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Im Einsatz gegen Cyber-Mobbing: Juuuport berät "auf Augenhöhe"

Autor: 
Christoph A. Fischer
Lesezeit 6 Minuten
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03. Juni 2017
Jugendliche, die online gemobbt werden oder aus Versehen ein teures Abo abgeschlossen haben, finden auf der Seite von Juuuport Hilfe. Jugendliche Berater (Scouts), die von Experten ausgebildet wurden, geben kostenlos Tipps. Es gibt Foren, nichtöffentliche Beratung und Hintergrundartikel.

Jugendliche, die online gemobbt werden oder aus Versehen ein teures Abo abgeschlossen haben, finden auf der Seite von Juuuport Hilfe. Jugendliche Berater (Scouts), die von Experten ausgebildet wurden, geben kostenlos Tipps. Es gibt Foren, nichtöffentliche Beratung und Hintergrundartikel. ©dpa

Soziale Netzwerke seien inzwischen auch eine Plattform für Diskriminierung und Mobbing, sagt das Deutsche Kinderhilfswerk: »Hier brauchen Kinder und Jugendliche Wegweiser.« Einer dieser Wegweiser ist die mehrfach ausgezeichnete Internetseite Juuuport, die unter anderem den Deutschen Bildungsmedien-Preis erhielt. Die Mittelbadische Presse sprach mit dem Juuuport-Redakteur Lennart Sörnsen. Er hat in Braunschweig Medienwissenschaften studiert.

Herr Sörnsen, wer hatte die Idee zum Portal juuuport.de?

Lennart Sörnsen: Juuu­port ist eine Beratungsplattform für Jugendliche von Jugendlichen und entstand 2010 als Kooperation der niedersächsischen Landesmedienanstalt mit einem Bachelorarbeitsprojekt an der Technischen Hochschule in Köln. Ausgangspunkt waren Studien, die zeigen, dass Jugendliche über bestimmte Probleme nur ungern mit Erwachsenen sprechen. Juuu­port fungiert als Beratungsplattform auf Augenhöhe: Jugendliche helfen Jugendlichen. Das Projekt war unmittelbar nach dem Start sehr erfolgreich und gewann viele Preise. Mit zunehmenden Beratungsanfragen hat sich Juuu­port stetig vergrößert und wurde 2014 zu einem eingetragenen Verein. 

Wie kam es zu dem Namen Juuuport?

Sörnsen: »Juuu« steht für »Jugendliche«, die ja unsere Zielgruppe sind – unsere Scouts, also Berater, sind ebenfalls Jugendliche. Gleichzeitig steht es für das englische »you«, also »du« – du als Jugendliche oder Jugendlicher bist angesprochen. Und »-port« steht für den sicheren Hafen, den Jugendliche ansteuern können, wenn sie Hilfe brauchen, gleichzeitig aber auch einfach für »Zugang«.

An Nutzer welchen Alters wenden Sie sich?

Sörnsen: Unsere Kernzielgruppe sind die 12- bis 20-Jährigen. Die ehrenamtlichen Scouts, also die Ansprechpartner für die jugendlichen Nutzer, sind zwischen 15 und 23 Jahren alt. 

Es gibt aber neben den Scouts erfahrenere Leute dahinter…

Sörnsen: Genau. Im Team arbeiten eine medienpädagogische Projektmanagerin, eine medienpädagogische Betreuerin und ein psychologischer Betreuer, die für die Ausbildung der Scouts zuständig sind. Die Scouts absolvieren zunächst eine zweitägige Basisschulung in den Bereichen Online-Beratung, Internet und Recht. Die Experten stehen den Scouts auch bei komplexeren Beratungsanfragen zur Seite.

Und die Scouts haben immer wieder Arbeitstreffen?

Sörnsen: Ja, drei- bis viermal im Jahr, meistens in Hannover. Seit dem Start 2010 haben wir übrigens rund 90 Jugendliche zu Scouts ausgebildet. 20 sind zurzeit regelmäßig in der Beratung aktiv und zehn gelegentlich. 

Können die Scouts von ganz Deutschland aus arbeiten?

Sörnsen: Sie arbeiten über Deutschland verteilt zu Hause an ihren Rechnern. Wenn eine Anfrage kommt, wird sie innerhalb von 48 Stunden bearbeitet. Es gibt keine festen Arbeitszeiten. Die Scouts beraten, wenn sie Zeit und Lust haben. Manchmal werden Anfragen auch gemeinsam bearbeitet.

Gibt es keinen Chef vom Dienst, der alle eingehenden Anfragen sichtet und verteilt?

Sörnsen: Nein. Die Scouts kümmern sich eigenverantwortlich um die Anfragen. Das klappt auch in der Regel sehr gut. In sehr seltenen Fällen muss der Betreuer nachhaken und fragen, wer Lust zur Bearbeitung der Frage hat. Aber grundsätzlich gibt es bei Juuu­port keine Hierarchie. 

Wie kann man sich als Scout bewerben?

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Sörnsen: Bewerben kann man sich online auf juuu­port.de, unter dem Reiter »Scout werden«. Dort kann man seine Kontaktdaten angeben und wir melden uns dann zurück. Bei den angesprochenen Arbeitstreffen können sich Interessierte anschauen, ob die Arbeit bei Juuuport etwas für sie ist. Und nach den Schulungen können die Jugendlichen schon ihre ersten Einsätze absolvieren. Neben den Tätigkeiten in der Beratung übernehmen einige der Scouts repräsentative Aufgaben und vertreten Juuuport auf Messen und Tagungen.

Was für eigentliche Berufe und Jobs haben die Betreuer im Hintergrund?

