Interview zum internationalen Tag der Muttersprache

Image der Mundart sollte von Schulen aufgewertet werden

Autor: 
Antonia Höft
Lesezeit 5 Minuten
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21. Februar 2017
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(Bild 1/2) ©Martin Erl

»Häsch gestern de Tatort gsähe?«: Was für manche die Heimat ausmacht, ist für andere einfach nur komisch: Der Dialekt. Am heutigen Tag der Muttersprache geht es laut Unesco um bedrohte Sprachen, die vom Aussterben geschützt werden müssen. Die Mittelbadische Presse hat mit Kathleen Wermke, einer Anthropologin und Sprachwissenschaftlerin aus Würzburg, über die Vorteile der Zweisprachigkeit und das schlechte Image des Dialekts gesprochen.

Frau Wermke, Sie sagen, dass bereits Babys in ihrer Muttersprache schreien?
Kathleen Wermke: Unsere Forschung der letzten Jahre hat gezeigt, dass Babys den ersten Kontakt mit der Muttersprache schon im Mutterleib erfahren, vor allem die Melodie und Rhythmus. Alle anderen Geräusche werden stark gefiltert. Und man weiß auch, dass diese Merkmale die der Fötus wahrnimmt, sich im Gerhirn verankern. Wenn das Baby auf die Welt kommt, kann es seine Mutter an der Stimme erkennen. Wir finden auch Spuren der mütterlichen Sprachmelodie in den Babyschreien wieder.

Manche Kinder wachsen mit zwei Sprachen auf. Kann es mehr als eine Muttersprache geben? 
Wermke: Wer von Anfang an mit zwei Sprachen aufwächst, wie das in bilingualen Familien der Fall ist, dessen Muttersprache ist wahrscheinlich die, die am häufigsten gehört wird. Man spricht von keiner doppelten Muttersprache, weil man davon ausgeht, dass immer eine Sprache dominiert, wenn auch nicht immer merkbar. Interessanterweise ist es bei Erwachsenen, die zwei Sprachen sehr gut beherrschen, so, dass sie in emotional geladenen Situationen, oft eine der Sprachen bevorzugen, um Wut und Traurigkeit oder starke Freude auszudrücken. Da gibt es einfach unbewusst Vorlieben. Das Erlernen der Muttersprache beginnt mit dem Ausdruck von Gefühlen in den Melodien der Babylaute, lange bevor erste Worte gesprochen werden. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass selbst kompetente bilinguale Sprecher oft auf eine der beiden Sprachen zurückgreifen.

Also ist die Angst vor Kauderwelsch unbegründet?
Wermke: Je mehr Sprachen ich lerne, je flexibler bin ich in meinem Denken und in meinen akustischen Leistungen. Wer als Baby mehrere Sprachen hört, wird später viel schneller Sprachen lernen. Ein Problem ist nur dann gegeben, wenn ich nur eine Art Konstrukt der Muttersprache erlerne und dazu noch eine weitere Sprache lerne, dann kann sich die Muttersprache nicht verankern. Aber grundsätzlich kann die Muttersprache nicht verdrängt werden, sie sitzt zu tief.

Ist es denn möglich, dass man die Muttersprache verliert, weil man lange Zeit im Ausland lebt?
Wermke: Das glaube ich nicht. Es sei denn, es gibt ein traumatisches Erlebnis und nicht einmal dann denke ich, dass das möglich ist. Der Akzent und die Intonation der Muttersprache sind sehr tief in uns verankert, sodass sie nicht verloren gehen kann. Die Muttersprache ist unser festester Anker im Leben

Irisch und Jiddisch sind nur ein Bruchteil, von den Sprachen, die auf der Liste der weltweit bedrohten Sprachen der Unesco stehen. Auch Dialekte in Deutschland werden weniger gesprochen. Sind die Mütter schuld, die aus Prestigegründen mit ihren Kindern Hochdeutsch sprechen?
Wermke: Es könnte durchaus eine Rolle spielen, aber wer auf seine Herkunft stolz ist, pflegt diese prinzipiell auch. Bestimmte Dialekte werden aber leider ungerechterweise als komisch oder peinlich von anderen empfunden.

