Washington

Internationale Medien warnen vor Gewaltspirale

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
07. Dezember 2017
Donald Trump zeigt die frisch unterschriebene Proklamation, in der er Jerusalem als die Hauptstadt Israels anerkennt.

Donald Trump zeigt die frisch unterschriebene Proklamation, in der er Jerusalem als die Hauptstadt Israels anerkennt. ©dpa -  Evan Vucci

Internationale Medien warnen nach dem historischen Alleingang von Donald Trump und der Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt vor einer neuen Spirale der Gewalt.

Der US-Präsident gebe dem Dschihad Nahrung und lege «ein Streichholz an die Lunte des Pulverfasses», schrieb die belgische Zeitung «De Tijd» am Donnerstag. Nach dem «brutalen Bruch» von internationalem Konsens dürfe Washington nicht erschrecken, wenn das Fass auch explodiere.

Das dänische Blatt «Politiken» kommentierte, Trumps Entscheidung fehle «Verstand und Logik» - der US-Präsident trage erneut «zu einer instabileren Welt bei». Die schwedische Zeitung «Aftonbladet» mutmaßte, «im schlimmsten Fall» könne Trumps Ankündigung zu mehr Gewalt führen. In jedem Fall sei klar, «dass die kleine Hoffnung auf Frieden, die es dort noch gab, nun noch schwächer ist».

Explosives Nachspiel

Aus Sicht der italienischen Tageszeitung «Corriere della Sera» droht ein «möglicherweise explosives Nachspiel». «Es ist neben den wütenden Reaktionen der islamischen Welt die eklatante Welle der Kritik der internationalen Gemeinschaft, die die erhebliche Schwere der Entscheidung deutlich macht.»

Die spanische Zeitung «El Mundo» schrieb, Trump drohe mit seiner Ankündigung «die fragile Situation im Nahen Osten weiter zu verschlechtern und jede Möglichkeit einer Wiederaufnahme des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses zu verhindern».

Historische Wende

Der US-Präsident stelle mit seinem Schritt nicht zum ersten Mal «inländische Unterstützung über die Außenpolitik», kommentierte die Londoner «Times». «Auch wenn es bedeutet, wertvolle Verbündete in einen Alarmzustand zu versetzen.» Trump zerreiße mit seinem Vorgehen «ein zerlesenes Kapitel im Handbuch der amerikanischen Außenpolitik».

- Anzeige -

Die «Neue Zürcher Zeitung» bewertete die Lage ähnlich: «So schön Trump sein explosives Weihnachtsgeschenk zu verpacken versuchte, diese historische Wende in der amerikanischen Außenpolitik ist nicht nur für die gesamte muslimische Welt schmerzhaft, sondern entfremdet auch die europäischen Partner weiter von Washington.»

Trump sei Weihnachtsmann

«Washington Post»-Kolumnist Dana Milbank schrieb, dass der US-Präsident sich einer Möglichkeit beraubt habe, positiven Einfluss zu nehmen. «Trump hätte die Verlegung als einen Hebel für den Frieden nutzen können. Stattdessen hat er sie benutzt, um in der Region Geschirr zu zerschlagen.»

Die liberale «New York Times» befand mit amerikanischem Blickwinkel, Trump verteile einseitig Geschenke. Es habe noch nie einen US-Präsidenten gesehen, der «so viel an so viele für so wenig aufgegeben hat», schrieb Kommentator Thomas Friedman. Trump habe die von der israelischen Regierung heiß ersehnte Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt einfach so verschenkt. Sowohl in China - im Bezug auf Trumps Handelspolitik - als auch in Israel sei Weihnachten dieses Jahr früher als sonst. «Die Chinesen und die Juden flüstern beide ihren Kindern zu: «Es gibt wirklich einen Weihnachtsmann.» Und sein Name ist Donald Trump.»

Für das konservative «Wall Street Journal» hingegen ist der Schritt weniger radikal, als Kritiker behaupten. Ein solcher Schritt sei schon in der Vergangenheit versprochen worden - nur hätten frühere US-Präsidenten immer wieder Rückzieher gemacht. Trump hingegen habe sein Wahlkampfversprechen gehalten. «Mr. Trump hat seine Entscheidung am Montag eine «Anerkennung der Realität» genannt, und er hat recht.»

Zumindest kein Heuchler

Trumps Politik sei zumindest der Versuch, um Fortschritte im Friedensprozess zu erreichen, befand das «Wall Street Journal»: «Führende Persönlichkeiten in der arabischen Welt haben die Verlegung der Botschaft verurteilt, aber wir fragen uns, wie lange die Wut andauern wird. Die sunnitischen Araber müssten sich auch mit den Bedrohungen des islamistischen Terrors und iranischen Imperialismus auseinandersetzen, und die Palästinenser sind ein Anliegen dritter Ordnung.»

