Interview zum Weltfrauentag

»Die schönsten Mädchen zuerst« – Doku über Gewalt an Frauen

Autor: 
Antonia Höft
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08. März 2017
In der Dokumentation »Unter aller Augen« hat Filmemacherin Claudia Schmid (blonde Frau links) mit Frauen über ihre Schicksalsschläge in Asien, Afrika und Europa gesprochen.

In der Dokumentation »Unter aller Augen« hat Filmemacherin Claudia Schmid (blonde Frau links) mit Frauen über ihre Schicksalsschläge in Asien, Afrika und Europa gesprochen. ©Claudia Schmid

Minara, Yolande, Nakatya, Vumilia und Maya. Die Frauen haben alle etwas gemeinsam: Sie wurden von Männern misshandelt. Regisseurin Claudia Schmid hat den Frauen zugehört. Heute am Weltfrauentag ist ihre Doku »Unter aller Augen« im Forum-Kino in Offenburg zu sehen.

Frau Schmid, in Ihrer Doku »Unter aller Augen« haben Sie sich zum zweiten Mal dem Thema »Gewalt gegen Frauen« gewidmet. Dieses Problem scheint Sie nicht loszulassen.
Claudia Schmid: Während der ersten Dreharbeiten ist mir aufgefallen, dass sich die Strukturen der Gewalt in einem Film, der vier Länder thematisiert, nur bedingt erfassen lassen. Deshalb habe ich beschlossen, jedem Land einen Film zu widmen.

Sie sind durch Asien, Afrika und Europa gereist, und haben mit Frauen gesprochen, die vergewaltigt, zwangsverheiratet oder mit Säure übergossen wurden. Wie schwer war es, ein Vertrauen aufzubauen?
Schmid: Ich wollte Frauen eine Stimme geben, die unsichtbar sind, über die in den Medien nie gesprochen wird. Ich habe viel Zeit in diesen Ländern verbracht, bis die Frauen mir ihre Geschichte erzählten. Als sie merkten, dass ich es ehrlich meine und  ihnen nicht als Europäerin mit Distanz entgegentrete, haben sie sich geöffnet. Letztlich fühlten sich die Frauen wie befreit, endlich darüber sprechen zu können. Sie wollten, dass das öffentlich wird.

Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten?
Schmid: Nachts habe ich Schüsse gehört, denn ich war in einem Rebellengebiet unterwegs. Man kann dort jederzeit überfallen und getötet werden. Die Frauen erzählten mir, dass die Rebellen mit Maschinengewehren in ihr Dorf eingefallen seien. Ihre Männer sind weggerannt. Die schönsten Mädchen wurden dann zuerst vergewaltigt und gedemütigt. Während die ganze Familie zusah. 

Sie haben aber auch mit den Männern aus den Dörfern über die Schicksalsschläge der Frauen gesprochen. Sie legitimieren diese Gewalt.
Schmid: Ob in der DR Kongo, in Benin oder in Bangladesch – die Männer sind überzeugt, dass Frauen Besitztümer sind. Das sagten sie mir selbstverständlich in die Kamera und sie meinen das auch so. Die Gewalt aus Tradition ist dort legitim. In Deutschland würde sich kein Mann trauen, so etwas zu sagen, aber auch bei uns gibt es verdeckt die gleichen Machtstrukturen. Man darf nicht vergessen: Jede dritte Frau erlebt in Deutschland in ihrem Leben Gewalt. 

Und diese Gewalt findet sich in allen Gesellschaftsklassen und Kulturen. Was ist Ihnen bei der Arbeit mit den Opfern aufgefallen – welche Paralellen ziehen sich durch alle Geschichten?
Schmid: Ein tiefverankertes Bewusstsein, dass ein Mann mehr wert ist, als eine Frau. Mann weiß, dass er jederzeit eine Frau kaufen kann. Die Frau wird noch immer als Ware betrachtet. Zudem neigen Menschen, die bereits Gewalt erlebt haben, wieder zu Gewalt. Aber das ist nicht die Hauptursache. Seit Jahrtausenden sind Frauen nicht gleichgestellt. In Europa hat sich allerdings viel verbessert – die Bedingungen sind mit Drittweltländern nicht zu vergleichen. 

