Nürnberg

Unbekannter sticht auf Frauen in Nürnberg ein

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
14. Dezember 2018
Mehr zum Thema
Die drei Tatorte liegen nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt - in einem beliebten Viertel mit vielen Altbauten.

Die drei Tatorte liegen nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt - in einem beliebten Viertel mit vielen Altbauten. ©dpa - Daniel Karmann

Zu sehen ist praktisch nichts mehr. Und trotzdem wissen am Freitagmorgen alle Bescheid: Ein bislang Unbekannter hat am Vorabend im Nürnberger Stadtteil St. Johannis unweit der Kaiserburg drei Frauen niedergestochen und schwer verletzt.

Zwei der drei Opfer im Alter von 26, 34 und 56 sind zunächst in Lebensgefahr - erst nach Stunden geben die Ärzte Entwarnung. War es ein Terroranschlag? Hass auf Frauen? Die Taten eines Verrückten? Die Spekulationen gehen in alle Richtungen. Die Polizei hat bisher keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund. Der Täter ist bislang nicht gefasst.

Die drei Tatorte liegen nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt - in einem beliebten Viertel mit vielen Altbauten. Auf den ersten Blick weist nichts mehr auf die Bluttaten hin. Nur wer genauer hinschaut, entdeckt am dritten Tatort letzte Spuren. Ein kurzes Stück des Absperrbandes der Polizei flattert im Wind. Es ist an einem Metallbogen im Vorgarten befestigt, an dem Rosen wachsen. Und vor der Haustür haben die Beamten ein gelbes Markierungshütchen vergessen. Nur wenige Menschen sind bei der Kälte auf der Straße, einige Anwohner gehen mit ihren Hunden spazieren.

«Ich habe schon ein komisches Gefühl», sagt eine 54-Jährige, die gerade auf dem Weg zur Arbeit ist. «Wahrscheinlich war es einfach nur ein Irrer.» Weihnachten sei immer eine komische Zeit, erklärt die Frau. «Viele sind dann alleine und drehen durch.» Auch im «Caffé Fatal» um die Ecke gehen die Gedanken in diese Richtung - die Taten sind hier Thema Nummer Eins unter den Gästen. «Wahrscheinlich ist da einer ausgetickt», sagt die 53 Jahre alte Kerstin. An einen Terroranschlag glaubt sie nicht.

«Vielleicht hatte da einer einen Hass auf Frauen?», fragt sie. Sie gehe jedenfalls von einem Einzeltäter aus. Solange dieser nicht geschnappt ist, werde sie auf jeden Fall etwas vorsichtiger sein. «Ich habe aber gar keine Lust darauf, mich zu Hause einzuschließen.»

- Anzeige -

Am Vormittag fährt eine Polizeistreife die Straßen ab. In der Nacht waren die Beamten mit einem Großaufgebot im Einsatz. Stundenlang sei der Hubschrauber über dem Stadtteil gekreist, berichtet ein Anwohner. Auch mit Hunden wurde nach dem Flüchtigen gesucht. «Wir zeigen verstärkte Präsenz und fahnden mit Hochdruck», teilt die Polizei bei Twitter mit. Eine Sonderkommission ermittelt. «Bitte vorsichtig sein, der Täter könnte weiterhin mit einem #Messer bewaffnet sein.»

Der Angreifer hat die Fußgängerinnen zwischen 19.00 und 23.00 Uhr angegriffen - er soll sofort zugestochen und zuvor nicht mit seinen Opfern gesprochen haben. Die Tatwaffe ist zunächst unbekannt. Trotz unterschiedlicher Beschreibungen geht die Polizei von nur einem Täter aus. Es soll ein 25 bis 30 Jahre alter Mann mit normaler Statur sein, um die 1,80 groß, blond, mit heller Haut und Drei-Tage-Bart. Die Aussagen zu seiner Bekleidung gehen auseinander.

Die 26 Jahre alte Elen und ihre Freundin Dilan (25) zeigen sich sehr erschrocken. Die jungen Frauen machen in der Klinik um die Ecke eine Ausbildung zur Krankenschwester. Ihr erster Gedanke, als sie die Nachrichten hörte: «Oh Gott, was wäre, wenn ich betroffen gewesen wäre?», fragt Elen. Sie sei am Vorabend ganz in der Nähe unterwegs gewesen und habe mit dem Kopfhörer Musik gehört - das will sie nun erstmal bleiben lassen. «Ich denke, dass es ein psychisch Kranker war», sagt die 26-Jährige. «Vielleicht hatte er auch Drogen genommen.»

Ihre Freundin dachte als erstes an einen Terroranschlag. «Das passiert ja jetzt immer in der Weihnachtszeit», sagt Dilan. «Ich habe Angst gehabt, heute früh raus zu gehen.» Es könne überall und jederzeit passieren - selbst in einem an sich sicheren Stadtteil wie St. Johannis. «Kein Ort ist sicher», sagt auch eine andere Frau, die gerade in Nürnberg zu Besuch ist.

Dieser Eindruck passt zu einer neuen Bürgerbefragung der Stadt. Das Sicherheitsgefühl der Bewohner hat demnach abgenommen. Im Jahr 2011 zeigte sich noch die Hälfte der Nürnberger bei dem Thema «zufrieden oder sehr zufrieden», wie eine Sprecherin des Bürgermeisteramtes sagt. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 43 Prozent. «Die Unsicherheit hat zugenommen. Das ist aber kein Nürnberger Phänomen, sondern gilt allgemein», sagt sie. Genauere Ergebnisse der Befragung wollte die Stadt am Freitag vorstellen. Nach den Angriffen wurde der Termin aber erst einmal abgesagt.

