Serie: Fundstücke - Zweiter Weltkrieg

»Und dann streichelte er meine Wange«

Autor: 
Michael Hass
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
12. Februar 2015

(Bild 1/3) Gisela Anzlinger aus Offenburg hat als achtjähriges Mädchen am 5. Juli 1940 in Oppenau den Empfang Adolf Hitlers miterlebt und ihn mit Handschlag und Knicks begrüßt (das blonde Mädchen mit dem Blumenstrauß. ©Privat

Vor 75 Jahren entfaltete sich der Zweite Weltkrieg in Europa und brannte sich ins Gedächtnis der Menschen ein. Die Mittelbadische Presse blickte im vergangenen Herbst auf die wichtigsten Ereignisse des Krieges zurück und rief Zeitzeugen dazu auf, ihre Geschichten zu erzählen. Mit der Serie »Fundstücke – Zweiter Weltkrieg« kommen jeden Donnerstag Menschen zu Wort und lassen Geschichte lebendig werden. Heute erzählt Gisela Anzlinger aus Offenburg von ihrer Begegnung mit Adolf Hitler. Als achtjähriges Kind begrüßte sie Hitler 1940 in Oppenau mit Handschlag und Knicks – und schämt sich heute noch dafür. Unter
www.bo.de/fundstuecke lassen sich die Erinnerungen der Ortenauer an den Krieg nachlesen.

 »Ich bin damals einfach unter das Absperrband geklettert, habe mich vor ihn hingestellt, ihm die Hand gegeben und einen Knicks gemacht. Und dann streichelte er meine Wange.« Gisela Anzlinger kann sich noch gut an Adolf Hitlers Aufenthalt am 5. Juli 1940 in ihrer Heimatstadt Oppenau erinnern.

Euphorie in Oppenau

Grund für Hitlers Kommen war der Besuch des Führerhauptquartiers »Tannenberg« an der Schwarzwaldhochstraße, Nähe der Alexanderschanze. Das Foto zeigt ein blondes Mädchen, das Adolf Hitler einen Blumenstrauß entgegenstreckt. Mit dabei in Oppenau: Propagandaminister Joseph Goebbels und Reichsführer der SS Heinrich Himmler. »An diesem Tag herrschte in Oppenau eine euphorische Stimmung«, erinnert sich die heute 83-Jährige noch genau und erzählt, dass Hitler wegen der Besichtigung des Führerhauptquartiers an der Schwarzwaldhochstraße nach Oppenau kam.

»Tannenberg« entstand während der Vorbereitungen des Frankreichfeldzuges am Rande einer Lichtung unweit der Gaststätte Alexanderschanze. Ausgeführt durch die »Organisation Todt« begannen die Bauarbeiten am 1. Oktober 1939. Die »Organisation Todt« war eine nach militärischem Vorbild organisierte Bautruppe unter der Leitung von Fritz Todt, Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen und Reichsminister für Bewaffnung und Munition. Fritz Todt war nicht nur der Erbauer der deutschen Autobahnen sondern auch der Schwarzwaldhochstraße.

- Anzeige -

Bei dem Führerhauptquartier an der Alexanderschanze handelte es sich nicht um einen Neubau, sondern um den Ausbau und die Erweiterung einer schon vorhandenen Anlage des Westwalles. Ralf Bernd Herden beschreibt in seinem Aufsatz »Das Führerhauptquartier auf dem Kniebis«, erschienen in der »Ortenau« (2002), der Zeitschrift des Historischen Vereins für Mittelbaden, mit welchem Kraftaufwand an der Schwarzwaldhochstraße eine Befestigungsanlage errichtet wurde. Bis zum 1. Juli 1940 entstanden neben den Zufahrtswegen zwei Bunker mit einer Gesamtnutzfläche von 275 Quadratmetern. Der eine Bunker sollte Hitler als Unterkunft dienen, im anderen war eine Fernmeldezentrale untergebracht.

