Rio de Janeiro/Frankfurt am Main

Sebastião Salgado: «Heute bin ich viel hoffnungsvoller»

Autor: 
dpa
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
20. Oktober 2019
Sebastião Salgado hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.

Sebastião Salgado hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. ©dpa - Silas Stein/dpa

Als Fotograf ist er an der Menschheit fast verzweifelt, als Naturschützer hat er neuen Mut geschöpft. Sebastião Salgado, der auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde, glaubt vielleicht nicht an die Spezies Mensch, aber an die Kraft der Natur.

«Umweltzerstörung kann rückgängig gemacht werden», sagte der 75-Jährige einige Tage vor der Verleihung im Interview der Deutschen Presse-Agentur: «Wir haben genug Ressourcen, genug Geld, genug Wissen, genug Technologie, um wiederaufzubauen, was wir zerstört haben.» Dass es dafür bald zu spät sein könnte, glaubt er nicht. «Wenn wir an einen 'point of no retun' glauben, verzweifeln wir. Wir müssen Hoffnung haben - und anpacken.» Er selbst hat das mit seinem «Instituto Terra» getan.

Was fühlen Sie, wenn Sie die Brände in Ihrem Heimatland Brasilien sehen?

Ich fühle mich sehr schlecht. In den letzten 50 Jahren haben wir 19 Prozent des Amazonas-Regenwalds in Brasilien zerstört. Es ist ein Desaster. Die Brandrodungen geschehen vor allem an den Rändern des Amazonas, dort, wo die Farmen sind. Sie fressen sich in den Amazonas hinein wie Termiten. Wir müssen das stoppen.

Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro?

Es war seine Initiative, dass die Farmer beschlossen, den Regenwald zu bewirtschaften. Schon als er Kandidat war, sprach er vom Potenzial des Amazonas-Regenwalds, ohne Respekt vor den Gebieten der Ureinwohner. Der Amazons ist ein Regen-Wald, er ist feucht, er brennt nicht, wenn man ihn anzündet. Bevor er brennt, muss man ihn abholzen und austrocknen.

Was muss geschehen, um die Brandrodungen zu stoppen?

Die Welt muss großen Druck ausüben! Brasilien ist eine Demokratie, Bolsonaro kein Diktator. Wenn andere Staaten Druck ausüben, wird das einen Effekt haben. Der Hebel ist die Wirtschaft. Brasilien will seine landwirtschaftlichen Produkte exportieren - wenn die Farmer die nicht verkaufen können, wird Brasilien die Botschaft hören.

Welche Rolle kann Europa spielen?

Die Europäer sollten kein Handelsabkommen mit Brasilien abschließen, ohne Bedingungen zu stellen. Und die Bedingung muss sein: Respektiert den Amazonas-Regenwald, respektiert die Ureinwohner, respektiert die Umwelt. Vielleicht setzt das ein Umdenken in Gang.

Apropos Umdenken: In dem Dokumentarfilm über Sie («Das Salz der Erde», 2014) sagen Sie: «Die Menschheit ist so grausam, wir haben es nicht verdient zu leben.» Haben Sie Ihre Meinung seither geändert?

- Anzeige -

In dieser Phase ging es mir nicht gut. Ich hatte den Glauben an die Spezies Mensch verloren. Ich habe so schreckliche Dinge gesehen, so viel Brutalität, so viel Gewalt. Mein Geist und meine Seele waren krank. Aber je mehr das 'Instituto Terra' wuchs, desto mehr hat sich das geändert. Heute bin ich viel hoffnungsvoller und glücklicher.

Sie haben vor fast 30 Jahren begonnen, die Farm Ihrer Eltern wieder aufzuforsten. Wie arbeitet das «Instituto Terra»?

Wir haben mehr als zwei Millionen Bäume gepflanzt. Wir sammeln Samen dort, wo es diese Bäume noch gibt, züchten sie nach, pflanzen und bewässern sie. Und die Tiere kehren zurück! Nicht, weil wir sie hingebracht haben, sie sind von selbst zurückgekommen. Wir haben jetzt 170 Vogelarten, Krokodile, Jaguare, Affen. Das hat mein Leben so viel glücklicher - und so viel wichtiger - gemacht.

Sie glauben also nicht unbedingt an den Menschen, aber an die Natur?

