Bremen

TV-Bericht über Pädophile soll Lynchjustiz ausgelöst haben

Autor: 
dpa
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
14. Juni 2018
Im Bremer Ortsteil Lesum haben mehrere Männer einen vermeintlichen Pädophilen in seiner Wohnung zusammengeschlagen und schwer verletzt.

Im Bremer Ortsteil Lesum haben mehrere Männer einen vermeintlichen Pädophilen in seiner Wohnung zusammengeschlagen und schwer verletzt. ©dpa - Carmen Jaspersen

Ein Lynchmob dringt in eine Wohnung in Bremen ein und schlägt den Bewohner zusammen. Die Gewalt ist so hefig, dass der 50-Jährige zeitweise in Lebensgefahr ist. Zeugen zufolge hielten die Täter das Opfer für einen Pädophilen, der in einem Fernsehbericht zu sehen gewesen sei.

Die Ermittler wollen jetzt den Beitrag aus der RTL-Sendung «Punkt 12» genau unter die Lupe nehmen. Fest steht aber schon: «Er ist nicht derjenige aus dem Video gewesen», wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Frank Passade, am Donnerstag sagte.

RTL entfernte den Beitrag aus dem Internet. Ein Sprecher wies aber darauf hin, dass man die journalistische Sorgfaltspflicht in jeder Hinsicht gewahrt habe. Im Beitrag habe es keinerlei Hinweise auf den Ort oder eine vermeintliche Adresse des mutmaßlichen Pädophilen gegeben, teilte der Sprecher weiter mit. Er betonte: «RTL verurteilt den brutalen Akt der Lynchjustiz in Bremen auf das Schärfste.»

Die Täter glaubten nach Angaben der Ermittler, in dem Bericht den 50-Jährigen und auch das Haus, in dem er wohnt, wiedererkannt zu haben. Nach der Ausstrahlung am Dienstagmittag habe sich eine Gruppe von sieben bis zehn Menschen dort versammelt, sagte Passade. «Ob tatsächlich alle an der Tathandlung beteiligt waren, müssen wir klären.» In welchen Verhältnis die Angreifer zum Opfer standen und ob ihre Identitäten bekannt sind, wollte er nicht sagen. Die Polizei konnte den 50-Jährigen kurz befragen, bevor er ins Krankenhaus kam. Er ist inzwischen nicht mehr in Lebensgefahr.

Dass Bürger Selbstjustiz üben, kommt immer wieder vor. 1981 erschoss eine Gastwirtin in einem Lübecker Gerichtssaal den mutmaßlichen Mörder ihrer siebenjährigen Tochter. Für viel Aufsehen sorgte auch die Tat eines Russen, der bei der Flugzeugkatastrophe von Überlingen am Bodensee seine Frau und zwei Kinder verloren hatte und 2004 deshalb einen Mitarbeiter der Schweizer Flugsicherung Skyguide erstach. Eine große Debatte über die Rolle der Medien löste 2012 der Mord an der elfjährigen Lena in Emden aus. Nach Lynch-Aufrufen im Internet belagerte ein Mob die Polizeiwache und forderte die Herausgabe eines 17-Jährigen, der sich später als unschuldig erwies.

- Anzeige -

Der Hamburger Soziologe Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung sieht die Verantwortung jedoch nicht allein bei den Medien. «Es hängt viel davon ab, wie die einzelnen Menschen über Gerechtigkeit und Bestrafung denken.» Lynchjustiz komme in der Regel bei Verbrechen vor, die die Menschen erschütterten und wo das Gefühl entstehe, die Täter müssten hart bestraft werden - das betreffe besonders Straftaten, bei denen Kinder involviert seien.

«Allerdings lenken die Medien die Aufmerksamkeit auf solche Verbrechen», sagte Schmidt. «Die Art, wie über Missbrauch oder ein Tötungsdelikt berichtet wird und wie die Täter dargestellt werden, kann darauf Einfluss haben, ob Menschen den Impuls bekommen, das Recht selbst in die Hand zu nehmen.»

In der RTL-Reportage hatte sich ein Reporter in einem bei Pädophilen beliebten Internetportal als Mädchen ausgegeben. Bei ihm meldete sich nach Angaben des Senders ein Mann, der sich mit dem Mädchen treffen wollte. An dem Treffpunkt auf einem Vorplatz von Geschäften tauchte ein Mann auf, der sich auffällig verhielt. Als der Reporter den Mann später konfrontieren wollte, war dieser plötzlich verschwunden.

