren gegangen.

Eine kurze Suche im Internet nährt bei mir noch einen anderen Verdacht: Bin ich vielleicht sogar professionellen Animateuren auf den Leim gegangen? Immer wieder lese ich von »Fakes«, die in den Singlebörsen unterwegs sein sollen. Falsche Profile also, hinter denen eigentlich jemand ganz anderes steckt.

Aber auch dann, wenn es zunächst ganz vielversprechend läuft: Die nächste Enttäuschung ist in den Singlebörsen nicht weit. Tagelang chatte ich mit »Julia89«, Studentin aus Freiburg. Kein stupides Abfragen von Interessen, wie ich es in den vergangenen Wochen immer wieder erlebt habe. Keine virtuellen Konversationen, so zäh wie ein alter Kaugummi. Nein, die Unterhaltungen per Textnachricht sind witzig, haben Charme. Immer wieder bringen mich ihre schlagfertigen Antworten zum Grinsen. Doch zu einer Verabredung kommt es nie. »Sorry, mein Leben steht grad ein bisschen Kopf, muss das erstmal alles wieder auf die Reihe bekommen« – ihre letzte Nachricht.

Das Postfach der Herzensdame war überfüllt

Ich beschließe, das Experiment Online-Dating zu beenden. Zu viel Zeit habe ich in den vergangenen Wochen schon vor dem Computer-Bildschirm verbracht auf der Suche nach der Liebe. Unzählige Male haben mich Nachrichten wie »Elisa28 findet dich attraktiv« erreicht. Eine Antwort habe ich selten erhalten. Oder die Damen waren gar nicht erst zu erreichen – Postfach überfüllt. Wer weiß, vielleicht hätte ich in einer der Singlebörsen mit kostenpflichtiger Mitgliedschaft mehr Erfolg gehabt? Wirklich überzeugt bin ich nicht.

Auf einmal weckt das dumpfe Vibrieren meines Handys mein Interesse. »Hi, was suchst du hier?«, schreibt eine Maria. Wieder so ein Lockvogel, der mir das Geld aus der Tasche ziehen will? Dieses Mal nicht. Wir tauschen Nachrichten aus, treffen uns zum Pizzaessen. Maria ist eine sympathische junge Frau. Ich glaube, wir liegen auf einer Wellenlänge. Hat meine Odyssee im Dating-Dschungel also ein glückliches Ende? Wir werden sehen.

Hinweis: Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

Hintergrund

Singlebörsen im Überblick

Parship
Der Hamburger Anbieter Parship ist mit mehr als fünf Millionen Mitgliedern der Marktführer in Deutschland unter den Online-Partnervermittlungen. Jeder Nutzer muss am Anfang einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen, auf dessen Basis die Seite Kontaktvorschläge macht. So wollen die Macher gewährleisten, dass man zu Menschen Kontakt aufnimmt, die wirklich zu einem passen. Die Mitgliedschaft hat jedoch ihren Preis: Knapp 330 Euro werden für ein halbes Jahr fällig.

Friendscout24
Mehr dem Prinzip einer klassischen Singlebörse folgt Friend­scout24 (sechs Millionen Mitglieder). Dort kann frei gechattet werden. Allerdings bietet das Portal auch sogenanntes »Matching«, bei dem ähnlich wie bei Parship potenzielle Partner vorgeschlagen werden. 119,49 Euro werden für ein halbes Jahr Mitgliedschaft fällig.

Tinder
Ganz schön oberflächlich kommt das kostenlose Tinder aus den USA daher. Denn dort entscheiden die Mitglieder allein anhand einiger Fotos und stichwortartiger Interessenangaben, ob man Kontakt aufnehmen will. Tinder gibt es nur als »App« für Smartphone und Tablet, via GPS-Ortung werden die neuesten Kontakte in der Nähe eingeblendet. Erst wenn auch der jeweilige Gegenüber mit einem Druck auf das Herz-Symbol sein Interesse bekundet hat, können überhaupt Nachrichten ausgetauscht werden.

Planetromeo
Gestartet als private Internetseite hat sich Planetromeo, vormals Gayromeo, zu einer der größten Netzgemeinschaften für Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle entwickelt. Der Zugang mit Basisfunktionen ist kostenlos, wer eine detailliertere Suche und weitere Extras haben will, zahlt ab 6,90 Euro pro Monat. Rund 400 000 deutsche Mitglieder.

Jail-Mail
Wohl eine der ungewöhnlichsten Kontaktbörsen im Internet ist die Webseite Jail-Mail.net. Betreiberin Erna Höhenberger vermittelt dort zum Selbstkostenpreis Briefkontakte zu Gefängnisinsassen auf der ganzen Welt. Mit einigen persönlichen Zeilen samt Foto können sich die Knackis im Internet vorstellen.

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