Interview des Tages

Stefan Räpple: »Ich müsste lieb sein«

Autor: 
Christoph Fischer, Wolfgang Kollmer, Christoph Rigling
Lesezeit 7 Minuten
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30. März 2017

(Bild 1/2) Stefan Räpple, AfD, Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Kehl/Oberkirch: »Ich habe unheimlich viel Energie. Auch wenn Politik eine unglaubliche Belastung ist. Ich weiß nicht, ob ich noch mal kandidieren werde.« Über Interna aus der Fraktion und Partei wollte Räpple nicht sprechen. ©Ulrich Marx

Stefan Räpple sieht sich als »Rebell« und »Radikaldemokrat«. Für andere ist der AfD-Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Kehl  ein Pöbler, der schon aus dem Landtag flog. Die eigene Partei hat ihn in der Fraktion kaltgestellt. Gründe genug für die Mittelbadische Presse, um mit Räpple das Gespräch über die AfD und demokratische Gepflogenheiten zu führen. Über die Parteiinterna wollte er jedoch nicht öffentlich sprechen.
 

Der Schriftsteller Martin Walser sagte kürzlich: »In zehn Jahren weiß kein Mensch mehr, wer oder was die AfD war.« Hat er recht?
Stefan Räpple:
Nein. Die AfD ist momentan die wichtigste parlamentarische Bewegung in der Bundesrepublik, vielleicht sogar in Europa. Weil sie direkt aus der Mitte der Gesellschaft kommt – sie ist keine randständige Vereinigung, sondern besteht aus Menschen wie Ihnen und mir, Konditoren, Frisöre, Redakteure. Jeder von uns hat eine Meinung und bringt die in den demokratischen Prozess ein. Alles Weitere ist doch einfach nur Meinungsmache. 

Ist die AfD etwa nicht rechts der Mitte positioniert?
Räpple:
Ich wähle diese Schubladen nicht – weil sie nicht stimmen. Ich habe linke und rechte Positionen – gemäß dem, was die Leute für Links und Rechts halten. Kein Mensch ist einsortierbar. Höchstens in liberal, konservativ und sozial. Die AfD ist weder rechts noch links, sondern die Partei des gesunden Menschenverstands. Wir waren übrigens die erste Partei in Deutschland, die sich für das Arbeitsrecht für berechtigte Asylanten stark gemacht hat. Wir sind eine menschenfreundliche Partei.

Und wo verorten Sie sich?
Räpple:
Bei der Gerechtigkeit! Ich bin kein Rechtsaußen, sondern liberal, man könnte auch sagen »rechtsliberal«. Allerdings auch kritisch gegenüber den Banken zum Beispiel. Junge, neue Parteien haben in ihrer jeweiligen Zeit immer ein enormes Mitgestaltungspotenzial. Wäre ich 30 Jahre früher geboren, wäre ich vielleicht Grünen-Mitglied geworden, und wäre ich nur zehn Jahre früher geboren, dann vielleicht Mitglied bei der Piratenpartei.

In Ihrer Partei wird zurzeit auf Bundesebene gekämpft. Was macht Sie angesichts dieses Machtkampfs sicher, dass die AfD überlebt?
Räpple:
Das sind ganz normale Sortierungsprozesse. Wenn in der Politik nicht mehr gekämpft wird, dann ist es schon zu spät.

Werden manche in der AfD diesen Sortierungsprozess nicht »überleben«, also rausgeworfen werden oder selbst gehen?
Räpple:
Natürlich! Viele werden zu uns kommen, und viele werden gehen. Der Mitgliedsbeitrag bei uns beträgt nur 120 Euro im Jahr. Es ist also jedermann möglich, bei uns Mitglied zu sein. 

In einer Ihrer Presse­mitteilungen wurden Sie »AfD-Rebell« genannt. Wogegen rebellieren Sie?
Räpple:
Man kann das als »rebellisch«, als »Pöbelei« oder als »Radikaldemokratie bezeichnen. Ich nehme alles an! Ich suche die Konfrontation, werde aber als Oppositioneller auch quasi dazu gezwungen. Ich bin gerne rebellisch.

