Paradise

Paradise als Hölle auf Erden

Autor: 
dpa
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
14. November 2018
Die Brände in Kalifornien haben bereits Hunderte Quadratkilometer Wald verkohlt, Tausende Häuser zerstört - und sind noch lange nicht eingedämmt.

Die Brände in Kalifornien haben bereits Hunderte Quadratkilometer Wald verkohlt, Tausende Häuser zerstört - und sind noch lange nicht eingedämmt. ©dpa - Zhao Hanrong/XinHua

In der grauen Aschewüste stechen die weißen Schutzanzüge und roten Schutzhelme krass heraus. Dutzende Suchteams, mit Atemmasken zum Schutz gegen den beißenden Rauch, ziehen mit Spürhunden durch das, was von der Ortschaft Paradise übrig ist.

Bei der grauenvollen Suche stoßen sie täglich auf mehr Opfer: teils zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen, teils nur noch Knochen.

Fünf Tage, nachdem das sogenannte «Camp»-Feuer die kleine nordkalifornische Ortschaft praktisch ausgelöscht hat, ist die Zahl der Toten auf 48 angestiegen. Jeden Abend tritt Sheriff Kory Honea mit den neuesten Zahlen vor die Presse. Sein Job sei schwierig genug, sagte er am Dienstag mit müder Stimme. Aber das sei nichts im Vergleich zu dem, was die Suchteams leisten müssten. «Sie leisten extrem harte und herzzerreißende Arbeit», sagte Honea der Deutschen Presse-Agentur. Nein, ein rasches Ende der Suche sei nicht abzusehen, fügt der Sheriff hinzu.

Es ist jetzt schon das Feuer mit den meisten Toten in der Geschichte Kaliforniens seit Beginn der Aufzeichnungen. Viele Menschen sind der Flammenwalze nur knapp entkommen. «Ich habe wirklich gedacht, dass wir hier nicht lebend rauskommen», sagt David Castro durch seine Atemschutzmaske hindurch. Mit zwei Dutzend Menschen harrte der 29-Jährige über Nacht in einem Supermarkt aus. Das Gebäude drohte abzubrennen, er sprang zu einem Fremden ins Auto. «Es gab nicht eine Stelle, die nicht brannte, oder schon verkohlt war», beschreibt er die Höllenfahrt raus aus Paradise. «Der Ort ist völlig zerstört.»

Ihm sei ein kleiner Rucksack mit Anziehsachen für sich und seinen dreijährigen Sohn Harlan geblieben, erzählt der alleinerziehende Vater. Der Junge war mit seiner Tante geflüchtet. Ihr Haus ist abgebrannt, seit Tagen schlafen sie bei Freunden oder in Notunterkünften. Außerdem sucht Castro nach einer Nachbarin, die sich geweigert hatte, ihr Haus in der Feuernacht zu verlassen. «Sie ist vermisst. Ich weiß nicht, was ihr passiert ist.»

Auf einer Pinnwand vor einer Notunterkunft in der Nachbarstadt Chico hängen handgeschriebene Vermisstenlisten neben Fotos von Personen, die von Freunden und Angehörigen gesucht werden. 50 000 Menschen mussten die Gefahrenzone verlassen, mehr als 1300 sind in Notunterkünften verstreut, vielerorts gibt es keinen Handyempfang. Es herrscht Chaos.

Doch es gibt auch Lichtblicke. «Die Gemeinde hält zusammen», sagt Kevin Gates, während er Säcke mit Anziehsachen auf dem Bürgersteig vor der Behelfsunterkunft ablädt. Freiwillige Helfer sammeln Spenden ein, Hilfsorganisationen kümmern sich um die Betroffenen.

- Anzeige -

Auch Sierra Strongheart, ihr Freund und die gemeinsame Tochter Brooke haben sich hier mit dem Nötigsten eingedeckt. Kopfkissen, Decken, Lebensmittel, Anziehsachen und ein Stofftier für die Achtjährige. Nach Ausbruch des Feuers habe sie schnell ihre Tochter in der Schule abgeholt, sonst aber nichts mitgenommen, erzählt die Mutter. «Es war dunkel wie in der Nacht wegen des Ascheregens, überall stockte der Verkehr, wir dachten, wir müssten um unser Leben rennen.» Ihre Flucht im Auto durch das Inferno dauerte über vier Stunden. Für eine gewöhnlich halbstündige Strecke.

Autowracks entlang der verkohlten Hauptstraße von Paradise sind Zeugen des Horrors. Am Dienstag rückten Abschleppwagen an, um die ausgebrannten Fahrzeuge aus der Fahrbahn zu räumen. «Da sind Hunderte Autos, die wir entfernen müssen», sagt Matt Hyatt von der Highway-Patrol. «Einige ließen ihre Autos einfach stehen und flüchteten zu Fuß.»

