Coronavirus auf dem Kreuzfahrtschiff

Wenn die Kabine zum Knast wird

Autor: 
Susanne Hamann
Lesezeit 7 Minuten
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14. Februar 2020
Blick auf das Promenadendeck der „Diamond Princess“

Blick auf das Promenadendeck der „Diamond Princess“ ©Foto:  

Ein Passagier aus München schildert die Lage auf der „Diamond Princess“, die seit zwölf Tagen im Hafen von Yokohama unter Quarantäne steht.

Yokohama/Stuttgart - Das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess ist der Ort mit den meisten Coronafällen außerhalb von Festlandchina. Bisher gibt es 218 Infizierte. Unter den 3600 Passagieren sind auch Martin Lutterjohann und seine Frau Sakae. Wir sprachen mit dem 76-Jährigen über die unfreiwillige Isolation.

Herr Lutterjohann wie ist die Situation auf der Diamond Princess?

Quarantäne bedeutet für uns nicht nur, dass man nicht von Bord darf. Wir müssen auch in den Kabinen bleiben. Ich habe im Scherz gesagt: jetzt sind die Kabinenstewards unsere Gefängnisaufseher. Die ersten Tage waren wir dann tatsächlich nur auf dem Zimmer. Erst nachdem auf alle Kabinen Schutzmasken geliefert wurden, durfte man raus. Seit vorgestern gibt es täglich eine Stunde Freigang. Dabei soll man mindestens zwei Meter Abstand von anderen Leuten halten. Wir gehen dann immer flotten Schrittes über Deck, um uns richtig zu bewegen. Die Raucher sitzen derweil in einer Ecke auf dem Sonnendeck und qualmen.

Wie geht es ihnen damit, nicht wegzukönnen?

Für uns als Rentner ist die Situation nicht so schlimm wie für andere. Ob wir jetzt zwei Wochen länger wegbleiben oder nicht, spielt keine Rolle. Zuhause wartet kein Hund, die Nachbarin weiß Bescheid und leert weiter den Briefkasten. Die Stimmung an Bord ist entspannt, weil die Mehrheit der Gäste Japaner sind, die Naturkatastrophen hinnehmen, wie sie sich ereignen, und auch den Bemühungen ihrer Regierung voll vertrauen. Es heißt, ein amerikanischer Gast hätte sich an Präsident Trump gewandt, er solle ihn rausholen.

Stehen die Stewards auf dem Gang und passen auf, dass keiner abhaut?

Nein. Ich schaue öfter mal aus der Tür. Der Flur ist immer leer. Die Leute halten sich an die Regeln.

Sie wohnen in einer Innenkabine. Wie hält man das aus – ohne Frischluft und Tageslicht?

Der Kapitän sagt zwar, er pumpt 100 Prozent Frischluft in die Kabinen, aber das ist natürlich nicht dasselbe wie draußen. Ach ja, es geht schon. Wir sind gut beschäftigt. Die Reederei hat das Internet an Bord zur kostenlosen Verfügung freigeschaltet. Meine Frau, eine Japanerin, schaut nun meist japanisches Fernsehen auf dem Laptop per Livestream. So machen wir das auch zuhause in München. Mich halten Presseanfragen auf Trab. Ich bekomme Emails von der Familie, von Freunden und Bekannten daheim, die ich beantworte. Dann telefoniere ich den Tag mit drei anderen gemischt deutsch-ausländischen Paaren, von denen wir die Kabinennummern kennen. Der Kontakt wurde über die deutsche Botschaft eingefädelt, da der Gästeservice keine Namen herausgeben darf. Es gibt außerdem eine kleine WhatsApp-Gruppe, die sich zu Beginn der Quarantäne gebildet hat. Diese Gruppe verschafft uns einen Einblick in den Alltag auch von Passagieren, die wir nicht kennen.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

7 Uhr aufstehen, Temperatur messen mit dem persönlichen Fieberthermometer, Warten auf Frühstück. Wenn wir die Tür öffnen und etwas entgegen nehmen, müssen wir Masken tragen. Heute waren wir von 8 bis 9 Uhr eine Stunde auf Deck 7. Dann frühstücken, Emails schreiben, mit Skype telefonieren, Zeitung lesen. Das Mittagessen, bestehend aus Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch, kommt meist gegen 13 Uhr. Nachmittags halten wir etwas Mittagsschlaf, dann wieder Emails. Abendessen gibt es gehen 18 Uhr. Danach wieder Mails, Fernsehen, um Mitternacht wird geschlafen.

Fühlen Sie sich gut versorgt?