Gegen die anderen Parteien, aber auch innerhalb der AfD, wenn es sein muss?
Räpple:
Auch innerhalb der AfD mache ich mir nicht immer Freunde. Ich kämpfe innerparteilich für Demokratie, aber auch für Demokratie im gesamten Volk. Ich will die Demokratie um das fehlende Element erweitern. In Artikel 20 des Grundgesetzes steht, die Staatsgewalt wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen ausgeübt. Wir haben zurzeit ein Wahlgesetz, aber kein Volksabtimmungsgesetz auf Bundesebene. Auf Landesebene sind die Hürden absurd. Außerdem sind Legislative, Exekutive und Judikative zu wenig getrennt. CDU-Mitglieder sind Verfassungsrichter, und Herr Kretschmann wechselt permanent zwischen Regierungsbank und Parlamentsstuhl.

Sie sind im Parlament durch böse Zwischenrufe aufgefallen. Haben Sie sich im Hohen Haus nicht im Griff?
Räpple:
Ich passe mich den Gepflogenheiten dort an! Bei der ersten Rede unseres Fraktionschefs Jörg Meuthen – bei Jungfernreden sollte man normalerweise nicht dazwischenrufen – hat er 152 notierte Zwischenrufe bekommen. Das waren tumultartige Zustände. Worte wie »Dreckschleuder«, »Nazi« und »Antisemit« wurden vom Stenografen sogar hoch offiziell notiert. Als junger Abgeordneter habe ich mich schnell an dieses Niveau angepasst.

Bereuen Sie Ihre Zwischenrufe bei der Jungfernrede der grünen Abgeordneten, die letztlich zu Ihrem Ausschluss aus der Sitzung geführt haben?
Räpple:
Natürlich nicht. Das war eine katastrophale Rede. 

In den Legislaturperioden von 2006 bis 2016 gab es nur eine Rüge durch die Sitzungsleitung und keinen Ordnungsruf. In dem einen Jahr seit der Wahl 2016 gab es vier Ordnungsrufe gegen die AfD, davon zwei gegen Sie, sowie einen gegen den ehemaligen AfD-Abgeordneten Gedeon. Ist das Landtagspräsidium parteiisch?
Räpple:
Klar! Es müsste viel mehr Ordnungsrufe geben – oder gar keine. Es fällt ungleich aus. Auch die anderen Parteien zeigen ordnungsrufwürdiges Verhalten, und die Protokolle zeigen das. Die Ungleichbehandlung im Landtag ist eigentlich ein Fall für den Staatsgerichtshof, also das Landesverfassungsgericht.

Und Ihren Ausschluss aus der Sitzung – der erste seit 1991 – durch Landtagsvize Klenk finden Sie wahrscheinlich auch übertrieben.
Räpple:
Selbstverständlich. Das war ein politischer Ausschluss. Da fühle ich mich ungerecht behandelt. Ich habe nur gefragt: »Wer hat diese Rede geschrieben?« Meuthen und mich haben sie in unseren Jungfernreden beschimpft. 

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Viele AfD-Politiker testen verbal Grenzen aus – Höcke ist nur ein Beispiel. Lässt sich mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung jede Aussage rechtfertigen?
Räpple:
Selbstverständlich! Solange die Würde und die Rechte eines anderen nicht verletzt werden. Meinungsfreiheit ist auch nicht grenzenlos.

Sie bekommen von der Öffentlichkeit auf die Mütze und sind im Moment in der Fraktion außen vor. Macht Ihnen Politik noch Spaß?
Räpple:
Nein. Aber muss es das? 

Haben Sie denn wenigstens Lust auf Politik?
Räpple:
Das schon. Ich habe unheimlich viel Energie. Auch wenn Politik eine unglaubliche Belastung ist. Ich weiß nicht, ob ich noch mal kandidieren werde. In den kommenden vier Jahren gebe ich aber 100 Prozent.

