Kiel/Hamburg/Berlin

Polarregionen klimarelevant und gefährdet

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
07. November 2019
Eisberge in der Gletscherlagune Jökulsarlon im Süden Islands.

Eisberge in der Gletscherlagune Jökulsarlon im Süden Islands. ©dpa - Owen Humphreys/PA Wire/dpa

Im Sommer brennen in Alaska und Sibirien Tausende Quadratkilometer Tundra und Taiga. In weiten Teilen der Arktis werden neue Hitzerekorde verzeichnet.

Und in Island schmilzt ein Gletscher soweit ab, dass er nicht mehr als Gletscher gilt. «Auch 2019 belegen die Satellitenbeobachtungen den fortschreitenden Verlust großer Meereisgebiete in der Arktis und die fortschreitende Dynamisierung antarktischer und grönländischer Kontinentaleismassen», schreibt der Vorsitzende des Konsortiums Deutsche Meeresforschung (KDM), Prof. Ulrich Bathmann, in einem Vorwort für den sechsten World Ocean Review (WOR), der am Donnerstagabend in Berlin vorgestellt wurde.

Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche setzen sich in dem Bericht mit aktuellen Forschungsthemen auseinander und stellen sie in geologisch-historischen Kontext, «der die Geschwindigkeit und die Ausmaße derzeitiger Veränderungen unterstreicht», wie Bathmann weiter schreibt. Der Verleger des Mareverlags und Initiator des World Ocean Review, Nikolaus Gelpke, betont in seinem Vorwort, «wir verdeutlichen nicht nur die erschreckende Bedrohung dieser sensiblen Ökosysteme, sondern wir veranschaulichen auch ihre maßgebliche Rolle für die Lebensfähigkeit unseres Planeten in der Zukunft.»

Vieles, was in dem gut 300 Seiten starken Bericht zusammengetragen wurde, ist nicht überraschend und neu. Aber er bietet umfassendes und allgemeinverständlich aufgeschriebenes Hintergrundwissen. Anders als etwa der kürzlich vorgestellte Report zur Eisschmelze und den Ozeanen des Weltklimarats IPCC, der in erster Linie für Wissenschaftler und Politiker geschrieben worden ist, richtet sich der WOR an einen sehr viel breiteren Kreis. Er «trifft den Nerv der Zeit und leistet einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftspolitischen Debatte im Meeres- und Küstenschutz», sagt Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne).

“Hotspot“ geworden

Die Arktis ist in den vergangenen Jahrzehnten zum «Hotspot» des Klimawandels geworden. Sie erwärme sich mehr als doppelt so schnell wie die restliche Welt, heißt es im WOR. Auslöser sind demnach komplexe Wechselwirkungen zwischen Atmosphäre, Land, Meer und schwindendem Eis. «Welche Effekte in welchem Ausmaß zur Verstärkung beitragen, wird in der Wissenschaft kontrovers debattiert.»

- Anzeige -

Doch auch wenn die Polarregionen weit weg erscheinen, es sind nicht nur weit entfernte Eismassen, wie die Professorin und Co-Sprecherin des Kieler Forschungsnetzwerks Future Ocean, Nele Matz-Lück, sagt. Vielmehr hätten sie und Veränderungen dort große Auswirkungen auf das Klima weltweit. «Wir alle hängen unmittelbar von der Stabilität der Polarregionen ab.»

So beeinflusse der Rückgang des Meereises in der Barents- und Karasee negativ die Stärke und den Verlauf des Jetstreams über der nördlichen Hemisphäre und nehme damit auch indirekt Einfluss auf das Wetter in den mittleren Breiten, heißt es im WOR. Der Jetstream ist eine wellige Luftströmung in großer Höhe. Zudem werde durch die Eisschmelze mehr Süßwasser in das Nordpolarmeer eingetragen. Welche Folgen dies hat, ist laut WOR noch unklar. «Forschende aber vermuten, dass sie die klimarelevante Umwälzung der Wassermassen im Nordatlantik bremsen - und infolgedessen der für Europa so wichtige Golfstrom an Kraft verlieren könnte.»