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Das trifft ganz klar auf Sächsisch zu, was aus einer Umfrage des Insituts für Sprache in Mannheim hervorgeht. Wieso ist dieser Dialekt so verpönt und Berlinerisch zum Beispiel bei weit mehr Regionen sympathisch?
Wermke: Ein Großteil empfindet das so, das ist richtig, trotzdem kommt es immer darauf an, wer das behauptet. Die Sachsen ja sicher nicht und Berlinerisch kommt bei vielen ähnlich schlecht weg. Es geht auch nicht primär um die Sprache oder den Dialekt, sondern eher um den soziokulturellen Hintergrund, den eine Region hat, und um verbreitete falsche Stereotypen. Goethe ging nach Leipzig, um das beste Hochdeutsch sprechen zu lernen. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der sächsische Dialekt durch das norddeutsche Hochdeutsch verdrängt. Oft spielen historische Konflikte zwischen den Regionen eine Rolle. Spracheigenschaften spielen aber meiner Meinung nach nicht in erster Linie eine Rolle dabei, welchen Dialekt man mag oder nicht mag.

Dialektsprecher gelten aber gegenüber Hochdeutschsprechern häufig als ungebildeter. Muss die Mundart ihr Image aufpolieren?
Wermke: Das hat historische Wurzeln. Die heutige »Standardsprache« ist die Universitätssprache, also auch die Sprache der Medien und der Literatur. Durch die Globalisierung ist es schwierig, sich beispielsweise als Lokalsender aus Mecklenburg-Vorpommern mit einem Beitrag in »Platt« durch einen Hochdeutschsender durchzusetzen, wenn man nur in der Mundart spricht. Zudem gibt es immer mehr Anglizismen, die durch die modernen Medien vor allem durch junge Leute übernommen werden und den Dialekt verdrängen, dem die neuen Wörter fehlen.

Dass Dialekt in manchen Regionen weniger gesprochen wird, ist also nicht allein die Schuld der Mütter, sondern auch der Medien.
Wermke: Es ist eher die moderne Entwicklung. Wir können zwar ein bisschen dagegen steuern. Aber der Rundfunk will ja auch seine Hörerschaft bedienen und mit Hochdeutsch erreichen sie eben noch mehr Hörer. Die mediale Darstellung könnte den Dialekt allerdings mehr fördern, damit die Mundart nicht vorrangig bei den Komikern bleibt – und dort alte Klischees bedient.

Als einziges Bundesland hat bislang Hamburg Plattdeutsch 2010/2011 als Schulfach eingeführt. Sollten die Schulen aktiver werden und den Dialekt mehr fördern?
Wermke: Ein Schulfach könnte man anbieten. Pflicht sollte es aber nicht sein. Es ist immer wirkungsvoller etwas durch Attraktivität zu fördern. Damit auch junge Leute stolz auf ihre regionalen Traditionen sind. Diese Bindung an die jeweilige Region sollte gefördert werden.

Sie sagen es ja selbst: Dialekt ist unattraktiv. 
Wermke: Ja, das stimmt teilweise. Man mag sich fragen, warum es sinnvoll ist, Dialekte und regionale Sprachen heute noch zu bewahren. Es ist doch nur eine Reminiszenz an die Geschichte und vielleicht an die Großeltern. Warum soll ich heute also noch Plattdeutsch lernen? Mit der Beherrschung von Weltsprachen habe ich natürlich viele Vorteile. Aber Sprache ist eng mit regionaler Kultur verknüpft und dass die nicht ausstirbt, halte ich für sehr wichtig.

Hintergrund

Bedrohte Sprachen

Die Vereinten Nationen haben auf Vorschlag der Unesco im Jahr 1999 den 21. Februar als internationalen Tag der Muttersprache ausgerufen. Von den rund 6 000 Sprachen, die heute weltweit gesprochen werden, sind laut Unesco die Hälfte vom Aussterben bedroht. Der Internationale Tag der Muttersprache soll die Sprachenvielfalt und den Gebrauch der Muttersprache fördern und das Bewusstsein für sprachliche und kulturelle Traditionen stärken.
Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen wurde 1992 vom Europarat gezeichnet. Deutschland verpflichtete sich 1999 folgende fünf Minderheitensprachen und eine Regionalsprache zu schützen: Dänisch in den drei Varianten Reichsdänisch, Sydslesvigdansk und Sønderjysk (in Schleswig-Holstein), Sorbisch (Obersorbisch in Sachsen, Niedersorbisch in Brandenburg), Nordfriesisch (in Schleswig-Holstein), Saterfriesisch (in Niedersachsen) und Romanes. Und die Regionalsprache Niederdeutsch (in Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein).
Quelle: Unesco und Wikipedia

Umfrage: 

Am 21. Februar ist Tag der Muttersprache. Sind Sie dafür, dass der Dialekt in einem eigenen Unterrichtsfach gelehrt wird?

Nein.
64% (431 Stimmen)
Ja.
32% (212 Stimmen)
Weiß nicht.
4% (27 Stimmen)
Anzahl Stimmen: 669

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