Thema des Tages: Miss-Germany-Wahl 2015
Dossier: 

»Miss Dickwanst ist auch nicht besser«

Autor: 
Franziska Jäger
Lesezeit 5 Minuten
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28. Februar 2015
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Frauenrechtlerin und Bestsellerautorin Maya Onken aus der Schweiz. ©Onken Academy

Sie ist Frauenrechtlerin und Bestsellerautorin: Die Schweizerin Maya Onken (46) leitet seit 2006 das Frauenseminar Bodensee und tourt als Rednerin durchs Dreiländereck. Mit der Mittelbadischen Presse sprach sie über Miss-Wahlen, Aktien und wahre Schönheit.

»Je höher der Absatz, desto kürzer der Hauptsatz«, sagten Sie einmal. 
Maya Onken: Ja, genau...

Warum lachen Sie jetzt?
Onken: Eigentlich ist das ein Zitat vom deutschen Kabarettisten Dr. Eckart von Hirschhausen. Aber ich finde den Satz großartig. Ich habe den Satz aus weiblicher Sicht analysiert: Wer auf modischen High Heels herumstolziert, bei dem wird der Schritt unsicher – zumindest ab einer gewissen Absatzhöhe. Das Kreuz ist einer Ex­trabelastung ausgesetzt und die Zehen bekommen mehr Druck ab, was zu Blasen führt. Da ist einem nicht mehr nach langen Sätzen zumute.

Interessante Sichtweise. Ziehen Sie hochhackige Schuhe an? 
Onken: Ja, aber wenn ich Strumpfhosen und hochhackige Schuhe anziehe, merke ich, wie ich in meiner Leistungsfähigkeit im Hirn ziemlich beeinträchtigt bin.

Warum das denn?
Onken: Weil all diese Strumpfhosen, die gut sitzen, so eng am Bund sind. Und wenn sie bequem sind, dann lottern sie im Schritt. Auch gescheite Frauen sind nicht gefeit vor dieser Schönheitsmaschinerie.

Womit wir beim Thema wären. Böse Zungen stempeln Miss-Kandidatinnen oft als hohl ab.
Onken: Bei den Miss-Wahlen sind sicher auch Studentinnen dabei – oder intelligente Frauen. Die setzen auf die Aktie Schönheit. Die sind jung, die können wählen, in welche Aktie sie investieren wollen. Ich sage jetzt mal: Die Schönheit ist die Aktie, die am Anfang leichter erscheint. Es ist verführerischer, gefragt zu sein und angehimmelt zu werden.

Ist das verwerflich?
Onken: Nein, das ist natürlich legitim. Ich würde auch nicht soweit gehen, zu sagen, dass man Miss-Wahlen abschaffen sollte. Das ist schließlich auch eine Volksbegeisterung, bei der gewisse Dinge abgedeckt werden, wie Schönheit, Wettbewerb und Volksbelustigung. Dazu gehören auch Formate wie »Der Bachelor« oder »Das Dschungelcamp«. Nur ist den Frauen das nicht immer klar. Die Teilnehmer werden ja automatisch Teil der Belustigung. Und wenn die Frauen denken, dass es um ihre Schönheit und um ganz objektive Wahlverfahren geht, dann ist das einfach tragisch. Wenn sich die Leute darüber im Klaren sind, dass sie sich teilweise auch zum Affen machen, dann finde ich das okay. Aber junge Mädchen träumen da noch zuviel. Es geht ja letztendlich immer um dieselbe Frage: Wie kriege ich die Leute ins Stadion oder vor den Fernsehbildschirm?

Zurück zu Ihrer High-Heels-Theorie: Miss-Kanidatinnen vergessen also durch den Auftritt auf der Bühne ihre Intelligenz.
Onken: Wenn die sich monatelang im Vorfeld nur mit dem Kleingedruckten von Nagellackentfernern beschäftigen und sich schön pimpen – denn Geografie- oder Philosophiebücher lesen die in dieser Zeit sicher nicht – dann haben die sicher ein ganz anderes Wissen. Die kennen dann vielleicht die chemische Zusammensetzung ihrer Haarsträhnen und wieviel Fettprozente sie morgens auf der Waage haben, und mit welchem Essen sie dieses Fett wieder runterkriegen. Ernährungs- und Beauty-technisch wissen die sicher viel. Das ist ihr Job in dem Moment. Wenn man die dann fragt, wie man einen Traktor zusammenbaut, ist das doch eigentlich fies.

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Trotzdem sind bei deutschen Miss-Wahlen viele Studierte dabei.
Onken: Das heißt aber nicht, dass die weniger nervös sind. Die wenigsten Menschen haben Freude, auf der Bühne zu stehen, es sei denn, sie sind Rampensäue.

Was stört Sie nun an Schönheitswettbewerben?
Onken: Wenn es diese Art von Wettbewerb auch für Männer geben würde, käme das alles weniger sexistisch rüber. Im Grunde bin ich nicht gegen Miss-Wahlen. Ich möchte nur, dass diejenigen, die auf der Bühne stehen, wissen, was sie tun. Das ist nicht der Fall.

Viele Ex-Teilnehmerinnen sagen dennoch, dass sie so ein Wettbewerb gestärkt und sie diese Erfahrung weitergebracht hat...
Onken: Sicher, die sind durch die Hölle gegangen. Aber den Frauen möchte ich Folgendes sagen: In die Aktie Schönheit zu investieren, ist eine hochgefährliche Sache. Sie ist sehr vergänglich, fällt schnell auf dem Markt, hat ein Ablaufdatum und bringt nach gewisser Zeit sicher kein Geld mehr. Mir geht es darum, dass Frauen deswegen keinen vehementen Lebensknick bekommen.

Sind Anti-Wahlen wie Miss Dickwanst oder Miss Hässlich vertretbare Alternativen?
Onken: Um Himmels Willen, das ist noch ein Stockwerk tiefer. Das ist pure Schaubelustigung des Volkes. Die Leute, die da mitmachen, tun mir noch viel mehr Leid.

Wann sind Frauen schön?
Onken: Ich finde Frauen wahnsinnig schön, wenn sie von innen heraus strahlen. Mir kommt es auf innere Schönheit an, ganz egal, wie groß die Nase, wie abstehend die Ohren oder wie groß der Busen.

Am 8. März ist Weltfrauentag. Eine gute Sache, oder?
Onken: Nein, ehrlich gesagt ist das traurig. Wenn wir weiter wären, bräuchten wir solch einen Tag nicht. Das ist eher ein Tropfen auf dem heißen Stein. Dasselbe gilt für den Muttertag. Das jeweilige Bewusstsein sollte ins tägliche Leben übergehen.

Welchen Titel hätten Sie gerne?
Onken: Den Titel »Miss Jonglage«. Wie bringt man alles unter einem Hut.

 

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