ARD-Talk „Hart aber fair“

Technische Pannen retten vorhersehbaren Urlaubs-Talk

Autor: 
Sascha Maier
Lesezeit 6 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
23. Februar 2021
Talkmaster Frank Plasberg hatte am Montag mit technischen Pannen zu kämpfen. (Archivbild)

Talkmaster Frank Plasberg hatte am Montag mit technischen Pannen zu kämpfen. (Archivbild) ©Foto: imago/Horst Galuschka/Horst Galuschka

Emotionales Thema, erwartbare Talkrunde: Bei Frank Plasberg wird über Urlaubschancen in der Pandemie gesprochen. Schwung in die Show kommt erst, als das Bild von Reinhold Messner einfriert.

Berlin - Wer wartet nicht darauf, dass diese Corona-Chose endlich endet und man wieder das Himalaja-Gebirge bezwingen kann? „Sommer der Unsicherheit – echter Urlaub nur mit Impfung?“ lautete am Montag das Thema bei „Hart aber fair“, dem ARD-Talk um Moderator Frank Plasberg. Ja, was der abenteuerliche Extrembergsteiger Reinhold Messner als prominenter Talkgast dem durchschnittsdeutschen Touristen zu sagen hätte, das wäre vielleicht interessant geworden. Leider kam es nicht dazu – doch eins nach dem anderen.

Moderator Frank Plasberg spricht zu Beginn der Sendung mit Andrea Zschocher darüber, die als Mutter mit drei Kindern und freie Journalistin vorgestellt wird, dass sie in Social-Media-Kanälen „wüst beschimpft worden“ sei, nachdem sie sich dahingehend geäußert hatte, gerne mal wieder in den Urlaub zu fahren. „Wir wollen im Sommer nach Österreich in eine einsame Hütte und wandern“, sagte Zschocher. Damit ist auch schon die Grundforderung formuliert.

Der nächste Talkgast, Andreas Bovenschulte (SPD), Bremens OB und damit auch Teilnehmer der mächtigen Bund-Länder Konferenz, die alle wichtigen Weichen in der Coronapolitik stellt, darf sich sogleich rechtfertigen. „Traut man sich bei der Kanzlerin, das Wort Urlaub in den Mund zu nehmen?“, fragt ihn Plasberg. Bovenschulte geht nicht wirklich darauf ein, sagt aber, es hänge alles von Inzidenzen ab und dass man „auf Sicht fahren müsse“, was Politiker gerade sehr gerne sagen. Bovenschulte erfüllt seine Rolle im plasbergschen Talk-Konstrukt also auch.

Zwei Seelen in der Brust

Genau wie Virologin Corinna Pietsch: Urlaub sei ja nicht gleich Urlaub, es gebe ein breites Spektrum, wie man Urlaub gestalten könne, sagt sie. Und dann noch etwas Handfestes mit Blick auf Ostern und Frühling: „Wir gehen davon aus, dass Witterung Einfluss haben wird, so um die 20 Prozent Reduktion.“

Bis hierhin funktioniert die Talkshow-Formel: die Frau, die in den Urlaub will, der technokratisch wirkende Politiker, die unbequeme Expertin – wahrscheinlich wie geplant, wenn auch vorhersehbar. Doch dann kommt Reinhold Messner. Beziehungsweise, eigentlich kommt er nicht. „Gleich wird er uns hören, Geduld“, sagt irgendeine Stimme aus dem Off, während der berühmte Bergsteiger auf seinem Bildschirm keine Miene verzieht. Das Bild ist eingefroren. „Drei Sekunden sind der normale Laufweg“, sagt Plasberg ungefähr nach 30 Sekunden und versucht die Panne mit einem Scherz aufzulockern. „Wir werden noch mal 20 Euro in die Leitung investieren.“

Unterdessen schwenkt die Kamera weg vom Erstarrten zu Norbert Fiebig. Der Präsident des Deutschen Reiseverbands ist persönlich anwesend, kann also nicht spontan einfrieren und beginnt dann über Umsatzrückgänge von 90 Prozent in der Branche und dem Bedürfnis nach Reisen zu reden – bis er es dann mit seiner Rolle, die offensichtlich ein bisschen schurkig angelegt war, vielleicht etwas übertreibt: Zwei Seelen seien in seien Brust. „Einmal der Urlauber“, und der naive Zuschauer denkt sich, wenn zwei Seelen in einer Brust ringen, muss die zweite etwas Entgegengesetztes sein. Vielleicht so was wie der besonnene Stubenhocker? Aber von wegen! Die zweite Seele in Norbert Fiebigs Brust ist die Seele des Unternehmers, lässt er uns wissen. Es folgt ein Plädoyer für Pauschalreisen.