Der Sender hat eigenen Angaben nach die Polizei nach der Sendung über die Recherchen informiert und belastendes Filmmaterial übergeben. Nachdem der mutmaßliche Fall von Lynchjustiz bekanntgeworden war, händigte RTL den Ermittlern weiteres Rohmaterial aus. Dieses werde jetzt intensiv geprüft, sagte Passade. Es könnte aber auch sein, dass der in dem Beitrag gezeigte Mann ein Unbeteiligter sei, der mit dem Ganzen nichts zu tun habe.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

Oscarpreisträger Florian Henckel von Donnersmarck und Schauspieler Sebastian Koch begeisterten im Forumkino Offenburg ihr Publikum.
Star-Besuch im Forumkino
vor 2 Stunden
Ein Hauch von Hollywood lag am Sonntagabend über dem Forumkino in Offenburg.
Washington
vor 2 Stunden
Seine Meinung ändert Trump häufig. Trotzdem überrascht jetzt seine Aussage, dass er nun doch an den Klimawandel glaube. Unschlüssig ist er aber noch über dessen Ursachen.
Kommentar des Tages
vor 2 Stunden
Im Kommentar des Tages erörtert unser Korrespondent Werner Kolhoff, wie sich die SPD nach dem Desaster bei der Bayern-Wahl jeetzt verhalten sollte.
Nach der Wahl in Bayern
vor 4 Stunden
Nach dem desaströsen Ergebnis für die CSU bei der Landtagswahl in Bayern gerät nun auch die CDU - knapp zwei Wochen vor der Wahl in Hessen - in die Bredouille.
Ulrich Eith ist Politikwissenschaftler an der Universität Freiburg.
Interview
vor 4 Stunden
Nach dem für die Mitglieder der Großen Koalition desaströsen Ausgang der Landtagswahl in Bayern blickt nun alles auf die Hessen-Wahl am 28. Oktober. Auch der Freiburger Politikwissenschaftler Ulrich Eith vertritt im Interview mit der Mittelbadischen Presse die Ansicht, dass die GroKo die Füße im...
Rollen vertauscht
vor 4 Stunden
Bei der Landtagswahl in Bayern haben die Grünen gewonnen, während die SPD ein Debakel erlebte. Das zeigt sich oft in Deutschland.
Polizeibeamte gehen im Kölner Hauptbahnhof in Position.
Köln
vor 14 Stunden
Dramatische Stunden am Kölner Hauptbahnhof. Während rund um das Gebäude Hunderte Reisende ausharren, verschanzt sich in einer Apotheke im Bahnhof ein Geiselnehmer. Erst nach mehreren Stunden wird er überwältigt.
Opel-Werk im hessischen Rüsselsheim.
Rüsselsheim/Berlin
vor 15 Stunden
Mit Opel steht der nächste deutsche Autobauer im konkreten Verdacht, die Abgase von Dieselfahrzeugen mit umstrittenen Software-Funktionen manipuliert zu haben.
Nachrichten
vor 18 Stunden
In einer Apotheke im Kölner Hauptbahnhof hat es eine Geiselnahme gegeben. Diese hat die Polizei mittlerweile beendet. Der Täter sei unter Kontrolle, teilten die Einsatzkräfte mit.
9/11-Terrorhelfer Mounir el Motassadeq Motassadeq wird von zwei Polizisten bewacht.
Hamburg
vor 19 Stunden
Nach fast 15 Jahren Haft ist der 9/11-Terrorhelfer Mounir el Motassadeq für seine geplante Abschiebung nach Marokko aus dem Gefängnis in Hamburg abgeholt worden.
2017 stand dem Zuzug von 1,551 Millionen Menschen der Wegzug von 1,135 Millionen gegenüber, wie das Statistische Bundesamt mitteilt.
Wiesbaden
vor 20 Stunden
Im vergangenen Jahr sind unter dem Strich insgesamt 416 000 Menschen mehr nach Deutschland gekommen als gegangen.
Microsoft erhalte monatlich rund 1000 Beschwerden weltweit über entsprechende Betrugsversuche - auch als Microsoft-Mitarbeiter geben sich die Kriminellen immer wieder gerne aus.
München
vor 21 Stunden
Auf betrügerische Anrufe von vermeintlichen Service-Mitarbeitern fällt einer aktuellen Studie von Microsoft ausgerechnet die jüngere Generation der unter 40-Jährigen herein.