Paradise ist zur Geisterstadt geworden. Nur Einsatzwagen und Löschfahrzeuge fahren durch die gespenstische Landschaft. Die Anwohner dürfen vorerst nicht zurückkehren. An vielen Stellen steigt noch Rauch aus den Ruinen, umgeknickte Strommasten versperren den Weg, verbogener Stahl ragt bedrohlich in die Luft. Die hügeligen Straßenzüge mit abgebrannten Häusern ziehen sich endlos hin, mehr als 8800 Gebäude sind vernichtet.

«Haarschnitte für 10 Dollar» steht auf einem Schild am Straßenrand, der Friseursalon dahinter ist weg. Ein Motel-Schild mit der Aufschrift «Paradise Inn» und grünen Tannen zeigt nun ins Leere. Schulen, Kirchen, Geschäfte, ganze Shoppingzentren sind abgebrannt. Nur vereinzelt - fast wie ein Wunder - ist ein Gebäude völlig unversehrt erhalten.

Die zunehmende Zahl und die Zerstörungswucht der Feuer in dem dürregeplagten Westküstenstaat überrascht auch die Einsatzteams. «Seit 37 Jahren arbeite ich in Kalifornien für die Brandschutzbehörde, doch die letzten fünf Jahre haben alles übertroffen», sagt Todd Derum, der die Löscharbeiten in Paradise leitet. Doch neben Trockenheit und heftigen Winden führt Derum noch andere Gründe für die jüngste Katastrophe an. Als Ortschaft mitten im Wald, mit viel brennbarem Unterholz und Bäumen, sei Paradise besonders gefährdet gewesen. «Wir müssen achtsam sein, wie wir unsere Wälder managen.»

US-Präsident Donald Trump hatte kürzlich Missmanagement vorgeworfen und mit dem Entzug von Bundesmitteln gedroht. «Es gibt keinen Grund für diese massiven, tödlichen und teuren Feuer in Kalifornien außer dem schlechten Forstmanagement», schrieb Trump auf Twitter. Der kalifornische Gouverneur Jerry Brown wies diese Darstellung vehement zurück. Er vertritt die Position zahlreicher Forscher, die den Klimawandel mit steigenden Temperaturen für schlimmere Dürren und heftigere Waldbrände verantwortlich machen.

Seit 1965 wohnt Faith Antonaros in Paradise, jetzt steht die 66-Jährige ohne Haus da. «Man hätte wirklich die toten Bäume ausdünnen sollen», schimpft die Kalifornierin. Doch sie und ihr Mann seien fest entschlossen, auf dem abgebrannten Grundstück neu zu bauen. Bei ihrer Feuerversicherung habe sie bereits den Antrag auf Entschädigung eingereicht, sagt Antonaros. «Paradise ist stark, und es ist schön dort oben. Wir werden eine neue Gemeinde schaffen.»

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
  • vor 17 Stunden
    Biberach
    Mit zwei Kandidaten tritt die Alternative für Deutschland (AfD) am 26. Mai bei den Gemeinderatswahlen in Biberach an.
  • 13.05.2019
    »Schöne Zeit« – der zeitlose Weingenuss
    Fruchtig, farbenfroh und voller Lebensfreude – so zeigt sich der neue »Schöne Zeit«-Weißwein der Durbacher WG. Der Name ist Programm und steht für zeitlosen Genuss für jedes Alter – aus dem Herzen des Durbachtals.
  • 09.05.2019
    Experten von Steinhof Fitness in Oberkirch beraten
    80 Prozent der Deutschen haben Rückenschmerzen - viele sogar chronisch. Ursache dafür ist in den allermeisten Fällen eine mangelnde oder falsche Bewegung. Die Experten von Steinhof Fitness in Oberkirch zeigen, wie Rückenschmerzen künftig der Vergangenheit angehören können - und beraten kostenlos.
  • 07.05.2019
    Mitgliederversammlung
    Es war eine geheime Abstimmung beim SV Berghaupten. Doch danach stand fest: Die Führungsmannschaft bleibt bis 2021 im Amt. Robert Harter wurde erneut die SVB-Präsidentenwürde zuteil.  