„Vielleicht ein andermal“

Auch sein Auftritt verläuft nicht ganz ohne technische Zwischenfälle. Erst geht er auf Einspieler ein, der den Gästen offenbar schon vor der Live-Ausstrahlung gezeigt wurde. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagt in dem Film, dass es mit dem Reisen in den Osterferien nichts werden wird. Da man zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, wovon Fiebig spricht, drückt Plasberg schnell auf den Einspieler-Knopf – und dann holpert es so weiter. Jetzt wissen wir zwar, dass die Einspieler bei „Hart aber fair“ für die Gäste nicht überraschend kommen, aber die Studiotechnik hat ohnehin andere Sorgen.

- Anzeige -

Zehn Minuten später, Reinhold Messner verharrt immer noch in dem eingefrorenen Bild. Frank Plasbergs Versuch, mit dem Bergsteiger in Kontakt zu treten, scheitert erneut. Jetzt wird der Bildschirm abgebaut, man sieht alles, kann die Techniker im Hintergrund bei der Arbeit beobachten, kurzzeitig wird auch der Bremer OB Andreas Bovenschulte, dessen Bildschirm danebensteht, beim Rumstöpseln abgeschaltet. „Vielleicht ein andermal“, sagt Plasberg.

Weiter geht’s mit dem nächsten Einspieler, der suggeriert, dass Übernachtungen in Jugendherbergen verboten seien, auf Kreuzfahrtschiffen aber erlaubt. Bremens OB Andreas Bovenschulte bemerkt, dass Bremerhaven zwar ein wichtiger Kreuzfahrtstandort sei, man dort aber nicht einfach auf Kreuzfahrtschiffen nächtigen könne, wegen dem Beherbergungsverbot.

Wer das tun wolle, müsse erst andere Länder besuchen, wo anderes Recht gelte. Der Reisebranchenvertreter Norbert Fiebig findet die Hygienekonzepte der Anbieter überzeugend, die Virologin Corinna Pietsch nicht, erkrankte Urlauber ohne Symptome auf Kreuzfahrt würden nämlich nicht erfasst.

Neues Wort: Spazierwandern

Dann steuert die Sendung urplötzlich unter der Überschrift „Freie Fahrt für Geimpfte?“ zum Israel-Griechenland-Abkommen, das eine gewisse Reisefreizügigkeit mit Impfnachweis zusichern soll. Ob solche Abkommen auch ein Modell für Deutschland seien? Da scheinen die meisten Talkgäste überfragt. Die Virologin Pietsch findet eine dem Abkommen zugrunde liegende Studie problematisch – auch hier führt sie das Argument der asymptotischen Infektionen ins Feld.

Bei den Sprüngen von Kreuzfahrtschiffen zu internationalen Reiseabkommen wirkt der Reisebuchautor Manuel Andrack in den letzten Takten der Sendung dann wohltuend entschleunigend. Bislang hatte er kaum etwas gesagt. Der leidenschaftliche Wanderer plädiert für Urlaub von der Haustür. Das sei ohnehin das einzige, was man viruskonform noch machen könne. Es wurde auch ein neues Wort erfunden: Spazierwandern.

Grüße aus Bozen

Am Ende der Sendung liest Frank Plasberg noch vor, was ihn von Messner zwischenzeitlich in schriftlicher Form erreichte: „Grüße an alle in die Runde aus Bozen!“ Eigentlich wäre das ein schöner Schlusssatz gewesen, aber die Sendezeit ist noch nicht vorüber. Und einen hat Plasberg noch.

Der Moderator fragt seine Talkgäste, wer mit wem der anderen am liebsten Urlaub machen würde. Die Gesichter verraten: Auf die Einspieler waren sie vielleicht vorbereitet, auf diese Frage nicht. OB Bovenschulte würde das gerne mit der Virologin Pietsch und umgekehrt. Wanderbuchautor Andrack würde sich ebenfalls am liebsten mit der Virologin zusammentun und der Verbandsmensch Fiebig wiederum mit Herrn Andrack. Und Andrea Zschocher, die dreifache Mutter und Journalistin? „Mit niemandem – und wenn es doch sein muss, dann mit Andrack.“ Vielleicht gehen sie ja eines Tages spazierwandern.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