Die regierungsnahe Budapester Tageszeitung «Magyar Idök» versucht, die Rationalität hinter Trumps Entscheidung zu erkennen. «Der US-Präsident steht bedingungslos an der Seite Israels, ist zumindest kein Heuchler, behauptet nicht, wie sehr er mit den Palästinensern mitempfindet - er empfindet für sie gar nichts -, spielt nicht den Unparteiischen - er ist keiner - und er tut auch nicht so, als wäre er der Weihnachtsmann.» Friede in Nahost sei nicht möglich, denn selbst in den Grundfragen gebe es keine Lösung. «Die Lösung ist, dass es keine Lösung geben wird.»

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

Nachrichten
vor 23 Minuten
Die Zahl der Wohnungseinbrüche im Land geht erneut zurück: Der Innenminister will die weitere Entwicklung beobachten, spricht aber schon jetzt von einem positiven Trend.
Pressekonferenz
vor 14 Stunden
Die Kanzlerin macht demnächst ein paar Tage Urlaub. Doch bevor sich die vom Streit mit Seehofer gezeichnete Regierungschefin eine Auszeit gönnt, gibt sie noch einmal den Anti-Trump: Gegen Abschottung, hohe Zölle und schroffe Töne.
Zwar ist Internet im Flugzeug schon lange möglich und vor allem in den USA weit verbreitet. In Europa aber bleiben viele Airlines skeptisch.
Düsseldorf
vor 14 Stunden
Was für ein ungewohntes Gefühl: Das Handy ausschalten, sich für ein paar Stunden von der Welt abkapseln, für niemanden erreichbar sein.
Sprechstunden für Patienten ohne Termin? - Die Kassenärztliche Bundesvereinigung befürchtet, dass Patienten während offener Sprechstunden stundenlang im Wartezimmer ausharren müssten.
Berlin
vor 15 Stunden
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat Ärzten mehr Geld für zusätzliche Sprechstunden ohne Terminvergabe in Aussicht gestellt.
Nachrichten
vor 16 Stunden
Sie fordern eine Verkehrswende, die in ihren Augen diesen Namen auch verdient: Umweltschützer kritisieren, dass die Landesregierung und die Autoindustrie den Wandel zu neuer Mobilität nicht konsequent vorantreiben.
Audi-Fahrzeuge des Volkswagen-Konzerns stehen im Hafen von Emden zur Verschiffung bereit.
Berlin/Brüssel
vor 16 Stunden
Die drohenden hohen Zölle auf in die USA exportierte Autos erfordern aus Sicht der deutschen Wirtschaft ein entschlossenes Vorgehen der Europäer.
Rettungskräfte sind nach dem tödlichen Schiffsunglück am Table Rock See im US-Bundestaat Missouri im Einsatz.
Washington
vor 16 Stunden
Ein Ausflugsboot ist auf einem See in den USA untergegangen und hat mindestens elf Menschen in den Tod gerissen.
Steht wegen seiner Asylpolitik auch parteiintern unter Beschuss: CSU-Chef Horst Seehofer.
München/Berlin
vor 17 Stunden
CSU-Chef Horst Seehofer gerät wegen seiner Linie in der Asylpolitik auch parteiintern zunehmend in die Kritik. Der CSU-Politiker Stephan Bloch warf dem Bundesinnenminister in der «Rheinischen Post» vor, mit Ideologie statt mit Inhalten Politik zu machen.
Auf A5 zwischen Herbolzheim und Mahlberg
vor 18 Stunden
Das gefährliche Verhalten einer 26-jährigen Autofahrerin hat am Donnerstagabend zu zahlreichen Notrufen und einem Polizeieinsatz auf der A5 geführt. Demnach sei sie Schlangenlinien gefahren, habe auf dem Standstreifen überholt, Gegenstände aus dem Fenster geworfen und anderen Fahrern den...
Die Berliner Polizei ist massiv gegen die Organisierte Kriminalität in der Hauptstadt vorgegangen - 77 Immobilien wurden beschlagnahmt.
Berlin
vor 19 Stunden
Nach dem Schlag gegen einen arabischstämmigen Clan in Berlin rechnet die Staatsanwaltschaft mit Gegenwehr.
Es bleibt heiß in Deutschland - und in immer mehr Städten retten Feuerwehren die Bäume vor dem Vertrocknen.
Düsseldorf
vor 21 Stunden
Feuerwehren retten in der Sommerhitze die Bäume in immer mehr Städten vor dem Vertrocknen. Nach wochenlangem Regenmangel rückten bereits Feuerwehrleute in Aachen zu solchen Einsätzen aus, in Wuppertal ist das ab Montag geplant, wie die die Kommunen mitteilten.
Hat nach ihrem Urlaub ein umfangreiches Programm vor sich: Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Berlin
vor 22 Stunden
Nach ihrer traditionellen Sommerpressekonferenz heute geht Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Urlaub. Danach wartet gleich wieder ein umfangreiches Programm auf sie - voran die umstrittene Neuausrichtung der Flüchtlingspolitik in Deutschland und der EU.