München

Pavian lebt mehr als halbes Jahr mit Schweineherz

Autor: 
dpa
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
06. Dezember 2018
Mit mikrochirurgischen Instrumenten wird an einem Schweineherz in der Uniklinik in Frankfurt am Main operiert.

Mit mikrochirurgischen Instrumenten wird an einem Schweineherz in der Uniklinik in Frankfurt am Main operiert. ©dpa - Cathrin Müller/Illustration

Paviane mit transplantierten Schweineherzen überlebten in einem Versuch mehr als ein halbes Jahr, bevor die Studie abgebrochen wurde.

Damit ist die Übertragung von Schweineherzen auf Menschen als Lösung für den Mangel an Spenderorganen einen großen Schritt näher gerückt.

Ein Forscherteam um den Münchner Herzchirurgen Bruno Reichart und den Veterinärmediziner Eckhard Wolf transplantierte mit einer ausgefeilteren Technik gentechnisch veränderte Schweineherzen in Paviane. Von fünf Tieren waren zwei noch nach 90 Tagen bei guter Gesundheit, als ihr Versuch beendet wurde, wie die Forscher im Fachmagazin «Nature» berichten. Zwei Tiere lebten sogar 195 und 182 Tage, also gut ein halbes Jahr, bevor sie getötet wurden. Herz- und Leberfunktion seien normal gewesen, Abstoßungsreaktionen habe es nicht gegeben. Ein Tier starb nach 51 Tagen an einer Thrombose.

Das Gesamtergebnis sei ein Meilenstein auf dem Weg zu einer möglichen Transplantation von Schweineherzen auch bei Menschen, erläuterten die Wissenschaftler. Denn allgemein ist mit der Überlebenszeit von drei Monaten die von der Internationalen Transplantationsgesellschaft festgelegte Voraussetzung für klinische Versuche erfüllt.

Etwa drei Jahre würden nun weitere Vorbereitungen dauern, ehe erste klinische Studien an ausgewählten Patienten möglich sein könnten - «wenn alles gut läuft», sagte Reichart der Deutschen Presse-Agentur.

Unabhängige Experten werten die Studie als wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer Transplantation beim Menschen. Vier der fünf Paviane schienen die Transplantation gut zu vertragen, ohne schwere Infektionen infolge der Immunsuppression zu entwickeln, betonte der Berliner Transplantations-Experte Christoph Knosalla in einem «Nature»-Kommentar. Daher könne diese entwickelte Technik auch bei Menschen funktionieren, wenn die Xenotransplantation - der Austausch über Artgrenzen hinweg - weit genug fortgeschritten sei, um erste klinische Versuche zu starten.

Der Aachener Mediziner Rene Tolba nannte die Ergebnisse «klinisch hochrelevant». «Eine erste klinische Indikation für eine solche Xenotransplantation könnte die sogenannte «Bridge to Transplantation» sein. Dabei würde einem kritisch herzkranken Patienten, der auf ein Spenderorgan wartet, eine Transplantation eines Schweineherzen als Überbrückung angeboten.»

Die Xenotransplantation wird seit den 1980er Jahren erforscht. Schweine sind als Spender besonders geeignet, weil ihr Stoffwechsel dem der Menschen ähnelt. Reichart, dem 1983 die erste Herz-Lungentransplantation in Deutschland gelang, befasst sich seit langem mit dem Thema und war jahrelang Vorstand des Sonderforschungsbereichs für Xenotransplantation der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

- Anzeige -

Bisher hatten Paviane Transplantationen von Schweineherzen maximal 57 Tage überlebt. Das Team um Reichart änderte nun vor allem die Art der Transplantation. Anstatt wie üblich das Herz zu kühlen, wurde es an einen Kreislauf mit einer plasmahaltigen Flüssigkeit angeschlossen, so dass es vor und während der Operation mit Sauerstoff versorgt wurde. Dies sei womöglich auch bei herkömmlichen Transplantationen eine Möglichkeit, um die Erfolge zu verbessern, sagte Reichart. Zudem reduzierten die Forscher den Blutdruck der Paviane bei der OP auf den von Schweinen, um das Organ zu schonen. «Offensichtlich sind Schweineherzen schlechter am Leben zu halten als Menschenherzen», sagte Reichart.