Derzeit sind Sie von der Fraktion kaltgestellt. Sie sind in keinem Ausschuss mehr ordentliches Mitglied. Was können Sie tun? Wie können Sie Einfluss nehmen?
Räpple:
Ich bin ja ganz normales Mitglied der Fraktion und habe fast alle Rechte. Ich darf mich in der jetzigen Phase aber nicht im Namen der Fraktion äußern und somit mein Rederecht nicht in Anspruch nehmen. Momentan bin ich auf der Ersatzbank, aber irgendwann spiele ich wieder mit. 

Wann?
Räpple:
Das könnte bald passieren.

Und was muss geschehen, damit es so weit ist?
Räpple:
Die Mehrheit der Fraktion muss es wollen. Und dazu müsste ich lieb sein! (lacht)

Wollen Sie das denn?
Räpple:
Nein. Ich bin nicht hier, um lieb zu sein. Ich werde dann wieder eingesetzt, wenn sie wollen, dass ich nicht mehr lieb bin. Ich bin die Kratzbürste, die grobe Verkrustungen löst. Es müsste mehr Kratzbürsten geben.

Also hoffen Sie auf die Einsicht in der Fraktion, dass Ihre Vorgehensweise die richtige ist?
Räpple:
Ich versuche, jeden davon zu überzeugen. 

Und die richtigen Ausschüsse für Sie wären die drei, in denen Sie bereits waren, oder? Bildung, Wissenschaft und der Ständige Ausschuss.
Räpple:
Genau. 

Täuscht der Eindruck oder sind Sie im Wahlkreis Kehl wenig unterwegs – im Vergleich zu Ortenauer Abgeordneten anderer Parteien?
Räpple:
Ja, der Eindruck täuscht. Momentan ist es etwas weniger. In Stuttgart habe ich mir in den letzten Monaten mein Büro aufgebaut. Und in Kehl gibt es bald auch ein Wahlkreisbüro. Ich habe zwar auch einiges gemacht. Nur habe ich nicht jedes Mal eine Pressemitteilung geschrieben. Es gibt neuerdings die »Räpple-Post« mit Infos aus dem Landtag und ich finanziere den »Blauen Standpunkt«: Bei dieser Aktion gibt es einmal in der Woche in einer Stadt in der Ortenau, teils auch außerhalb, einen Stand, an dem AfD-ler mit Bürgern ins Gespräch kommen.

Arbeiten Sie noch in Ihrem Beruf als Hypnotiseur?
Räpple:
Einmal in der Woche. Viele Landtagsabgeordnete arbeiten noch in ihrem eigentlichen Beruf oder haben Nebentätigkeiten. Zeitlich ist das kein Problem. Sie dürfen sich die Arbeit in den Ausschüssen auch nicht zu anstrengend vorstellen. Die Abgeordneten kassieren die Knete, und die Mitarbeiter machen die Arbeit. Das sollten die Bürger wissen. 

Zur Person

Stefan Räpple

Stefan Räpple (35) hat in Freiburg eine Hypnose-Praxis mit dem Namen »Räpple Hypnose«. Er stammt aus Bad Peterstal und hat im elterlichen »Café Räpple« Konditor gelernt (2001). Auf dem Abendgymnasium machte er sein Abitur. In Freiburg studierte an der Pädagogischen Hochschule die Fächer Mathematik, Geographie und Geschichte. Seine Ausbildung zum Hypnoanalytiker und zum Heilpraktiker für Psychotherapie mündete in die Eröffnung einer eigenen Therapiepraxis (2015). In seinem Wahlkreis Kehl erhielt er 15 Prozent der Stimmen. Er setzt sich für eine grundsätzliche Reform der Lehrerausbildung ein. Er fordert den Stopp von »Frühsexualisierung«. In der AfD-Fraktion unterstützte er den unter Antisemitismusverdacht stehenden Wolfgang Gedeon. Wegen ungebührlichen Verhaltens flog er jüngst aus dem Plenarsaal.

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