Ich habe entdeckt, dass es auf diesem Planeten nicht nur Menschen gibt. Zuvor habe ich nur Menschen fotografiert. Aber dann habe ich die Ameisen entdeckt, die Vögel, die Affen, die Krokodile. Sie alle sind so wichtig für den Planeten. Alle sind wichtig, nicht nur meine Spezies. Was auch immer mit uns passiert: Der Planet wird da sein. Seit ich das weiß, kann ich in Frieden leben.

Können wir die Zerstörung unserer Lebensgrundlage noch stoppen?

Wir müssen die Biodiversität wiederaufbauen. Wir können es. Wir müssen es. Im 'Instituto Terra' zeigen wir, dass es geht. Das ist meine große Hoffnung heute: Dass wir verstehen, dass Umweltzerstörung rückgängig gemacht werden kann. Wir haben genug Ressourcen, genug Wissen, genug Technologie, um wiederaufzubauen, was wir zerstört haben. Wenn wir an einen 'point of no retun' glauben, verzweifeln wir. Wir müssen Hoffnung haben - und anpacken.

Was kann Fotografie dabei bewirken?

Alleine nichts. Ich kann ein Bild machen, das die Menschen mögen, vielleicht auch ein Bild, das sie bewegt. Aber das bewirkt nichts. Es muss Teil einer Bewegung werden, zusammen mit diesem Text, dem Willen von Regierungen, dem Engagement von Organisationen. Vielleicht kann ich etwas anstoßen.

 Was ist Ihr nächstes Projekt als Fotograf?

In den vergangenen Jahren haben ich in Amazonien fotografiert. Die letzten Aufnahmen sind im Juni entstanden, jetzt sichten und editieren wir das Material. Wir bereiten ein Buch vor, das 2021 erscheinen soll, und eine Reihe von Ausstellungen in der ganzen Welt. Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wundervoll, wie vielfältig, wie schön die Natur und die Menschen dort sind - damit wir sie lieben lernen und Amazonien verteidigen können.

Zur Person

Sebastião Salgado

Sebastião Salgado wurde 1944 im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais geboren. Er wuchs auf einer Rinderfarm auf. Wegen seines Engagements gegen die Militärdiktatur emigrierte er mit seiner Frau Lelia 1969 nach Paris, das Paar hat zwei Söhne. Salgado studierte zunächst Ökonomie. 1973 gab er seinen Beruf auf, um als Fotograf zu arbeiten. Er berichtete unter anderem über brennende Ölfelder in Kuwait, den Völkermord in Ruanda oder unmenschliche Arbeitsbedingungen in den Goldminen. Nach einer seelischen Krise kehrte die Familie Anfang der 1990er Jahre nach Brasilien zurück, wo sie das «Instituto Terra» gründeten. Am 20. Oktober erhält Salgado in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

