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Serie: Parteien in der Krise

Hansel wittert seine Chance

Von der SPD zur AfD und dann auch noch homosexuell – Porträt eines Suchenden / Teil 3 der Serie
04. August 2016
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Die Zahl der Nichtwähler steigt seit Jahren, die der Parteimitglieder sinkt. Und populistische Strömungen finden rasant Zulauf. Jetzt scheint ein kritischer Punkt erreicht. In der neunteiligen Serie »Parteien in der Krise – Demokratie in Gefahr?« zeigt die Mittelbadische Presse Beispiele, beleuchtet Ursachen und sucht nach Antworten. 

Frank-Christian Hansels Lebenspartner ist Brasilianer, dunkelhäutig. Müsste das schwule Paar nicht befürchten, angegriffen zu werden? Vor allem dort, wo viele AfD wählen? Hansel nickt. »Aber nicht von AfDlern«, sagt er. »Vielleicht von Pegida-Leuten«.

Der 52jährige Berliner macht viele feine Unterscheidungen und hat sich viele Begründungen zurechtgelegt, um als Homosexueller Mitglied der AfD zu sein. Ein sehr untypisches und dennoch sehr überzeugtes.

Eine lautet: »Wenn wir auch noch gehen, was wird dann aus der Partei?« Für Hansel ist die AfD ein Glücksfall. Er ist ein Suchender, politisch und beruflich. Einst war er Helmut-Schmidt-Fan und Sozialdemokrat.

Während der Wende wurde er vom Berliner SPD-Landesverband als Aufbauhelfer in die Ost-Berliner Magistratskanzlei geschickt. Aus der SPD trat er dann wieder aus, als 1995 Gerhard Schröder als wirtschaftspolitischer Sprecher geschasst wurde. Er ist nun mal eher wirtschaftsliberal.

Wegen des Euros ist er zur AfD gekommen, noch zu Bernd Luckes Zeiten. Vorher hat er fast immer FDP gewählt. Auch als er bei den Sozialdemokraten war. Als Lucke ging, blieb er, die Wahlerfolge kamen.

Hansel will mitmischen. Eine Weile arbeitete er als Bundesgeschäftsführer, dann wurde er unter Alexander Gauland bis Ende 2015 Parlaments-Geschäftsführer der neuen AfD-Fraktion in Brandenburg.

Im Moment bezahlt das Arbeitslosengeld I seinen Lebensunterhalt, bis im September ein Mandat im Abgeordnetenhaus von Berlin winkt. Hansel kandidiert auf Platz Vier, das sollte reichen.

Gerade war er im Landesparlament, um sich den Betrieb schon mal anzugucken. Wie immer modisch gekleidet. Hansel achtet auf sich.

Manchmal trifft er alte SPD-Genossen. »Mensch, wo bist du denn gelandet«, sagen die dann. Hansel glaubt, dass jetzt die »dritte Nachkriegsrepublik« angebrochen ist, nach der Bonner und nach der Berliner Republik.

Hansel redet wie ein Beobachter

Eine mit vielen Parteien und wenig Stabilität. Die Volksparteien haben es vermasselt, findet er. Erst das mit dem Euro, dann das mit den Flüchtlingen. »Der nächste Bundestag wird sicher vorzeitig neu gewählt werden müssen«.

Er redet, als sei er bloß Beobachter des Geschehens, aber er ist Teilnehmer. Die AfD sei eigentlich zu breit aufgestellt, meint er. Sie werde sich später vermutlich wieder aufspalten, in eine AfD und in eine rechte »Pegida-Partei«. Es sei denn die CSU dehnt sich bundesweit aus.
 
2013 hat er sich in einer Sitzung des AfD-Landesvorstandes als schwul geoutet, wie nebenbei. »Den Kuchen«, hat er gesagt als er ihn anschnitt, »den hat mein Freund gebacken.« 

Es gab keine Sprüche. Vor seiner Nominierung als Abgeordnetenhauskandidat hat er dann noch ein Gespräch mit Landeschefin Beatrix von Storch deswegen geführt.

Von der findet er übrigens, dass sie mit ihrer betont konservativen Familienpolitik »ein bisschen einen Spleen« hat, denn »die hat ja auch keine Kinder.« Ob sie ein Problem mit seiner sexuellen Orientierung sehe, hat er sie gefragt. Sah sie nicht.

Vom Fest ausgeladen

Hansel hat inzwischen eine Brücke gefunden zwischen Storch mit ihrer harten Anti-Islam-Linie und seiner Lebenswirklichkeit. Auf seiner Facebook-Seite schreibt er, dass es bei der Auseinandersetzung mit dem Islam auch darum gehe, »dass schwule Pärchen auch in 20 Jahren noch händchenhaltend durch den Kiez laufen können«.

Sein Kiez ist das Berliner Homosexuellen-Viertel am Nollendorfplatz. Beim schwul-lesbischen Straßenfest dort war er in den letzten Jahren immer mit einem AfD-Stand vertreten. Dieses Jahr haben die Veranstalter ihn ausgeladen.

Wo ist Hansels Grenze? Als der Berliner Landesverband beschloss, in seinem Wahlprogramm ein Kopftuchverbot nicht nur für Lehrerinnen, sondern auch für alle muslimischen Schülerinnen zu fordern, war er dafür.

Obwohl ihm klar ist, dass das verfassungsrechtlich nicht geht. »Aber dieses Signal musste mal gesetzt werden«. Er findet nämlich, dass der Islam »nicht zum europäischen Projekt der Freiheit des Einzelnen passt«.

Aber mit den Rechtsaußen um Björn Höcke will er nichts zu tun haben, mit den »Hetzern«, wie er sie nennt. Beim letzten Parteitag bremste er mit einem geschickten Geschäftsordnungsantrag alle Vorstöße dieser Gruppe aus. Die Mehrheit war allerdings knapp.

Dass Höcke die Leute in Erfurt gegen einen kleinen Moscheebau mobilisiert, »das geht gar nicht«, findet er, und redet von »Mob«.

Überhaupt, einzelne Muslime zu beschimpfen, »da hört es bei mir auf«. Auch Gaulands Spruch über Nationalspieler Boateng findet er »echt ätzend«.
 

Autor:
Werner Kolhoff