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

Ein Banner mit der Aufschrift «Ehrenamt»: Die Länder-Finanzminister wollen mehr Anreize für ehrenamtliches Engagement schaffen.
vor 7 Stunden
Berlin
Die Länder-Finanzminister wollen mehr Anreize für ehrenamtliches Engagement schaffen. Sie sprachen sich am Freitag bei einem Treffen in Berlin dafür aus, die Übungsleiterpauschale um 600 auf jährlich 3000 Euro sowie die Ehrenamtspauschale um 120 auf 840 Euro zu erhöhen.
vor 7 Stunden
Nachrichten
Noch bis Sonntag läuft der NL-Contest in Straßburg. Dabei treffen sich seit Freitag Skateboarder, BMX-Fahrer, Inline-Skater und Break-Dancer zu einem großen Fest der Street-Sportarten im Skatepark Rotonde.
Eine Falcon 9 SpaceX-Rakete mit einer Nutzlast von 60 Satelliten für das Starlink-Breitbandnetz von SpaceX startet vom Luftwaffenstützpunkt Cape Canaveral.
vor 8 Stunden
Cape Canaveral
Die private US-Raumfahrtfirma SpaceX hat die 60 ersten Satelliten für ihr geplantes weltumspannendes Internet-Netz im All ausgesetzt. Eine «Falcon 9»-Rakete von SpaceX brachte sie in der Nacht in die Umlaufbahn, wie das Unternehmen von Tech-Milliardär Elon Musk mitteilte.
Premierministerin Theresa May geht nach ihrer Presseerklärung zurück in die 10 Downing Street. Sie will ihr Amt als Parteichefin am 7. Juni abgeben.
vor 9 Stunden
London
Unter Tränen hat die britische Premierministerin Theresa May ihren Abschied angekündigt. «Ich werde in Kürze die Aufgabe abgeben, die für mich die größte Ehre meines Lebens bedeutete», sagte sie sichtlich gezeichnet vor ihrem Amtssitz in der Downing Street 10 in London.
Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat den vor mehr als 130 Jahren verurteilten Häuptling, Chief Poundmaker, posthum von allen Vorwürfen entlastet.
vor 9 Stunden
Montreal
Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat einen vor mehr als 130 Jahren verurteilten Häuptling posthum von allen Vorwürfen entlastet.
vor 10 Stunden
London
Theresa May hat keinen Ausweg aus der Brexit-Sackgasse gefunden. Nun muss sie Platz machen für einen Nachfolger. Doch die Zeit bis zum geplanten EU-Austritt am 31. Oktober ist knapp.
Julian Assange, Mitbegründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks, verlässt ein Gericht in London.
vor 11 Stunden
London
Julian Assange gilt als maßgeblicher Mitgründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, die Einblick in unethisches Verhalten von Regierungen und Unternehmen verspricht.
Es soll ein Armband mit der Assistenzsoftware Alexa entwickelt werden, das Emotionen von Nutzern erkennen und auf sie eingehen kann.
vor 12 Stunden
Seattle
Amazon entwickelt laut einem Medienbericht ein Armband mit seiner Assistenzsoftware Alexa, das Emotionen von Nutzern erkennen und auf sie eingehen kann.
Basstölpel sitzen auf ihren Nestern auf der Nordseeinsel Helgoland.
vor 12 Stunden
Helgoland
Das Problem ist von Weitem sichtbar. Orange und blau leuchtet es aus den Basstölpelnestern an Helgolands Felsenküste. Die Nester im Naturschutzgebiet Lummenfelsen sind durchsetzt mit Plastik.
Im französischen Montereau gibt es nicht genügend Kinder, um künftig alle Schulklassen zu füllen. Bürgermeister Debouzy will nun in der Gemeinde die Potenzpille Viagra verteilen lassen.
vor 12 Stunden
Montereau
Der Bürgermeister eines Dorfes in Frankreich will drohendem Bevölkerungsschwund mit ganz besonderen Methoden entgegenwirken. Er habe vorgeschlagen, in der Gemeinde die Potenzpille Viagra verteilen zu lassen, erklärte der Bürgermeister von Montereau, Jean Debouzy, der dpa.
Versiegelter Campingwagen des mutmaßlichen Täters auf einem Campingplatz in Lügde.
vor 13 Stunden
Düsseldorf
Der Bürgermeister von Lügde berichtet von Hunderten Hassmails und Drohanrufen seit Bekanntwerden des Falls von massenhaftem Kindesmissbrauch in seiner Stadt.
Assange drohen im Fall einer Auslieferung an die USA und einer Verurteilung in allen nun insgesamt 18 Anklagepunkten eine Höchststrafe von insgesamt bis zu 175 Jahren Haft.
vor 13 Stunden
Washington
Die US-Justizbehörden haben die Anklage gegen Wikileaks-Gründer Julian Assange deutlich verschärft und 17 neue Punkte hinzugefügt.