Das Foto zeigt eine Apparatur, mit der sich Frauen Stromstöße verabreicht haben.
vor 5 Stunden
München
Es erinnert an ein berühmtes Experiment: Ein Fremder gibt lebensbedrohliche Stromschläge in Auftrag - und die Probanden gehorchen blind.
Der Eingang zur Deutschen Rentenversicherung am Hohenzollerndamm in Berlin.
vor 5 Stunden
Würzburg
Der Rentenversicherung in Deutschland und somit auch vielen Senioren geht es besser als vor einigen Jahren erwartet. Im kommenden Jahr steigen die Renten noch einmal spürbar.
Blick auf die Christian-Albrechts-Universität in Kiel.
vor 6 Stunden
Kiel
Ein Cyber-Angriff hat den Forschungs- und Lehrbetrieb der Universität Kiel in den vergangenen zwei Wochen erheblich gestört. Betroffen gewesen seien bis zu 30.000 Rechner, sagte Uni-Sprecher Boris Pawlowski der Deutschen Presse-Agentur.
Teslas CEO Elon Musk spricht vor der Enthüllung des Teslas Modell Y in Teslas Designstudio in Hawthorne, Kalifornien.
vor 6 Stunden
Berlin/Hannover
Tesla «made in Germany»: US-Starunternehmer Elon Musk hat bei der Verleihung des «Goldenen Lenkrads» die Bombe platzen lassen. Das erste europäische Werk seines E-Autobauers soll in der Nähe Berlins entstehen.
Vermummte Beamte einer Spezialeinheit der Polizei bringen den terrorverdächtigen Mann zur Haftvorführung am Gericht.
vor 6 Stunden
Frankfurt/Main
Nach einer Durchsuchungsaktion wegen möglicher Anschlagspläne im Rhein-Main-Gebiet ist gegen einen 24-jährigen mutmaßlichen Islamisten Haftbefehl erlassen worden.
Die Lage in Honglong eskaliert: Molotow-Cocktails werden von prodemokratischen Demonstranten an der Hong Kong Polytechnic University vorbereitet.
vor 6 Stunden
Hongkong
In Hongkong haben Demonstranten am Mittwoch den dritten Tag in Folge Teile der Finanzmetropole zum Erliegen gebracht. Der Betrieb an zahlreichen U-Bahn-Stationen musste eingestellt werden, weil Demonstranten im Berufsverkehr die Züge an der Weiterfahrt hinderten.
Tesla-Chef Elon Musk wird von seinen Anhängern mit Unternehmerlegenden mit Steve Jobs, Henry Ford und Thomas Edison verglichen.
vor 7 Stunden
Palo Alto
Tesla-Chef Elon Musk ist der Superstar der Tech-Szene - er wird von seinen Anhängern mit Unternehmerlegenden mit Steve Jobs, Henry Ford und Thomas Edison verglichen.
Das neue Firmenlogo von Facebook auf einem Smartphone-Bildschirm.
vor 7 Stunden
Menlo Park
Die jüngste Version der Facebook-App auf iPhones hat in einigen Situationen von sich aus die Kamera gestartet - das Online-Netzwerk spricht von einem Programmierfehler.
Problemflugzeug: Der Airbus A400M hat erneut technische Mängel.
vor 10 Stunden
Berlin
Wegen Problemen mit dem Propellersystem verweigert die Bundeswehr vorerst die Abnahme von zwei weiteren Transportflugzeugen des Typs A400M.
Nach Willen von CDU-Experten soll von Anfang an in den Einrichtungen der frühen Bildung der Spracherwerb und die Sprachentwicklung mit standardisierten Diagnoseverfahren erhoben und gefördert werden.
vor 10 Stunden
Kiel/Leipzig
CDU-Bildungspolitiker wollen in Kitas die Deutschkenntnisse bereits bei vier Jahre alten Kindern verbindlich testen und bei Mängeln eine Sprachförderung vorschreiben.
Erste Exemplare des günstigeren Tesla Model 3 auf dem Fabrikgelände in Fremont, Kalifornien.
vor 10 Stunden
Flensburg
Tesla ist aktuell Marktführer bei reinen Elektroautos in Deutschland. Von Jahresbeginn bis zum 31. Oktober wurden 9301 E-Autos von Tesla neu zugelassen, wie aus Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) in Flensburg hervorgeht.
vor 12 Stunden
Hauptzollamt Lörrach
Eine 33-Jährige wollte mit dem ICE und ihren beiden Geigen im Wert von jeweils 12.000 Euro in die EU einreisen. Dabei hatte sie aber einige grundlegende Dinge vergessen. Das hat für sie nun rechtliche und finanzielle Konsequenzen.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 11.11.2019
    Bewegung analysieren
    Die moderne Arbeitswelt kann krank machen. Körperliche Unterforderung und psychische Überforderung resultieren in Rückenschmerzen, Gelenkproblemen, Burnout und Stoffwechselstörungen. Stinus Orthopädie bietet Unternehmen Bewegungsanalysen für Beschäftigte an – die auch im Betrieb durchgeführt werden...
  • 08.11.2019
    Medizinische Therapie und Fitness-Training
    „Fit werden – Fit bleiben“ – das ist das Motto des Rehazentrums Offenburg. Darum bietet es in familiärer und freundlicher Atmosphäre vielfältige Therapiemöglichkeiten an. Egal, ob chronische Schmerzen oder Beschwerden nach einer Operation – das Rehazentrum Offenburg findet die individuelle Hilfe...
  • 05.11.2019
    "Maschinen-Wagner" lädt ein
    Ob drehen, fräsen, bohren oder schleifen – „Maschinen-Wagner“ in Renchen ist der Experte auf dem Gebiet der Metallverarbeitung. Im November lädt das Unternehmen zur Hausmesse ein. Hier können sich die Besucher rund um die Themen Innovative Technologien, 5-Achs-Fräsen und Automatisierung informieren...
  • 04.11.2019
    Ausbildung und Praktikum
    Hermann Uhl KG in Schutterwald: Seit über 85 Jahren steht die Firma UHL aus Schutterwald für hohe Qualität rund um Sand, Kies, Beton und Betonerzeugnisse. Ohne gute Mitarbeiter geht so etwas nicht. Genau deshalb investiert UHL viel in die persönliche berufliche Entwicklung und in die Ausbildung...