Interview des Tages

Wer denkt, mischt sich ein

Autor: 
Christoph Rigling
Lesezeit 7 Minuten
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17. September 2013

José F. A. Oliver vor der Hagia Sophia in Istanbul. Der Hausacher arbeitet als Stadtschreiber am Bosporus. ©Mehmet Eran Bozbas

Der Bundestagswahlkampf geht dem Ende entgegen. Wie denkt Schriftsteller José F. A. Oliver über Politik? Ein Interview der Mittelbadischen Presse mit dem Lyriker aus Hausach, der zurzeit in Istanbul als Stadtschreiber arbeitet. Oliver sieht die Türkei nicht als ein Kandidat für die Europäische Union.

Haben »Kulturschaffende« auf die heutige Politik Einfluss? 
Oliver: Kulturschaffende ist ein dehnbarer Begriff! Kultur ist ja eine gesellschaftliche und politische Wirklichkeit und gestaltet Meinung, oft auch den Widerspruch. Mit den neuen Medien erweitert sich auch der Kulturbegriff. Das ist gut.
 
Warum
Oliver: Weil selbst Diktatoren den »Wutbürger« fürchten müssen... Und zwar weltweit. Die sogenannte »öffentliche Meinung« wird immer mehr zu einer »öffentlichen Energie«. Neben der klassischen Gewaltenteilung – Legislative, Judikative und Exekutive – ist eine neue, international vernetzte, soziokulturelle Bewegung entstanden. Man könnte sie die »Publikative« nennen. Die neuen Medien haben nicht nur demokratischere Verbreitungsmöglichkeiten kultureller Ausdrucksformen geschaffen, sondern sie sind auch eine bedeutende, schöpferische Kraft geworden. 
 
Und wie steht es um den Einfluss auf die Politik? Ich will Sie jetzt mal die »große Politik« nennen.
Oliver: Na, denken Sie an »Stuttgart 21«, an die jüngste Vergabe der Olympischen Spiele nach Tokio anstatt nach Istanbul. Die Twitter-Meldungen und die facebook-Bilder von den Pfeffergas- und Wasserkanonenopfern in der Türkei sind um die Welt gegangen. Oder Río, die Proteste gegen die Unsummen für die Olympischen Spiele und die FiFA-WM. Der Umgang mit den Ärmsten der Armen. Oder die Schwulenhatz in Russland. Das bleibt nicht ohne Folgen. Gott sei Dank auch nicht der weltweite Unmut über einen Syrienkrieg.
 
Ihr Kollege Trojanow hat vor Jahren gegen den Einsatz in Afghanistan und die Unterstützung des Karsai-Regimes angeschrieben. Das ist im Prinzip ungehört verhallt. Warum verschließt die Politik die Ohren vor dem, was Intellektuelle von sich geben? 
Oliver: Politik sind wir alle. Die Frage ist, ob und wie wir (und jeder für sich) uns wo einmischen. Daran hapert’s leider. Vielen fehlt die Auseinandersetzung, das Gespräch, vielen der Mut.
 
Täuscht der Eindruck oder ist es Politikern einfach egal, was Schriftsteller zu sagen haben?
Oliver: Auch Schriftsteller haben etwas zu sagen und das beeinflusst Meinung, direkt oder indirekt. Wer denkt, mischt sich ein. Das bleibt nicht ohne Folgen. Die Poesie hat den längeren Atem.
 
Früher haben Autoren wie Günter Grass Wahlkampf für Willy Brandt gemacht. Wäre Steinbrück Ihr Fall oder gar Merkel? 
Oliver: Steinbrück? Merkel wäre schon eher eine Gesprächspartnerin. Ich glaube von ihr, dass sie zuhört. Das ist eine Voraussetzung für eine Diskussion. Ich habe sie ja persönlich schon in meiner Projektklasse an einer Stuttgarter Schule für ein paar Minuten »unterrichtet«. Das war eine gute Begegnung.
 
Kann es sein, dass auch die Kultur kein Interesse daran zeigt, sich an der aktuellen Politik zu beteiligen? 
Oliver: Kultur ist nicht desinteressiert. Sie agiert nur unabhängig und mit ihren Mitteln. Solange sie schöpferisch aktiv bleibt und sich nicht an die Kette legen lässt.
 
Wie drückt sich diese Aktivität beispielsweise bei Ihnen aus? 
Oliver: Indem ich schreibe und auftrete, lese und diskutiere, mische ich mich ein und gestalte die Sprache mit, in der wir versuchen zusammen zu leben. Dann vermittle ich Literatur. In den Schulen mit Werkstätten oder beim Hausacher LeseLenz. Das sind Türen in die Sprache – ein Fundament für mündig-kritische Bürger.
 
Empfinden Sie diesen Wahlkampf eher als langweilig?
Oliver: Langweilig ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber ich habe den Eindruck, dass er den Dingen nicht wirklich auf den Grund geht. Vielleicht liegt es daran, dass es an Visionen fehlt. 
 
