Amsterdam

Partydroge Lachgas auf dem Vormarsch

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
12. August 2019
Lachgas wird aus Kapseln für Sahnespender oder aus Luftballons inhaliert. Der Konsum führt zu einem kurzen Rausch.

Lachgas wird aus Kapseln für Sahnespender oder aus Luftballons inhaliert. Der Konsum führt zu einem kurzen Rausch. ©dpa - Teresa Dapp

Sie inhalieren es aus einem Luftballon oder saugen es aus einem Sahnespender: Für den schnellen Rausch atmen immer mehr junge Menschen in Europa Lachgas ein.

Die Droge selbst ist vergleichsweise kostengünstig. Und sie ist legal. In den Niederlanden wächst der Handel mit dem Gas, das früher bei Zahnärzten Patienten betäubt hat. Suchtexperten sind zunehmend in Sorge.

Unternehmer Mathieu Hölzken setzt auf die Welle. Er preist sein Geschäft «Falsche Luft» als den «ersten echten Lachgas-Laden der Niederlande» an. Es liegt in der niederländischen Grenzstadt Venray, nur einen Katzensprung von Krefeld oder Mönchengladbach. Dort verkauft der 48-Jährige einen kurzen Rausch aus dem Ballon. Das Ganze kostet fünf Euro. Hölzkens Kunden können sich auf alten Kinostühlen berauschen, dazu lacht von den Wänden ein riesiger Smiley Tränen - das Firmenlogo. Venrays Bürgermeister Hans Gilissen lacht nicht: «Wir können nicht so viel dagegen tun, nur warnen, dass es Risiken gibt.»

In den Niederlanden hat der Konsum von Lachgas drastisch zugenommen, auch die Probleme werden immer deutlicher. Die Spuren des Konsums kann jeder täglich sehen: Auf Parkplätzen, in Grünanlagen oder Straßen liegen Dutzende leere Metallkapseln oder Ballons. Experten warnen vor großen Risiken. Die Zahl der Vergiftungen durch Lachgas sei sprunghaft angestiegen, meldet das Nationale Informationszentrum für Vergiftungen in Utrecht. Hatte es 2015 noch insgesamt 13 Fälle gegeben, wurden im ersten Halbjahr 2019 bereits 67 Fälle gemeldet. Es geht um Schwindelanfälle, Übelkeit und Lähmungserscheinungen.

Nach dem niederländischen Sucht-Bericht hat jeder fünfte Jugendliche zwischen 20 und 24 Jahren schon Lachgas inhaliert. Auch in der Gruppe bis zu 35 Jahren wird es zunehmend zu einer beliebten und preiswerten Party-Droge. Immer mehr Städte schlagen Alarm, fordern ein Verbot. Das Gesundheitsministerium prüft, den Verkauf zu reglementieren.

Lachgas oder Distickstoffmonoxid ist seit 2016 legal erhältlich und befindet sich etwa in Kapseln für Sahnespender. Es fällt nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes nicht länger unter das strenge Arzneimittelgesetz. Es wird aber noch immer bei kleinen Eingriffen etwa beim Zahnarzt zur Betäubung eingesetzt. Das Gas wird entweder aus den Sahne-Kartuschen inhaliert oder aus damit gefüllten Luftballons. Das führt zu einem kurzen Rausch von 30 Sekunden bis höchstens einigen Minuten. Konsumenten berichten von verstärkten Sinneseindrücken und einem Kribbeln am ganzen Körper. Manche kichern unbändig.

- Anzeige -

Das Lachen kann einem aber schnell vergehen. Bei «durchschnittlichem Konsum» von fünf bis zehn Kapseln einmal im Monat ist die Partydroge nach Angaben des Gesundheitsamtes relativ ungefährlich. Aber in Kombination mit Alkohol oder anderen Drogen und vor allem bei exzessiven Konsum könne das Gas zu dauerhaften Schäden am zentralen Nervensystem und Lähmungen führen. Und immer mehr Niederländer würden bis zu 50 Kartuschen am Tag inhalieren und das über einen längeren Zeitraum, heißt es im jüngsten Bericht zu Vergiftungen.