Eine besondere Gefahr kann auch die beschleunigte Eisschmelze in der Antarktis werden. Dem WOR zufolge hat sich der Gesamteisverlust in der Antarktis seit 2012 verdreifacht. Gestiegen sei auch der Beitrag zum globalen Meeresspiegelanstieg, der ebenfalls an Geschwindigkeit zunimmt: «Dieser fällt mit 3,3 Millimetern pro Jahr inzwischen doppelt so hoch aus wie noch im Jahr 1990.»

Bedrohnung

Die Verfasser des Berichts gehen auch auf weitere Aspekte ein, die eine Bedrohung für den Lebensraum Polarregion darstellen. So gehen Experten von einer weitreichenden Beeinträchtigung der Pflanzen- und Tierwelt durch zunehmenden (touristischen) Schiffsverkehr aus. Zudem werden abbaubare Ressourcen in vormals unzugänglichen Regionen zugänglich, neue Fischfanggebiete sowie kürzere Schifffahrtswege erschlossen, deren Nutzungsrechte am und unter dem Meeresboden insbesondere im arktischen Polarmeer noch nicht abschließend geklärt sind, schreiben die Sprecher des Forschungsnetzwerks Future Ocean in ihrem gemeinsamen Vorwort.

Die Seerechtsexpertin Matz-Lück sieht das wachsende Interesse, die Arktis auf vielfältige Weise kommerziell zu nutzen, kritisch. «Es ist ja eine gewisse Ironie, dass gerade die Auswirkungen des Klimawandels, wie der Rückzug des Eises, überhaupt erst die Förderung von Öl und Gas in der Arktis ermöglichen», sagt die Juristin. Schließlich führe dies dazu, dass noch mehr fossile Brennstoffe verbrannt werden, was zu noch größeren Effekten auf das Klima in der Zukunft führen wird. Dass die Staatengemeinschaft jedoch einen Vertrag beschließen wird, der die Arktis noch weiter unter Schutz stellt, hält sie für ausgeschlossen. «Die Arktisanrainerstaaten haben bereits erklärt, dass sie kein Vertragsregime wie für die Antarktis wünschen.»