 Eingang des 1891 gegründeten Robert-Koch-Instituts in Berlin. 
24.02.2021
Nachrichten
Nach einem Jahr Corona stellen sich Fragen zur Rolle des RKI. Das Robert-Koch-Institut reagierte auf die Pandemie träge und lag mit seinen Hinweisen mehrfach falsch.
Das Brandenburger Tor in Berlin: Was ist ein Erinnerungsort anderes als die auskristallisierte Vorstellung von nationaler ­Bedeutung?
22.02.2021
Welche Rolle spielt die Nation?
Überall sonst gilt die Nation als Erfolgsmodell. Aleida Assmann gibt den Deutschen dazu einen Denkanstoß.
Die Bundeszentrale für politische Bildung soll vor allem Schülern Politik näherbringen.
22.02.2021
Bundeszentrale in Bonn
Die zuständige Bundeszentrale soll die Deutschen ausgewogen und unideologisch informieren – doch das ist nicht immer der Fall.
Die Corona-Warn-App soll eigentlich helfen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Aber sie schützt eher die Daten denn die Menschen.
18.02.2021
Corona
Welches sind die Risiken, um deretwillen wir auf eine wirksame Kontaktverfolgung verzichten? Selbstbestimmung über die „eigenen“ Daten ist generell nur in geringem Umfang möglich.
Flüchtlinge warten in einer Schlange, um Lebensmittel und warme Getränke im Lager Lipa in Bosnien-Herzegowina zu erhalten.
15.02.2021
Migration
Weil Europa Griechenland alleinlässt mit dem Migrationsproblem, verstärkt sich die Wanderbewegung nordwärts.
Station des Universitätskrankenhauses von São João do Porto Blut für die Analyse eines Patienten ab, der vermutlich positiv auf Covid-19 ist.
12.02.2021
Corona-Pandemie
Fast jeder kennt mittlerweile mindestens eine Person, die eine Ansteckung mit Sars-CoV-2 überwunden hat.  Wie sicher sind diese Personen vor einer Zweitinfektion – und können sie erneut zu Virenüberträgern werden?
War Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, zu vertrauensselig?
10.02.2021
Corona-Pandemie
Zu wenig Dosen und Streit mit der Pharmabranche: Die Taktik der EU in der Impfkrise bleibt fragwürdig.  Aber die Kommissionspräsidentin weist wieder einmal jede Verantwortung von sich.  
Auf der Pressekonferenz nach dem jüngsten Impfgipfel: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sitzt zwischen Michael Müller (SPD, links), Regierender Bürger­meister von Berlin, und Markus Söder, Ministerpräsident von Bayern und Vorsitzender der CSU, auf einer Pressekonferenz.
10.02.2021
Corona-Pandemie
Politiker inszenieren sich in der Pandemie als Macher. Die eigentliche Last aber tragen Bürger und Unternehmen.  Die Krise legt die Schwachstellen des Staates offen, der zwischen Selbstüberschätzung und Trägheit schwankt.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Gerade bei WeberHaus hat das Handwerk goldenen Boden ....
    vor 20 Stunden
    Bei WeberHaus auf eine sichere berufliche Zukunft bauen
    Träume zu ermöglichen macht Freude – und wenn man Teil eines motivierten Teams ist, kann das schon mal zur Lebensaufgabe werden. Seit über 60 Jahren erfüllt WeberHaus Menschen den Traum vom Eigenheim. Jetzt sucht der Fertighaus-Profi Verstärkung, speziell im handwerklichen Bereich auf den...
  • „Tradition leben, aber neue Wege gehen. Genau unser Bier.“
    26.02.2021
    Familienbrauerei Bauhöfer: Deutschlands jüngste Brauereichefin führt Biermarke in die Zukunft
    Die Familienbrauerei Bauhöfer aus Renchen-Ulm existiert bereits seit 1852, mittlerweile ist die fünfte Generation am Start. Geschäftsführerin Katharina Scheer, Deutschlands jüngste Brauereichefin, führt die Biermarke seit Jahresbeginn mit neuem Namen und neuem Design in die Zukunft: Ulmer heißt...
  • Die Oberkircher Berufsinfomesse findet erstmals digital statt.
    26.02.2021
    26. und 27. März: Firmen aus der Region sind live zugeschaltet
    Vielfältige Ausbildungsberufe und Studiengänge aus den Bereichen Handel, Handwerk, Dienstleistung, Gastronomie & Hotellerie, Industrie, Verwaltung, Finanzwesen und Industrie stehen bei der Oberkircher Berufsinfomesse (BIM) am Freitag und Samstag, 26. und 27. März, im Fokus.
  • Karina Hahn (von links), Nicolina Fischer und Petra Kiesel lassen den Küchentraum wahr werden.
    25.02.2021
    Der Küchenspezialist aus Achern-Mösbach
    Eine gut geplante und hochwertige Küche begleitet durchs Leben, dabei bedient sie die unterschiedlichsten Ansprüche und ist mindestens so individuell wie ihre Nutzer. Gute Planung ist das A und O: und hier ist das Hahn Küchenstudio in Achern-Mösbach der optimale Partner.