Interview des Tages

Todenhöfer: Frieden in Nahost ist möglich

Autor: 
Christoph Rigling
Lesezeit 7 Minuten
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19. Juni 2017

(Bild 1/2) Jürgen Todenhöfer im April im zerstörten irakischen Mossul. ©Privat

Jürgen Todenhöfer sieht sich als ein Kämpfer für den Frieden. Der 1940 in Offenburg geborene Politiker, Manager und Publizist erklärt im Interview mit der Mittelbadischen Presse, warum der Terrorismus seiner Meinung nach in Europa Einzug gehalten hat. Heute, Montag, referiert er ab 19.30 Uhr auf Einladung der CDU in der Freihof-Halle in Offenburg-Waltersweier über »Frieden in Nahost«.
 

Herr Todenhöfer, Sie waren Politiker, Burda-Manager und jetzt haben Sie sich Krisenregionen wie Afghanistan, Libyen, Syrien und dem Irak verschrieben –  also dem Mittleren Osten. Frieden ist dort schwer vorstellbar. Was treibt Sie nach so vielen Jahren immer noch an?
Jürgen Todenhöfer:
Ich will mithelfen, dass andere genauso in Frieden leben können wie wir. Außerdem ist es eine Illusion zu glauben, Kriege fänden auf alle Zeiten nur im Mittleren Osten statt. Krieg kann es eines Tages auch wieder in Europa geben. Unsere Kriege sind ein Bumerang. 

Mit dem Terrorismus ist der Krieg in Europa ja auch bereits zurückgekommen.
Todenhöfer:
Ja, auch deshalb geht Resignieren gar nicht. Auch wegen unserer Kinder und Enkelkinder. Die wollen auch in Frieden leben. Und noch etwas treibt mich an: Fairness gegenüber anderen Kulturen. Unsere muslimischen Mitbürger sind genau so viel wert wie unsere christlichen, jüdischen oder atheistischen Mitbürger. Deshalb wehre ich mich auch gegen den Generalverdacht, unter den die Muslime in Deutschland oft gestellt. werden Da müssen wir dagegenhalten. Das ist die Lehre aus dem Versagen unserer Eltern und Großeltern, als es darum ging, unsere jüdischen Mitbürger zu schützen.

Vor einem Jahr haben Sie einen Rebellenkommandanten in Aleppo vor Ort interviewt. Da spielen Sie mit dem Leben. Das war ziemlich brenzlig. Ist es die Sache wert, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen?
Todenhöfer:
Meine Begleiter dachten auch, wir seien in eine Falle von Al Qaida-Jabhat Al Nusra geraten. Ein Freund sagte mir mal: Der Tapfere stirbt nur einmal, der Ängstliche tausendmal. Ich glaube, er hat im Recht. Es lohnt sich nicht, Angst zu haben. Wir müssen sowieso alle mal sterben. Ich will informieren: Die Menschen sollen wissen, was Terrorismus ist und wie er funktioniert. Und was Krieg ist. Das haben die meisten nie erfahren. Krieg ist Terrorismus hoch zehn.

Wir haben uns das letzte Mal vor knapp sechs Jahren gesprochen. Damals hatten Sie ein Buch über das Glück und das Feindbild Islam geschrieben. Sie waren der Ansicht, dass die Angst vor dem Islam »bewusst politisch produziert« sei. Sehen Sie das heute immer noch so nach all den Anschlägen?
Todenhöfer:
Ja. Schauen Sie sich nur die Anzahl der paar Hundert IS-Anhänger in Deutschland an und vergleichen Sie sie mit den fast fünf Millionen Muslimen in Deutschland. 99,9 Prozent der Muslime wollen doch mit Terrorismus überhaupt nichts zu tun haben. Diese IS-Verbrecher haben mit dem Islam so wenig zu tun, wie Vergewaltigung mit Liebe. Übrigens wurden seit der Wiedervereinigung 1990 in Deutschland nicht nur 14 Menschen von sogenannten islamistischen Terroristen ermordet, sondern auch 180 unschuldige Menschen von Rechtsradikalen. Darunter 30 Muslime. Warum interessiert das kaum jemanden?

Die Anschläge von Paris, Brüssel, Nizza, Berlin, Manchester und London verbreiten trotzdem Furcht und Schrecken. Haben Sie Verständnis dafür, dass die Menschen Angst vor dem Islam haben?
Todenhöfer:
Vor dem Islam braucht niemand Angst zu haben. Der Islam ist, wie seine Bruderreligion Christentum, eine Religion der Barmherzigkeit. Ich bin seit meinem 18. Lebensjahr in der muslimischen Welt unterwegs und habe nirgendwo mehr Nächstenliebe erlebt als dort. Das prägt mich bis heute. Die Angst vor Terror ist für mich allerdings nachvollziehbar. Auch weil jede Terrortat die Drohung beinhaltet, dass es weitere Anschläge geben wird. 