Die Forscher mussten im Versuch einen weiteren Schritt gehen. Paviane sind kleiner als Schweine - das Schweineherz wuchs und führte zu tödlichen Leberschäden. Deshalb gaben die Forscher ein Medikament (Temsirolimus, ein Derivat von Rapamycin), um das Wachstum einzudämmen. Das wäre beim Menschen unnötig, da sein Herz in der Größe etwa dem Schweineherz entspricht. Die Schweine waren genetisch manipuliert worden, um die Abstoßungsreaktion zu verringern.

Es müssten nun weitere derartige Versuche folgen, sagte Reichart. Nach den Vorgaben für klinische Studien sollen sechs von zehn Tieren mindestens die Drei-Monatsfrist erreichen. Dies sei in einem halben Jahr erreichbar, sagte Reichart. «Wir hoffen, dass wir im Frühjahr damit fertig sind.»

Parallel gehe es nun darum, neue Immunsuppressiva zu testen. «Wir brauchen einen humanisierten Antikörper, den müssen wir in den nächsten zwei Jahren einsetzen», sagte Reichart. «Wir hoffen, dass wir dann die Genehmigung bekommen, Pilotstudien zu machen.» Dabei sollen nicht nur Schweineherzen, sondern auch Nieren verpflanzt werden. Parallel dazu werde es aber weitere Jahre dauern, bis die tierischen Spenderorgane als Standardmethode eingesetzt und Tiere dafür eigens produziert werden könnten.

Die tierischen Spenderorgane hätten viele Vorteile, sagte Reichart. Die gesamte Mikrobiologie des Spenderorgans sei im Gegensatz zu Spenderherzen toter Menschen bekannt. Dies mindere das Risiko von Infektionen. Der Empfänger könne in Ruhe vorbereitet werden. «Das ist das Elegante der Xenotransplantation: Im Gegensatz zur humanen Transplantation ist alles vorher bekannt.»

Zuletzt hatte es vor einigen Jahren einen großen Schritt bei der Transplantation von genmodifizierten Schweineherzen in Paviane gegeben. Die Herzen wurden im Bauchraum eingesetzt und schlugen dort zweieinhalb Jahre - ohne allerdings das Herz des Pavians zu ersetzen.

Die Vision, mit tierischen Organen Menschenleben zu retten, geht weit zurück. In den USA hatte in den 1980er Jahren ein Arzt sogar gewagt, einem todgeweihten Neugeborenen mit funktionsunfähigem Herz ein Pavianherz einzusetzen. Das Mädchen überlebte nur etwa zwei Wochen. In klinischen Studien wurden bereits Pankreas-Inselzellen aus Schweinen transplantiert, um Menschen mit Diabetes zu helfen.

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
15.02.2019
Bars, Musik, Kostümprämierung
Schon siebenmal fand der Gammlerball in Kehl bislang am Schmutzigen Donnerstag statt. In diesem Jahr ist das anders. Erstmals wird in der Stadthalle am Fasnachtssamstag gefeiert. Neben DJ Vuko sorgen verschiedene Narrenzünfte und die Gammlerbänd Willstätt für die Musik. Mit der Terminänderung aufs...
13.02.2019
Manufaktur für orthopädische Leistungen
Sie tragen uns im Laufe unseres Lebens durchschnittlich 180.000 Kilometer – unsere Füße. FUSS ArT, die Manufaktur für orthopädische Leistungen rund um den Fuß, ist seit Anfang Februar 2019 in der Moltkestraße 30-32 in Offenburg am Start und bietet ihren Kunden ein umfassendes Leistungsspektrum und...
04.02.2019
Offenburg
Das Braun Möbel-Center bietet Wohnmöbel in vielen Formen, Farben und Materialien. Vom 7. bis zum 9. Februar findet auf dem Gelände die dreitägige Möbelmesse statt. Hier können die Kunden in verschiedenen Themenwelten die aktuellsten Wohntrends entdecken. Neben einem großen Sonderverkauf gibt es...
03.01.2019
Die eigene Firma zu gründen ist auch dank der Digitalisierung heute nicht mehr schwer – aber wie geht es dann weiter? Wie kleine und mittelständische Firmen erfolgreich werden, zeigen zwei Jungunternehmer bei einem Vortrag am 26. Januar in der Offenburger Oberrheinhalle.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

