Interview des Tages

Rektor Winfried Lieber sieht Hochschulen für Wettbewerb gerüstet

Autor: 
Reinhard Reck
Lesezeit 8 Minuten
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23. April 2014

Allein im vergangenen Jahr hat die Hochschule Offenburg nach Angaben von Rektor Winfried Lieber drei Millionen Euro durch externe Forschungsaufträge erhalten. ©Peter Heck

Das neue Landeshochschulgesetz, das der baden-württembergische Landtag kürzlich verabschiedete, stärkt gerade die Hochschulen für angewandte Wissenschaften wie die in Offenburg. Das erklärt deren Rektor Winfried Lieber im Interview mit der Mittelbadischen Presse.

Herr Lieber, Sie haben sich immer für eine möglichst weitgehende Autonomie der Hochschulen eingesetzt. Ist das im neuen Landeshochschulgesetz gestärkt worden?
Winfried Lieber: Die Autonomie wurde sicherlich nicht weiter erhöht, das haben wir auch nicht erwartet. Viel wichtiger ist aber, dass das bisherige Maß an Eigenverantwortung der Hochschulen weitgehend erhalten bleibt. Das nun in Kraft getretene Gesetz geht also insgesamt betrachtet in die richtige Richtung. Es justiert dort nach, wo sich äußere Rahmenbedingungen geändert haben, wie beispielsweise mit einer weiteren Verbesserung von Chancengleichheit von Frauen und Männern, durch einige Erleichterungen von Vorschriften zum Studien- und Prüfungsrecht oder mit einer deutlichen Stärkung der angewandten Forschung an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften.

Der erste Entwurf wurde noch verändert...
Lieber: Man muss in der Tat sehen, dass gegenüber dem ursprünglichen Gesetzentwurf, an dem wir erhebliche Kritik geübt haben, noch zahlreiche Änderungen vorgenommen wurden. Das Ergebnis verdeutlicht, dass die Einwände aus den Hochschulen Gehör fanden.

Was verbessert sich für die Studenten?
Lieber: Die Studiengänge können flexibler gestaltet und auf die individuellen Voraussetzungen der Studierenden zugeschnitten werden. Das betrifft beispielsweise eine Reihe von Erleichterungen in den Vorschriften zu Studium und Prüfung. Die Zusammensetzung der Studentenschaft wird ja nicht nur immer heterogener; wegen des G-8-Gymnasiums und des Wegfalls der Wehrpflicht verringert sich auch das Alter der Studienanfänger. Mittlerweile starten bei uns 17-Jährige ins Studium. Umso schwieriger wird die Orientierung bei der Wahl des Studiengangs, was leider auch immer mehr mit der Konsequenz eines Studienabbruchs verbunden ist.

Ein Beispiel für die zunehmende Flexibilität beim Studienverlauf?
Lieber: Diese zeigt sich bei dem bei uns schon praktizierten Studienmodell »startIng«. Im ersten Semester muss man sich dabei nicht schon auf eine bestimmte Ingenieurdisziplin festlegen, sondern lernt viele Bereiche kennen. Nach dieser individuellen Orientierung können dann die Studierenden viel zielgerichteter entscheiden, welcher Studiengang ihren Neigungen entspricht.

Mit dem neuen Gesetzestext ist der Titel »Fachhochschule«, den auch Ihre Einrichtung früher trug, endgültig verschwunden. Bringt der neue Begriff »Hochschule für angewandte Wissenschaften« auch konkrete Verbesserungen?
Lieber: Der Begriff »Hochschulen für angewandte Wissenschaften« ist eine längst überfällige Anpassung an die stark ausdifferenzierte Aufgabenbeschreibung und die heutige Bandbreite der Bildungsangebote der ehemaligen Fachhochschulen. Unsere Hochschule bietet aktuell mehr als 30 Studiengänge in den Ingenieur-, Medien- und Wirtschaftswissenschaften an und ist deshalb schon lange nicht mehr auf zwei oder drei Fächer eingeschränkt, wie dies in den Anfängen der Fachhochschule noch der Fall war.

