Thema des Tages: Erstaufnahmestelle
Dossier: 

Was passiert mit Flüchtlingen in der Erstaufnahmestelle?

Autor: 
Matthias Jundt
Lesezeit 3 Minuten
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10. November 2015
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(Bild 1/4) Sechsmal kommen täglich Busse mit jeweils 52 Flüchtlingen in der LEA an. ©Iris Rothe

Was passiert mit Flüchtlingen, wenn sie in Deutschland ankommen? Sie müssen zu einer Erstaufnahmestelle  (LEA) wie in Karlsruhe. Die Mittelbadische Presse hat sich vor Ort umgeschaut.Keine Frage: Wer die LEA besucht, betritt eine andere Welt.

Sie sitzen auf Flughafenstühlen in der Wartehalle, sie stehen an langen Schlangen vor der Rezeption, und sie frieren in der Kälte vor dem Eingang zur Landeserstaufnahmestelle (LEA) in der Felsstraße 2 bis 4 in Karlsruhe. Hier  warten Flüchtlinge darauf, optioniert, registriert und erkennungsdienstlich behandelt  zu werden (siehe Hintergrund).

Die LEA strahlt eine merkwürdige Atmosphäre aus. Das ehemalige IT-Gebäude der Telekom ist ein graugrüner, eckiger Kasten. Aufgrund seiner Größe ist er gut dafür geeignet, den bürokratischen Teil der  Flüchtlingsaufnahme abzuwickeln. Aber von innen und außen wirkt er beamtisch steril. Die meisten Flüchtlinge warten in einer an einen Flughafen erinnernden Halle. Gelacht wird so gut wie nicht. Viele der Asylsuchenden sind sichtlich müde und erschöpft von ihren teils wochenlangen Reisen quer über die Weltkugel. Nur die Kinder sind fröhlich und spielen miteinander, nicht wissend, dass die Reise noch lange nicht zu Ende sein kann.

Etwa 70 Prozent der auf Asyl hoffenden sind alleinstehende junge Männer. Die restlichen 30 Prozent machen Familien aus. Ältere Flüchtlinge findet man eher selten. Dazwischen sind die 40 Mitarbeiter der Aufnahmestelle, die von Soldaten, Polizisten und Pensionären unterstützt werden.

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Einer von diesen ist Gerhard Bohner. Er ist pensionierter Beamte im Rechnungshof und wurde von der Präsidialverwaltung angeschrieben, ob er eine Aufgabe in der LEA übernehmen könne. »Aus Pflichtgefühl«, wie er selbst sagt, habe er das Angebot angenommen. Und so sitzt Bohner nun für mindestens ein halbes Jahr – so lang läuft sein Vertrag –  in der Felsstraße und registriert Flüchtlinge.
Die Asylsuchenden in der LEA kommen aus den umliegenden Notunterkünften und werden viele Male täglich von dort nach Karlsruhe und wieder zurückgebracht. So auch Nahro Jalal Aziz. Der 22-Jährige ist Kurde und kommt aus dem Norden des Iraks, aus der Stadt Kirkuk. Er ist vor etwa einer Woche über die bayrisch-österreichische Grenze nach Deutschland gekommen und floh aufgrund von politischer Verfolgung. Ganz allein habe er die 25-tägige Reise auf sich genommen, erzählt er einer Dolmetscherin für Kurdisch. Diese wurde, wie viele andere, von der LEA für das Aufnahmeprozedere eingestellt. Denn viele Flüchtlinge sprechen ausschließlich ihre Muttersprache. Aziz wurde in einer Notunterkunft in Mannheim untergebracht. Die Zustände dort, so erzählt er, seien nicht gerade gut. Dreckig sei es, und zu viele Menschen wären dort auf einem Haufen. Dennoch sei er froh, in Sicherheit zu sein. Zum Glück, so führt er weiter aus, könne er fast täglich mit seiner Familie im Irak telefonieren. Wie die Zukunft für den gelernten Handwerker aussieht, könne er nicht sagen.

So wie Aziz geht es den meisten anderen in der LEA auch. Zu Konflikten zwischen den Asylsuchenden komme es nicht, sagt der Chef des privaten Sicherheitsdienstes, der für insgesamt 17 Einrichtungen dieser Art zuständig ist. Seine Mitarbeiter und er versuchten, im Vorfeld zu schlichten.

Ein Besuch in der Landesaufnahmestelle ist ein Eintritt in eine andere Welt. Anders als die Flüchtlinge können die Bediensteten der Behörde nach Dienstschluss wieder in ihre gewohnte Welt zurück. Für die Asylsuchenden, die Männer, Frauen und Kinder, bleibt diese Welt aber ihre Realität. Irgendwo zwischen Wartehalle, Notunterkunft und Flüchtlingsheim.
Da es immer wieder zu Drohungen gegenüber Mitarbeitern von Flüchtlingsbehörden kommt, wünschen die in solchen Einrichtungen arbeitenden Personen keine Nennung ihrer Namen. Diesem Wunsch haben wir entsprochen.

Hintergrund

So werden Flüchtlinge registriert

Menschen, überall sind Menschen. Sie kommen aus vielen unterschiedlichen Ländern, wie etwa Gambia oder Syrien, und wollen nur eins: In Frieden leben und Asyl bekommen. Und das am liebsten in Deutschland. Bevor über den Antrag einer Person entschieden wird, muss diese aber zunächst »optioniert«, »registriert« und »erkennungsdienstlich« behandelt werden. Genau das geschieht in der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (LEA) Karlsruhe.

Zu Beginn des Prozederes steht die sogenannte Optionierung. Hier wird festgestellt, aus welchem Land eine asylsuchende Person kommt. Wenn sie beispielsweise aus Gambia stammt, wird sie in einer Flüchtlingsunterkunft in Baden-Württemberg untergebracht. Die Zuteilung erfolgt auf Grundlage des Königsteiner Schlüssels. Im Anschluss folgt die Registrierung und die Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender, kurz BüMA.

Diese ist gewissermaßen der Flüchtlingsausweis und beinhaltet den Namen, die Religionszugehörigkeit, die Unterkunft, in der der Asylsuchende untergebracht ist, und auch ein Stempel, mit dem öffentliche Verkehrsmittel im Raum Karlsruhe kostenlos genutzt werden können. Gültig ist die BüMA für einen Monat. Da ein Flüchtling aber häufig länger auf sein Asylgesuch wartet, wird diese nach einem Monat meistens verlängert.

Zum Schluss folgt dann noch die erkennungsdienstliche Behandlung. Das heißt nichts anderes, als dass von jeder Person Fingerabdrücke genommen werden und Fotos mit einer entsprechenden Nummer, die die jeweilige Person in ihren Händen hält, gemacht werden. Während dieser Prozedur bekommen die Asylsuchenden auch Termine, etwa beim Arzt. Nach diesem Verfahren, werden die Flüchtlinge dann in die Unterkünfte in verschiedenen Landkreisen gebracht. Erst dort kann ein Asylantrag gestellt und später über ihn entschieden werden.

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