Hitler hielt sich nur einmal im Führerhauptquartier Tannenberg auf, vom 27. Juni bis zum 5. Juli 1940, nach dem Sieg in Frankreich.
Hitler flog am 27. Juni mit einer Condor D-2600 nach Eutingen, wo die Maschine auf einem Feldflugplatz landete. Dort wurde er von der 1. Kompanie des »Führer-Begleit-Bataillons« erwartet und nach »Tannenberg« begleitet, wo er gegen 11.00 Uhr eintraf. Am 28. Juni besuchte Hitler das Elsass, um die Kampfstätten in den Vogesen zu besichtigen.

Besuch im Elsass

Hitlers Weg führte weiter über Schlettstadt, Colmar, Breisach, Waldkirch, Gutach und Wolfach zurück nach »Tannenberg«. Am 30. Juni 1940 fuhr Hitler nach Breisach und Mühlhausen, dort besichtigte er Werke der Maginot-Linie. In Freiburg bestieg er den Zug nach Oppenau und kehrte von dort mit dem Auto nach »Tannenberg« zurück. Am 1. Juli empfing Hitler den italienischen Botschafter Alfierie auf dem Kniebis. Aber auch Reichsstatthalter Baldur von Schirach und Propagandaminister Joseph Goebbels waren Gäste in »Tannenberg«

Am 5. Juli 1940 besuchte Hitler Verwundete in den Freudenstädter Lazaretten. Er fuhr mit dem Auto nach Freudenstadt, begleitet und gesichert von zwei Zügen des »Führer-Begleit-Bataillons«. Die Abreise vom Bahnhof Oppenau mit dem »Führersonderzug« war um 13.00 Uhr. Eine Gruppe von Arbeitsmädchen stand Spalier. Hunderte Oppenauer Bürger waren gekommen, um ihn zu verabschieden. Mittendrin: Gisela Anzlinger. Diese Szene lässt sie bis heute nicht los. »Als Kind hatte ich keine Vorstellung, was für ein Verbrecher mir gegenüberstand.«

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
15.02.2019
Bars, Musik, Kostümprämierung
Schon siebenmal fand der Gammlerball in Kehl bislang am Schmutzigen Donnerstag statt. In diesem Jahr ist das anders. Erstmals wird in der Stadthalle am Fasnachtssamstag gefeiert. Neben DJ Vuko sorgen verschiedene Narrenzünfte und die Gammlerbänd Willstätt für die Musik. Mit der Terminänderung aufs...
13.02.2019
Manufaktur für orthopädische Leistungen
Sie tragen uns im Laufe unseres Lebens durchschnittlich 180.000 Kilometer – unsere Füße. FUSS ArT, die Manufaktur für orthopädische Leistungen rund um den Fuß, ist seit Anfang Februar 2019 in der Moltkestraße 30-32 in Offenburg am Start und bietet ihren Kunden ein umfassendes Leistungsspektrum und...
04.02.2019
Offenburg
Das Braun Möbel-Center bietet Wohnmöbel in vielen Formen, Farben und Materialien. Vom 7. bis zum 9. Februar findet auf dem Gelände die dreitägige Möbelmesse statt. Hier können die Kunden in verschiedenen Themenwelten die aktuellsten Wohntrends entdecken. Neben einem großen Sonderverkauf gibt es...
03.01.2019
Die eigene Firma zu gründen ist auch dank der Digitalisierung heute nicht mehr schwer – aber wie geht es dann weiter? Wie kleine und mittelständische Firmen erfolgreich werden, zeigen zwei Jungunternehmer bei einem Vortrag am 26. Januar in der Offenburger Oberrheinhalle.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

