Berlin/Görlitz

Ost-AfD im Steigflug - und viele Westdeutsche am Schalthebel

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
14. Juni 2019
Beide «Wessis»: die AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel und Alexander Gauland. Froto: Bernd von Jutrczenka

Beide «Wessis»: die AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel und Alexander Gauland. Froto: Bernd von Jutrczenka ©dpa - Bernd von Jutrczenka

Spricht man in diesen Tagen mit AfD- Funktionären aus den östlichen Bundesländern, ist die Laune meist blendend. Die Landes- und Fraktionschefs strotzen mit Blick auf die im Herbst anstehenden Wahlen nur so vor Optimismus und Selbstbewusstsein.

«Wir werden stärkste Kraft und stellen die Regierung», sagt beispielsweise Sachsens AfD-Chef Jörg Urban mit Blick auf die Landtagswahl am 1. September im Freistaat.

Tatsache ist: Im Osten ist die AfD zurzeit viel erfolgreicher als im Westen. Das hat sich bei der Europawahl im Mai wieder gezeigt: In Sachsen und Brandenburg wurde sie stärkste Kraft. CDU und SPD schwant für die Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen im September und Oktober Schreckliches - auch wenn das keiner vor der Kamera sagen mag.

Kopf-an-Kopf-Rennen

Am Sonntag könnte es für die AfD mit dem nächsten Coup klappen - mit dem Chefsessel im Rathaus von Görlitz. Es wäre das erste Mal, dass die AfD einen Oberbürgermeister stellt. Kandidat Sebastian Wippel, von Haus aus Polizeioberkommissar, lag in der ersten Wahlrunde Ende Mai mit 36,4 Prozent der Stimmen vorn und konnte seinen Kontrahenten von der CDU, Octavian Ursu (30,3 Prozent), auf Distanz gehalten. Da die beiden Bewerberinnen von Linkspartei und Grünen in der zweiten Runde nicht mehr antreten, wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet.

«Die Fehler der CDU haben die AfD stark gemacht», meint Wippel, der aus Görlitz stammt und früher bei den Liberalen war. Wippel sieht sich nicht als Hardliner und verortet sich eher in der gemäßigten AfD-Strömung Alternative Mitte. «Ich mache mir keine Sorgen, dass die AfD auf einen Weg geraten könnte, den ich unter keinen Umständen mehr mittragen kann», sagt der 36-Jährige. Besondere Sympathien für AfD-Rechtsaußen Björn Höcke lässt er freilich nicht erkennen.

Ohnehin gibt sich die AfD in Sachsen moderat. Nicht erst seit der Europawahl, wo sie genau wie in Brandenburg stärkste Kraft wurde, träumen die Rechtspopulisten von der Macht. Schon bei der Bundestagswahl 2017 hatte man im Freistaat die erfolgsverwöhnte Union hinter sich gelassen - allerdings nur knapp.

Jetzt fiel der Abstand mit 2,3 Prozentpunkten schon etwas deutlicher aus. Die Union hält man in der sächsischen AfD-Spitze für den geeigneten Koalitionspartner. Allerdings nur, wenn sie sich unterordne, sagt Landesparteichef Urban. Die CDU-Spitze schließt ein Bündnis mit der AfD aber kategorisch aus.

Nachfolger

- Anzeige -

Spätestens wenn beim Bundesparteitag Ende November die Parteispitze neu gewählt wird, dürften die Ost-Verbände ihre Wahlerfolge auch in Parteiposten umwandeln wollen. Zwei Namen waren zuletzt häufiger zu hören, wenn es um die Frage ging, wer Parteichef Alexander Gauland vielleicht ersetzen könnte: Andreas Kalbitz, Landes- und Fraktionschef in Brandenburg, und der sächsische Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla, der sein Mandat in Görlitz errang.

Ein AfD-Vorsitzender Kalbitz wäre für einige Mitglieder allerdings schwer zu verdauen, da er zu den bekanntesten Mitgliedern des rechtsnationalen Flügels zählt. Im aktuellen Parteivorstand ist er Beisitzer.

