Kommentar des Tages

Nachholbedarf

30. September 2017
&copy dpa

Die ersten Informationen von Twitter zur mutmaßlich russischen Propaganda auf der Plattform im amerikanischen Präsidentenwahlkampf sind im US-Senat als unzureichend kritisiert worden. Nach Facebook fand auch Twitter rund 200 mutmaßlich aus Russland gesteuerte Profile, die Stimmungsmache in den USA betrieben haben sollen

Was ist der größere Skandal? Die Tatsache, dass Russland den bisher bekannten Fakten zufolge aktiv versuchte, Einfluss auf den Ausgang der letzten US-Präsidentschaftswahlen zu nehmen? Oder dass die sozialen Plattformen Facebook und Twitter russischen Auftraggebern ein bezahltes Forum gaben, um über echte und falsche News-Stories zu versuchen, die Stimmungslage in den Vereingten Staaten zu verändern? Und auch − wie jetzt feststeht − Unruhe in bestimmten Schichten wie unter Islam-Gegnern zu schüren?

Vor allem Facebook-Chef Mark Zuckerberg muss sich vorhalten lassen, die Möglichkeit von »fake news« und politischer Stimmungsmache sträflich unterschätzt zu haben. Schließlich hatte ihn sogar Ex-Präsident Barack Obama bei einem Treffen persönlich vor einer solchen Gefahr gewarnt. Dennoch konnten russische Operative rund 3000 Anzeigen kaufen, die auf bestimmte Wählergruppen abzielten und auch gegen die spätere Verliererin Hillary Clinton Stimmung machten. Solche Aktivitäten sind im Prinzip global bei jeder Wahl denkbar. 

Auch wenn noch unklar ist, in welchem Umfang damit Bürger bei ihrer Entscheidung tatsächlich beeinflsst werden − die Social-Media-Giganten scheinen enormen Nachholbedarf zu haben, hier Sicherungen einzubauen. Es ist deshalb zu begrüßen, dass sich der US-Kongress derzeit auch diesem neuzeitlichen Phänomen in seinen Untersuchungen widmet.
 

Autor:
Friedemann Diederichs

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