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Wehe, wenn die Aliens kommen

Die Menschheit sucht nach außerirdischem Leben, doch sollten wir ein Zusammentreffen nicht lieber fürchten? Was geschieht mit uns, falls Aliens tatsächlich hier auftauchen?
29. August 2015
&copy NASA

Was passiert eigentlich auf der Erde, falls die Menschheit tatsächlich einmal Kontakt zu außerirdischen Lebewesen erhalten sollte? Diese hypothetische Frage treibt in der Tat die Wissenschaft um. Wir haben den Freiburger Zukunftsforscher und Soziologen Michael Schetsche dazu befragt. Und der sieht aufgrund massiver gesellschaftlicher Verwerfungen eher schwarz: »Ich möchte zu meinen Lebzeiten so einen Kontakt nicht erleben.«

Halten Sie außerirdische Intelligenz für möglich?  
Schetsche: Ich halte sie sogar für relativ wahrscheinlich. Wir können das natürlich nie sicher wissen, denn wir kennen nur einen einzigen Fall von Intelligenz im All – auf unserer Erde.  Allerdings können wir aus dem Wissen, das wir über die Erde haben, einiges folgern.
Zum Beispiel?   
Schetsche: Wenn wir von gleichen Grundbedingungen überall im Universum ausgehen, dann können wir schlussfolgern, dass es auf Planeten mit ähnlicher Größe, ähnlicher Zusammensetzung, in ähnlicher Entfernung zu einer Sonne Leben geben könnte. Seit den 1990er-Jahren wissen wir, dass unsere Galaxie voll von Planetensystemen ist. Die Astronomie geht heute davon aus, dass jeder zweite Stern ein Planetensystem besitzt. Also gibt es im Universum eine Menge Orte, an denen Leben entstehen kann.
Macht es Sinn, davon auszugehen, dass Leben auf fernen Planeten dem auf der Erde ähnlich ist?  
Schetsche: Nein, das wären anthropozentrische Vorannahmen.  Allerdings existiert Leben auf unserer Erde unter einer breiten Spannbreite von Bedingungen: Wir kennen inzwischen eine Vielzahl von extremophilen Lebewesen, die sehr kalte oder extrem trockene Umweltbedingungen bevorzugen. Oder denken Sie an die Lebewesen, die im Meer in der Nähe der sogenannten Schwarzen Raucher bei mehr als 100 Grad Wassertemperatur leben...
...und ohne Licht. 
Schetsche: Man hat kürzlich  3000 Meter unter dem Meeresgrund verschiedene Arten von Mikroben entdeckt. Das Leben auf der Erde besetzt wirklich jede Nische.  Davon ausgehend hat man gesagt: Okay, wenn das hier schon so ist,  werden Lebewesen auch woanders jede Nische besetzen. Im Gegensatz zu vielen Astrobiologen bezweifle ich allerdings, dass das Leben immer so sein muss wie auf der Erde, also immer abhängig von Wasser, immer kohlenstoffbasiert, immer mit DNA und anderen bestimmten Strukturen.  Das ist mir sehr von irdischen Erfahrungen her gefolgert.  
Wie könnte denn anderes Leben sonst noch vorstellbar sein? 
Schetsche: Man könnte sich Leben auf extrem kalten Planeten vorstellen, bei 200 Grad minus. Man könnte sich auch Leben auf Siliziumbasis vorstellen, dann hätte es völlig andere Lebensbedingungen und würde auch andere Ressourcen nutzen. All das wissen wir nicht. Auf der Erde ist nach dem Festwerden der Planetenoberfläche relativ schnell Leben entstanden. Ein paar hundert Millionen Jahre, das sind fürs Universum kurze Zeiträume. Also könnte man vermuten, dass dies auch anderswo so passiert ist. Dann kommt natürlich noch die Frage hinzu, ob sich dieses Leben auch zu intelligentem Leben entwickelt hat. 
Der russische Milliardär Yuri Millner wird jetzt 100 Millionen US-Dollar in die Hand nehmen, um die Suche nach außerirdischer Intelligenz zu forcieren. Impliziert das nicht die Schlussfolgerung: Ich muss nur genügend intensiv suchen, dann finde ich auch was?  