Gibt der neue Begriff einen Anstoß für die wissenschaftliche Arbeit?
Lieber: Im Zusammenhang mit anderen Neuregelungen kommen so wichtige Impulse für die Forschung. So ist die bisherige gesetzliche Beschränkung der Forschung an Fachhochschulen auf »Lehrforschung« und »anwendungsorientierte Forschung« entfallen. Wichtig ist auch das gesetzliche Gebot, unsere Professoren bei kooperativen Promotionskollegs gleichberechtigt zu beteiligen, sowie die Klarstellung, dass eine Kooptation auch hochschulübergreifend möglich ist. Damit können forschungsstarke Professorinnen und Professoren der früheren Fachhochschulen Mitglieder an Fakultäten von Universitäten werden. Das eröffnet unseren Forschern ganz neue Möglichkeiten.

Eine eigene Betreuung von Doktoranden durch die Hochschulen für angewandte Wissenschaften ist auch jetzt nicht möglich. Haben Sie Hoffnung, dass man in Offenburg künftig eigenverantwortlich Promotionen durchführen kann?
Lieber: Da bin ich fest davon überzeugt, denn auch in anderen Bundesländern gibt es Initiativen, die in die gleiche Richtung gehen, nämlich forschungsstarken Bereichen der Hochschulen für angewandte Wissenschaften qualitätsgeleitet selbst die Ausübung des Promotionsrechts zu ermöglichen. Die Politik hat klar erkannt, dass auf die Zunahme des Innovationsdrucks in Wirtschaft und Gesellschaft mit einer Stärkung des spezifischen Forschungsauftrags unserer Hochschulart reagiert werden muss.

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Wie viele Doktoranden haben Sie derzeit?
Lieber: Wir haben derzeit rund 20 Doktoranden, die teils im Graduiertenkolleg in Kooperation mit der Universität Freiburg, teils in Zusammenarbeit mit anderen Universitäten betreut werden. In der Praxis sind diese Verfahren abhängig von der Abstimmung und den Vereinbarungen im Einzelfall. In vielen Fällen kann leider nicht von einer diskriminierungsfreien Handhabung gesprochen werden. Da hilft uns die Klarstellung im Gesetz, wie z. B. durch die bereits erwähnte Gleichberechtigung in gemeinsamen Promotionsverfahren oder die Kooptation deutlich weiter. Ich bin davon überzeugt, dass wir auf dieser Grundlage auch in Zukunft weiter vertrauensvoll mit den Universitäten in kooperativen Promotionen zusammenarbeiten werden. Gerade Hochschularten-übergreifende  Verbundforschungsprojekte können ganz besonders zur Stärkung des Innovationssystems beitragen.

Gleichwohl ist man beim Promotionsrecht ja mit der sogenannten Experimentierklausel auf Hochschulen wie die Ihre zugegangen.
Lieber: Das ist richtig. Mit der Experimentierklausel wird erstmals die Möglichkeit geschaffen, einem Zusammenschluss von Hochschulen nach evaluations- und qualitätsgeleiteten Kriterien das Promotionsrecht befristet und thematisch begrenzt zu verleihen. Die Verhandlungen über die genauen Rahmenbedingungen beginnen jetzt. Ich würde mir wünschen, dass sich die strukturellen Voraussetzungen für die Verleihung des Promotionsrechts an den Empfehlungen des Wissenschaftsrats anlehnen.

Wie könnte das konkret aussehen?
Lieber: Es geht bei der Experimentierklausel sicherlich nicht darum, dass jedem Professor die Möglichkeit eingeräumt wird, Doktorarbeiten zu vergeben und zu betreuen. Hier setzen wir auf das Prinzip des Leistungsnachweises. Nur solche Forschungszusammenschlüsse, die über ein spezifisches Qualitätssystem verfügen, kommen aus meiner Sicht für die Anwendung der Klausel in Betracht. Experimentierklausel, Kooptation und mehr Flexibilität bei der Berufung von forschungsstarken Professoren werden die angewandte Forschung weiter stärken und die bisher leider noch oft praktizierte ungleiche Behandlung von Absolventen und Kollegen in Promotionsverfahren beenden.  