Sahnekapseln sind online oder im Supermarkt zu kaufen. Das kann jedes Kind und ist nicht teuer. Großverpackungen von 200 Stück gibt es bereits für 50 Euro. Dazu schießen auch die Verkaufsstellen wie Pilze aus dem Boden. In Amsterdam ist Deniz Üresin der «Lachgas-König». Er beliefert abends und nachts mit rund zehn Lasten-Fahrrädern die Kundschaft in den Kneipenvierteln. «Ich verdiene echt wahnsinnig», sagt er. Seine Kuriere verkaufen gefüllte Ballons, die Kunden inhalieren das Gas direkt auf der Straße. Der 25-jährige Unternehmer gibt seinen Kunden noch einen guten Rat - gratis: «Lieber im Sitzen inhalieren, sonst fällt man um und muss zur Ersten Hilfe.»

Amsterdam hat genug von der angeblichen Spaß-Droge. Unternehmer und Bewohner klagen über Lärm, pöbelnde Jugendgruppen und den Müll auf den Straßen. Auch andere Kommunen wollen ein Verbot. Einige Städte haben den Verkauf zumindest bei Großereignissen bereits untersagt.

Deutschlands westlicher Nachbar ist nicht der einzige Brennpunkt. Auch in Dänemark will eine Mehrheit der Parteien den Verkauf von Lachgaspatronen regulieren. Die Missbrauchsfälle steigen den Behörden zufolge kontinuierlich. 2017 etwa zählte die telefonische Hotline für Vergiftungen 18 Meldungen, 2018 waren es bereits 39. In Kopenhagen häufen sich Meldungen über Angstanfälle, Erfrierungen durch eiskalte Kartuschen oder langandauernden Konzentrationsschwächen. «Das sind Personen, die seit langem das Gas konsumieren. Sie nehmen, 50, 100 oder 200 Lachgaspatronen täglich», sagte Dorte Fris Palmqvist, Oberärztin am Bispebjerg Krankenhaus der Zeitung «Berlingske».    

Im deutschen Drogen- und Suchtbericht spielt Lachgas noch keine Rolle. Doch in der Partyszene komme es punktuell vor, so das Büro der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Eine Studie von Drogenforschern der Universität Frankfurt machte 2018 deutlich, dass sich die Zahl jugendlicher Lachgas-Konsumenten in drei Jahren verdoppelt habe. Demnach hatten 12 Prozent der Jugendlichen schon mal Lachgas ausprobiert.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