Mehr zum Thema

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

vor 3 Stunden
Nachrichten
Jedes Jahr werden die großen Kirchen in Deutschland ein Stück kleiner. Ein Mittel dagegen ist bisher nicht in Sicht. Der Kriminologe Christian Pfeiffer plädiert dafür, das »Ruhekissen Kirchensteuer« abzuschaffen.
vor 6 Stunden
Nachrichten
Richter ohne Gesetz: Bestimmte Gruppen nehmen auch Konflikte selbst in die Hand und geben sie nicht an Polizei und Gerichte ab. Die Paralleljustiz bedroht den Rechtsstaat – auch im Südwesten.
vor 9 Stunden
Pro & Kontra der Mittelbadischen Presse
Die Mondlandung war auch als Medienereignis eine große Nummer. Rund um den Erdball verfolgten Millionen Fernsehzuschauer fasziniert, wie erstmals ein Mensch den Erdtrabanten betrat. Manche blieben dafür die ganze Nacht wach. Das war heute vor 50 Jahren. Und heute? Sollte weiter Geld für den FLug...
vor 20 Stunden
Kommentar des Tages
 Es war ein Meilenstein in der Raumfahrtgeschichte, die Mondlandung hat aber auch Mediengeschichte geschrieben: Als Apollo-11-Kommandant Neil Armstrong in den Morgenstunden des 21. Juli 1969 vorsichtig den Fuß auf den Erdtrabanten setzte und seine berühmten Worte von dem kleinen Schritt für einen...
Der Platz der Alten Synagoge vor der Uni Freiburg.
19.07.2019
Bekanntgabe am Freitag in Bonn
Wissenschaft und Hochschullandschaft hatten mit Spannung auf die Entscheidung gewartet. Jetzt ist klar, welche Unis in Deutschland sich künftig »Exzellenzuniversität« nennen dürfen. An den Gewinner-Hochschulen knallen die Sektkorken, denn zusätzlich gibt es viel Geld. Die Verlierer, zu denen auch...
19.07.2019
Personalwechsel und Klimapolitik
Zum 24. Mal beantwortete Kanzlerin Angela Merkel bei der traditionellen Bundespressekonferenz die Fragen der Hauptstadtjournalisten zu allen möglichen politischen – und auch persönlichen – Themen. 
Eine Wartenummer für den Antrag auf den Austritt aus der Kirche drückt eine Frau beim Amtsgericht Köln.
19.07.2019
Baden-Württemberg
In Baden-Württemberg verlassen immer mehr Menschen die katholische und die evangelische Kirche. Im vergangenen Jahr stieg die Zahle der Austritte nochmal deutlich.
Das Bundesamt für Justiz bemängelt, dass das Meldeformular für Beschwerden über rechtswidrige Inhalte gemäß dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz «zu versteckt» sei.
19.07.2019
Bonn/Berlin
Facebook legt Widerspruch gegen das Millionen-Bußgeld im Zusammenhang mit dem deutschen Gesetz gegen Hass im Netz ein. Das Bundesamt für Justiz (BfJ) hatte gegen das Online-Netzwerk Anfang des Monats ein Bußgeld von zwei Millionen Euro verhängt.
Victoria Strait in Kanada: Gebrochenens Meereis treibt auf dem Wasser.
19.07.2019
New York
Der vergangene Monat war nach Messungen der US-Klimabehörde NOAA der wärmste Juni seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880.
Die rechtsextreme NPD soll kein Geld mehr aus der Staatskasse erhalten.
19.07.2019
Berlin
Die rechtsextreme NPD soll kein Geld mehr aus der Staatskasse erhalten.
Ein Mann fährt mit einem E-Scooter auf dem Gehweg.
19.07.2019
Berlin
Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) ist dafür, die Zahl von Verleih-E-Tretrollern zu begrenzen.
Nach Angaben von Sea-Watch hat Kapitänin Carola Rackete Italien verlassen.
19.07.2019
Rom
Die deutsche Kapitänin Carola Rackete hat Italien nach Angaben von Sea-Watch verlassen.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 17.07.2019
    Große Wiedereröffnung
    Nur einige Meter vom alten Standort entfernt – und doch ist alles neu: Am Donnerstag, 18. Juli, öffnet um 8 Uhr im Lahrer Fachmarktzentrum nicht nur ein neuer, sondern zugleich der jüngste und modernste MediaMarkt Deutschlands seine Türen.
  • Die »Stand-up-Paddle-Boards« sind der Renner des Sommers.
    12.07.2019
    Erhältlich im EMUK Store in Lahr
    Durch einsame Landschaften streifen, sich frei fühlen und die Natur genießen – Camping ist Urlaub der besonderen Art. Doch was sollten Reisende einpacken? Hier sind aktuelle Trends für den Urlaub im Freien – und im Wasser.
  • 11.07.2019
    Edelbrennerei Wurth
    Gin, Whisky, Edelbrände – alles aus der Region, alles aus einer Hand und in höchster Qualität, das verspricht die Edelbrennerei Markus Wurth aus Altenheim. Neben Kooperationen mit heimischen Partnern ist das Familienunternehmen auch im Ausland inzwischen sehr erfolgreich.
  • 10.07.2019
    Offenburg
    Essensstände mit besonderen Leckereien sorgen für Genuss, Musiker und Illumination für Flair: Bei »Genuss im Park« wird der Offenburger Zwingerpark ab Donnerstag, 25. Juli, und bis Samstag, 27. Juli, wieder das stilvolle Ambiente für ein besonderes Fest sein.