Ja. Wir haben einmal frische Bettwäsche bekommen, jeden Tag gibt es frische Handtücher. Der Müll wird regelmäßig abgeholt. Aber es kommt niemand mehr in die Kabine, wie man das sonst so von der Kreuzfahrt kennt, um sauber zu machen. Das müssen wir selbst machen. Ist aber kein Problem, wir räumen unsere 15 Quadratmeter regelmäßig auf, da sieht es ordentlich aus. Das Essen ist sehr gut. Wir können jeden Tag aus drei Hauptgerichten wählen. Heute gab es Fish and Chips – lecker, noch warm und reichlich. Man schafft gar nicht alles. Mir tut das immer leid, weil das übrig gebliebene Essen wird ja weggeschmissen. Aber vielleicht gibt es jetzt auch weniger Abfall, als wenn sich die Leute frei am Büffet bedienen.

Angeblich hat sich ein australisches Ehepaar Weinflaschen per Drohne bringen lassen. Ist etwa der Alkohol an Bord ausgegangen?

Für den Hafen gilt sicher ein Drohnenverbot, doch die Geschichte soll wohl stimmen. Da ich auf ärztlichen Rat auf Alkohol weitgehend verzichten sollte, habe ich mich dafür nicht interessiert, ob man sich während der Quarantäne Alkohol bestellen kann. Ich nehme an, dass es nicht geht. Tatsächlich wird vieles aufs Schiff geliefert. Unser Sohn hat uns zum Beispiel Pillen zur Virenabwehr geschickt.

Wie geht es der Besatzung?

Von über 100 Indern gab es Klagen über ihre Situation, gepostet via Facebook. Die anderen Crewmitglieder, von denen viele wie überall in der Kreuzfahrtbranche von den Philippinen stammen, haben sich nicht an die Öffentlichkeit gewandt. Für die Crew ist der Aufwand durch die Quarantäneauflagen riesig. Sie müssen alles an die Kabine liefern. Das ist eine erhebliche Belastung. Außerdem ist die Gefahr, sich als Besatzungsmitglied, anzustecken, viel höher. Die leben enger zusammen. Bisher gibt es dennoch „nur“ 15 Infizierte, falls die Zahl stimmt.

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Das Gespräch wird von einer Durchsage unterbrochen. Der Kapitän meldet über Lautsprecher, dass elf Personen ausgeschifft werden und dankt für die Geduld der verbleibenden Passagiere.

Gibt es jetzt elf weitere Corona-Fälle?


Nein, das sind gesunde Gäste, die die Quarantäne an Land fortsetzen möchten. Als Vorbereitung auf das Ende der 14-tägigen Abschottung werden seit einigen Tagen Passagiere getestet. Das geht nach Alter, angefangen mit denen über 80 Jahre. Vorgestern waren wir dran, weil ich über 75 bin. Das Ergebnis liegt noch nicht vor. Bei positivem Test wird man ins Krankenhaus verlegt. Bei negativem Test gibt es die Wahl, an Bord zu bleiben bis zum regulären Ende der Quarantäne am 19. Februar oder die restlichen Tage in einer japanischen Einrichtung an Land zu verbringen.

Werden Sie gehen, wenn man Sie lässt?

Wir haben uns noch nicht entschieden, weil wir noch nicht wissen, wo die Quarantäne an Land ist und wie dort die Bedingungen sind. Diese Einrichtungen bieten nicht denselben Komfort, aber natürlich Fenster, was wir in der Innenkabine nicht haben. Das Essen soll aber sehr einfach sein – japanische Fertiggerichte, o-bento genannt. Selbst meine Frau als Japanerin sehnt sich nicht danach. Außerdem ist es auch eine Frage der Solidarität zu bleiben. Wir sind hier eine Schicksalsgemeinschaft.

Wie groß ist Ihre Angst, sich anzustecken und in Lebensgefahr zu geraten?

Sehr gering, da es uns gut geht. Heute wurden keine neuen Infizierten gemeldet. Es sieht so aus, als ob die Maßnahmen wirken. 90 Prozent der Leute sind gesund. Wir achten genau auf die Einstellung unserer Klimaanlage. Auf einer Kreuzfahrt holt man sich durch Zugluft sehr schnell mal einen Schnupfen. Das wollen wir auf jeden Fall vermeiden.

Hat die Reederei irgendeine Art von Entschädigung angekündigt?

Ja, es gibt eine komplette Rückerstattung aller während der Reise angefallenen Kosten. Bei einer neuen Buchung erhält man außerdem ein Guthaben in Höhe des vorangegangenen Reisepreises. Diejenigen, die in Saus und Braus gelebt haben, eine Suite hatten und hohe Getränkerechnungen, die haben es gut und bekommen ein höheres Guthaben. Und wir waren so bescheiden. Aber wer ahnt denn das?

Würden Sie jemals wieder eine Kreuzfahrt buchen?

Auf jeden Fall.

Auch in einer Innenkabine?

Ja. Dieses Erlebnis dürfte eine einmalige Erfahrung bleiben.

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