vor 16 Stunden
Nachrichten
Rauchen schadet der Gesundheit. Experten fordern daher schon seit Jahren, Reklame auch auf Litfaßsäulen und Co. zu unterbinden. Die Koalition peilt das nun an - allerdings nicht auf einen Schlag.
vor 19 Stunden
Expositionstherapie hilft fast immer
Es gibt unzählige Dinge, die Menschen große Furcht einflößen können. Die Freiburger Angstforscherin Katharina Domschke erklärt, wie Phobien entstehen und was man dagegen unternehmen kann.
vor 21 Stunden
Straßburg
Genau ein Jahr ist es her, dass in der Straßburger Innenstadt fünf Passanten ihr Leben ließen. Heute, Mittwoch, soll ihnen gedacht werden. Der Terror-Angriff auf dem Weihnachtsmarkt hat viele Spuren hinterlassen.
11.12.2019
Nachrichten
Der KSC hat den Rechtsstreit mit der Stadt Karlsruhe um Informationsanspruch über den Stadionvertrag gewonnen.
10.12.2019
Nachrichten
Nach dem gewaltsamen Tod einer 20-Jährigen in Bühlertal im September ist nun der 24-Jährige Ex-Freund der jungen Frau wegen Mordes angeklagt. Laut Staatsanwaltschaft hat der Mann die Ex kurz nach der Trennung unter einem Vorwand in seine Wohnung gelockt.
10.12.2019
Nachrichten
Nach dreiwöchiger Pause wurde der Prozess zur mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung fortgesetzt. Ein Zeuge nahm dabei einen der Angeklagten in Schutz, verstrickte sich aber in Widersprüche.
10.12.2019
Verfahren abgeschlossen
Ein Mann hat versucht, mit 400 Goldmünzen und 517.000 Euro Bargeld über den Grenzübergang bei Rheinfelden zu gelangen. Doch der Bargeldschmuggler flog auf und muss jetzt mit den Konsequenzen zurecht kommen. 
Das Gefühl, ständig erreichbar zu sein, setzt viele Eltern unter Stress.
10.12.2019
Hannover
Fast 40 Prozent der Eltern mit minderjährigen Kindern fühlen sich gestresst. Die Gründe sind unterschiedlich. Einer davon ist das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen. Das hat teils schwerwiegende Folgen.
09.12.2019
Nachrichten
Ein Mann betritt die Wohnung seiner Nachbarin in Lörrach und sticht unvermittelt auf sie ein. Die Frau stirbt an ihren Verletzungen. Der mutmaßliche Täter gilt als gefährlich und befand sich womöglich krankheitsbedingt im Zustand der Schuldfähigkeit.
09.12.2019
Nachrichten
Neues Urteil nach dem Staufener Missbrauchsfall: Ein Bundeswehrsoldat hat in einem Revisionsprozess vor dem Freiburger Landgericht siebeneinhalb Jahre Gefängnis bekommen – im ersten Prozess letzten Mai waren es acht Jahre.
09.12.2019
Stuttgart
Scheinbar grundlos ist eine Passantin in Stuttgart auf offener Straße erstochen worden. Die Polizei hat einen Tatverdächtigen und sucht nun nach dem Motiv.
09.12.2019
Olympische Spiele und WM
Das Exekutivkomitee der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat harte Sanktionen wegen der Manipulation von Dopingdaten aus dem Moskauer Labor gegen Russland verhängt. In den nächsten vier Jahren dürfen Athleten des Landes nur unter neutraler Fahne bei Olympia oder WM starten.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • vor 12 Stunden
    KF Kinzigtaler Fenster GmbH - Der Experte in Gengenbach
    Winter – die Tage werden wieder kürzer und dunkler, die beste Saison für Einbrecher. Gut, wer da sichere Türen und Fenster hat. Die KF Kinzigtaler Fenster GmbH in Gengenbach hat sich genau darauf spezialisiert und ist in der Region Experte für die Sicherheit zu Hause.
  • 10.12.2019
    Triberger Weihnachtszauber 2019
    Wenn die Weihnachtsmärkte schon abgebaut sind, lädt der „Triberger Weihnachtszauber“ vom 25. bis 30. Dezember zu einem romantischen Weihnachtsspektakel ein. Mehr als eine Million Lichter verwandeln den Schwarzwald an Deutschlands höchsten Wasserfällen in ein funkelndes Wintermärchen!
  • 09.12.2019
    Gravuren, Reparaturen, Anfertigungen
    Bei Juwelier Spinner dreht sich alles um Schmuck und Uhren. Aber nicht nur edle Accessoires lassen sich hier finden – es gibt auch einen ausgezeichneten Service mit vielen weiteren Dienstleistungen.
  • 06.12.2019
    Durbach
    Vorspeise, Hauptspeise, Dessert – das kann jeder. Das Hotel Ritter in Durbach geht dagegen andere Wege. Mit [maki:‘dan] haben die Hoteleigentümer Ilka und Dominic Müller nichts anderes als die Revolution im Ritter eingeleitet. Was dahintersteckt.