Interview

Thomas Marwein: »Seehofer ist der Ober-Bremser«

Autor: 
Christoph A. Fischer
Lesezeit 3 Minuten
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06. Oktober 2017

Thomas Marwein sitzt seit 2011 für die Grünen im baden-württembergischen Landtag. Vor eineinhalb Jahren gewann er das Erstmandat im Wahlkreis Offenburg mit 33,7 Prozent der Stimmen. ©Ulrich Marx

Die Grünen im Bund stehen einer Koalition mit Union und FDP offen gegenüber. Auch der grüne Landtagsabgeordnete Thomas Marwein aus Offenburg befürwortet »eindeutig« ein solches Jamaika-Bündnis. Horst Seehofer kommt ihm »manchmal feige vor«.

Herr Marwein, die neue Bundesregierung steht womöglich erst Anfang 2018. Kann Deutschland sich das leisten?

Thomas Marwein: Das wäre eine lange Zeit, und die geschäftsführende Regierung wird bis dahin nichts entscheiden, was für die Zukunft wichtig ist. Vielleicht stimmt Angela Merkel sich bei Entscheidungen aber schon ein bisschen mit FDP und Grünen ab. Eine Regierungsbildung bis Weihnachten wäre okay. Die Niedersachsen-Wahl am 15. Oktober ist für mich kein Grund, sich vorher nicht zu treffen. Ihretwegen verlieren wir zwei Wochen Zeit.

CDU und CSU müssen auch erst einmal diesen Sonntag beraten.

Marwein: Die CSU ist der Bremsklotz, und Horst Seehofer ist der Ober-Bremser. Die CDU muss sich überlegen, ob sie mit Seehofer weitermachen will. Morgens so, abends so – damit verunsichert er alle. Das schlechte Wahlergebnis der CSU wäre ein Grund zum Rücktritt gewesen. Seehofer kommt mir manchmal feige vor: Wenn die AfD aufjault, springt er hinterher. Das hat ja, wie wir gesehen haben, nichts gebracht. Und Misserfolg kreidet er anderen an, obwohl alle Macht in der CSU bei ihm konzentriert ist.

Befürworten Sie eine Jamaika-Koalition von CDU/CSU, FDP und Grünen?

Marwein: Eindeutig! Es wird zwar schwierig, aber es muss möglich sein, dass sich vier demokratische Parteien einigen. Für uns werden die aus dem Wahlkampf bekannten »zehn Punkte für grünes Regieren« die Leitlinien sein. Und darin ist der Klimawandel eines der Riesen-Themen. Er betrifft ja sehr viele Bereiche von Energie über Landwirtschaft bis Wohnungsbau. Ich hoffe übrigens, dass niemand von den führenden Grünen vorab sagt, »wir wollen dieses oder jenes Ministerium«, so wie Wolfgang Kubicki von der FDP es getan hat. So etwas finde ich unprofessionell.

Was raten Sie den Abgeordneten der »etablierten« Parteien für den Umgang mit der AfD?

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Marwein: Die AfD will provozieren – das ist ihr Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ich rate zur Gelassenheit. Wir haben am Anfang den Fehler gemacht, mit zu vielen Zwischenrufen zu reagieren. Das heizt die Atmosphäre auf. Man muss die AfD bei den Inhalten packen und sich hier genau mit ihr auseinandersetzen. Da bietet sie außer heißer Luft nichts.

Die Grünen im Bund wollen ab 2030 nur noch abgasfreie Autos neu zulassen. Ist das aus Ihrer Sicht ein Schwachsinnstermin, wie Ministerpräsident Kretschmann meinte?

Marwein: Das ist es nicht. Allerdings ist für mich der Verbrennungsmotor 2030 nicht gestorben – nur die Verbrennung fossiler Brennstoffe! Die Industrie sollte auch die Nutzung synthetischer Brennstoffe im Blick haben. Gut wäre es auch, wenn endlich nur noch saubere Diesel mit Ad-Blue-Zuführung, die auch bei Minustemperaturen zuverlässig funktioniert, auf den Markt kommen. Und die Politik muss die Autobauer an die Kandare nehmen: Kein Betrug mehr!

Was ist mit Elektro­autos?

Marwein: In Sachen Elektroauto hat China schon gewonnen, und Deutschland hat verloren. Und ob das Elektroauto mit Batterie wirklich das Richtige ist? Es müssen Recyclingkonzepte für die Batterien und die Rohstoffe schon jetzt entwickelt werden, sonst haben wir in 30 Jahren Rohstoffknappheit.

Die Batterie hat tatsächlich viele ökologische Nachteile. Müsste man nicht hauptsächlich auf die Brennstoffzelle, also den Wasserstoff-Antrieb, setzen?

Marwein: Es gibt zwei Arten von Wasserstoff-Fahrzeugen. Die einen haben einen Elektromotor mit Brennstoffzelle, die anderen einen Verbrennungsmotor mit Wasserstoff als Kraftstoff. Da sind wir wieder bei den alternativen Verbrennungsmotoren, die für mich ein wichtiger Teil der Mobilitätszukunft sind.

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