Schetsche: Was Millner unterstützt, sind ja die klassischen Seti-Projekte. Die basieren auf der Idee, dass wir Radioteleskope haben, die elektromagnetischen Wellen bestimmter Frequenz nachspüren und dass Außerirdische ähnliche Technologien nutzen.  Letztlich suchen die Seti-Astronomen damit im Grunde nur sich selbst:  eine technische Zivilisation mit Wissenschaftlern, die Radioteleskope bauen und irgendwas hin und her senden. So schön es ist, dass ein privater Sponsor Geld gibt, so fragwürdig ist, dass nur eine bestimmte Suchstrategie nach Anzeichen Außerirdischer gefördert wird. Andere Richtungen der Forschung gehen dabei leer aus. Das ist ein Problem.
Mit welchen Folgen?   
Schetsche: Wenn man sich auf einen sehr engen Weg der Suche konzentriert, steigt die Wahrscheinlichkeit, mit Außerirdischen in Kontakt zu kommen, eben gerade nicht an.  Wir sind so auf uns konzentriert, dass wir selbst dann, wenn wir auf außerirdisches Leben stießen, es womöglich nicht erkennen könnten. Die Gefahr ist hier, dass man fremde Wesen, Artefakte, Signale einfach übersieht, weil sie in einer anderen Form auftreten, als man es erwartet. 
Der vor Kurzen entdeckte erdähnliche Planet Kepler-452b mit einer erdähnlichen Sonne ist dummerweise 14 000 Lichtjahre entfernt. Das heißt: Wir kommen nie dort hin, Funkkontakt klappt auch nicht. Gleichwohl erfährt so eine Nachricht ein großes öffentliches Interesse. Wie erklären Sie das? 
Schetsche: Wir Menschen suchen so etwas wie einen Spiegel. Wir suchen nach etwas, das so ähnlich ist wie wir  – was in dieser Form letztlich auch mit der Säkularisierung in der Moderne zusammenhängt.  
Ist das die Suche nach Gott?  
Schetsche: Nein, aber es ist etwas Ähnliches. In religiösen Gesellschaften sagt man: Es gibt Gott oder auch ganz viele Götter, mit denen können wir kommunizieren. Je säkularer eine Gesellschaft ist, desto mehr fällt das weg.  »Wenn ich mit Gott rede, ist das religiös, wenn Gott mit mir redet, ist das Schizophrenie«, wir erwarten gar nicht mehr, dass Gott antwortet. Also suchen wir nach etwas anderem. Ich glaube, es gibt so eine Art kollektive Angst der Menschheit, allein im Universum zu sein.
Warum denn das?
Schetsche: Wir können das schon auf der Erde selbst beobachten: Wir haben seit 50 oder 60 Jahren Debatten darüber, wie intelligent Delphine sind. Lange Zeit bestand die Hoffnung, wir müssten gar nicht in den Kosmos gucken, wir haben hier intelligente Lebewesen, mit denen wir uns vielleicht eines Tages verständigen können. Das Beispiel ist deswegen so spannend, weil sich schon hier zeigt, dass Delphine zwar auf der Erde leben, aber weil ihr Lebensraum das Wasser ist, sind ihre Gehirne und ihre Kommunikation völlig anders strukturiert als dies bei uns Menschen der Fall ist. Noch heute herrscht keine Einigkeit über die Intelligenz dieser irdischen Spezies. Die Spanne der Einschätzungen reicht von »Die sind nicht schlauer als Hunde« bis hin zu »Die sind möglicherweise schlauer als wir«. 
Sie selbst beschäftigen sich mit der Frage: Was passiert auf der Erde bei einem Erstkontakt mit außerirdischen Wesen? Für so einen Fall haben Sie drei Szenarien entwickelt. Wie sehen die aus?   
Schetsche: Die Idee, Szenarien zu entwickeln, kommt aus der Zukunftsforschung − die Frage lautet: Was wäre, wenn? Das wende ich seit vielen Jahren auf die Frage nach dem Erstkontakt an.
Ihr erstes Szenario ist das sogenannte Fernkontaktszenario.  
