Halle/Landsberg/Helbra

«Trauer, Bestürzung und ein bisschen Wut»

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
10. Oktober 2019
In Halle herrscht Trauer.

In Halle herrscht Trauer. ©dpa - Hendrik Schmidt/dpa

Das Fluchtauto aus Halle stehe auf seinem Grundstück, erzählt ein Mann sichtlich aufgewühlt am Mittwochabend. Die Polizei habe Sprengstoff darin gefunden.

Die Polizei bestätigt das nicht und überhaupt sagen die Beamten, die den Landsberger Ortsteil Wiedersdorf bereits seit dem Nachmittag abgeriegelt haben, nichts zu ihrem Einsatz. Zuvor hatte ein schwerbewaffneter Mann in dem 15 Kilometer von Wiedersdorf entfernten Halle vergeblich versucht, in eine Synagoge einzudringen und dort ein Blutbad anzurichten. Außerhalb des Gotteshauses tötete er zwei Menschen. Auf seiner Flucht soll er nach Wiedersdorf gekommen sein.

Was Reporter in dem Ort erfahren, stammt oft aus einer WhatsApp-Gruppe, über die Einwohner untereinander Kontakt halten. Quer auf der Landstraße stehende Polizeiwagen versperren die Durchfahrt. Immer wieder müssen Autos auf der Straßen wenden und umkehren. Auch in Landsberg habe es Schüsse gegeben, das ist die einzige Information der Behörden zu dem Örtchen nahe der sächsischen Grenze. Anwohner dürfen ihre Häuser nicht betreten, niemand darf sich dem Ort bis auf 300 Meter nähern, schwerbewaffnete Polizisten durchsuchen Häuser. Der Einsatz ist offenbar auch am frühen Donnerstagmorgen noch nicht beendet, als die großräumigen Sperren im nahegelegenen Halle schon längst wieder aufgehoben sind. Allerdings hat ein Großteil der Polizisten den Einsatzort verlassen.

In Halle herrscht dagegen Trauer: Am späten Abend stehen knapp 50 Menschen auf dem Marktplatz. Sie haben, wie einige Dutzend vor ihnen, Blumen mitgebracht und Kerzen, die sie in Gedenken an die Opfer und den Angriff auf die Synagoge rund eineinhalb Kilometer nördlich von hier niedergelegt haben. «Das ist unsere Stadt und wir wollen zeigen, dass wir das nicht tolerieren», sagt Andrea. «Gerade überwiegt die Trauer, Bestürzung und ein bisschen Wut», sagt die 55-Jährige.

Auch studiert

Auch Lelóu gedenkt der zwei Menschen, die der Rechtsextreme Stephan B. einige Stunden zuvor getötet haben soll. Sie studiert, so wie es auch B. getan haben soll, in Halle. «Es ist um die Ecke passiert. Wir wissen nicht, wer die Opfer sind, aber es hätte auch einer von uns sein können», sagt die 20-Jährige. «Einer unserer Kommilitonen ist gestern noch beim Dönerladen was essen gewesen.» Ihre Großeltern hätten ihr nach solch schrecklichen Taten gesagt, sie solle aufpassen, wenn sie auf die Straße gehe, sagt Lelóus Kommilitonin Lena (20). Eigentlich wolle sie sich gerade davon nicht einschüchtern lassen. «Aber jetzt ist es halt genau hier passiert - schon sehr gruselig.»

- Anzeige -

Bewaffnet mit Langwaffen und wohl selbstgebauten Sprengsätzen soll der mutmaßliche Rechtsextremist B. am Nachmittag seinen Angriff in Halle begonnen haben. Nur glückliche Fügungen und die Sicherheitsvorkehrungen der Jüdischen Gemeinde verhinderten wohl, dass er nicht deutlich mehr Menschen töten konnte. Im Internet taucht ein Video auf, auf dem B. während der Tat zu sehen sein soll, so wie schon andere Rechtsextreme ähnliche Taten filmten und veröffentlichten.

In fast 36 verstörenden Minuten dokumentiert und kommentiert in dem Video ein Mann seine Taten, spricht über seine rechtsextremen Motive, über das Versagen seiner Kampfmittel, über die Enttäuschung, nicht in die Synagoge gekommen zu sein. Auf die beiden Menschen, die er tatsächlich tötete, so lässt das Video vermuten, hatte er es ursprünglich gar nicht abgesehen. Der Mann im Video scheint schlecht vorbereitet auf seine Tat, offenbar improvisiert er, als er eine Frau auf der Straße vor der Synagoge und später einen Mann in einem Imbiss tötet. Wenig später nimmt die Polizei B. fest.

In der Nähe aufgewachsen

Der mutmaßliche Täter wuchs gar nicht weit weg vom Tatort auf. In Helbra, rund 30 Kilometer östlich von Halle, sind am Abend auf den Straßen keine Menschen mehr. Durch den 4000-Einwohner-Ort führt eine einzige Hauptstraße, entlang an vielen kleinen, renovierungsbedürftigen Einfamilienhäusern. An der einzigen großen Kreuzung holt sich ein Mann am späten Abend noch bei einem Döner-Imbiss etwas zu essen.

Wenige Meter weiter wohnt B.s Vater. Er will nicht mit Journalisten sprechen. Von den Nachbarn in der verkehrsberuhigten Straße mit Kopfsteinpflaster will das nur einer. Und was er sagt, kommt einem bekannt vor, aus anderen Beschreibungen von Nachbarn von Amokläufern. Familie B. sei eine ruhige Familie, Stephan viel zu Hause gewesen. Ohne Haare sehe er ja komisch aus, aber ein Nazi? Stephan? Das kann sich der Nachbar nicht vorstellen.