Sörnsen: Unsere medienpädagogische Projektmanagerin Susanne Rödiger ist fest bei Juuuport angestellt. Die medienpädagogische Betreuerin Christina ter Glane ist freie Medienpädagogin und arbeitet für mehrere Projekte im Bereich Jugendmedienschutz. Und unser psychologischer Betreuer Pavle Zagrorscak promoviert momentan in Berlin und ist im Bereich der klinischen Psychologie tätig.

Was sind die häufigsten Probleme, mit denen Kinder und Jugendliche sich an Sie wenden?

Sörnsen: Die drei großen Themenblöcke sind Cyber-Mobbing, Abzocke und Datenschutz. Bei Letzterem geht es zum Beispiel darum, dass ungewollt Bilder von Jugendlichen im Internet auftauchen und diese nicht wissen, wie sie sie wegbekommen. Bei Abzocke geht es etwa um scheinbar kostenlose Apps, die dann doch ein Abo nach sich ziehen, und die Frage: Wie kann ich das kündigen? Cyber-Mobbing ist unser Kernthema mit etwa 80 Prozent der Anfragen. 

Was verstehen Sie eigentlich unter Cyber-Mobbing?

Sörnsen: Der Begriff Cyber-Mobbing beschreibt absichtliches Beleidigen, Bedrohen, Bloßstellen oder Belästigen via Internet- und Mobiltelefondienste über einen längeren Zeitraum hinweg. Der große Unterschied zum »Offline«-Mobbing liegt in der Aufhebung räumlicher und zeitlicher Grenzen. Durch soziale Plattformen wie Facebook oder Messenger wie Whatsapp werden Kinder und Jugendliche nicht nur in der Schule gemobbt, sondern rund um die Uhr, an jedem Ort. 

Ist Ihr Angebot die notwendige Ergänzung zur »Nummer gegen Kummer« und zur Telefonseelsorge?

Sörnsen: In jedem Fall sind wir die notwendige Ergänzung der bestehenden Notfallangebote, schon allein deshalb, weil wir die deutschlandweit einzige Beratungsplattform mit Peer-to-peer-Ansatz sind, wo Jugendliche Jugendliche beraten. Wir sind online aktiv und konzentrieren uns auf Internetthemen. Davon versprechen wir uns, dass die Scouts sowohl die Probleme der Nutzer kennen als auch die Plattformen, auf denen diese unterwegs sind. Wir sind außerdem davon überzeugt, dass es oftmals einfacher ist, über seine Probleme zu schreiben, als etwa im Face-to-face-Kontakt oder am Telefon. In bestimmten Fällen sind aber auch solche Kommunikationswege notwendig. Dementsprechend verweisen wir in solchen Situationen auf die angesprochenen Institutionen.

Juuuport hat die neue, auf einem Roman basierende, umstrittene Netflix-Serie »Tote Mädchen lügen nicht« unter die Lupe genommen. Wie fällt Ihr Urteil aus?

Sörnsen: Grundsätzlich finden wir es sehr gut, dass das Thema Cyber-Mobbing durch eine solche Serie in die öffentliche Diskussion kommt, auch die Themen sexuelle Gewalt und Suizid. 

Aber?

Sörnsen: Problematisch ist der Umgang mit den Themen Selbstverletzung und Suizid. Die Suizid-Szenen sind sehr explizit und könnten ein nachahmendes Verhalten auslösen – man nennt das den »Werther-Effekt«. Der Suizid als scheinbare Lösung der Probleme wird zudem zu unkritisch dargestellt. Die reißerische, extreme Darstellung trägt nicht zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema bei. Wir empfehlen diese Serie auf keinen Fall Jugendlichen, besonders nicht solchen, die selbst gemobbt werden.

Gab es Reaktionen von Juuuport-Nutzern auf die Serie?

Sörnsen: Die Zahl der Anfragen zu Suizidgedanken und selbstverletzendem Verhalten ist stark gestiegen. Dies führen wir auch auf die Serie zurück. Das heißt nicht automatisch, dass die Serie schlimm ist oder dafür verantwortlich ist, dass es Jugendlichen schlecht geht. Wir befürchten aber, dass die Serie das Potenzial hat, bei Jugendlichen, die sich »auf der Kippe« befinden, möglicherweise das Fass zum Überlaufen zu bringen.

www.juuuport.de

Stichwort

Zehn Gebote der digitalen Ethik

Diese Gebote hat Juuu­port in Zusammenarbeit mit Masterstudierenden der Hochschule der Medien Stuttgart (Institut für Digitale Ethik) und der Deutsche-Telekom-Stiftung entwickelt – als Leitlinien für ein gutes Miteinander im Netz:

1. Erzähle und zeige möglichst wenig von dir.
2. Akzeptiere nicht, dass du beobachtet wirst und deine Daten gesammelt werden.
3. Glaube nicht alles, was du online siehst, und informiere dich aus verschiedenen Quellen.
4. Lasse nicht zu, dass jemand verletzt und gemobbt wird.
5. Respektiere die Würde anderer Menschen und bedenke, dass auch im Web Regeln gelten.
6. Vertraue nicht jedem, mit dem du online Kontakt hast.
7. Schütze dich und andere vor drastischen Inhalten.
8. Messe deinen Wert nicht an Likes und Posts.
9. Bewerte dich und deinen Körper nicht anhand von Zahlen und Statistiken.
10. Schalte hin und wieder ab und gönne dir auch mal eine Auszeit. (caf)

Umfrage: 

Sind Sie bei sozialen Medien - zum Beispiel bei Facebook oder Twitter - aktiv?

Nein.
67% (330 Stimmen)
Ja.
33% (161 Stimmen)
Anzahl Stimmen: 490

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