vor 6 Stunden
Erzbistum Freiburg
Erzbischof Stephan Burger hat massive strukturelle Veränderungen im Erzbistum Freiburg angeregt. Die Zahl der Seelsorgeeinheiten soll angesichts von immer weniger Katholiken, dem Priestermangel und sinkenden Kirchensteuereinnahmen von derzeit 224 bis 2030 auf etwa 40 Seelsorgeeinheiten in der...
Ein internes ARD-Papier verursacht einigen Wirbel (Illustration).
vor 7 Stunden
Berlin
Diskussionen hat das «Framing Manual» schon ausgelöst, als es außerhalb der ARD noch kaum jemandem bekannt war. ARD-Chefredakteur Rainald Becker hätte einen offeneren Umgang damit gut gefunden.
vor 8 Stunden
Zwischen Freiburg und Kirchzarten
Ein Verkehrsteilnehmer hat am Montagnachmittag gemeldet, dass ein Schaf sich in unmittelbarer Nähe zur B31 befinden sollte. Vor Ort bot sich den eintreffenden Kollegen ein dramatisches Bild.  
82 Prozent der Befragten sind dafür, den Zölibat abzuschaffen, so dass katholische Priester selbst entscheiden dürfen, ob sie heiraten oder nicht.
vor 8 Stunden
Köln
Beim Missbrauchsskandal nimmt eine Mehrheit der Deutschen der katholischen Kirche ihre Aufklärungsbeteuerungen nicht ab.
Die Gravuren dokumentieren die Reisen zweier Walfangkutter von ihren Heimathäfen im Nordosten der USA zum Dampier-Archipel im Nordwesten Australiens.
vor 10 Stunden
Canberra
Archäologen haben auf einer Inselgruppe vor der Küste Australiens in Stein gravierte Aufzeichnungen amerikanischer Walfang-Crews aus dem 19. Jahrhundert entdeckt.
vor 10 Stunden
Nachrichten
Karl Lagerfeld wurde weltweit hofiert und bewundert. Als Fashion-Guru herrschte er über die Welt der Mode. Nun ist der Stardesigner mit dem weißen Mozartzopf in Paris gestorben.
Der Offshore-Versorger «World Bora» liegt nach dem Unfall im Stadthafen von Sassnitz.
vor 10 Stunden
Sassnitz
Beim Zusammenstoß zweier Schiffe östlich der Insel Rügen sind am Dienstag mehrere Menschen verletzt worden. Die Wasserschutzpolizei gehe von mindestens vier Verletzten aus, sagte ein Sprecher der Wasserschutzpolizei.
vor 10 Stunden
Nachrichten
In Bad Krozingen bei Freiburg wird 2003 eine Reinigungsfrau entführt und ermordet. Die Tat bleibt fast 16 Jahre lang ungelöst. Nun hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter begangen. Er gesteht. Das Opfer war die Vorgesetzte seiner Lebensgefährtin.
CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, der zuvor ebenfalls Bundesverkehrsminister war, wies die Vorwürfe der Grünen als «vollkommen aus der Luft gegriffen» zurück.
vor 11 Stunden
Berlin
Die Grünen werfen dem Bundesverkehrsministerium vor, besonders viele Investitionsmittel für Fernstraßen nach Bayern zu leiten.
Kämpfer der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), eine von den USA unterstützte kurdisch geführte Rebellengruppe, patrouillieren während einer Operation zur Befreiung der ostsyrischen Provinz Deir Ezzor im vom IS kontrollierten Dorf Baghouz.
vor 14 Stunden
Damaskus/Berlin
Syriens Kurden haben die Vereinten Nationen aufgerufen, in dem Bürgerkriegsland internationale Sondergerichte für inhaftierte IS-Kämpfer einzurichten.
Marc läuft eine kurvige Landstraße entlang. Der Junge muss rund zwei Kilometer zu Fuß zur Haltestelle seines Schulbusses laufen.
vor 14 Stunden
Marktschorgast
Einmal, erzählt Marc, war es ganz knapp. Da sei ein Auto dicht an ihm vorbeigerauscht und habe ihn fast erwischt. Ob er sich erschrocken hat? Marc macht große Augen. «Ja, ziemlich.»
vor 14 Stunden
Erfurt
In einem juristischen Streit um den Verfall von nicht genommenen Urlaubstagen könnte ein Grundsatzurteil fallen. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) in Erfurt verhandelt am Dienstag, unter welchen Umständen Urlaubsansprüche von Beschäftigten erlöschen.