«Ich glaube, es wäre schön, wenn an der Spitze der AfD Ostdeutschland gut repräsentiert wäre, und Herr Chrupalla als Sachse ist da bestimmt sicher nicht die schlechteste Wahl», sagte Urban unlängst bei einer Pressekonferenz in Berlin, als er auf Chrupalla angesprochen wurde.

AfD-Hype

Was steckt hinter dem AfD-Hype im Osten? Manche Beobachter meinen, ehemalige DDR-Bürger, die schon einen Systemwechsel hinter sich haben, seien vielleicht eher bereit, auch einmal Grundlegendes infrage zu stellen. Allerdings: Die Mehrheit der tonangebenden AfD-Funktionäre im Osten stammt gar nicht von dort. Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke hat seine Kindheit und Jugend in Rheinland-Pfalz verbracht, Sachsen-Anhalts AfD-Chef Martin Reichardt wuchs im niedersächsischen Goslar auf. Kalbitz ist gebürtiger Bayer.

Muss man denn selbst aus dem Osten kommen, um die Leute in den neuen Bundesländern richtig anzusprechen? «Es ist dienlich», meint Jürgen Pohl. Der gebürtige Magdeburger ist Bundestagsabgeordneter mit Wahlkreis in Thüringen und ostpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion. Kalbitz, der wie er zum rechtsnationalen Flügel von Höcke gehört, nimmt er aber in Schutz: «Kalbitz hat da einen ganz guten Riecher, um zu sehen, wo die Probleme im Osten liegen. Er ist lang genug hier.»

Für Urban spielt es keine Rolle, «woher aus Deutschland jemand stammt, wenn er sich für Sachsen begeistert und genauso begeistert AfD-Politik für Sachsen macht». Er wünscht sich nur noch mehr Frauen in der Partei.

 