Schetsche: Das ist das, was heute die Gemeinschaft der Seti-Forscher betreibt. Ausgangspunkt ist die Annahme, wir könnten über elektromagnetische Wellen oder Laserlicht Botschaften mit anderen intelligenten Wesen über große Entfernungen austauschen. Das Ganze ist allerdings nicht ganz so einfach: wenn ein bewohnter Planet 1000 Lichtjahre entfernt ist, dann braucht das Signal 1000 Jahre hin und 1000 Jahre zurück, also erst in 2000 Jahren kommt eine Antwort. Das ist keine sehr dialogische Situation.   
Was würde der Empfang entsprechender Signale denn für uns auf der Erde ändern?
Schetsche: Auf jeden Fall müssten sich viele Religionen damit auseinandersetzen. Der Vatikan hat schon gesagt: überhaupt kein Problem. Dort besteht man  lediglich darauf, dass es nur einen Jesus als von Gott entsandter Erlöser geben kann. Auch für die Philosophie wäre solch ein Fernkontakt ein wichtiges Ereignis: Wir müssten unsere Vorstellung  von der Stellung des Menschen im Kosmos wohl stark umbauen. Alltagspraktisch wäre ein solches Ereignis eher irrelevant. Man muss sich vergegenwärtigen, wenn ein Signal 10 000 Jahre braucht, bis wir es auffangen, dann heißt das auch: Es wurde bereits vor 10 000 Jahren abgeschickt. Wir wissen gar nicht, was aus den Absendern in der Zwischenzeit geworden ist. Das wird immer eine Botschaft aus der Vergangenheit sein.  Alles, was hier über eine Entfernung von 100 Lichtjahren hinausgeht, ist gleichsam aus dem menschlichen Horizont herausgerückt. In der Sozialpsychologie gibt es eine Drei-Generationen-Regel, die besagt, dass alles, was mehr als drei Generationen vor uns oder nach uns passiert, im Alltag nicht mehr von sehr großem Interesse für uns ist.  
Was würde aber in so einem Fall passieren? Antwortet die Menschheit auf solch ein Signal? Wer tut es? Tun es die Russen, die Amerikaner?  
Schetsche: Ich würde vermuten, dass jeder antwortet, der ein Radioteleskop hat. Die International Academy of Astronautics  hat für derartige Fälle ein Regelwerk entwickelt. Das Signal würde verifiziert, es würden Kollegen weltweit informiert und irgendwann auch der UN-Generalsekretär sowie Regierungen weltweit.  Soweit der Plan, wenn das Signal wirklich etwas Extraterrestrisches wäre. Als Soziologe muss ich aber sagen: Solche Pläne sind illusorisch. Wenn eine Forschergruppe ein so spektakuläres Signal auffängt, werden die eine Pressekonferenz machen, und dann wissen es alle. Relativ schnell würde also eine mediale Bombe platzen. Ich vermute allerdings, dass das Interesse beim Fernkontaktszenario relativ schnell erlahmen wird. Das Signal sagt ja mehr oder weniger nur: Wir sind hier, richtiger: Wir waren vor Jahrtausenden hier! Dass man seinen eigentlichen Inhalt wird entschlüsseln können, bezweifle ich doch sehr.
Nummer zwei ist das Artefaktszenario. Entweder wir finden etwas  oder irgend etwas kommt zu uns. 
Schetsche: Das Artefaktszenario besagt, dass wir auf der Erde oder in Erdnähe oder in unserem Sonnensystem etwas finden, das künstlich und nicht von der Erde ist. Das kann eine Erkundungssonde sein oder auch Abfall, den jemand zurückgelassen hat. Ein wesentlicher Unterschied zum Fernkontaktszenario wäre die Erkenntnis, dass Ferndistanzen im Universum zumindest für andere Spezies überbrückbar sind.
Es wüsste aber keiner, ob diese fremde Intelligenz noch da ist oder wann sie mal da war?  