 

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Täterschutz statt Opferschutz zum Beispiel: In Syrien, Jordanien oder Libanon können Vergewaltiger vom Strafrecht befreit werden, wenn sie das Opfer heiraten.  Haben es die Frauen bei uns also besser? 
Schmid: Wir haben zwar bessere Gesetze, die sind nicht zu vergleichen mit denen anderer Länder. Aber bei meinen ganzen Recherchen ist mir aufgefallen, dass wir auch hier viel zu wenig Opferschutz haben. Deutschland ist ein Paradies für Mädchenhändler. Die Polizei hat keine Zugriffsmöglichkeit, da es ja durch die Prostitution legalisiert ist. Für mich ist das ein Skandal!

Aber das Problem der Kontrolle fängt ja nicht erst bei der Prostitution an.
Schmid: Natürlich nicht! Ich brauche nur vor meine Haustür zu gehen und sehe ein Plakat, wo eine nackte Frau abgebildet ist. Außerdem erlebe ich überall, dass Frauen sexistisch betrachtet werden.

Laut deutschem Strafgesetzbuch (Paragraf 177) wird Geschlechtsverkehr immer noch als Vergewaltigung bezeichnet, wenn er mit Gewalt verübt wurde oder wenn der Täter eine schutzlose Lage ausnutzte. Ein »Nein« genügt demnach nicht. Wird das Thema »Gewalt gegen Frauen« in der Politik nicht ernst genug genommen?
Schmid: Das Strafgesetzbuch muss dringend überarbeitet werden. Ich fordere viel mehr Opferschutz. Vor allem sollten wir uns die Frage stellen, wo fängt Gewalt an? Muss der Mann die Frau erst mit Füßen treten oder fängt das nicht viel früher an?
Für mich fängt die Gewalt schon mit sexistischen Äußerungen und Beleidigungen an, denen Frauen auch in Deutschland immer wieder ausgesetzt sind. 

Anfang des 19. Jahrhunderts sind Frauen auf die Straßen gegangen, um für Mitspracherechte in der Politik zu kämpfen. Wofür müssen Frauen heute vor allem noch immer kämpfen?
Schmidt: Nach wie vor für Gleichberechtigung – sie werden noch immer schlechter bezahlt. Und es ist ein Menschenrecht, dass sie genau die gleichen Chancen haben wie Männer. Es ist furchtbar, dass man sich in der heutigen Zeit noch damit beschäftigen muss. 

Zurück zu Ihrer Doku. Die läuft heute Abend ab 19 Uhr im Form-Kino Offenburg. Rechnen Sie nur mit Frauen?
Schmid: Nein, überhaupt nicht. Ich habe beide Geschlechter im Publikum. Und das freut mich. Es sind auch viele Frauen dabei, die selbst Gewalt erlebt haben, aber auch viele Interessierte. Im Anschluss an den Film gibt es immer eine Diskussion, in der schon einige Männer auf mich zugekommen sind. Sie alle begreifen, dass sie aufmerksamer in Bezug auf mögliche Gewalt sein müssen. Für sie hat sich nach dem Film etwas verändert, und das ist das Beste, was der Film bewirken kann.

Hintergrund

Zum Weltfrauentag: Zwei Filme im Forum-Kino Offenburg

Der Internationale Frauentag wird in Deutschland seit 1911 gefeiert. Organisationen fordern an dem Tag die Gleichstellung von Frauen in Politik, Wirtschaft und auf sozialer Ebene. Die Wurzeln des Internationalen Frauentages liegen bei den Sozialistinnen des frühen 20. Jahrhunderts, die deutsche Frauenrechtlerin Clara Zetkin spielte dabei eine entschiedene Rolle. Beim 2. Kongress der Sozialistischen Internationale 1910 in Kopenhagen setzte sie sich für einen Frauentag ein. Der 8. März wurde erst 1921 offiziell festgelegt. Die Frauen wollten damit an die Streiks von Textilarbeiterinnen in New York erinnern. Anlässlich des Weltfrauentags lädt der Zonta Club Offenburg um 19 Uhr ins Forum-Kino in Offenburg  zu einer Double-Feature-Kinonacht ein. Filmemacherin Claudia Schmid zeigt ihren Dokumentarfilm »Unter aller Augen«, in dem Frauen aus Bangladesch, Benin, der DR Kongo und Deutschland ihre traumatischen Erlebnisse schildern. Im Anschluss folgt das Kino-Drama »Hidden Figures«, das von afroamerikanischen Frauen bei der NASA erzählt, von Rassendiskriminierung und Geschlechtergleichheit. Die Tickets kosten 19 Euro und sind an den Kinokassen erhältlich.

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