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

vor 8 Stunden
Freiburg
Im Oktober 2018 soll vor einer Freiburger Disco eine Gruppenvergewaltigung geschehen sein. Eine Partygängerin kann dazu vor Gericht kaum etwas erzählen. Stattdessen beschwert sie sich über die Fragen des Richters. 
Der festgenommene 52-Jährige wird auch in Deutschland per Haftbefehl gesucht. (Symbolbild).
vor 8 Stunden
Bangkok/Lübeck
In Thailand ist ein 52 Jahre alter Deutscher verhaftet worden, weil er eine tote deutsche Rentnerin in einem Kanal versenkt haben soll. Der genaue Hintergrund war noch unklar, wie die Polizei in Bangkok mitteilte.
Bei dem Unfall sind mehrere Menschen verletzt worden.
vor 8 Stunden
Oslo
In der norwegischen Hauptstadt Oslo sind bei einem Vorfall mit einem Krankenwagen mehrere Menschen verletzt worden. Eine Frau und ein Kind seien in ein Krankenhaus gebracht worden, teilte die Polizei via Twitter am Dienstag mit.
Irak-Besuch: Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer spricht in Bnaslawa mit einem Soldaten der Bundeswehr, der die Ausbildung kurdischer Peschmerga im nordirakischen Kurdengebiet unterstüzt.
vor 8 Stunden
Berlin
Es kann ein Befreiungsschlag für Annegret Kramp-Karrenbauer als Kronprinzessin von Kanzlerin Angela Merkel werden. Oder auch ein Rohrkrepierer, der die Ambitionen der umstrittenen CDU-Chefin weiter beschädigt.
Das Röntgenteleskop «eRosita» besteht aus sieben identischen Spiegelmodulen mit je 54 Spiegelschalen.
vor 9 Stunden
Garching
Das deutsche Röntgenteleskop «eRosita» hat gut ein Vierteljahr nach seinem Start ins All erste Aufnahmen geliefert. Sie zeigen unter anderem unsere Nachbargalaxie - die Große Magellansche Wolke - sowie zwei Galaxienhaufen in einer Entfernung von etwa 800 Millionen Lichtjahren.
Mit den neuen E-Personalausweisen lassen sich jetzt schon manche Verwaltungsvorgänge online erledigen.
vor 10 Stunden
Berlin
Einen kompetenten Umgang mit der Digitalisierung trauen einer aktuellen Studie zufolge zwei Drittel der Bevölkerung (66 Prozent) ihrer Stadtverwaltung zu. Jeder zweite Bundesbürger (56 Prozent) sagt demnach jedoch, dass seine Stadt nicht digital sei.
Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, gestikuliert während er im Europäischen Parlament spricht.
vor 10 Stunden
Straßburg
Mit einer emotionalen Rede hat EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker sich nach fünf Jahren Amtszeit verabschiedet und seine Erfolge herausgestrichen.
vor 11 Stunden
Kommentar
Das Rentenpaket der großen Koalition von vergangenem Herbst ist ein Wählergeschenk, das die Jüngeren bezahlen. Schwamm drüber, könnte man sagen – denn die Jüngeren werden bis 2050 ein ganz anderes Problem haben.
vor 11 Stunden
Kommentar
Eine Wohnung in deutschen Großstädten zu finden, ist zur Tortur geworden. Ob der Mietendeckel helfen kann, ist fraglich. Er könnte den Mietern sogar schaden.
vor 12 Stunden
Fahndung erfolglos
Am Montag haben Unbekannte auf der B3 einen Stein von einer Brücke auf ein Auto geworfen. Vermutlich handelte es sich um zwei Jugendliche. Die Polizei ermittelt. 
Polizisten stehen am Abend in der Innenstadt von Herne.
vor 12 Stunden
Herne
Nach Ausschreitungen bei einer Demonstration im nordrhein-westfälischen Herne ist es am gleichen Ort erneut zu einer Schlägerei zwischen Türken und Kurden mit rund 60 Beteiligten gekommen.
Steinexperte Jean-Didier Mertz schaut in einem Lagerhaus auf die Überreste des goldenen Engels, der einst auf der Kathedrale von Notre Dame stand.
vor 12 Stunden
Paris
Experten rechnen nach der Brandkatastrophe vom 15. April mit einem sehr langsamen Wiederaufbau der Kathedrale Notre-Dame in Paris. Die katholische Kirche möchte beim Aufbau mitreden. Der Spendentopf für das Bauwerk ist gut gefüllt.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • vor 6 Stunden
    Ausstellung in Offenburg
    ELEMENTS ist der einfachste Weg zum neuen Bad. Das Konzept steht für eine Rundum-sorglos-Betreuung mit umfassendem Service. Die individuelle Beratung in der Ausstellung in Offenburg macht dabei den Unterschied.
  • vor 15 Stunden
    Senioren-WG
    Die Menschen in Deutschland werden immer älter. Und viele von ihnen sind irgendwann in irgendeinerweise auf Hilfe angewiesen. Doch die Bedürfnisse sind sehr verschieden. Daher hat sich die Winkelwaldgruppe breit aufgestellt und bietet neben diversen Angeboten ambulanter und Langzeit-Pflege ein ganz...
  • 21.10.2019
    Tipps von Investmentexperten
    Jedes Jahr treffen sich Kapitalexperten aus den Finanzmetropolen Frankfurt und London. Am 18. November ist der Geldanlage-Gipfel auf dem Dollenberg das Elitetreffen. Teilnehmer lernen dort von anerkannten Investmentexperten.
  • 18.10.2019
    Mediterrane Atmosphäre
    Der verführerische Duft von frisch gebrühtem Espresso, leckeren Antipasti oder frischer Pasta – das CASAMORE in Hohberg versetzt seine Gäste auf eine genussvolle Reise durch die mediterrane Küche. Unter Palmen und Olivenbäumen darf man sich ein bisschen wie im Urlaub fühlen.