Der Landstrich um die Städte Eisleben, Sangerhausen und Hettstedt war bis 1990 über Jahrhunderte hinweg durch den Kupferbergbau geprägt. Mit dem Strukturwandel in der ostdeutschen Industrie wurde der Erzabbau nach der Wende aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt. Zehntausende Menschen und Familien waren vom Jobverlust betroffen. Bis heute hat sich die Region davon nicht erholt, trotz Luther-Tourismus.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

vor 7 Stunden
Nachrichten
Felsstürze auf Autobahnen in Deutschland sind sehr selten. Wenn es passiert, können die Folgen wie nun in Baden-Württemberg tödlich sein.
Tilman Kuban, Bundesvorsitzender der Jungen Union Deutschlands, spricht auf einer Veranstaltung.
vor 8 Stunden
Berlin/Saarbrücken
Der Chef der Jungen Union (JU), Tilman Kuban, hat einen neuen Anlauf zu einer Reform des europäischen Urheberrechts ohne sogenannte Upload-Filter gefordert.
Die katalanischen Separatistenführer auf der Anklagebank im Obersten Gericht in Madrid.
vor 8 Stunden
Madrid
Im ebenso historischen wie umstrittenen Prozess gegen die katalanischen Separatistenführer sind neun Angeklagte zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden.
Gergely Karacsony, der siegreiche Kandidat der Opposition, nach der Bürgermeisterwahl in Budapest.
vor 9 Stunden
Budapest
Die Opposition in Ungarn hat bei den landesweiten Kommunalwahlen einen unerwarteten Sieg erzielt. Ihr Kandidat, der Soziologe Gergely Karacsony, wurde Oberbürgermeister von Budapest und löst den bisherigen Amtsinhaber Istvan Tarlos von der rechts-nationalen Regierungspartei Fidesz ab.
Warnt vor Pauschalurteilen gegen die Gamerszene gewarnt: CSU-Chef Markus Söder.
vor 12 Stunden
München
CSU-Chef Markus Söder hat bei der Aufarbeitung des Terroranschlags von Halle vor Pauschalurteilen gegen die Gamerszene gewarnt.
Der goldfarbene SUV wird nahe der Düsseldorfer Königsallee abgeschleppt.
vor 12 Stunden
Düsseldorf
Mit einer ungewöhnlichen Begründung hat die Düsseldorfer Polizei ein goldfarbenes Autos aus dem Verkehr gezogen. Der mit goldener Folie überzogene Wagen sei eventuell zu grell für den Straßenverkehr, sagte ein Polizeisprecher am Montag.
Suchaktion am Elbdeich in Brunsbüttel: Eine Frau und ihr achtjähriger Sohn werden weiter vermisst.
vor 13 Stunden
Brunsbüttel
Einsatzkräfte haben in der Nacht zum Montag vergeblich nach einer im Watt vor Brunsbüttel vermissten Frau und ihrem achtjährigen Sohn gesucht.
vor 13 Stunden
Bühl
Der neue Oberbürgermeister in Bühl ist auch der alte: Amtsinhaber Hubert Schnurr ist mit großer Mehrheit wiedergewählt worden. Der 64-Jährige hatte aber auch keinen Gegenkandidaten.
Die katalanischen Separatistenführer auf der Anklagebank im Obersten Gericht in Madrid.
vor 13 Stunden
Madrid
Im historischen Prozess gegen die katalanischen Separatistenführer hat das Oberste Gericht in Madrid neun der Angeklagten am Montag des Aufruhrs für schuldig gesprochen.
Andrea Nahles war mit einer Unterbrechung seit 1998 im Bundestag.
vor 14 Stunden
Berlin
Die frühere Partei- und Fraktionschefin der SPD, Andrea Nahles, legt jetzt auch ihr Bundestagsmandat nieder. Das schrieb sie am Montag an Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), wie Nahles der Deutschen Presse-Agentur mitteilen ließ. 
PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski bei der Stimmabgabe in einem Wahllokal in Gnesen.
vor 15 Stunden
Warschau
Bei der Parlamentswahl in Polen hat sich die nationalkonservative Regierungspartei PiS mit großem Vorsprung vor der politischen Konkurrenz durchgesetzt.
SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil: «Die Parteibasis wünscht sich mehr Miteinander in der SPD.».
vor 15 Stunden
Berlin
Zum Beginn der Mitgliederbefragung plädiert SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil noch einmal für mehr Geschlossenheit in der Partei.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 11.10.2019
    Offenburg
    Sorgenfrei zur Traumküche, von der Planung bis zur Montage, begleitet von erfahrenen Profis – das bietet die Streb-Küchenwelt in Offenburg. Der verkaufsoffene Sonntag am 13. Oktober ist die ideale Gelegenheit für eine entspannte Beratung vor Ort.
  • 08.10.2019
    Entspannung ist im hektischen Alltag immer wichtiger. Die volle Entspannung finden Sie im Nationalpark-Hotel Schliffkopf auf den Höhen der Schwarzwaldhochstraße. Mit der Kombination aus hochwertigen Pflegeprodukten und einer einzigartigen Landschaft, können Kunden voll vom Alltag abschalten.
  • 04.10.2019
    Im Oktober in Südbaden
    Das Braun Möbel-Center bietet Wohnmöbel in vielen Formen, Farben und Materialien. Vom 10. bis zum 12. bzw. 13. Oktober findet in neun Märkten in der Region die große Hausmesse statt.
  • 04.10.2019
    Ausgezeichnete Experten seit 30 Jahren
    Wenn es nicht nur gut werden soll, sondern perfekt, ist die erste Adresse für die besondere Küche: Küchen-Schindler in Achern. Leidenschaft, Präzision, Liebe und Akribie - mit diesen Merkmalen plant und gestaltet Küchen Schindler aus Achern seit 30 Jahren Küchen.