Geändert wurde auch die Verfahrensweise bei der Rektorenwahl. Hochschulrat und Senat sind künftig gleichberechtigt beteiligt. Halten Sie das für sinnvoll?
Lieber: Ja. Vorher war es ja so, dass der auch mit externen Vertretern besetzte Hochschulrat den Rektor wählte und der Senat diese Wahl bestätigen musste. Künftig erfolgt die Wahl von hauptamtlichen Rektoratsmitgliedern gleichberechtigt durch Senat und Hochschulrat. Mit der Neujustierung der Gremienzuständigkeiten Hochschulrat und Senat lassen sich sicherlich längere Hängepartien oder gar das Scheitern von Wahlen verhindern, wie an einigen Standorten geschehen, wo der Senat die Wahl des Hochschulrats nicht bestätigt hat. Was den Hochschulrat, der für die Entwicklung der Hochschule Verantwortung trägt, betrifft, so wurde eine Frauenquote von 40 Prozent festgeschrieben. Was ich kritisiere, ist die dominierende Stellung des Wissenschaftsministeriums in der sogenannten Findungskommission, die eine Vorauswahl der Mitglieder des Hochschulrates trifft, und der Umstand, dass Vertreter des alten Hochschulrats nur noch beratend in dieser Kommission mitwirken können.
Umstritten blieben im Landtag bis zum Schluss die Bestrebungen, bei der Vergabe von Drittmitteln mehr Transparenz zu erreichen. Die CDU/FDP-Opposition erklärte sogar, das Hochschulgesetz sei wirtschaftsfeindlich.

Können Sie mit der neuen Regelung leben?
Lieber: Was die Drittmittel für Forschungsprojekte aus der Wirtschaft betrifft, so wurde ein akzeptabler Kompromiss gefunden. Der Grundsatz der Vertraulichkeit, besonders was die Forschungsergebnisse betrifft, bleibt erhalten.  Neu ist ein Drittmittelregister über Forschungsvorhaben, in dem bestimmte Daten zu hinterlegen sind und in das der Senat grundsätzlich Einsicht nehmen kann. Darüber hi­naus muss das Rektorat zweimal jährlich dem Senat über die Forschungsthemen und die Größe der Projekte Bericht erstatten. Die Auskunft wird eingeschränkt, sofern dadurch Betriebs- oder Geschäftsgeheimnisse offenbart würden. Das ist für beteiligte Unternehmen sehr wichtig, da es ja um Projekte geht, mit denen normalerweise die Firmen in Konkurrenz zu Mitbewerbern stehen.

Sind für Ihre Hochschule die Drittmittel von großer Bedeutung?
Lieber: Auf jeden Fall. Allein im vergangenen Jahr erhielten wir drei Millionen Euro durch externe Forschungsaufträge – und das bei einem Gesamtetat von 35 Millionen, von dem 21 Millionen allein durch das Personal gebunden waren.

Halten Sie mit dem neuen Gesetz die Hochschulen für die Zukunft gerüstet?
Lieber: Es sichert den Hochschulen unverändert die Freiheitsgrade, sich für den zunehmenden Wettbewerb um finanzielle Mittel und die besten Köpfe weiter zu positionieren. Der Wettbewerb wird zunehmen, da die Zahl der Studienberechtigten im Land bis zum Jahr 2020 leicht abnehmen wird. Was Offenburg betrifft, so bin ich mir sicher, dass wir uns langfristig auf dem erreichten Niveau von 4000 bis 5000 Studierenden etablieren können. Unser Ziel kann es auch gar nicht sein, darüber hinaus zu wachsen, sondern die begonnene qualitätsgeleitete Entwicklung weiterzutreiben. Ich denke dabei auch an unseren guten Ruf bei der Betreuung der Studierenden durch die vielen Angebote des Career Center oder die Orientierungsmöglichkeiten im startING-Modell. Zum nächsten Wintersemester liegen wir wohl eher bei 5000 Studierenden.

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