Schetsche: Die Frage ist immer: Macht das Artefakt was? Ist es noch aktiv?  Sozialpsychologisch betrachtet ist das natürlich sehr unschön, wenn man wie in dem Science-fiction-Film »2001 − Odyssee im Weltraum« auf dem Mond etwas ausgräbt und dann fängt das Ding an, eine Botschaft in die Weiten des Universums zu senden. Was passiert dann? Kommt da noch was nach? Kommen weitere Raumsonden?  Oder Besucher? Und was wollen die von uns? Es wird deshalb zu Recht heftige Debatten geben, was man mit einem solchen Artefakt anstellen soll. Belässt man es auf Mond oder Mars? Bringt man es zur Erde? Untersucht man es überhaupt?  Was löst man damit womöglich aus? Das wird die Wissenschaft sehr stark beschäftigen. 
Würde der Fund eines außerirdischen Artefakts nicht Schockwellen auf der Erde auslösen? Denn es stünde ja dafür, dass  jemand viel cleverer ist als wir.  
Schetsche: Wenn wir den Beweis finden, eine Zivilisation kann Tausende von Lichtjahren mit einer Raumsonde überwinden, dann ist völlig klar: Wir sind nicht die Krone der Schöpfung. Das ist eine weitere narzisstische Kränkung der Menschheit. Und die Menschen stünden vor der Frage: Was wollen die anderen? Das kann die frohe Botschaft sein: Heh, heh, wir sind hier, wir wollen euch kennenlernen.  Das kann aber auch eine Erkundungssonde sein, die da sagt: Ist da was, was wir uns aneignen können? Das Wissen, das fremde Wesen mit automatischen Sonden in Erdnähe operieren, wird gravierende Auswirkungen auf unser Weltbild haben.      
Ihr Szenario Nummer 3 ist der Direktkontakt, der nach unserem heutigen technischen Know-how ja nur so denkbar ist, dass das Fremde zu uns kommt. Das gäbe doch das totale Desaster!    
Schetsche: Aus Sicht der Soziologie ist das der schlimmste Fall für die Erde. Das Entscheidende ist das schlagartig vorhandene Wissen: Intelligente Wesen aus den Weiten des Universums haben die Erde, haben uns gefunden. Die Geschichte der Menschheit kennt genügend Beispiele aus der sogenannten Zeit der Entdeckungen ab dem 15. Jahrhundert.  Da gibt es eine Vielzahl von Kulturen, die entdeckt wurden, und manche Kulturen, die die Entdecker waren.  Für die, die entdeckt wurden, gab es in den meisten Fällen sehr schwerwiegende psychosoziale Konsequenzen. Die Soziologie nennt so etwas einen asymmetrischen Kulturkontakt  − die einen sind technisch, kulturell oder wie auch immer überlegen, die anderen sind unterlegen oder fühlen sich auch so. Unterlegen zu sein,  ist für Menschen immer schwer zu ertragen, und es wirft vielfältige psychische Probleme auf. Wir haben Berichte von den Großen Antillen, wo sich Menschen nach der Ankunft der Europäer in großer Zahl umgebracht haben, weil  ihr Weltbild zerstört wurde, weil die Grundüberzeugungen ihrer Kultur  ins Wanken gerieten.   
Auch heute würde der Einzelne bei einem Direktkontakt womöglich panisch reagieren. Aber wie würden sich die Nationalstaaten verhalten?