vor 2 Stunden
Pro & Kontra der Mittelbadischen Presse
Die Geothermie wird gerade in der Ortenau von vielen abgelehnt. Andere halten sie für wichtig als neue Energiequelle. Um dieses Thema geht es beim "Pro & Konra" der Mittelbadischen Presse.
vor 2 Stunden
Thema des Tages
Bereits seit 2005 gibt es Pläne, ein Tiefengeothermie-Kraftwerk in Neuried zu errichten. Die Mittelbadische Presse beleuchtet den aktuellen Stand des Projekts und hat mit Experten und Vertretern einer Bürgerinitiative gegen die erneuerbare Energie Erdwärme gesprochen. 
Ein Kämpfer der von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte schaut im Kampf gegen die Terrorgruppe IS in ein Gebäude im syrischen Baghus.
vor 8 Stunden
Washington/München
US-Präsident Donald Trump hat die europäischen Verbündeten um Aufnahme und Verurteilung von hunderten von gefangenen Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat aufgerufen.
Die Sozialdemokraten gewannen zwei Punkte hinzu.
vor 8 Stunden
Berlin
Erstmals seit Mitte Oktober liegt die SPD im Emnid-«Sonntagstrend» für «Bild am Sonntag» wieder vor den Grünen. Wie die Zeitung mitteilte, gewannen die Sozialdemokraten zwei Punkte hinzu auf 19 Prozent.
vor 8 Stunden
Freiburg
Giftige Pilze, zu viel verschluckte Tabletten oder ein Schluck aus der Waschmittelflasche - wer Angst vor einer Vergiftung hat, kann erst mal zum Telefon greifen. In Freiburg schätzen Experten das Risiko ein.
Das große Abschlussbild.
vor 17 Stunden
Berlin
Die Jury eines Filmfestivals muss sich immer auch entscheiden - eher Kunst oder eher Kasse? Bei der 69. Berlinale haben die Juroren die Kunst gewählt.
vor 20 Stunden
Baden-Württemberg
In der grün-schwarzen Landesregierung geht es verbal hoch her. Grünen-Fraktionschef Schwarz ermahnt den Koalitionspartner. Helfen neue Zahlen aus einer Umfrage, die Lage wieder zu entspannen?
16.02.2019
Nachrichten
Vermutlich weil er eine Abkürzung über die Gleise nehmen wollte, ist ein 16-Jähriger in der Nacht auf Samstag am Freiburger Bahnhof getötet worden. Die Kripo hat die Ermittlungen aufgenommen. 
Bruno Ganz.
16.02.2019
Zürich
Der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz ist tot. Er starb im Alter von 77 Jahren in Zürich, wie sein Management am Samstag mitteilte. Zuvor hatte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» online berichtet.
16.02.2019
Kommentar des Tages
Im Prinzip ist für viele die Nachricht, dass das Wohngeld erhöht werden soll, zwar eine gute Nachricht. Gleichwohl gibt es keinen Grund, in Euphorie zu verfallen, meint unser Korrespondent Stefan Vetter im Kommentar des Tages.
16.02.2019
Sozialstaatsprogramm
Das Sozialstaatsprogramm hat der Partei neuen Elan eingehaucht. Und der Vorsitzenden eine neue Position der Stärke ermöglicht. 
Ihre Ministerien hatten die höchsten Ausgaben für Expertise von außen. Das Innenministerium von Horst Seehofer gab rund 213,5 Millionen Euro aus, Ursula von der Leyens Verkehrsministerium 147,2 Millionen Euro.
15.02.2019
Berlin
Die Bundesregierung hat im Jahr 2017 rund 722,4 Millionen Euro für externe Beratungs- und Unterstützungsleistungen ausgegeben.