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Die Terroristen mögen vielleicht mit dem Islam nichts zu tun haben, aber sie berufen sich auf ihn und verbreiten Angst. Wie lässt sich dieser Angst begegnen?
Todenhöfer:
Bush hat sich beim Irakkrieg auch auf das Christentum berufen und trotzdem war es kein christlicher Krieg. Zum zweiten Teil Ihrer Frage: Mit Argumenten hat man da keine Chance. Trotzdem ein paar Fakten: Es lässt sich statistisch nachweisen, dass mehr Menschen durch Blitzschlag sterben als durch Terrorismus. In den USA werden jedes Jahr 8000 Menschen erschossen. Das interessiert die Leute leider viel weniger. John Kerry, der ehemalige US-Außenminister, empfiehlt, den Terrorismus, so schlimm er ist, als lästige Nebensache anzusehen. Ihn nicht in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen. Ich glaube, dass er Recht hat. Wir lassen uns unsere Lebensfreude ja auch nicht dadurch zerstören, das es in Deutschland jährlich 300 Morde und tausende tödliche Verkehrsunfälle gibt.

Die Angst zeigt schon weitreichende Wirkung. Selbst Ihre Partei, die CDU, will die Gesetze zur inneren Sicherheit verschärfen. Die britische Premierministerin Theresa May in Großbritannien will Grundrechte einschränken. Wo endet das noch?
Todenhöfer:
Es ist positiv, dass wir eine gut funktionierende und gut ausgerüstete Polizei haben. Und dass sie die Terroristen vernünftig bekämpfen kann. Aber wir dürfen dabei nicht das zerstören, was wir verteidigen wollen – unsere Freiheit und unsere Bürgerrechte. Zur Zeit wird in Großbritannien diskutiert, ob Menschen aus Sicherheitsgründen ohne richterliche Anordnung für immer längere Zeit weggesperrt werden können. Es ist aber eine der größten Errungenschaften der westlichen Zivilisation, dass Menschen ihrer Freiheit nur dann beraubt werden dürfen, wenn ein Gericht das anordnet. Das dürfen wir nicht preisgeben. Wir müssen den Terrorismus mit Augenmaß bekämpfen. Und nicht das Kind mit dem Bad ausschütten.

Wie sieht dieses Augenmaß aus?
Todenhöfer:
Wir müssen vor allem die Ursachen des Terrorismus beseitigen. Hauptursache sind unsere  Kriege. Vor dem Krieg in Afghanistan gab es am Hindukusch ein paar hundert international gefährliche Terroristen. Jetzt sind es weltweit über hundertausend. Allein im Irak gab es im Jahr 2014 15 000 IS-Terroristen. Nur 5000 sind durch unsere Kriege getötet worden. Der Rest kämpft jetzt als Guerillas in den Vorstädten des Irak und in Nachbarländern weiter. Manche sind als Schläfer abgetaucht. Für diesen militärischen Minimal-Erfolg sind 50 000 irakische Zivilisten tot gebombt worden. Ganze Städte sind in Schutt und Asche gelegt worden. Die jungen Menschen vor Ort sinnen doch jetzt auf Rache, die wollen zurückschlagen. Da wächst die nächste Generation von Terroristen heran. Das alles ist doch Irrsinn! Ich bezweifle übrigens, dass das wirklich Antiterrorkriege sind.

Sondern?
Todenhöfer:
Öl spielt natürlich eine ganz große Rolle. Es geht um die Durchsetzung wirtschaftlicher und geostrategischer Interessen der USA, Großbritanniens und Frankreichs. Deutschland  ist da erfreulicherweise meist zurückhaltender. Wenn man mal von den unseligen Waffenexporten absieht. 

Und, haben Sie eine Idee, wie das Terrorproblem zu lösen wäre?
Todenhöfer:
Der Westen muss seine Kriege in der muslimischen Welt beenden. Die Terroranschläge in Europa und den USA sind eine Antwort auf unsere ungerechtfertigten Kriege. Letztlich brauchen wir eine umfassende Friedenskonferenz im Mittleren Osten. Wie damals die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die den Konflikt mit der Sowjetunion entschärfte. 

Glauben Sie tatsächlich an ein Zustandekommen und letztlich an ein Gelingen einer solchen Konferenz?
Todenhöfer:
Ja! Man muss es wagen! In den 70er-Jahren ist jahrelang zwischen dem Warschauer Pakt und dem Westen verhandelt worden. Das war das Bohren ganz dicker Bretter. Am Ende stand der Frieden. So etwas müssen wir im Mittleren Osten auch hinbekommen. Wir müssen den Ländern und Menschen dort eine Zukunftsperspektive aufzeigen, ihnen Fairness entgegenbringen. In einer fairen Welt gibt es keine Terroristen.
 

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