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

Das Foto zeigt eine Apparatur, mit der sich Frauen Stromstöße verabreicht haben.
vor 10 Stunden
München
Es erinnert an ein berühmtes Experiment: Ein Fremder gibt lebensbedrohliche Stromschläge in Auftrag - und die Probanden gehorchen blind.
Der Eingang zur Deutschen Rentenversicherung am Hohenzollerndamm in Berlin.
vor 11 Stunden
Würzburg
Der Rentenversicherung in Deutschland und somit auch vielen Senioren geht es besser als vor einigen Jahren erwartet. Im kommenden Jahr steigen die Renten noch einmal spürbar.
Blick auf die Christian-Albrechts-Universität in Kiel.
vor 11 Stunden
Kiel
Ein Cyber-Angriff hat den Forschungs- und Lehrbetrieb der Universität Kiel in den vergangenen zwei Wochen erheblich gestört. Betroffen gewesen seien bis zu 30.000 Rechner, sagte Uni-Sprecher Boris Pawlowski der Deutschen Presse-Agentur.
Teslas CEO Elon Musk spricht vor der Enthüllung des Teslas Modell Y in Teslas Designstudio in Hawthorne, Kalifornien.
vor 11 Stunden
Berlin/Hannover
Tesla «made in Germany»: US-Starunternehmer Elon Musk hat bei der Verleihung des «Goldenen Lenkrads» die Bombe platzen lassen. Das erste europäische Werk seines E-Autobauers soll in der Nähe Berlins entstehen.
Vermummte Beamte einer Spezialeinheit der Polizei bringen den terrorverdächtigen Mann zur Haftvorführung am Gericht.
vor 11 Stunden
Frankfurt/Main
Nach einer Durchsuchungsaktion wegen möglicher Anschlagspläne im Rhein-Main-Gebiet ist gegen einen 24-jährigen mutmaßlichen Islamisten Haftbefehl erlassen worden.
Die Lage in Honglong eskaliert: Molotow-Cocktails werden von prodemokratischen Demonstranten an der Hong Kong Polytechnic University vorbereitet.
vor 12 Stunden
Hongkong
In Hongkong haben Demonstranten am Mittwoch den dritten Tag in Folge Teile der Finanzmetropole zum Erliegen gebracht. Der Betrieb an zahlreichen U-Bahn-Stationen musste eingestellt werden, weil Demonstranten im Berufsverkehr die Züge an der Weiterfahrt hinderten.
Tesla-Chef Elon Musk wird von seinen Anhängern mit Unternehmerlegenden mit Steve Jobs, Henry Ford und Thomas Edison verglichen.
vor 12 Stunden
Palo Alto
Tesla-Chef Elon Musk ist der Superstar der Tech-Szene - er wird von seinen Anhängern mit Unternehmerlegenden mit Steve Jobs, Henry Ford und Thomas Edison verglichen.
Das neue Firmenlogo von Facebook auf einem Smartphone-Bildschirm.
vor 12 Stunden
Menlo Park
Die jüngste Version der Facebook-App auf iPhones hat in einigen Situationen von sich aus die Kamera gestartet - das Online-Netzwerk spricht von einem Programmierfehler.
Problemflugzeug: Der Airbus A400M hat erneut technische Mängel.
vor 15 Stunden
Berlin
Wegen Problemen mit dem Propellersystem verweigert die Bundeswehr vorerst die Abnahme von zwei weiteren Transportflugzeugen des Typs A400M.
Nach Willen von CDU-Experten soll von Anfang an in den Einrichtungen der frühen Bildung der Spracherwerb und die Sprachentwicklung mit standardisierten Diagnoseverfahren erhoben und gefördert werden.
vor 16 Stunden
Kiel/Leipzig
CDU-Bildungspolitiker wollen in Kitas die Deutschkenntnisse bereits bei vier Jahre alten Kindern verbindlich testen und bei Mängeln eine Sprachförderung vorschreiben.
Erste Exemplare des günstigeren Tesla Model 3 auf dem Fabrikgelände in Fremont, Kalifornien.
vor 16 Stunden
Flensburg
Tesla ist aktuell Marktführer bei reinen Elektroautos in Deutschland. Von Jahresbeginn bis zum 31. Oktober wurden 9301 E-Autos von Tesla neu zugelassen, wie aus Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) in Flensburg hervorgeht.
vor 17 Stunden
Hauptzollamt Lörrach
Eine 33-Jährige wollte mit dem ICE und ihren beiden Geigen im Wert von jeweils 12.000 Euro in die EU einreisen. Dabei hatte sie aber einige grundlegende Dinge vergessen. Das hat für sie nun rechtliche und finanzielle Konsequenzen.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 11.11.2019
    Bewegung analysieren
    Die moderne Arbeitswelt kann krank machen. Körperliche Unterforderung und psychische Überforderung resultieren in Rückenschmerzen, Gelenkproblemen, Burnout und Stoffwechselstörungen. Stinus Orthopädie bietet Unternehmen Bewegungsanalysen für Beschäftigte an – die auch im Betrieb durchgeführt werden...
  • 08.11.2019
    Medizinische Therapie und Fitness-Training
    „Fit werden – Fit bleiben“ – das ist das Motto des Rehazentrums Offenburg. Darum bietet es in familiärer und freundlicher Atmosphäre vielfältige Therapiemöglichkeiten an. Egal, ob chronische Schmerzen oder Beschwerden nach einer Operation – das Rehazentrum Offenburg findet die individuelle Hilfe...
  • 05.11.2019
    "Maschinen-Wagner" lädt ein
    Ob drehen, fräsen, bohren oder schleifen – „Maschinen-Wagner“ in Renchen ist der Experte auf dem Gebiet der Metallverarbeitung. Im November lädt das Unternehmen zur Hausmesse ein. Hier können sich die Besucher rund um die Themen Innovative Technologien, 5-Achs-Fräsen und Automatisierung informieren...
  • 04.11.2019
    Ausbildung und Praktikum
    Hermann Uhl KG in Schutterwald: Seit über 85 Jahren steht die Firma UHL aus Schutterwald für hohe Qualität rund um Sand, Kies, Beton und Betonerzeugnisse. Ohne gute Mitarbeiter geht so etwas nicht. Genau deshalb investiert UHL viel in die persönliche berufliche Entwicklung und in die Ausbildung...