Von Rotterdam nach Genua (5.1)
Dossier: 

Vom Kampf gegen Krach und Erschütterungen

Autor: 
Andreas Richter
Lesezeit 4 Minuten
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25. August 2016

Thomas Bergmann am Bahnhof Rhens; links sein Elternhaus. ©ar

Das Haus ist seit 1952 in Familienbesitz, das Anwesen ist gepflegt, und selbst das winzige Gärtchen hinterm Haus strahlt Gemütlichkeit aus.  Im Prinzip. Denn faktisch ist das Einfamilienhaus in Rhens (Kreis Mayen-Koblenz) kein Ort mehr zum Wohlfühlen. Die Bewohner leiden. Sie leiden unter Bahnlärm und Erschütterungen, die durch den Bahnbetrieb hervorgerufen werden. Das Haus der Familien Bergmann liegt nur sechs, sieben Meter neben den Gleisen der Bahn.

Nun ist es nicht so, dass die Bergmanns nicht an ICE, Nahverkehrs-  und Güterzüge gewohnt wären. Doch seit 2012 macht das Wohnen keinen Spaß mehr. Der Lärm nahm zu, desgleichen die Erschütterungen – verantwortlich machen die Bergmanns Sanierungsarbeiten der Bahn an der Strecke. »Wir sind seit 2012 am kämpfen«, sagt Thomas Bergmann (42), der mit seinen Eltern im Haus lebt. 

Er schildert den Sachverhalt so: Wenige Meter nördlich vom Haus wurde bei einer Brückensanierung die auf der Brücke befindliche Weiche weiter nach Süden verlegt. Die liegt jetzt wenige Meter südlich des Anwesens. Und seitdem, so Bergmann, hätten Lärm und Erschütterungen massiv zugenommen.  Für die neue Betonbrücke musste ein immens großes Betonfundament gegossen werden, weil unter der Bahnlinie Hohlräume von früheren historischen Bebauungen liegen. Auch die neue Weiche, jetzt südlich vom Haus am Rhenser Bahnhof gelegen, thront offenbar auf Hohlräumen, denn auch weiter entfernt liegende Häuser würden Erschütterungen wahrnehmen, sobald ein Zug die Stelle passiert. »Es wackelt überall«, sagt Gerd Bergmann (72), der Vater.  Fährt ein Zug vorbei, spürt man die Erschütterungen auch im Wohnzimmer. Die Räder, die über die Weiche fahren, verursachen jedes Mal einen Schlag. Ganz schlimm werde es am späten Abend, meint Thomas Bergmann. »21 Uhr geht’s richtig los.« 

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Seit vier Jahren Krach und Vibrationen – was macht das mit den Betroffenen? Thomas Bergmann spricht von Einschlafstörungen, nachts werde er wiederholt wach, tags habe er Konzentrationsprobleme.  

Es ist klar: Die Bergmanns wollen, dass die Weiche wegkommt. Den Erfolg der Bemühungen bezeichnet Thomas Bergmann als »mäßig bis gering«. Der Finanzbeamte hat detailliert Protokoll geführt über das, was geschah, und das, was er selber initiierte. 13 Seiten mit fast 40 Einträgen über Protestschreiben, Stellungnahmen, Info-Veranstaltungen, Reaktionen der Bahn oder der örtlichen Politik. Da werden Schäden am Haus erhoben, es wird aber geleugnet, dass die irgendetwas mit der Bahn zu tun haben könnten. Da werden Erschütterungsmessungen vorgenommen – mit dem Resultat, dass »die Schäden an den Gebäuden nicht von den Erschütterungen durch die Bahn« verursacht wurden, notiert Bergmann. Da wird die Verlegung der Weiche zugesichert, nur um dies dann doch wieder zu verhindern. »Die haben uns das ja versprochen«, klagt Maria Bergmann (72), die Mutter von Thomas. 

Die Bergmanns formulieren es so nicht, doch darf man schon behaupten: Die Familie wird gezielt hingehalten. Laut den Schilderungen kündigte die Bahn an, für das erneute Verlegen der Weiche  ein Planfeststellungsverfahren durchführen zu wollen – Betroffene an der angedachten Stelle haben bereits ihren Widerstand angekündigt. Als die alte Weiche entfernt und am Rhenser Bahnhof neu installiert wurde, gab es übrigens kein Baurechtsverfahren. Nun ruht die Sache erst einmal. 
Frank Gross, der Sprecher von Pro Rheintal, kommentiert die Leidensgeschichte der Bergmanns so: »Das würde man ja gar nicht glauben.« Der Kampf für ihre berechtigten Interessen sei eine »endlose Geschichte«. Niemand, nicht die Bahn, nicht die Politik, sei am Schicksal der Bergmanns interessiert. Gross: »Den Menschen wird überhaupt nicht geholfen.«

Die Familie Bergmann hat einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Ob das zu  einem positiven Ergebnis führt, ist unklar. Gerd Bergmann ist enttäuscht: »Das alles ist eine Zumutung!«    ar
 

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