Schetsche: Moderne Demokratien basieren auf staatlicher Souveränität. In dem Moment aber, wenn eine technische Zivilisation mit einem Raumschiff hier erscheint, ist das alles hinfällig. Es ist klar, diese Zivilisation ist uns um Zehntausende oder Hunderttausende Jahre voraus. Wären wir ihnen im Weg, in welcher Hinsicht auch immer, dann müssen sie nur einen Knopf drücken und die Erde ist weg. Selbst wenn sie das nicht machen, erzeugt das extremen politischen Druck, weil die Akteure auf der Erde nicht mehr autonom sind. Was wir in der Uno verhandeln, spielt keine Rolle, weil gleichsam über uns etwas Übermächtiges kreist, das alle unsere Bemühungen in einem Sekundenbruchteil zunichte machen könnte. Schon von der Erde wissen wir, wenn menschliche Kulturen erstmalig aufeinandertreffen,  gibt es immense Verständigungsschwierigkeiten.  Und das, obwohl wir alle zwei Arme, zwei Beine und einen Kopf haben. Wir haben dieselbe Sinneswahrnehmung, wir haben ähnliche Interessen, wir  müssen essen und trinken und wir müssen sterben. Was davon auch für »die anderen« gilt, wird sich zeigen müssen. Wesen aus fremden Welten haben vielleicht völlig andere Sinneskanäle als wir und entsprechend ganz andere Wahrnehmungsräume. Statt zu sprechen kommunizieren sie vielleicht über chemische Moleküle, die wir nicht einmal wahrzunehmen vermögen. Es wird unendlich schwer herauszubekommen sein, was die anderen für Motive haben und warum sie letztlich hier sind. Gerade diese extreme Unsicherheit könnte nach meiner Einschätzung die politischen Verhältnisse auf der Erde eklatant verändern und wohl auch viele soziale Strukturen hier bei uns zerstören. Unser bisheriges Leben, wie wir es geführt haben, wäre in jedem Fall vorbei.
Was auch nachvollziehbar wäre...  
Schetsche: Das wäre ein völlig anderes Leben − immer in dieser Ungewissheit, letztlich auch unter einer potenziellen Bedrohung: Da oben sind jetzt »maximal Fremde«, wie wir das in der Soziologie nennen, von denen wir absolut keine Ahnung haben, was die wollen. Ich behaupte, dass es sehr, sehr lange dauern wird, bis man sich überhaupt verständigen kann.   
Es gibt ja diesen wunderbaren Roman des US-amerikanischen Astrophysikers Carl Sagan, »Contact«, in dem ein Erstkontakt beschrieben wird. Der verläuft nun eher nett und ohne Panik. Ist so etwas vorstellbar?   
Schetsche: Mit Blick auf die Seti-Forschung ist das ein sehr genaues Szenario, Sagan ist ja auch einer der führenden Forscher in diesem Bereich gewesen. In dem Moment aber, wo es um die Reaktion der Menschen auf der Erde geht, wird im Roman doch manches ausgespart, was man durchaus hätte prognostizieren können. Seine Beschreibungen erscheinen mir an der Stelle auch etwas vereinfacht, wo davon ausgegangen wird, dass die Fremden problemlos eine Konversation mit uns führen können. Das halte ich für illusorisch. Wenn es zu einem solchen Kontakt kommen sollte, würde es nach meiner Überzeugung sehr lange dauern, bis eine Kommunikation zustande kommt, die diesen Namen verdient. 
Was ist Ihr Favorit für einen Erstkontakt mit Außerirdischen?  
Schetsche: Wenn unsere Unterstellungen zutreffen, dass  auch Außerirdische Weltraumforschung betreiben und Interesse an anderen bewohnten Planeten haben, dann denke ich, dass die wahrscheinlichste Form das von mir genannte Artefaktszenario ist. Dass jemand eine Vielzahl sich selbst reproduzierende Sonden ins Weltall schickt, die bestimte Aufgaben haben..., die vielleicht auch einmal irgendwo fern von ihrem Ursprungsort »ihren Geist aufgeben«, die abstürzen und einiges an Überresten zurücklassen. Dass wir irgendwo in unserem Sonnensystem solche Überreste finden, halte ich mindestens für ebenso wahrscheinlich wie den Empfang von fremden Signalen aus den Weiten des Weltraums. Deswegen finde ich es auch so bedauerlich, dass jetzt wieder sehr viel Geld ausschließlich für die traditionellen radioastronomischen Suchstrategien ausgeben wird. In den letzten Jahren war die ja nicht gerade erfolgreich... Und ich denke, daran wird auch viel Geld nichts ändern. Vielleicht ist einfach die Grundidee falsch.
Was müsste denn anders laufen?  
Schetsche: Ich würde zumindest parallel danach suchen, ob eine fremde Zivilisation in unserem Sonnensystem etwas zurückgelassen hat. 
Und wie soll das konkret aussehen?  
