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Gedanken über das Gedenken

11. Januar 2017
&copy dpa

Politik und Gesellschaft tun sich schwer im Umgang mit den Terroropfern von Berlin. Das soll nun anders werden – auch wenn Details weiter im Unklaren bleiben.  
 

Der Angriff auf den Weihnachtsmarkt vor der Berliner Gedächtniskirche war der schlimmste islamistische Anschlag in Deutschland, und doch hat die Politik fast einen Monat gebraucht, um der zwölf Toten und über 50 Schwerverletzten offiziell zu gedenken. Heute gibt es im Berliner Landesparlament eine Schweigeminute; nächste Woche findet das Gleiche mit einer Ansprache von Bundestagspräsident Norbert Lammert im Bundestag statt. Eine richtige Gedenkfeier ist das freilich noch immer nicht.

Bei Angehörigen von Opfern ist der zurückhaltende Umgang mit diesem Ereignis bereits auf Unmut gestoßen. So zitierte der Berliner »Tagesspiegel« jüngst die Frau eines Schwerverletzten, die von einem »traurigen und unwürdigen« Verhalten sprach: »Politiker erklären ständig, dass man jetzt schnell zur Normalität übergehen sollte. Aber für uns wird es eine solche Normalität nie wieder geben.«

Am Tag nach dem Anschlag kamen zwar die Spitzen des Staates, darunter Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck, am Tatort zusammen, auch fand abends in der Gedächtniskirche ein Gottesdienst statt. Die Angehörigen der Opfer waren da aber noch mit anderem beschäftigt, die Identität vieler Toten war noch nicht einmal klar. Kein Vergleich etwa mit dem Gottesdienst in Haltern nach dem Absturz der Germanwings-Maschine oder der Gedenkveranstaltung für die Opfer der NSU-Morde. 

Eher befremdlich stieß bei den Angehörigen auf, dass der Präsident des Bonner Hauses der Geschichte laut darüber nachdachte, den Tat-Lkw oder Teile davon für seine Ausstellung zu reservieren. Auch der Berliner Senat nannte das »extrem an der Grenze zur Pietätlosigkeit«.  

Dabei ist das Bedürfnis für ein Gedenken offenkundig, wie man täglich am Anschlagsort sehen kann. Wo der von dem Terroristen gelenkte Lastwagen in den Weihnachtsmarkt raste und ihn wieder verließ, gibt es jeweils große Inseln mit Blumen, Kerzen und persönlichen Grüßen. »Warum?« steht auf einer selbstgemalten Tafel, auf einer anderen »Love will win«. Viele Berliner und Touristen verharren dort stumm. Auch die Gemeinde der Gedächtniskirche hat dieses Bedürfnis festgestellt, wie ihr Gemeindevorstand Anselm Lange berichtet. »Das hat überhaupt nicht aufgehört.« Lange erklärt die Unsicherheit im Umgang mit dem Verbrechen mit mangelnder Erfahrung. »Vielleicht waren alle ein bisschen überfordert.«

Jetzt laufen Gespräche in zwei Richtungen. Zum einen überlegt die Gemeinde zusammen mit dem Bezirk und dem Berliner Senat, doch noch eine zentrale Gedenkveranstaltung abzuhalten. Sie wird wahrscheinlich in der Gedächtniskirche stattfinden, wo auch das Kondolenzbuch ausliegt. Lange sagt, man suche einen Termin innerhalb der nächsten drei Wochen – damit das Ereignis nicht zu weit wegrückt.

Zum anderen geht es um eine dauerhafte Stele oder Tafel. Damit befasst sich der zuständige Stadtbezirk Charlottenburg. Vorbild könnte Paris sein, wo an den Orten der Anschläge vom 13. November 2015, darunter dem Musiktheater »Bataclan«, Tafeln mit den Namen der dort Getöteten aufgestellt wurden. Präsident François Hollande und Bürgermeisterin Anne Hidalgo persönlich enthüllten sie – freilich auch erst am ersten Jahrestag der Anschläge.

Autor:
Werner Kolhoff

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