Welche Themen wären für Sie als Schriftsteller von Interesse? 
Oliver: Eine Auseinandersezung mit der Vorstellung von »wirtschaftlichem Wachstum« und mit denjenigen, die auf der Verliererseite auch dieser Gesellschaft stehen. Trojanow brachte den Ausdruck des »Prekariats« wieder in Erinnerung. Oder Themen wie Krieg und Frieden und damit verbunden die Diskussion um den Begriff der »Sicherheit«... Der NSA-Datenskandal, beispielsweise.
 
Besteht die Möglichkeit, Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen und neue Entwicklungen anzustoßen? 
Oliver: Die besteht immer, solange das Recht auf freie Meinungsäußerung unangetastet bleibt. 
 
Hinkt die Kultur eher hinter den gesellschaftlichen Entwicklungen her? 
Oliver: Nein, sie ist ihr unverzichtbarer Seismograph und gleichzeitig auch ihr Resultat.
 
Kann Literatur nur verarbeiten und nicht mehr vorgreifen? 
Oliver: Literatur war immer mehr – Nachgriff und Vorgriff. Vor allem aber Gegenwart. Man muss nur über den Tellerrand der eigenen Sprache hinausblicken. Nehmen Sie die Literaturen aus Afrika. Wir könnten viel über Europa lernen. Auch über Deutschland.
 
Welcher Eindruck entsteht, wenn man von der Türkei auf Deutschland blickt, wie Sie jetzt gerade?
Oliver: Dass unsere Demokratie in Deutschland ein wertvolles Gut ist.
 
Ich behaupte jetzt mal, das gedruckte Wort hatte früher eine größere Bedeutung, wenn ich beispielsweise an die Aufklärung denke.
Oliver: Die Aufklärung als Gesellschaftsphilosophie hat seinerzeit das Denken beeinflusst. Heute werden andere Philosophien und Weltanschauungen zum Machterhalt herangezogen. Religion beispielsweise. Sie ist ja leider Teil einer Bevormundung, die vielerorts den absoluten Machtanspruch und die alleingültige Deutungshoheit verfolgt.
 
Sie sind in Istanbul als Stadtschreiber. Ist da die Wahl ein Thema? 
Oliver: Nur flüchtig. Neulich schrieb eine Zeitung über Äußerungen Merkels zu Griechenlands EU-Status. Aber das dürfte bei den Ressentiments der offiziellen Türkei Griechenland gegenüber fast schon Pflicht für die hiesige Presse sein. Auch das Fernsehduell wurde kurz erwähnt.
 
Der EU-Beitritt der Türkei ist kein Thema im Wahlkampf. Schlecht?
Oliver: Es gibt Themen, die für Deutschland und die EU wesentlicher sind, dringend auch sein müssen.
 
Ist die Türkei eine Demokratie, so wie wir sie uns vorstellen? 
Oliver: Ich glaube, die Türkei war noch nie demokratisch. Und heute ist ihre Demokratie allenfalls ein Wort, das Europa wie ein sirupsüßes Naschwerk dargeboten wird. Ich habe den Eindruck eines Lippenbekenntnisses. Purer Schein. Ein Staat, der keinen Widerspruch erlaubt, ist weit von einer Demokratie entfernt. Wäre »Erdokratur« ein mögliches Wort für das autoritäre Regime hier am Bosporus? Klein-Putin-Kalifat mit religiöser Missionierdoktrin?
 
Was meinen Sie, warum sollte die Türkei zur EU gehören? 
Oliver: Das kann ich mir nicht vorstellen. Ankara ist weit von Europa entfernt. Istanbul ist zwar zum Teil europäisch, aber Istanbul ist nicht die Türkei. Der größte Teil liegt in Asien. Dann könnten Sie auch über Marokko nachdenken oder über andere nordafrikanische Staaten, die an Europa angrenzen.
 
Wäre das eine Chance zu zeigen, dass Demokratie und Islam durchaus zusammenpassen können? 
Oliver: Religion und Demokratie? Die Demokratie wäre wie ein erstickender Fisch an Land oder wie eine Schiffbrüchige, die ersäuft. Wie wäre es mit: Demokratie oder Religion? Das trifft doch die augenblicklichen Verhältnisse in vielen Ländern. Ich habe nichts gegen Religion, aber Religion darf nicht der rechtliche Maßstab einer zivilen Gesellschaft sein. Niemals.
 
 
 

Porträt: Der andalusische Schwarzwälder

 
José F. A. Oliver, andalusischer Herkunft, wurde 1961 in Hausach geboren und lebt dort als freier Schriftsteller. Seine Gedichte sind in mehrere Sprachen übersetzt. Er ist der Initiator und Kurator des Hausacher LeseLenz.
 
Für seine dichterischen Arbeiten erhielt er unter anderem 1989 das Literaturstipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, 1994 das Aufenthaltsstipendium des Berliner Senats im Literarischen Colloquium Berlin, 1996/97 das Stipendium der Kurt-Tucholsky-Stiftung Hamburg, 1997 den Adelbert-von-Chamisso-Preis und 2007 den Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg. 2002 arbeitete er als Gastprofessor und »writer-in-residence« am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (USA) und 2004 als Stadtschreiber in Kairo.
Bis Ende November ist er als Stadtschreiber in Istanbul tätig. Von einer internationalen Jury hat er dafür das Tarabya-Stipendium erhalten. Das Stipendium soll das deutsch-türkische Verhältnis fördern. 

 

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