Schetsche: Es gibt etliche Vorschläge, manche davon sind auch gar nicht teuer.  Beispielsweise gibt es sehr genaue Kartierungen der Mondoberfläche. Hierzu hat ein astronomischer Kollege vorgeschlagen, die bereits vorhandenen Dasten zu nutzen und sie noch einmal genauer anzuschauen.  Gibt es auf der Oberfläche irgendetwas, von dem wir aus unserer Perspektive denken, das gehört da nicht hin?  Gibt es Strukturen, die künstlich zu sein scheinen? Gibt es Artefakte?  Eine andere Möglichkeit wäre, im Asteroidengürtel nachzuschauen, ob es da Körper mit seltsamen Flugbahnen gibt. Oder Körper, die Bewegungen zeigen, die ohne Antrieb nicht möglich sind?
Die Menschheit wäre in jedem Fall überrascht, wenn da etwas wäre.  
Schetsche: Außerirdische, wenn es sie denn überhaupt gibt, sind so fremdartig, dass wir kaum eine Chance haben, sie zu verstehen. Da können so viele Dinge passieren.  Und sobald es eine massive Kluft in der technologischen Entwicklung gibt, man muss das einfach so sagen, wären wir ihnen im Falle eines Falles völlig hilflos ausgeliefert.  Deswegen bin ich auch einer der wenigen, der sagt: Ich möchte zu meinen Lebzeiten so einen Kontakt nicht erleben. Für die Menschheit wäre es sicherlich ganz gut, wenn das noch 1000 Jahre auf sich warten ließe. Von den sozialen Konsequenzen her sollten wir uns sehr genau überlegen, wie intensiv wir jetzt suchen wollen. 
Ist es nicht auch vorstellbar, dass die Menschen für Außerirdische zu unbedeutend erscheinen, dass man lediglich zwei Exemplare für den außerirdischen Zoo mitnimmt und das war’s? 
Schetsche: Wir unterstellen immer, extraterrestrische Wesen hätten irgendein spezifisches Interesse an der Menschheit und der Verständigung mit uns. Da wir das einfach nicht wissen können, bin ich auch skeptisch gegenüber allen Versuchen einer aktiven Kontaktaufnehme: »He, wir sind hier« ins Universum hinauszuschreien, könnte ein großer Fehler sein, möglicherweise unser letzter. Das halte ich für eine hochriskante Strategie. Wir sollten das bleiben lassen.
Sie hatten schon vor Jahren formuliert, dass die Menschen den Kontakt nicht hier bei uns auf der Erde suchen sollten, sondern irgendwelche Sonden am Rand des Sonnensystems das erledigen müssten. Wieso ist das für Sie wichtig? Was sagt das einem überlegenen Wesen, wenn es schon jenseits der Planetenbahnen etwas von uns findet? 
Schetsche: Was das einer anderen Rasse sagt, wissen wir nicht. Entscheidend ist,  was es für uns als Menschen bedeutet.
Nämlich?  
Schetsche: Das heißt: Wir haben ein bestimmtes Territorium, das Sonnensystem, wir haben Grenzzonen, und an diesen Grenzen empfangen wir euch.  Auf alltägliche Situationen übertragen ist der Unterschied, ob Sie einen Fremden an Ihrem Gartenzaun empfangen oder ob er nachts uneingeladen in Ihrem Schlafzimmer steht. Das Schlimmste, was uns von unserem menschlichen Selbstbild hier passieren kann, ist − ich sag’s mal populär −, mit heruntergelassener Hose auf der Erdoberfläche erwischt zu werden. Den Aliens ist das vielleicht egal. Aber für uns wäre das massenpsychologisch entsetzlich.

Autor:
Andreas Richter

Zur Person

Michael Schetsche

Der Politologe und Soziologe Prof. Dr. Michael Schetsche ist Forschungskoordinator am
Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg und lehrt als Außerplanmäßiger Professor am Instut für Soziologie der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität. Seine Forschungsschwerpunkte sind neben der Wissens- und Mediensoziologie unter anderem die Kulturanthropologie und Futurologie. Seit Jahren beschäftigt sich Schetsche mit der Frage eines möglichen Erstkontakts der Menschheit mit Außerirdischen.

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