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Lehrerverband: »Baden-Württemberg hat eine Bildungsnotlage«

Autor: 
Sophia Körber
Lesezeit 3 Minuten
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10. September 2018
Alleine im Schulraum Offenburg seien 70 Prozent der Grundschulen von Lehrermangel betroffen

(Bild 1/2) Alleine im Schulraum Offenburg seien 70 Prozent der Grundschulen von Lehrermangel betroffen ©dpa

In mehr als jeder zweiten Schule im Raum Offenburg kommt es laut Verband Bildung und Erziehung (VBE) bereits am Montag zu Unterrichtsausfällen. Der Grund: fehlende Lehrer. Baden-Württemberg steckt in einer Bildungsnotlage, sagt der VDE.

Mit einer Qualitätsoffensive will Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU)Schüler fit für die Zukunft machen. Bessere Rechtschreibung, neue Schulfächer wie Informatik und die Förderung von Flüchtlingskindern stehen auf dem Plan. Ein guter Anfang, findet Christoph Wolk, Vorsitzender des Landesbezirks Südbaden des Verbands Bildung und Erziehung (VBE).

Im Gespräch mit Baden Online machte er jedoch deutlich, an welcher Stelle es wirklich hakt: »Am Montag ist der erste Schultag und in jeder zweiten Einrichtung wird es bereits zu Unterrichtsausfällen kommen.« Eine Umfrage des VBE habe das ergeben. Alleine im Schulraum Offenburg seien 70 Prozent der Grundschulen von Lehrermangel betroffen – und das bereits am Anfang des Schuljahres. »Die Situation wird leider nicht besser. In den kälteren Jahreszeiten müssen die Schulen zusätzlich mit Krankheitsaufällen rechnen.« In Gymnasien, Real- und Hauptschulen sehe es nicht besser aus.

Politik habe zu spät reagiert

Zu spät ist laut Wolk von der Politik reagiert worden. »Es war absehbar, dass eine Pensionswelle auf uns zukommt. Zusätzlich ist vor einigen Jahren – erfreulicherweise – die Geburtenrate angestiegen. Sechs Jahre später war nun mal damit zu rechnen, dass die Kinder die Schule besuchen und die Zahlen der Erstklässler steigen«, betont er. Die Folge: Schulleiter und Lehrer müssen die Stunden der Schüler kürzen. »Dann hat ein Schüler eben statt zwei Stunden Physik in der Woche nur noch eine Stunde. Den Eltern fällt das meistens gar nicht auf, weil sie nicht wissen, wie viele Stunden ihre Kinder normalerweise haben müssten«, erklärt Wolk. Die politische Seite nehme das bewusst in Kauf. Vor allem die finanzielle Unterstützung fehle. »Bildung kostet Geld und gerade in einem so reichen Bundesland wie Baden-Württemberg muss doch genug Geld für Bildung da sein.«

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Es sind jedoch nicht nur die Schüler, die auf der Strecke bleiben, sondern auch Themen wie Digitalisierung und Inklusion. »Wann sollen die ohnehin voll ausgelasteten Lehrer Zeit haben für solche Themen?«, fragt der Vorsitzende. Auch sportliche und musikalische Angebote in den Schulen kommen zu kurz. »Gerade die Digitalisierung hat mittlerweile die Schulen erreicht. Es gibt viele motivierte Lehrer, die das Thema gerne angehen wollen«, betont Dirk Lederle, Vorstandsmitglied im VBE Südbaden. Doch es scheitere an dem nötigen Geld und den Ressourcen.

»Überstunden vorprogrammiert«

Das Land rechne den Lehrern wöchentlich nur zwei Stunden für technische Arbeiten bei über 100 zu betreuenden Computern ein. »Da sind systematische Überstunden vorprogrammiert.«

Mit einem neuen, für Schulen verpflichtenden Fach Informatik sollen Schüler den Umgang mit Technik und Software-Entwicklung lernen – ein Teil von Eisenmanns Qualitäts­offensive. Doch auch hier fehle laut Lederle nicht nur die dafür notwendige Technik, sondern auch spezielle Lehrkräfte, die das Fach unterrichten können. »Manche Schulen haben nicht einmal ein WLAN-Netz«, sagt er.

Lösungen für die »Bildungsmisere« sind laut VBE, mehr Geld in Schulen zu stecken, aber auch den Beruf des Lehrers wieder attraktiver zu gestalten. »Das müssen gar keine finanziellen Anreize sein. Gerade im ländlichen Raum fehlen Lehrkräfte. Es wäre möglich, solche Stellen in der Laufbahn positiv anzurechnen«, erklärt Karin Zapf, Geschäftsführerin des VBE Ortenau. Gleichzeitig sollte auch genug Geld zur Verfügung stehen, um die Schulräume aufzuwerten, fügt sie hinzu. »Lehrer haben meistens keinen eigenen Arbeitsplatz. Die Ausstattung in den Schulen ist dazu noch sporadisch.« Bereits solche Veränderungen könnten Auswirkungen auf die Zusammenarbeit und die Wertschätzung haben. 

Stichwort

Lehrermangel

Nach Angaben des Kultusministeriums sind bislang rund 700 Lehrerstellen an den öffentlichen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen nicht besetzt. Die größte Lücke tut sich mit rund 370 Stellen an den Grundschulen auf. An zweiter Stelle stehen mit 170 vakanten Stellen die Realschulen. An den Haupt- und Werk­realschulen sind 30 Stellen frei. An den Gymnasien sind alle Stellen besetzt, weil hier die besondere Situation besteht, dass es weitaus mehr Bewerber als Stellen gibt. An den Beruflichen Schulen fehlen Lehrer für mindestens 30 Stellen. An den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (frühere Sonderschulen) gilt es, noch 40 Stellen mit Fachlehrern zu besetzen. Zudem fehlen 60 Fachlehrer für musisch-technische Fächer über verschiedene Schularten hinweg.

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