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»Wir leben in einer männlich bestimmten Kultur«

Antonia Höft
Lesezeit 3 Minuten
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28. Januar 2017
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Sozialpsychologe Rolf Pohl im Interview. ©Privat

»Sie können ein Dirndl ausfüllen«, soll der FDP-Politiker Rainer Brüderle zu einer Stern-Journalistin gesagt haben. Eine Sexismus-Debatte wurde 2014 ausgelöst. Drei Jahre danach ist das Dilemma Sexismus noch lange nicht überwunden. Weshalb moderne Frauen schweigen und die Frauenquote nicht die Lösung ist, erläuterte Rolf Pohl (65), Sozialpsychologe, der Mittelbadischen Presse.

Herr Pohl, verstehen Frauen keine Witze mehr oder ist die Gesellschaft noch immer sexistisch veranlagt?
Rolf Pohl: Der Gegensatz zwischen männlich und weiblich wird noch immer hervorgehoben. Wir leben also nach wie vor in einer männlich bestimmten Kultur. Es gibt in der Gesellschaft zwar eine Sensibilisierung, aber der Sexismus bleibt konstant.

Sie sprechen von einer männlichen Kultur. Die Statistiken belegen, dass wir es mit einem Männerphänomen zu tun haben. Müssen Männer Frauen abwerten, um sich aufzuwerten?
Pohl: In gewisser Weise. Auf den Männern lastet ein gesellschaftlicher Druck. Angefangen mit Männlichkeitsbeweisen in der Pubertät. Der Mann möchte sich aber nicht nur von dem anderen Geschlecht abgrenzen, er will auch als das überlegenere gelten. 

Wie äußert sich denn Sexismus am Arbeitsplatz?
Pohl: Angefangen bei sexuellen Sprüche bis sexuelle Übergriffen. Es ist eine Zumutung aus Angst vor dem Karriereaus, Sprüche zu ertragen. 

Warum sich Frauen beim Arbeitsplatz nicht wehren, haben Sie einst mit »Sie fürchten, Sympathien zu verlieren, wenn sie gegen sexistisches Verhalten protestieren« gerechtfertigt. Was sagt das über die Frau von heute aus?
Pohl: Dass der Anspruch des Feminismus nicht mehr so groß verbreitet ist. Es wird als Relikt einer Vorzeit gesehen. Die Frau ist in einer Sackgasse: Entweder sie hält es nicht aus, und wird als altmodisch bezeichnet oder als Verräterin, wenn sie nichts sagt. Frauen befinden sich in einem Loyalitätskonflikt, obwohl sie Opfer sind – und das ist bitter.

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Damit wird Sexismus am Arbeitsplatz tabuisiert. 
Pohl: Er wird sogar legitimiert, denn wir haben ja die Gleichstellungspoltik, sodass viele das Argument bringen: Die Unterdrückung der Frau? Die gibt es doch nicht mehr! Und das ist ein großer Irrtum. 

Kann die Frauenquote das Dilemma eindämmen? 
Pohl: Solange wir keine strukturelle Veränderung haben, ist die Frauenquote eine Maßnahme, um eine gewisse Wirkung hervorzurufen. Wir haben eine Männerquote, darüber spricht aber keiner. 

Muss erst ein Bruch der bisherigen Definition von Männlichkeit folgen, um Sexismus zu überwinden? 
Pohl: Ja, das Problem wird verharmlost: Die strukturellen Merkmale, von denen man sich lösen muss, werden nicht thematisiert. Viele sprechen von einem Spiel zwischen Mann und Frau, aber ein Flirt unterscheidet sich zu Sexismus: Er ist auf Augenhöhe.

Wenn Frauen klein beigeben, sind sie nicht emanzipiert genug. Wenn sie etwas sagen, sind sie die Spaßbremse. Können Sie sich überhaupt wehren?
Pohl: Das ist sehr schwierig. Dieses Verhältnis zu ändern darf nicht den Frauen angelastet werden. Und trotzdem muss von ihnen ein »Nein« folgen. Die Schuld darf ihr nicht mit dem Satz ›Was zieht sie auch so einen kurzen Rock an‹ zugeschrieben werden.

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